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Italien: Der Euro ist nicht das wirkliche Problem!

Italiens sich anbahnende neue Regierungskoalition aus Lega und Cinque Stelle schockte die Märkte zunächst mit der Forderung einer Streichung von Milliarden von Schulden – was dann aber zumindest im Koalitionsabkommen nicht weiter verfolgt wurde. Heute hat der neue Ministerpräsident Conte versucht, die Lage etwas zu beruhigen (Europa sei unser aller Heimat, Italien habe identische Interessen mit Europa etc.), gleichwohl versprach Conte aber zugleich radikale Änderungen: so etwa in der Flüchtlingspolitik (Dublin-Abkommen müsse geändert werden), eine einheitliche Steuer (flat tax) sowie ein Grundeinkommen. Die Schulden Italiens seien tragbar, müssten jedoch durch Wachstum reduziert werden. Man wolle durch Wachstum und nicht durch Austerizität die Schulden abbauen etc. etc.

Was aber ist Italiens Problem? Die Antwort mag für viele überraschend sein – es ist neben einem sehr unflexiblen und ineffektiven Arbeitsmarkt die Tatsache, dass wenige Familien im Besitz großer Vermögen sind und diese Vermögen meist risikoavers investieren, wie eine Studie gezeigt hat. Es sind dann fast ausschließlich diese Familien und ihre in der Regel zu großen und ineffektiven Unternehmen, die von den italienischen Banken Kredite bekommen, während eben diese Banken meist anderen, eigentlich effizienten kleinen Unternehmen keine Kredite vergeben (sondern sich stattdessen vorwiegend mit italienischen Staatsanleihen vollgesaugt haben, für die sie kein Eigenkapital hinterlegen müssen).

All das zeigt: der Euro ist nicht das eigentliche Problem der italienischen Wirtschaft, zumal durch Einführung der Gemeinschaftswährung das BIP pro Kopf in Italien nicht gesunken ist.

Hier Anmerkungen zur Lage Italiens von Lars Erichsen:

Welche Risiken für deutsche Haushalte unter anderem mit Italien verbunden sind, thematisiert Florian Homm – und macht das mit intensiven Bewegungen seiner Hände – was einen Zuseher zu der Anmerkung veranlaßte: „So viele Handbewegungen, Herr Homm hat heute einen Italiener gefrühstückt.“



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20 Kommentare

  1. Das Video von Lars Erichsen ist schon etwas oberflächlich, bei der Angabe von Fakten und seinen Schlussfolgerungen. Das BIP Italiens ist nicht 5-6 mal so groß wie das von Griechenland, sondern 9-10 mal so groß (nur ein Beispiel).
    Klar sind Italiens Probleme nicht allein der fehlenden Abwertungsmöglichkeit durch den Euro geschuldet, sondern struktureller Natur. Aber liegt es an der Kreditvergabe der Banken?
    Da hat der Staat eine gehörige Mitschuld. Noch 1995 musste Italien 27% seiner Steuereinnahmen für Zinszahlungen nutzen, 1999 waren es 16% und heute sind es gerade noch 10%. Italien hat dadurch 400 Mrd. € gespart und hätte dieses Geld für Investitionen oder Schuldendienst nutzen können. Wie könnte das Land, bei dem das Privatvermögen der Bürger höher ist als das in D, heute dastehen? Ob da die Kreditvergabe der Banken an kleine Unternehmen das ausschlaggebende Argument ist?
    Wieso sind die Diäten italienischer Abgeordneter eigentlich 60% höher als in D? Ja, in D herrscht auch extremer Reformunwille und wir sollten wirklich nicht den großen Schulmeister spielen, aber Schuldzuweisungen an D für italienisches Wirtschaften sind auch nicht angebracht.

    1. Der Staat hat eine Mitschuld? Seit 1992 – mit kurzer Ausnahme 2009/10 – erwirtschaftet Italien Primärüberschüsse im Staatshaushalt und die Staatsschuldenquote sank von 1994 bis 2007 und nun wieder seit 2017. Was hätten die Regierungen seit Anfang der 1990er Jahre denn anders machen sollen in finanzpolitischer Hinsicht? Die hohen, in den 1970er und 1980er Jahren aufgetürmten Schulden lassen sich doch nicht einfach wegzaubern und gerade in den 1990er Jahren waren die Zinsen sehr hoch und dennoch wurde die Schuldenquote gesenkt.

  2. „Austerizität“

    Lasst doch bitte vor der Veröffentlichung jemanden korrekturlesen – nicht ein Artikel ohne Fehler.

    1. tztztz…Wer das Wort kennt, versteht es schon! Ich denke die „Aktualitaet“ der Artikel hat hier eher Prioritaet, als der „Rechtschreibungs-Standard“ von deutschen „Ober“ – Lehrern> :-)

      1. klar, versteht man alles auch mit noch mehr Fehlern. Aber finden Sie wirklich, einmal Korrekturlesen hätte so lange gedauert, dass der Artikel nicht mehr aktuell gewesen wäre? ALso von einer professionellen Seite erwarte ich auch ein entsprechend professionelles Auftreten im Stil und nicht nur im Inhalt. Sie sehen das offenbar anders…

        1. Bei „ALso“ schreibt man das „l“ klein.
          Wenn wir schon dabei sind.

          1. Ich bin ja auch nicht der Betreiber dieser – letztlich kommerziellen – Seite… Ist Ihnen die Rechtschreibung tatsächlich vollkommen egal?

        2. Ja, sehe ich so. Die Artikel sollten so, wie sie reinkommen, veroeffentlicht werden. Ohne daran „rum zu korregieren“. Inhaltlich gelesen, werden sie vor der Einstellung bestimmt! Sonst wuerden sie ja nicht eingestellt. Sei’s drum.

  3. Auf Italien herumhacken ist derzeit sehr beliebt in DE. Dabei liegt die Zukunft der EU womöglich gerade bei den „Neuen Volksparteien“(um das Unwort „Populisten“ zu vermeiden) und nicht bei veralteten Systemen wie Deutschlands Groko.

    1. Yes Sir! Da koennte was dran sein…Lol

  4. tm. Ihr Hinweis auf italienische Haushaltsüberschüsse ist schon eine sehr politikfreundliche Betrachtung der Wirtschaftsdaten. Klar ist die Schuldenquote Italiens von 2000 – 2007 von 105 auf knapp 100% gefallen (wachstumsbedingt), seither kontinuierlich aber bis auf 132% gestiegen. Obwohl die Zinslast in Relation zu den Einnahmen von 14 auf 8% (von 2000 bis heute) gefallen ist, in ähnlicher Relation auch im Verhältnis zum BIP. Dabei hat „Maestro“ Draghi auch mit seiner „whatever it take“-Politik ab 2012 nochmals gewaltig nachgeholfen, um Italien Zeit für Reformen zu geben. In den letzten 17 Jahren lag die Neuverschuldung des Staates auch immer zwischen 1,3 und 5,4%. Wenn es bei einer in der Wirtschaftsgeschichte historischen Reduktion der Zinssätze Italiens für Staatsschulden von 1995 bis heute nicht zumindest zu einem Schuldenstopp kommt, muss schon einiges im Argen liegen. Aus meiner Beurteilung hat der Staat daran auch einen gewissen Anteil. Nicht mehr und nicht weniger.
    Gruß

    1. Ich sprach nicht von Haushaltsüberschüssen, sondern von Primärüberschüssen. Und wenn die Fakten politikerfreundlich sind, ändert das nichts an den Fakten. Primärüberschüsse sind ein klares Zeichen und die liefert Italien seit 1992.

      Die Schuldenquote ist mit Ausbruch der Finanzkrise, an der Italien keine Schuld hatte, gestiegen – 2014 wurde die Quote stabilisiert, 2017 ist sie gefallen und es deutet bisher auch noch alles daraufhin, dass sie 2018 auch fallen wird. Angesichts der hohen ererbten Schulden ist der Handlungsspielraum aber nunmal begrenzt und ein Schuldenabbau kann nicht mal eben vonstatten gehen.

      Dann mal konkreter: Was hätte die italienische Regierung ab 2008 und danach machen sollen? Bis 2007 war die Schuldenquote kontinuleirlich um 18 Prozentpunkte gefallen, was coh eine beachtliche Leistung darstellt. Dann kam die größte Wirtschaftskrise seit 1929 – für Italien sogar teils schlimmer als damals.

      In deutschen Onlineforen liest sich das immer so, als gäbe es da ganz einfache Rezepte und schwupps würden die Schulden inken, die Wirtschaft florieren und alles wäre gut, aber so einfach ist es doch nicht.

      1. @tm, bitte mehr Sorgfalt bei der Rechtschreibung in Ihren Kommentaren:

        „war die Schuldenquote kontinuleirlich um 18 Prozentpunkte gefallen, was coh eine beachtliche Leistung darstellt.“

        Wir bei FMW legen, wie Sie stets betonen, sehr viel Wert auf gute Rechtschreibung… :)

        1. :-) Ich hab nur darauf gewartet, dass so etwas kommt – nur schreibe ich in einem Forum, Sie schreiben Artikel, die Sie letztlich auch vermarkten. Sehen Sie da tatsächlich keinen Unterschied in der Relevanz? Oder anders gefragt: Stört es Sie nicht, wenn Sie im Spiegel, der FAZ oder was immer Sie auch lesen, haufenweise Fehler finden?

          1. Das ist was anderes. Die zweifellos vielen Fehler im Spießel sind meist semantischer Natur und FMW ging es um Syntax ;-)

      2. tm, mit Verlaub, aber was helfen denn Primärüberschüsse, wenn sie zu einem Rückgang des Defizits von 105 auf 100% in 7 Jahren (2000 – 2007) führen? Das würde ja bedeuten, dass man in diesem Tempo 50 Jahre braucht, um das Maastrichtkriterium zu erfüllen. Ohne dass in der Zwischenzeit eine Rezession dazwischenkommt, die ca. alle 7-10 Jahre auftritt. Natürlich ist das Problem hochkomplex, aber es ging mir nur um Thema Staatsschulden und deren Tilgung.
        Schönen Tag

        1. Es waren 18 Prozentpunkte seit 1994 – und das bei hohen Zinsen, was den Rückgang massiv erschwert hat. Also 1,5 Prozentpunkte pro Jahr. Das mag wenig erscheinen, aber ich habe Zweifel, dass bei einem Land wie Italien mit massiv alternder Gesellschaft viel mehr möglich wäre. Genau das muss doch aber das Kriterium sein, an dem ich die Regierung messe: War ein stärkerer Rückgang der Schuldenquote möglich oder wahrscheinlich?

          1. tm, ein letzter Versuch. Im Jahr 1994 lag das Zinsniveau für die italienischen Staatsanleihen bei 10%, im Jahr 2007 vor Ausbruch der Finanzkrise lag das Niveau bei 4,5%. Obwohl das italienische Wachstum in diesem Zeitraum fast immer schwache Raten aufwies, musste auch ohne großes Zutun ein Primärüberschuss entstehen, durch die riesigen Zinsersparnisse (wo lagen damals die deutschen Zinsen?). Fallende Zinslast bei moderatem Wachstum und niedriger Inflation, das waren die Hauptursachen für den moderaten Defizitrückgang und nur ein wenig der Reformeifer italienischer Politiker. Aber das war die Zeit vor der Finanzkrise und jetzt bei einem Schuldenstand von 132% zum BIP gibt es eine neue Situation. Zinsanstieg und bald eine mögliche Rezession in den kommenden Jahren nach Jahren des Aufschwungs? Was für ein Cocktail!
            Persönliche Anmerkung:
            Eine meiner Töchter lebt bei Florenz und hat mich vor einem Jahr zum Opa gemacht (Cosimo). Ich mag das Land und wünsche mir beileibe kein Chaos.
            Gruß

  5. @Colombo, ich muss Ihnen Recht geben,wenn es wirklich chaotisch wird, wird Italien besser zurecht kommen als die nördlichen Kreditgeber.Ich war 1985 in Sizilien u.alle warnten mich vor der dortigen Armut.Was wir dort antrafen erstaunte uns, ein Zusammenleben von 2–3 Generationen als Selbstversorger.
    Brot,Wein, Fleisch, Gemüse würde alles selbst angebaut u. konnte zusätzlich noch verkauft werden.Das auffallende für uns war, dass man nachts Wache stehen musste, dass die wertvollen Lebensmittel nicht gestohlen wurden.Dass die Südländer mit wenig Geld besser leben als wir hat auch mit dem Klima zu tun.Ein Rohbauhaus ,das im Verlauf von 20 Jahren fertiggestellt wird reicht völlig , da es eben keine Heizung braucht.Eine Wohnungsnot gibt es nicht u.für die Pflegekosten braucht es keine Milliarden u.ausländisches Personal .Dort kann man in seiner gewohnten Umgebung in Würde altern.Den grossen Fehler den wir machen, ist wenn wir die Löhne vergleichen.D.h. die Lebensqualität ist im tiefsten Süden für den Normalbürger viel besser als bei uns.
    Nach meinen letzten Infos wird übrigens FR bald ebenso verschuldet sei wie Italien, mit dem Unterschied ,dass die ItaloBanken viele eigene Staatsanleihen besitzen.Da doch FR u. DE Banken u.die EZB da auch involviert sind wird der Schwarze Peter doch auch an allen hängen bleiben.Übrigens mit der Umverteilung
    durch die Tiefzinspolitik werden die sogenannten Hochlohnländer immer ärmer.
    Das war mein Eindruck vor dreissig Jahren, ich nehme an ,das das heute noch ähnlich ist, während es bei uns schlechter wird für den Normalbürger.

  6. Italien ist für die EU die grössere Knacknuss als Griechenland,denn während die Griechen knapp EU
    freundlich waren u. die Hilfe gegen vorgegebene Budgetdisziplin erhielten, wird die neue Italoregierung
    schon wegen der Wahlversprechen sich nicht von Brüssel disziplinieren lassen. Trotzdem wird Brüssel u. die EZB LA BELLA ITALIA nicht fallen lassen können.Die Gläubiger haben mehr zu verlieren als die Schuldner !
    Hat man doch schon bei der Griechenlandrettung gesagt, man habe die deutschen u.französischen Banken gerettet u. nicht Griechenland.Könnte gar nicht so falsch sein.

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