Japan war in den 1980-ern des letzten Jahrhunderts die erste Volkswirtschaft, die aufgrund von latenter Wachstumsschwäche – bedingt durch die alternde Bevölkerung und für die Mittelklasse unleistbare Assets wie Immobilien und der damit verbundenen Wirtschaftsdepression – der Pseudostimulierung durch das Aufblähen öffentlicher schuldenfinanzierter Ausgaben gegangen ist. Möglich gemacht wurde das durch das erstmals angewandte Experiment des Null-Leitzinses.
Japan: Der spitzeste Sargnagel der weltweiten Schuldenblase
Geld-Schuld in nicht nur in Form von Staatsanleihen war somit neben der Nominale „kostenlos“. Da zumindest den Notenbankern immer schon klar war, dass diese Schulden nie im engeren Sinn wie ein Kredit zurückbezahlt, sondern nur durch Neuemissionen ersetzt werden würden, war also der Stein der Weisen für die durch den Yen stark abgegrenzten Wirtschaftsraum gefunden. Das unmittelbare Kollabieren durch eine Deflationsspirale konnte mit der ersten staatlichen Schuldenorgie verhindert werden.
Kann man als Staat ungestraft unbegrenzt Geld schöpfen?
Nach einigen Jahren des scheinbar „ungestraften Gelddruckens“ – also über die Notenbank initiierte staatliche Geldschöpfung, war das doch ein denkbar angenehmer Anlass und die perfekte Vorlage für eine neue Denkschule zur öffentlichen Fiskalpolitik – der Modern Money Theory (MMT). Erste Proponenten waren ein amerikanischer Kreis von Wirtschaftswissenschaftler in den 1990er Jahren, die sich wohl um öffentliche Gelder bemüht haben. Anders kann man sich eigentlich diese – bis zu diesem Zeitpunkt – zurecht vollkommen realitätsfremden Ansätze schwer erklären.
Die Annahmen der Theorie – und mehr sind sie wie andere Wirtschaftstheorien nicht: Ein souveräner Staat, der eine eigene Währung emittiert, kann sich nicht in seiner eigenen Währung „verschulden“ und hat keine finanziellen Grenzen für Ausgaben, sondern nur reale Grenzen durch Ressourcenknappheit und Inflationsgefahr. Regierungen sollten daher aktiv mit Fiskalpolitik (Ausgaben) eingreifen, um Vollbeschäftigung zu erreichen, wobei Steuern nicht primär der Einnahme dienen, sondern der Steuerung der Nachfrage und der Inflationsbekämpfung.
MMT – Staatssozialismus at it‘s best
Also noch kondensierter: die Vorab-Absolution für staatliche Schuldenorgien solange es (dauerhaft) keine Ressourcenknappheit und damit Inflationsquellen gibt. Was für ein bequemer Weg für Politiker, um sich ihre Stimmen bequem zu besorgen und ein im Kern staatssozialistischer Ansatz. Es ist an den Verschuldungsquoten von Staaten unschwer zu erkennen, wer sich dieser Theorie nahe fühlt. Was aber gerne „vergessen“ wurde (und wird) ist, dass mit Ausnahme der USA das Kriterium „souveräner Staat mit eigener Währung“ gerne großzügig interpretiert wird. Zudem leben wir (noch) in einer globalisierten Wirtschafts- und Finanzwelt – also alles andere als eine Situation, in der externe Einflüsse minimiert sind.
Aber nun kam 2021\2022 die Schlange ins Paradies – nach einer ebenfalls durch die Globalisierung sinkenden Herstellungskosten möglich gemachten Phase sehr geringer (Güter-) Inflationsraten kamen mit insbesondere mit Corona-Lockdowns und Energiepreis-Spekulationsschocks (eine tatsächliche Rohstoffknappheit gab es nie) am Beginn des Ukrainekriegs erste Inflationszünder im „realen Konsumleben“ ins Spiel. Die Asset-Inflation (Aktien, Immobilien) war zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren durch die Nullzins-Geldflut bereits auf historischen Hochständen. Diese Entwicklungen werden zunehmend – wie auch seinerzeit in Japan durch demographische Entwicklung – und folglich Ressourcenknappheit im Arbeitsmarkt weiter befeuert.
Anleihemärkte als einziges Korrektiv für Schuldenkaiser
Inzwischen ist aber unübersehbar, dass Nullzinsen und staatliche Schuldenorgien – die laut MMT ja folgenlos sein sollten – vielleicht doch nicht ganz straffrei sind. Weltweit beginnen die Anleihemärkte mit der Forderung nach höheren Risikoprämien zu revoltieren. Somit werden die Annahmen der MMT – dass sich Staaten folgenlos verschulden könnten – zunehmend ad absurdum geführt.
Da Japan dieses Experiment bisher als erste Volkswirtschaft auf eine ungekannte Spitze getrieben hat, wird es vermutlich, auch wenn nicht der Allererste – weil immer noch abgeschotteter als bestimmte Schuldenkaiser in der EU – einer der Ersten sein, die hier mit einem „Liz Truss-Moment“, also einer Renditen-Explosion der Extremklasse kämpfen wird.
Man erkennt die Minimierung der Möglichkeiten der japanischen Geldpolitik aus eigenem jahrzehntelangem Verschulden schon daran, dass die Inflationsbekämpfung durch Zinsanhebungen gescheut wird, wie der Teufel das Weihwasser. Einen Vorgeschmack hat es mit dem Teilplatzen des Carry-Trades im August 2024 schon gegeben. An diesem Trade hängen gigantische Volumina von Staatsanleihen, weil sie de facto ein bedingungsloses Grundeinkommen der durch die Nullzinsen ohnedies “enteigneten“ Anleihehalter handelt. Mit billigem (langzeitlich nullzins) Yen werden höher verzinste Anleihen/Investments gekauft und mit der Zinsdifferenz der Nachteil des Nullzins-Coupons (teil-)kompensiert. Werden die Leitzinsen erhöht, steigt einerseits der Yen und andererseits verteuert sich die historisch ungekannte Staatsverschuldung Japans.
Also hat die Kombination aus MMT und Nullzins-Geldpolitik und damit verbundene Anreize zur Fehlallokation in Assets nun zu einer Situation geführt, die mit der nicht-transienten Inflationssituation auf ein aus heutiger Sicht unlösbares Dilemma bei den Notenbanken führt.
Japan: Das Dilemma mit Endspielcharakter
Erhöhen sie wie im Fall von Japan die Zinsen weiterhin nicht, um die inflationären Tendenzen in den Griff zu bekommen beziehungsweise lockert man sogar wieder mit weiterem „Gelddrucken“, werden die Anleihe-Märkte reagieren wie zuletzt bei der Zinssenkung von Powell im September 2024: durch steigende Kapitalmarktzinsen und damit verbundener zunehmender Unfinanzierbarkeit der Schuldenlast auf Rekord-Niveau reagieren.
Erhöht die Bank of Japan die Zinsen, wird das entscheidende Auswirkungen auf den Yen-Carry-Trade haben und die Einkommenssituation der Anleihehalter, sowie auf die ohnedies seit Jahrzehnten schwächelnde Konjunktur weiter abwürgen. Und das in der Situation, in dem die Trump-Zölle noch zusätzlich belasten. Also auch hier die Wahl zwischen Pest und Cholera. Japan war der erste „Sündenfall“ der (nachträglich) mit der MMT gerechtfertigten Schuldenorgien-finanzierten „Rettung“ des nur mit Wachstum aufrecht zu erhaltenden Systems der Fiat-Geldschöpfung). Wird Japan auch das erste Beispiel sein, das auf dieser Basis crasht?
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Der Nikkei hat 2024 erst wieder seinen Höchststand von 1990 erreicht.
Viele Grüße aus Andalusien Helmut
Der japanische Notenbankchef erhöht zwecks Inflationsbekämpfung den Leitzins.
Die japanische Hausfrau Mia freut sich, dem Finanzminister ihre 20 Mio JPY (115.000 EUR) für jetzt 2,5% über eine ein Jahr laufende Staatsanleihe leihen zu können.
Die 20 Mio JPY sind ihre Überschussreserve, die sie dank hohen Einkommens und schuldenfreien Hausbesitzes voraussichtlich niemals braucht und an die nächsten Generation weitervererbt, die das Geld aus den gleichen Gründen auch nicht braucht, solange kein zockender Playboy in der Ahnenkette erscheint.
Die 2.500 Zinsen sind für den Finanzminister kein Problem, weil sie ihm Mia in Form neuer Staatsanleihen zur Verfügung gestellt werden. Die Inflation ist für Mia kein Problem, weil ihr Einkommen entsprechend steigt.
Vielleicht arbeitet sie bei einer Bank, die jetzt wegen der erhöhten Zinsen nominal mehr Gewinn macht.
Ein Jahre später leiht sie dem Finanzminister 22 Mio JPY für 3,5% Zinsen, ein Jahr später 25 Mio JPY für 5% Zinsen …
Wo ist der Haken, solange der Finanzminister die Steuern nicht erhöht, der Umweltminister Mia nicht ein Windrad vor die Tür stellt oder der Wirtschaftsminister die hochproduktive Realwirtschaft abwürgt, die auch die ärmsten Japaner noch mit einem auskömmlichen Warenkorb versorgt ?
Der Haken liegt darin, dass auch bei gutem Management (was ihr letzter Satz wohl andeuten soll) die Inflation langfristig die Lebensgrundlagen zerstört. Inflation ist kein gleichmäßiger Prozess. Er begünstigt einige zu Lasten anderer. Betrachten sie verschiedenste Entwicklungen bis 1971 – Ende der Goldbindung – und danach. Sie werden feststellen, dass die Masse der Menschen relativ ärmer geworden ist, während eine immer kleinere Minderheit immer reicher wird. Dabei ist dieser Reichtumsgewinn unverdient und die Entwicklung neuen Reichtums durch Arbeit wird erschwert. Ab einem bestimmten Punkt entsteht eine Staatskrise, weil Superreiche beginnen die Welt nach ihren Wünschen zu formen, während Teile der Politik Neidpolitik als Wahlvehikel einsetzt. Wir entwickeln uns in Richtung einer Dystopie.
Ein weiterer Haken liegt darin, dass künstlich niedrige Zinsen den Markt verzerren. Hebt man später den Zins an, wird es für alle schwerer, die kein Geld selbst drucken können. Es kommt zu Insolvenzen, die zu weiteren Insolvenzen führen. Die schrumpfende Wertschöpfung führt dann von der anderen Seite zu Inflation, trotz steigender Zinsen.