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Sollbruchstelle Japan Japan: Das Endspiel-Labor für MMT – Gold als Symptom

Geopolitik als Brandbeschleuniger

Japan Das Endspiel-Labor für MMT - Gold als Symptom
Foto: tawatchai07 - Freepik.com

Historisch war es immer der „Canary in the Coalmine“ des aktuellen Geldsystems: Gold als Indikator für die Erosion in das Vertrauen des Fiat-Systems – mit Japan als Sollbruchstelle. Aber seit circa zwei Jahren ist die Kontrolle entglitten. Es scheinen zu viele Baustellen inzwischen in anderen Bereichen des Systems aufgetreten zu sein, die ob der potentiell kurzfristigeren systemrelevanten Impacts höher priorisiert wurden. Auch ist natürlich bestens bekannt, dass die größten Gegenspieler der amerikanischen Hegemonie – die BRICS – und ihre Zentralbanken in das Edelmetall umschichten und im Gegenzug US-Staatsanleihen abstoßen. Ein Transaktionsvolumen, dass wohl als unbeherrschbar eingestuft wurde. Insbesondere die Rohstoffe und da speziell Öl als primär inflationsbestimmender Faktor verlangten nach dem Corona-Schock höchste Aufmerksamkeit. Möglicherweise hätte sonst die aktuelle Entwicklung schon eher eingesetzt.


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Sollbruchstelle Japan – Gold als Symptom

Aktuell – und das mit Ansage – zeigt sich die konkrete Sollbruchstelle: Japan. Das Problem: nicht nur die eigenen Staatsfinanzen befinden sich in inzwischen extremer Schräglage (Verschuldungsgrad über 300% des seit über Jahrzehnte mittels ausufernder Staatsquote aufgeblähten BIPs), sondern es besteht auch durch den Yen-Carry-Trade ein massives globales Ansteckungspotential. Man kann Japan also nicht isoliert in eine Währungsreform schicken, ohne das westliche (Renten-)System höchster Gefahr auszusetzen.

Die explodierenden Renditen japanischer Staatsanleihen zeigen es an: das erste scheinbar lange Zeit „erfolgreiche“ – weil ebenso scheinbar ungestrafte und Konsequenz-lose – und somit ausgedehntestes MMT-Experiment (Modern Monetary Theory) befindet sich in einer Phase, die man getrost als Endspiel bezeichnen kann. Die Anleihegläubiger als größte und mächtigste Finanzmarkt-Akteure spielen bei einer weiteren politisch motivierten Verschwendungsrunde im Stile der „Abenomics“ der neuen Premierministerin Sanae Takaichi offensichtlich nicht mehr in bisheriger und politisch natürlich erwünschter Willfährigkeit mit. Einen solchen Moment kennt die Finanzwelt zuletzt eigentlich schon. seit es ebenfalls eine Frau betroffen hat: Auch Liz Truss in Großbritannien hatte Pläne, sich nach dem Prinzip Hoffnung auf Gegenfinanzierung durch Wirtschaftswachstum mittels Stimulus Politik bzw. Steuersenkung das Wohlwollen der Wähler zu erkaufen.


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Was hier allerdings der entscheidende Grund ist, es als Endspiel bezeichnen zu dürfen, sind die seit 2022 komplett veränderte makroökonomischen Umfeldbedingungen! Insbesondere eine globale klebrige ressourceninduzierte Inflation, die eine Rückkehr zur Nullzinspolitik unmöglich erscheinen lässt, ohne das System nicht unmittelbar der Gefahr durch Hyperinflation auszusetzen. Es wird ohnedies versucht, durch sämtliche Tricks die nach historisch gemessenen Parametern (siehe Datenquellen wie Shadowstats) nach wie vor weit überhöhte Inflationsraten zu schönen, um die Zinsen nicht auf das eigentlich notwendige – und damit rezessionsauslösende – Niveau anheben zu müssen.

Aber auch dieses System hat seine Grenzen, weil auch passend dargestellte Daten zwar die Psychologie beeinflussen, aber die tatsächlichen Mechanismen nicht außer Kraft setzen kann. Auch den Anleihemärkten sind die Schönungen selbstverständlich nicht unbekannt, aber ein systembedingt gewollten Bias wird es auch hier geben. Das Spiel auf Zeit mit der Hoffnung auf abklingenden Schmerz durch wieder fallende Ausfallrisiken musste wohl erst eindeutig genug durch anhaltende inflationäre Tendenzen konterkariert werden, um im Konzert der staatsfinanzierten „Wachstumsstory“ nicht mehr vollständig mitzuspielen und den Korrekturmechanismus steigender Renditen in Gang zu setzen.

Wie resilient ist das System noch?

Die Frage muss gestellt werden, ob diese durch jahrelange Schönungen zum Zustand der Volkswirtschaften bereits massiv überdehnte Situation noch einmal einzufangen ist mit dem Ziel, den Yen bzw. die japanische Volkswirtschaft vor dem kurzfristigen Kollaps zu bewahren. Und vor Allem – was wären selbst in der MMT beschriebene notwendige Maßnahmen, die zu ergreifen wären?

Selbstverständlich ist kaum abschätzbar, wie es tatsächlich um die Resilienz des Systems steht, das nun mehrmals in den 2000ern durch nahezu unbegrenztes Anwerfen der Geldpresse der eigentlich notwendigen rezessiven Korrektur zur Geldmengenreduktion entkommen ist. Genauer gesagt: es wurde aktiv verhindert. Die Entwicklungen des erwähnten Goldpreises (und gleichzeitigem „Versagen“ anderer vermeintlicher Krisenassets wie dem BTC) lässt diesmal Beiklänge ertönen, die historisch begründet äußerst bedenklich stimmen sollten. Die Bewertung von (Hard-)Assets in Einheiten von Fiat-Geld zeigt nicht einen realen Wertzuwachs des Assets, sondern allein (!) den Wertverfall der Währung, in der sie bewertet werden. Bedenklich ist zudem, dass sich das auch in der medial bestens dokumentierten „Alles-Blase“ widerspiegelt: das ist ein weiteres Indiz für die sich immer weiter beschleunigende Entwertung, d.h. reale Inflation.

Was ist zu erwarten, wenn sich das Endspiel nun in diesem am tiefsten in der Schuldenfalle sitzenden Schwergewicht Japan manifestiert?

Unbestritten wird wohl zu vermuten sein, dass ALLES unternommen wird, um einen weltweiten Kollaps durch die kippenden Schulden zu verhindern. Die Vorzeichen stehen aber deutlich schlechter als bisher, dass dies mit den bisherigen Methoden gelingen kann. „Nur“ die Geldschleusen zu öffnen und/oder die Zinsen aggressiv zu senken, wird diesmal das Problem nicht lösen – der Indikator ist, was nun in Japan (aber auch schon ansatzweise den USA) zu Tage tritt!

Man sieht, was passiert, wenn QE (Quantitative Easing) angekündigt bzw. durchgeführt wird. Das Vertrauen der Anleihe-Gläubiger ihr Geld bzw. die damit verbundene Kaufkraft jemals wieder zu sehen, reduziert sich entgegen den bisherigen Wirkungen solcher Maßnahmen weiter – und folglich machen die Renditen das Gegenteil dessen, was beabsichtigt wird. Sie steigen nämlich in Form der am Kapitalmarkt gebildeten Zinsen am langen Ende (insb. 5 Jahre+) und machen die aufgelaufenen und zukünftigen Schulden von Privaten und Staaten zunehmend unfinanzierbar bzw. anteilig so hoch, dass Ausgaben zur Wachstumsstimulierung drastisch eingeschränkt werden müssen. Was dann wiederum in einer Abwärtsspirale mündet.

Das landläufig bekannte „Gelddrucken“ ist also exemplarisch in so einem fortgeschrittenen Verschuldungskonstrukt wie Japan in seiner Wirksamkeit zunehmend ausgehebelt. Der schon medial kolportierte Interventions-Plan, dass u.a. große Kapitalsammelstellen die Anleihekäufe wieder aufnehmen, um damit den nächsten Schulden-Zyklus einzuläuten, hat in den letzten Tagen zu Beruhigung bei den Renditeanstiegen geführt. Die Frage bleibt allerdings, wie nachhaltig dieser Effekt sein wird – der Trend ist seit 2022 ungebrochen, und die Renditen trotzdem auf seit Jahrzehnten unbekannten Höchstständen.

Was bleiben für Alternativen, wenn QE zur Vertrauensbildung versagt?

Es scheint sich also abzuzeichnen, dass das Vertrauen der Anleihegläubiger nicht mehr mit den bisherigen Maßnahmen erzielbar ist. Das manipulative Drücken von Renditen, indem man eigene Schulden mittels Knopfdruck-erschaffener Zentralbank-Yen aufkauft, schreckt Investoren zunehmend ab, weil sie aus deren Sicht keinen fairen Risikoausgleich für das Ausfallrisiko bzw. den Kaufkraftverlust durch Inflation der Emissionswährung mehr erhalten. Obwohl dieser Mechanismus nun Jahrzehnte in Krisensituationen scheinbar ungestraft genutzt wurde, scheint das inzwischen insbesondere aufgrund der wohl dauerhaft geänderten makroökonomischen Parameter nicht mehr zu funktionieren. Eine Rückkehr zu einer Nullzinspolitik und damit kostenlosem (geliehenem) Geld scheint wie schon erwähnt verunmöglicht.

Welche anderen Maßnahmen stehen nun theoretisch zur Verfügung um das Vertrauen in die Werthaltigkeit von Staatsschulden wieder herzustellen? Man darf mit Fug(i) und Recht sagen, dass es Maßnahmen mit allesamt „unschönen“ Auswirkungen für die Geldmengen-aufgeblähte Weltwirtschaft sind. Aber auch diese sind eigentlich auch trotz aller Kritik an der bisherigen schamlosen Umsetzung des politisch „angenehmen Teils“ der MMT enthalten.

Es geht um die Rückführung der monetären Blase auf das reale Wachstum und deren inflationären – und damit entwertenden – Auswüchsen. Diese kann auf verschiedenste Art erfolgen – für alle darf aber hohes Schmerzpotential angenommen werden. Stehen wir also erstmalig über den angekündigten Zinspfad hinaus vor Maßnahmen wie einer „Notzins-Erhöhung“ in Japan in Kombination mit folgenden Steuererhöhungen um das Vertrauen der Anleihegläubiger zu stärken?

Japan: Wie besorgt ist ein US-Finanzminister Bessent?

Selbst ein Finanzminister Bessent in den systemisch eng verknüpften USA hatte zuletzt mit einem Zinserhöhungsaufruf an die BoJ aufhorchen lassen – offiziell auch mit dem Fokus auf die Wechselkurse des Währungspaares. Eigentlich bemerkenswert, da die USA als eine der größten Profiteure des Yen-Carry Trade gelten. Mit billigen geliehenen Yen wurden amerikanische Assets in Billionenhöhe wie Staatsanleihen finanziert. Aber selbst der Profiteur scheint hier das Risiko, dass die Tankstelle explodiert, höher zu gewichten als die Schwierigkeiten, die eine (Teil-)Rückabwicklung des Carry-Trades bedeutet.

Der Anleihemarkt ist mit Abstand der größte Teilfinanzmarkt des Planeten mit entsprechender Gestaltungsmacht. Dieser Markt wird mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, Existenz-Gefährder in die Schranken zu weisen und sich nicht mehr mit Geldmengenausweitung befrieden lassen. Wie auch der explosionsartig steigende Preis für Gold anzeigt, wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit unter dem Risiko massiver Verwerfungen und entsprechender Auswirkungen auf Assetklassen und auch die Konjunktur ablaufen.

Die geopolitischen Eskapaden eines Donald Trump und die damit verbundenen Unstimmigkeiten innerhalb eines ohnedies auf Kante genähten Systems von gegenseitigen höchst komplexen Abhängigkeiten und Auswirkungen, können hier selbstverständlich als Brandbeschleuniger den notwendigen Zündfunken für die Entgleisung bieten – und den Preis des Krisenbarometers Gold auf weiter erhöhte Niveaus verfrachten, die aufgrund der grundlegenden Schulden-Problematik auch scheinbar keine wesentliche Korrektur auch nach dem Abflauen der Konflikte mehr bewirkt.



Über den RedakteurOliver Stalzer
Der Wirtschaftskolumnist Oliver Stalzer publiziert Wirtschaftspolitische und Finanzmarkt-Analysen
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6 Kommentare

  1. Zustimmung. Ab hier zeigt die Geschichte zwei Möglichkeiten auf: Währungsreform mit Vertrauenserhalt und ohne.

    Das erste ist für Mensch und Wirtschaft ein totales Desaster. Es führt zu Kriminalität, Not. Krieg und „Hitler“. Das zweite ist weitaus besser, doch es gibt Verlierer.

    Der Weg dafür könnte ein glaubhafter Neustart sein. Das ist unwahrscheinlich, weil mit Offenlegung der Mißstände verbunden. Die Angst davor ist berechtigt. Es gibt historisch nur ein Beispiel, in dem das gelang.

    Der bewährte Weg ist inflationäres Wachstum. Nur auf diesem Pfad kann das System erhalten werden. Es gibt ein paar harte Jahre, aber wenige durchschauen die Ursachen. So wird niemand aufgehängt und wenn es zu Schwierigkeiten kommt, kann die Propaganda Minderheiten oder fremde Mächte zum Schuldigen erklären.

    Der Weg aus der Verschuldung über inflationäres Wachstum ist damit eindeutig die bevorzugte Variante. Ich glaube sogar unser äußerst unglücklich agierender Bundeskanzler weiß das.

    Die Verlierer dabei sind die Geldhalter und alle Gläubiger in Geldansprüchen.

    Daher müßte konstruktive Politik zwei Maßnahmen verfolgen:

    1. Wachstum begünstigen um die Inflationsphase möglichst kurz zu halten.
    2. Möglichst viele Menschen in Sachwerte motivieren. Denn je mehr Menschen durch Sachwerte besser durch die Inflationsphase gelangen, desto weniger gesellschaftspolitisches Krisenpotential.

  2. Sorry: erstens und zweitens vertauscht. Natürlich muss die Währungsreform MIT Vertrauenserhalt gelingen.

  3. Der US-Dollar könnte vielleicht mit dem Vorbild der Rentenmarkt 1923 stabilisiert werden, wenn der Yen implodiert. Gerade die faktisch territoriale Ausweitung der USA wie Venezuela und Grönland könnte diesbezüglich ein Hinweis sein. Nicht nur der Boden dient dann als Wertgarantie des US-Dollars, auch Öl und Bodenschätze. An der dann folgenden schmerzhaften Fiskaldisziplin dürfte kein Weg vorbeiführen.

  4. Schönreden hilft immer

    Ja die Inflationsrate muss wohl krass geschönt sein. Denn als grosser Importeur von Rohstoffen, mit einem gerade neue Hochs machenden CRB – Rohstoff Indeex, ( über 10%plus in 9Monaten ) und einem Yen- Verfall von über 30% in kurzer Zeit muss man wohl kein Künstler sein um den Inflations- Statistik- Betrug zu übersehen. Der Anstieg der Rohstoffe, ( fehlt noch ein Öl- Schock) wird auch für die Inflationsträumer des Westens ein Traum bleiben. Was man den Chinesen schon lange vorwirft in Sachen Statistikfälschen, das können die andern schon lange auch. Man kann die Leute für dumm verkaufen, aber sie können jeden Tag weniger kaufen.

  5. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Bis zu den ominösen Abenomics lag bei Japan alles im Rahmen.

    Schon alleine die Ankündigung von Abe ….im Wahlkampf 2012 ….ließ die Renditen der Staatsanleihen in Japan einbrechen und die Kurse der Anleihen folglich steigen…

    Auch der Nikkei 225 …vorher im Dornrösschenschlaf ….startete durch und versechsfachte sich…

    Platzt die Blase oder legt die Bank of Japan ein neues Abenomics auf….?

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