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Jackson Hole: US-Geldpolitik vor einem verbalen Schwenk?

Die Rede von Powell für Jackson Hole

Am heutigen Tag wird sie gehalten, die lange erwartete Rede von Jerome Powell auf der Konferenz von Jackson Hole. Kurz davor sind einmal mehr Stimmen von Chefs der regionalen Notenbanken der USA laut geworden, die ein Vorziehen plus eine Beschleunigung bei der Rückführung der Anleihekäufe (Tapering) fordern. Die zweite Veröffentlichung des US-Bruttosozialprodukts im zweiten Quartal wirft einmal mehr Fragen auf, wieso die US Notenbank noch so lange ein Notkaufprogramm aufrechterhält, bei einer so opulent wachsenden Volkswirtschaft.

Das US-BIP in einer Achterbahnfahrt

Es wurde im Jahr 2020 bereits ausführlich darüber berichtet: Mit minus 9 Prozent war die US-Wirtschaft im zweiten Quartal des Vorjahres infolge eines historischen Lockdowns eingebrochen, was fiskal- und geldpolitische Maßnahmen nie gekanntem Ausmaß zur Folge hatte. Rettungspakete in Höhe von 5 Billionen Dollar, die Rezession des Jahres 2020 hatte aber offiziell ein Ausmaß von „nur“ 3,5 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (von etwa 20 Bio. Dollar). Was bei der Verabschiedung der Konjunkturhilfen noch keiner und auch nicht nur im Ansatz wissen konnte.

Die Erholung jedenfalls trat in ähnlichem Ausmaß ein, das zweite Quartal 2020 wuchs auf Jahresbasis in einer Dimension, wie es nur einmal nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war:

Jackson Hole und US-BIP

Die Grafik von Charlie Billello zeigt die rasante V-förmige Erholung, allerdings ist die lineare Darstellung eine ziemliche Verzerrung:

US-BIP

Man hat bereits das Vor-Corona wieder erreicht, gerade einmal ein gutes Jahr nach dem Jahrhunderteinbruch.

Daraus ergibt sich schon mal die Erklärung, warum es zu einem so großen Problem mit den Lieferketten gekommen ist. Diese Entwicklung war weder für die Politik, für die Industrie, noch für die Geldpolitik vorhersehbar.

Erst recht nicht für die Medizin, die Pharmaunternehmen, die Gesundheitsbehörden, die noch heute mit den aktuellen Entwicklungen von Covid-19 und seinen Mutationen zu kämpfen haben.

Die schwierige Entscheidung von Jerome Powell in Jackson Hole

Müssen wirtschaftliche Richtungsentscheidungen nicht immer in Unsicherheit und bei unvollständigen Informationen getroffen werden? Die US-Notenbank hat sicherlich den besten Überblick über die wirtschaftlichen Datenlage. Aber: Man sieht das (aktuelle) Wachstum der Wirtschaft, die rasch anziehende Inflation, aber auch den Arbeitsmarkt mit seinen sieben Millionen Menschen, die noch nicht in den Arbeitsprozess zurückgefunden haben. Dazu natürlich auch die große Anzahl an Neuinfektionen durch die ansteckende Delta-Variante und die unglaublich hartnäckige Lieferkettenproblematik.

Aber der Notenbankchef Jerome Powell weiß auch, dass so ein „spike-artiger“ Wirtschaftsaufschwung, der nicht auf einen echten Wiederaufbau wie nach dem Krieg basiert, rasch in sich zusammenfallen kann und wahrscheinlich wird.

In der Übersicht von Advisor Perspectives sieht man den langfristigen Wachstumstrend der USA, der sich abgeschwächt hat, wie man anhand der roten Regressionslinie gut erkennen kann:

Historischer Trend bem US-BIP

Die Federal Reserve wird sicherlich einen Ausstieg aus dem Anleihe-Notfallprogramm durchführen müssen, einige Entwicklungen sind einfach nicht mehr zu ignorieren (Häuserpreise, Wertpapierkredite u.W.).

Aber ihre Sorge gilt natürlich dem Wirtschaftswachstum, welches sich in Zukunft allein durch den Wegfall von staatlichen Stimuli (Helikoptergeld, Arbeitslosengeld) ergeben wird. Was hatte den großen Konsum in den USA mit seinem Volumen von 16 Billionen Dollar aufrechterhalten?

Eine zu schnelle Wachstumsabschwächung bei gleichzeitig hoher Inflation (will man etwa den Abbau der Lieferengpässe abwarten?) würde Stagflation bedeuten.

Was passiert mit den US-Aktienmärkten, die bereits ein Volumen von über 50 Billionen Dollar Marktkapitalisierung erreicht haben? Wie stark ist Jerome Powell noch geprägt von den Folgen seines Kommunikations-Supergaus im Dezember 2018, als die Aktienmärkte in wenigen Wochen fast 8 Billionen Dollar an Marktkapitalisierung verloren hatten? Herrscht Sorge vor einem Taper Tantrum 2.0?

Wie reagieren die Devisenmärkte (Dollar) auf einen Richtungswechsel, wie die hoch in US-Dollar verschuldeten Emerging Markets? Sind die vielen Zinsanhebungen einiger Länder aus der zweiten Reihe nicht bereits Zeugnis dafür, dass man einen Zinsanstieg (der Kapitalmarktzinsen) in den USA antizipiert und mit eigenen Zinsanhebungen einen Abzug ausländischen Kapitals vorbeugen will?

All das und noch viel mehr wird dem Notenbankchef bei der Formulierung seiner Rede für Jackson Hole durch den Kopf gegangen sein, bevor diese in wenigen Stunden die Runde in die Börsenhandelssäle dieser Welt machen wird.

Jerome Powells erste Amtszeit läuft bereits im kommenden Winter aus, viele einflussreiche Politiker (auch die Finanzministerin) loben den Juristen für seine Politik während der großen Krise und fordern seine Amtsverlängerung. Bei einem Republikaner, der schon im Dezember von einem demokratischen Präsidenten (Obama) in den Gouverneursrat der Federal Reserve berufen wurde. „Nur keine Turbulenzen erzeugen“ in diesen Tagen vor der Entscheidung Bidens – auch dies dürfte Powells Auftritt beim Symposium in Jackson Hole bestimmen.



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1 Kommentar

  1. Danke – ein guter, informativer Artikel. Gerade die Grafik mit der Langfristbetrachtung war für mich wichtig, wird ansonsten doch (fast) nur mit Vorjahresvergleichen gearbeitet….

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