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Jerome Powell und das Dilemma der US-Notenbank

Nach den Rekordanstiegen der US-Indizes in den vergangenen fünf Monaten war man sichtlich gespannt auf die Rede von Fed-Chef Jerome Powell beim virtuellen Treffen der Notenbanker in Jackson-Hole. Wird er die geldpolitische Euphorie der Märkte weiter stützen – oder sollte er etwas Dampf aus dem unter Druck stehenden Aktien-Dampfkessel lassen? Ein großes Dilemma für den Chef der US-Geldpolitik 46 Börsentage (inklusive von zwei Feiertagen) vor den nächsten Präsidentschaftswahlen.

Die Politik der US-Notenbank und ihre Folgen

„Maximum employment and price stability“. Gebetsmühlenartig spult der Chef US-Notenbank, Jerome Powell, in jeder seiner Pressekonferenzen den gesetzlichen Auftrag der US-Notenbank vor den Journalisten der großen Wirtschaftsmedien ab. Und man werde dafür alle Instrumente aus dem großen Werkzeugkasten einer Zentralbank einsetzen, von denen noch jede Menge vorhanden seien. In nie gesehener Geschwindigkeit hat die US-Notenbank von Ende 2019 bis zum Sommer 2020 ihre Bilanz von vier auf sieben Billionen Dollar erhöht, durch die Käufe von Staatsanleihen, von Unternehmen und zuletzt sogar durch Käufe von Unternehmen minderer Bonität (Junkbonds oder Schrottanleihen genannt). Welche Effekte hat die US Notenbank durch die Finanzierung des US-Haushaltsdefizits oder die direkte Finanzierung des US-Staatshaushalts erzeugt?

In erster Linie ist Notenbank-Chef Jerome Powell den Forderungen seines Präsidenten Donald Trump gefolgt, der die Federal Reserve monatelang aufgefordert hatte, die Zinsen auf null zu senken. In Deutschland würde man dies, so Trump,  schon lange haben, ja Deutschland bekäme sogar noch Geld dafür, in dem er sich verschuldet.

Das hat zunächst ein paar positive Folgen: Die niedrigen Zinsen entlasten den Staatshaushalt bei der Finanzierung des Staatsdefizits, welches 2020 um mindestens 18 Prozent steigen wird – oder insgesamt von 108 auf über 130 Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
Dies gilt gleichermaßen für Unternehmen und insbesondere für die so genannten Zombiefirmen, die sich damit weiter am Leben erhalten sowie für die Bürger mit ihren Krediten in allen Bereichen (Hypotheken, Auto, Konsumkredite u.w.).
Es hat erkennbar den US-Dollar geschwächt, ein Vorteil für US-Exportunternehmen.
Der wohl gigantischste Effekt der US-Geldpolitik aber ist die Kreation eines negativen Realzinses, mit dem man ein Monster namens TINA füttert, „there is no alternative“, nämlich der Leitung gigantischer Geldströme (M2) in die Aktienmärkte.

Damit steigert Jerome Powell gewollt oder ungewollt zunächst erst einmal das Vermögen der 10 Prozent reichsten Amerikaner, die 87 Prozent der US-Aktienbesitzer repräsentieren, aber auch den 11 Biliionen Dollar schweren Markt der US-Pensionsfonds. Aus diesem werden die US-Renten finanziert, durch die Ausschüttung der Dividenden, was in den USA quartalsmäßig erfolgt.
Die Notenbankpolitik, auch die der Vorgänger von Jerome Powell – Ben Bernanke und Janet Yellen – hat insgesamt dazu geführt, dass der Wert der Aktienmärkte in den USA seit der Finanzkrise 2009 von unter 10 Billionen auf 40 Billionen Dollar geradezu explodieren konnte.
Klar: hat man es mit dieser Politik auch geschafft den US-Arbeitsmarkt zu unterstützen, der bis vor Corona auf die niedrigste Arbeitslosenrate seit über 50 Jahren von 3,5 Prozent gefallen war, auch blieb die Inflation steht unter den 2 Prozent.

Aber der wohl wichtigste Effekt war der auf den US-Konsum, der zuletzt das gigantische Volumen von 16 Billionen Dollar oder 70 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukt erreicht hat. Durch den gigantischen Vermögenszuwachs auf dem Aktienmarkt können sich die Amerikaner in großer Weise verschulden – über ihre Kreditkarten sowie über den Wertzuwachs ihrer Immobilie, aufgrund gesunkener Zinsen, mit denen sie weitere Kredite aufnehmen konnten.

Jerome Powell und die Kehrseite des Aktienbooms

Es muss an dieser Stelle wohl nicht mehr ausgeführt werden, wohin ein Negativzins in Verbindung mit einer Geldflut für Entwicklungen an den Aktienmärkten geführt hat. Die Videos bei FMW mit allerlei Vergleichen gehen in die Dutzende – der Nasdaq 100 mit seinen FAANG-Titeln und seiner Verelffachung seit 2009 (von 1043 im Tief auf 11927 Punkte) sind Ausdruck dieser bubble-förmigen Entwicklung. Hier beginnt ein großes Dilemma für die US-Regierung und auch für die Federal Reserve unter Jerome Powell: Der Wohlstandseffekt (insbesondere über die Kreditschiene) des von grob 10 auf 40 Billionen Dollar gestiegenen Aktienmarkt ist so gewaltig, dass eine Korrektur wie bei den letzten beiden Krisen 2000/2008 um 50 Prozent einen Konsum- und Wohlstandseinbruch in gewaltigen Dimensionen verursachen würde. Aber desto exponentielller ein Anstieg abläuft – in Kombination mit gehebelter und beliehener Spekulation – desto größer die folgende Korrektur. Dafür sorgt schon der Margin Call in vielen Depots. Das weiß die Fed und deshalb war man gespannt auf die Ausführungen von Jerome Powell beim virtuellen Treffen der Notenbanker. Wie Luft aus den Spekulationen bringen?

Die Rede von Jerome Powell in Jackson-Hole

Gestern gab es die lange erwartete Rede von Fed-Chef Jerome Powell beim geldpolitischen Symposium der Kansas City Fed in Jackson-Hole. Ergebnis war im Wesentlichen ein Schwenk in der Geldpolitik im Hinblick auf das Inflationsziel. Man habe zwar das Beschäftigungsziel (Maximum Employment) bis zum Ausbruch der Corona-Krise sehr gut erfüllt, das Inflationsziel in den vergangenen Jahren jedoch häufig verfehlt. Für die Notenbank ein Rätsel. Warum stieg die Inflation selbst bei hoher Beschäftigung und hohem Wirtschaftswachstum kaum mehr an? Ist die Phillips-Kurve, der Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosenrate, tot?

Die Antwort der Fed auf diese Entwicklung ist, dass sie ihr punktgenaues Inflationsziel aufgibt und stattdessen ein durchschnittliches Ziel anpeilt.

Man legt künftig einen stärkeren Fokus auf den Arbeitsmarkt.

Hier die entscheidenden Schlagworte der gestrigen Rede von Jerome Powell: „Maximum employment does not lead to inflation – Low Inflation can post serious risk to economy“.

Fazit

Es war in gewisser Weise ein historisches Statement der Fed:Der Vor-Vorgänger von Jerome Powell, Ben Bernanke, hat das 2-Prozent Inflationsziel implementiert, welches aber seither nie mehr erreicht wurde. Jetzt hat Powell dieses Ziel aufgehoben und sprach von einem durchschnittlichen Inflationsziel, flexibel, also auch über 2 Prozent hinaus. Der Strategieschwenk könnte also dazu führen, dass ein Ausstieg aus der derzeit ultralockeren Geldpolitik noch weiter auf die lange Bank geschoben wird.

Wie sagte der stets überdreht auftretende, aber mit besten Kontakten ausgestattete CNBC-Moderator, Jim Kramer, kurz nach Powells Botschaft? „Jerome Powell is on the side of the bulls“ und „ it’s a RobinHood-Speech“!

Will das Federal Open Market Committee in Washington tatsächlich noch weitere Luft in den Ballon pumpen – oder hat man nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera?

Jerome Powell und die Fed sind in einer schwierigen Lage



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1 Kommentar

  1. Natürlich werden die weiter Luft in den Ballon pumpen. Denn der Point of no return ist schon seit fast 20 Jahren überschritten. Deshalb setzen alle Protagonisten auf die Gnade der frühen Geburt und hoffen das der Knall erst nach ihrem Ableben eintritt.
    Die einzige Chance da ohne einen Systemkollaps herauszukommen, wäre ein massiver Schuldenschnitt, der vor allem zu Lasten der Superreichen geht.
    Finde den Fehler.

    P.S. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher das Kritiker wie z.B. Dr. Krall, bei allen guten Argumenten, immer noch unterschätzen wie weit man die Ballonhülle aufblasen kann.
    Denn es gibt einen entscheidenden Unterschied gegenüber früheren Währungszusammenbrüchen. Man konnte immer in eine andere Währung ausweichen, da nie alle gleichzeitig zusammengebrochen sind. Diesmal ist diese Möglichkeit aber nicht gegeben, da alle in Frage kommenden Währungen das gleiche Problem haben.

    Und kommt jetzt bitte nicht mit Bitcoin. Das Ding hat mit Geld nichts zu tun, aber viel mit holländischen Tulpenzwiebeln.

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