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IWF mit psychologischer Erklärung für Inflations-Desaster in Türkei

Der IWF hat seinen aktuellsten globalen Konjunkturausblick veröffentlicht („World Economic Outlook“). Darin geht es unter anderem auch um diverse Schwellenländer. Der IWF versucht zu ergründen, warum beispielsweise geldpolitische Maßnahmen in Ländern wie Peru erfolgreich waren, wenn es darum geht die Inflation zu beschränken – aber gleichzeitig nicht erfolgreich in Ländern wie Argentinien oder der Türkei.

In erster Linie ist die IWF-Analyse ein Schlag ins Gesicht für Präsident Erdogan. Indirekt wird gesagt, dass der durch Erdogan verursachte Vertrauensverlust hauptsächlich Schuld ist an der hohen Inflation. Denn viel, viel wichtiger als außenwirtschaftliche Faktoren sei für die Inflation das Vertrauen im Inland.

Wir fassen es in kurzen Worten mal so zusammen: Unternehmen und Verbraucher haben eine langfristige Inflationserwartung. Fällt diese Erwartung sehr hoch aus, dann werden beispielsweise Ladenbesitzer ihre Preise schon jetzt deutlich anheben, um selbst genug zu haben, damit man später für die eigene Wohnung die Miete noch zahlen kann usw. Verbraucher werden in Erwartung zukünftig hoher Preissteigerungen schon jetzt mehr Gehalt fordern usw. All das setzt die Inflationsspirale in Gang.

Vereinfacht gesagt: Der IWF erklärt starke Inflationssprünge wie aktuell in Argentinien und der Türkei mit der „Selbsterfüllenden Prophezeiung“, wie wir es ausdrücken möchten. In Erwartung eines Ereignisses tut man unbewusst alles dafür, dass es eintritt. Beim Thema Inflation ist dieser Mechanismus verdammt schwer zu durchbrechen.

Und was ist der Grund für die hohen zukünftigen Inflationserwartungen im Inland? Laut IWF liegt es am mangelnden Vertrauen der Bürger und Unternehmen in die handelnden Institutionen. Die Bürger (also zum Beispiel in Peru) hätten Vertrauen in die Verlässlichkeit und Arbeit der Notenbank. Und man sei sicher, dass die Notenbanker ihre Pläne durchziehen, und (wichtig) sich nicht von anderen Faktoren (Politik) beeinflussen lassen.

Im Umkehrschluss heißt das: Wenn der einfache Bürger in der Türkei sieht, dass Präsident Erdogan (wie diverse Male geschehen) die Notenbanker davon abhält mit höheren Zinsen die Inflation zu bremsen, dann erwartet der Bürger stark steigende Preise, und versucht diese schon mal vorwegzunehmen.

Laut IWF müsse sichergestellt sein, dass die Notenbank unabhängig von der Politik agieren könne. Damit sind wohl auch Äußerungen der Politik in Richtung Notenbank gemeint, wo Erdogan seit Monaten den Vogel abschießt (Zinsen sind Teufelszeug, mit sinkenden Zinsen bekämpft man die Inflation usw). Das wird das Vertrauen der Bürger in finanzieller Hinsicht pulverisiert haben. Auch sollten Regierungen nicht zu viele neue Schulden machen, so der IWF.

Jetzt kann man argumentieren: Die Türkische Zentralbank hat doch gerade erst vor zwei Wochen den Leitzins massiv angehoben, nämlich von 17,75% auf 24%. Das zeigt doch die Unabhängigkeit der Notenbank. Dazu meinen wir: Ja, das ist richtig. Aber vorher hatten die Notenbanker wider besseren Wissens eine Ewigkeit nichts getan und der steigenden Inflation stumm zugesehen – und das im Hagel von Erdogans merkwürdigen Aussagen.

An den Aussagen des IWF wird schon was dran sein – aber ob dieser innenpolitische Vertrauensfaktor weit stärker für die Inflation verantwortlich ist als ein steigender Dollar und ein steigender Ölpreis – darüber kann man sicher trefflich diskutieren. Auf jeden Fall ist der Faktor Erdogan für die Inflation in der Türkei besonders hervorstechend.

IWF
Die IWF-Zentrale in Washington DC.



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1 Kommentar

  1. Der IWF hat tatsächlich recht: Vertrauen ist der größte Faktor von allen. Dies kann man im Euroraum per entsprechenden Nachvollzug der Geldmengenausweitung sehen: der Inflationsfaktor ist wahrhaftig nicht anhand der Menge geschaffenen Geldes auszumachen, sonst müssten manche Produkte entgegen früher bereits das Dreifache kosten. Ist hingegen nicht der Fall.

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