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Journalismus und Mainstream-Medien: In den Fängen der Politik

Das Gewerbe des Journalismus stand zuletzt stark unter Kritik, sicherlich maßlos überzogen durch Donald Trumps Vorwurf einer Lügenpresse, aber auch in Deutschland wird dergleichen mit dem Begriff der Mainstream-Presse umschrieben. Dass da zumindest etwas dran sein könnte, zeigt ein Beitrag des Journalisten Christoph Schwennicke in der Welt am Sonntag, der nach vielen Jahren Berichterstattung aus dem Kanzleramt durchaus selbstkritische Töne anklingen lässt. Hier ein paar interessante Aussagen eines Insiders in Sachen Journalismus.

Journalismus: Erkenntnisse nach langen Jahren im Zentrum der Macht

Der Journalist Christoph Schwennicke, der sich über 23 Jahre mit Politik beschäftigt hat, bringt in einem Gastbeitrag „Abendbrot mit der Kanzlerin“ die Probleme einer großen und dauerhaften Nähe zur großen Politik sehr schön selbstkritisch auf den Punkt.

Einige seiner Aussagen:

  • Wenn Journalisten im Rudel agieren, treibt man Politiker nicht mit Fragen in die Enge, sondern ganz im Gegenteil, das Ganze verkommt zu einer Fragestunde und einem Markt für Eitelkeit und Gefallsucht.
  • Bei der letzten Fragestunde in der Bundespressekonferenz zur Coronalage habe es 27 Minuten gedauert, bis endlich ein Reporter eine kühle, klare, konfrontative Frage zum fehlenden Impfstoff gestellt habe: („Haben Sie persönlich da etwas falsch gemacht? Müssen Sie sich entschuldigen?“).
  • Vorher viele Fragen zur physischen und psychischen Befindlichkeit der Kanzlerin. Dieses Phänomen sei mit der aktuellen Amtsinhabern besonders stark ausgeprägt, aber nicht nur mit ihr. Es sei bei jeder Regierung feststellbar, das Gefühl der Presse Teil des Betriebes zu sein.
  • Man sei stets zusammen und dabei existiert eine doppelte Rolle der Politik. Mal ist sie Informant, mal Gegenstand der Berichterstattung.
    Schwennicke weist auf ein Missverständnis der Journalisten hin, die glaubten Teil der Macht zu sein. Als vierte Macht im Staate in einem falschen Rollenverständnis.

Daraus ergibt sich die Frage, die sich Journalisten mit Regierungskontakten stellen müssten:  Wofür schreibt man eigentlich, fürs Kanzleramt oder für Leser und Leserinnen?
Persönliche Anmerkung: Ganz extrem war diese Situation zuletzt bei Pressekonferenzen im Weißen Haus. Bei kritischen Fragen wurden die Journalisten stante pede beleidigt, in härteren Fällen drohte der Verlust der Akkreditierung ins Regierungsgebäude.

Es könne so ein politisch-publizistischer Inzest entstehen, das süße Gift der Schmeichelei sei sehr wirksam – Stichwort Abendbrot mit der Kanzlerin. Wirkliche und standhafte Distanz des Journalismus ist auf Dauer da gar nicht möglich. Und es geht dann schlussendlich nicht mehr so sehr um die Beiträge, die den kleinen Mann oder die Frau draußen interessieren.

Seine Änderungsvorschläge

Berliner Korrespondenten seien oftmals sogar Jahrzehnte auf ihrem „Regierungsposten“. Damit nehme sowohl die Neugierde als die innere Distanz ab. Rotation ist gefragt.
Genauso wie es besser wäre, die Amtszeit eines Regierungschefs zu beschränken (8 Jahre?).

Anmerkung: Wie oft haben wir es in der Vergangenheit schon erlebt, dass langjährige Regierungschefs mit der Wirtschaft in punkto Vorteilsannahme ins Gehege kamen, durch jahrelange und enge Kontakte bei wirtschaftlichen Entscheidungen (selbst im Ländle mit Lothar Späth).

In politischen Fragen gehe es darum, dass Journalisten die unbequemen Fragen stellen, kühle sowie distanzierte Fragen, die die Politiker zur Höchstleistung antreiben sollen. Und dass Fehler, Schwächen und Defizite unerbittlich durch guten Journalismus bloßgestellt werden.
Das Ziel: Ein unabhängiger Journalist, der viel Stärke und Rückgrat zeigen muss.

Fazit

Eine interessante Selbstreflexion über Journalismus nach Jahren im Dunstkreis der Macht.

Es scheint durchaus etwas dran zu sein, dass übergroße Nähe auf Dauer unkritisch macht. Sollte man deshalb bei großen Artikeln über das Regierungsgeschäft erst einmal überprüfen, wie lange der Autor seinen Job in diesem Umfeld schon ausübt und wie nahe er den Mächtigen gekommen ist? Schaden kann es zumindest nicht.

Nähe zur Macht als Gefahr für guten Journalismus



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1 Kommentar

  1. Kein Wunder, dass diese Pappnasen jetzt alle schreiben, dass bei Telegram nur Extremisten unterwegs sind. Für diese Hofschreiber – so hießen die doch früher wohl – ist doch alles in Verschwörungstheorien einzuordnen, was nicht ihrem Geschreibsel entspricht!

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