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Kanada: Stell Dir vor die Wirtschaft kollabiert, und niemand schaut hin

Redaktion

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FMW-Redaktion

In Kanada wurde gerade erst eine neue Regierung gewählt. Der neue Premierminister Justin Trudeau hat auch zügig ein neues Kabinett vorgestellt, bunt, jung, frisch. Alles scheint im Aufbruch begriffen zu sein, kräftig in die Hände spucken heißt die Parole. Was sich aber im Westen des Landes, genauer gesagt in der Öl-Provinz Alberta abspielt, die für Kanada insgesamt eine entscheidende Rolle spielt, scheint so richtig niemanden zu interessieren, so kann man den Eindruck gewinnen.

Ölsand-Aufbereitungsanlage-Mildred-Lake-in-Alberta Kanada
Ölsand-Gewinnung in der „Mildred Lake“-Aufbereitungsanlage in Alberta, Kanada.
Foto: The Interior / Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

Kanada hatte seit Anfang der 90er-Jahre zwei Rezessionen. Die erste war bedingt durch die Lehman-Krise 2008 und hielt nur drei Quartale an – danach ging es mit den Wachstumsraten gleich wieder kräftig aufwärts. Die zweite Rezession ist gerade erst gestartet. Die letzten beiden Quartale war die Wirtschaftsleistung rückläufig (-0,1% / -0,2%), und aller Voraussicht nach ist das aktuelle Quartal das dritte in Folge in der Rezession. Trotz aller Jubelstimmung kann diese Entwicklung nicht ignoriert werden. Das Land hat sich wie Australien und Russland auch zu sehr auf seinen Rohstoffen ausgeruht.

Öl aus Ölsand extrahieren zu extrem hohen Förderkosten irgendwo um die 80 Dollar herum war kein Problem mit Ölpreisen um oder über 100 Dollar. Laut dem „Calgary Herald“ bedeutet aktuell 1 Dollar niedriger im Ölpreis 170 Mio Dollar weniger Einnahmen für die Provinz Albert (direkte und indirekte Effekte). Shell gab erst vor zwei Wochen bekannt ein großes Ölsand-Vorhaben in Kanada einzustampfen. Bei anderen großen Ölsand-Feldern sieht es auch nicht besser aus. Entlassungen sind die Folge, die Zulieferer, die Baumaterial, Technik etc alles in die Abgeschiedenheit von Alberta´s Norden rankarren müssen, müssen ebenfalls entlassen.

Die letztliche Folge: Calgary, mit mehr als 1 Mio Einwohnern die größte Stadt in Alberta und sozusagen das Houston (Öl-Hauptstadt der USA) von Kanada, erlebt seit Monaten dramatische Rückgänge in allen Bereichen. Bei den Immobilien sollen (gefühlter Eindruck von Beobachtern) die Preise so tief und die Leerstände (Büroimmobilien) so hoch wie seit 10-15 Jahren sein. Mehrere große Bürohochhäuser sind noch im Bau und bringen nach Fertigstellung ca. 400.000 demnächst zusätzliche m2 auf den Markt. Viele Mieter sind auch schon dazu übergegangen große Teile ihrer nicht genutzten Büroflächen unterzuvermieten. Aber selbst diese Untermieter (oft Ölfirmen) können nicht mehr durchhalten, und so stehen auch viele schon bestehende Hochhäuser oft zu 30-40% leer.

Viele Ölfirmen und Dienstleister aus der Branche sollen ihre Vermieter sogar nach kräftigen Mietnachlässen angebettelt haben, nach dem Motto „Nimm die Hälfte oder wir gehen pleite und Du kriegst gar nichts mehr“. In ganz Kanada hat die Leerstandsrate das Niveau von 2009 überschritten. Laut Daten von CBRE liegt der Büroleerstand in der Innenstadt von Calgary aktuell bei 14%, auch ein Höchststand seit 2010. Das darf man als sehr vorsichtigen Wert ansehen, da die realen Berichte von leergefegten Büroetagen ein anderes Bild zeichnen. In den neuen Hochglanzpalästen steckt, wie ist es anders zu erwarten, viel Geld aus Immobilienfonds und sonstigen Anlagekonstrukten – vermutlich auch mal wieder Gelder von deutschen Anlegern? Jahrelanger Leerstand bedeutet was? Fragen wir doch mal bei Miteigentümern von KG-Fonds nach, was jahrelang nicht vorhandene Auslastung bei Schiffen mit ihren Schiffsfonds gemacht hat…

Wie in vielen anderen Übertreibungen vorher auch (so was soll´s bei uns auch schon gegeben haben) hat man in einer Welle der Öl-Euphorie zu schnell zu viel gebaut, geplant, investiert, hochgezogen – und das alles in blindem Vertrauen auf einen stetig hohen Ölpreis – eine mehr als wacklige Angelegenheit. Da hat Kanada´s neuer Premier Trudeau gleich ordentlich was zu tun – Diversifikation, weg vom Öl könnte das Zauberwort lauten.

Hinzu kommt noch: US-Präsident Obama hat diese Woche erst seine finale Zustimmung zum Bau der großen „KeystoneXL-Pipeline“ von Alberta quer runter durch die USA bis nach Texas verweigert. Damit fehlt Alberta eine lange anvisierte zuverlässige Zukunftsperspektive. Alberta´s Premierministerin Rachel Notley schrieb am 6. November einen vordergründig netten, aber in Wirklichkeit verzweifelten Brief Richtung US-Präsident Obama, weil man eigentlich mit der KeystoneXL-Pipeline gerechnet hatte als neuen großen Impulsgeber für die Ölindustire in Alberta.


“Though I am not surprised by the news coming from the White House this morning, as we have anticipated this announcement for some time, I am disappointed by the way the U.S. government chose to characterize our energy exports.

“The decision today underlines the need to improve our environmental record and reputation so that we can achieve our goal of building Canada’s energy infrastructure, including pipelines to new markets.

“This highlights that we need to do a better job and that’s why I’m so pleased about the work that is ongoing towards a new climate change plan for Alberta. We’re working hard with stakeholders and we intend to act decisively to increase the likelihood of getting our product to tidewater.

“I spoke with Prime Minister Trudeau this morning about building this infrastructure, which should continue to be a national priority. I reinforced that both the Alberta and Canadian economies need infrastructure that get Alberta’s energy resources to tidewater, and he agreed that we need to work collaboratively.

“Canada can be a global source of environmentally responsible energy through better environmental policies, and Alberta will act to help make that happen in partnership with Canada’s new federal government.

“And then we hope that future energy infrastructure projects will be debated on their own merits.

“Canada currently exports over three million barrels a day to the U.S., and those exports will continue. Our trading relationship with the United States is of fundamental importance to Alberta, and we will work to build on it.

“Alberta’s energy industry is important to families here and across the country and I will work hard every day to support its sustainability.”


3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    joah

    12. November 2015 11:37 at 11:37

    Jim Balsillie, former co-CEO of BlackBerry over TPP (Trans Pacific Partnership) in Canada:

    worst thing Canada has ever done

    Wenn amerikanische Produkte nach außen hin deflationieren (billiger werden) durch grassierende Inflation des Dollars, dann werden in fremden Ländern amerikanische Produkte bevorzugt – den Unterschied machen die Devisen. Kanadische Produzenten können nicht mehr mithalten (andere Kostenstrukturen und Löhne) und gehen massenhaft pleite. Um das zu verhindern, würde man normalerweise Schutzzölle erheben (Protektionismus) – aber TPP verbietet das (eher: es unterwandert es). Somit kollabiert die Wirtschaft in Kanada, und Amerika hat sich gesund gestoßen. Feige Nummer, wohl wissend geplant.

    Mit TTIP ist es genau das gleiche: gleicher Inhalt, gleiches Ende für ganz Europa.

    (…es sei denn, TTIP kommt nicht zustande oder wird danach unilateral wieder aufgekündigt – ist zum Glück „nur“ ein Vertrag.)

  2. Avatar

    Jerome

    12. November 2015 13:24 at 13:24

    Man sollte bei dem ganzen Müll einfach Rund um den Erdball einen reset machen und alle Schulden auf 0 Stellen. bei Staaten, Firmen und Privaten.

    Entweder man macht es jetzt freiwillig oder man wurschtelt Jahrzente noch so weiter und letztendlich wird die Entscheidung dann doch noch abgenommen.

  3. Avatar

    Benedikt

    12. November 2015 19:06 at 19:06

    Dank NAFTA sind eine Menge Industriejobs von Kanada in die Südliche USA oder gleich nach Mexiko verlagert worden. Das hat Kanada mit einer Diversifikation hin zu mehr Rohstoffe und vor allem der Boomenden Bauindustrie aufgefangen. Die Bauindustrie dürfte als nächstes in die Krise kommen. Jetzt dürfte wegen den Leerstand die erste Welle von Kreditproblemen laufen, worauf die Zinsen steigen und die Kreditvergabe zurückgefahren wird.

    Die Industrie die jetzt weg ist, kommt die nächsten Jahre auch mit größten Anstrengungen nicht wieder. Da kommen harte Zeiten auf Kanada zu. Nicht vergessen, Kapitalflucht stoppt man mit Zinsanhebungen!

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Arbeitsmarkt nach Corona: Mehr Staatswirtschaft, weniger Industrie

Redaktion

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Büro-Arbeitsplatz

Verschwörungstheorie? Oder nur eine Vermutung? Das „übliche“ neo-liberale Gelaber, welches den Staat verteufelt, und vor noch mehr Staat warnt? Nein, offizielle staatliche Aussagen vom heutigen Tage zeigen, dass am deutschen Arbeitsmarkt in die Staatswirtschaft deutliche Stellenzuwächse erleben wird, während produzierende Betriebe nicht nur jetzt, sondern auch in 2021 weiter Stellen abbauen wird.

Staatswirtschaft im Aufwind, Industrie im Rückzug?

De facto heißt das: Die Angestellten in der Privatwirtschaft müssen (insgesamt gesehen) durch Steuern und Abgaben immer mehr, mehr und noch mehr erwirtschaften und abführen, damit die immer größere Zahl der Arbeitsstellen im Rahmen der Staatswirtschaft auch bezahlt werden kann! Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), eine Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, hat heute ihre Prognose für den deutschen Arbeitsmarkt für die Jahre 2020 und 2021 veröffentlicht. Und genau aus diesen Aussagen geht folgendes hervor, auszugsweise im Wortlaut:

Die Zahl der Arbeitslosen steigt laut der IAB-Prognose im Jahresdurchschnitt 2020 um 440.000, im Jahr 2021 könnte sie wieder um 100.000 zurückgehen.

Im Produzierenden Gewerbe gab es insbesondere im zweiten Quartal 2020 einen deutlichen Stellenabbau, der auch 2021 anhalten wird. Im Jahresdurchschnitt 2020 fallen hier 160.000 und 2021 nochmal 60.000 Stellen weg.

Beschäftigungszuwächse erwarten die IAB-Forscher dagegen vor allem im Bereich „Öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit“ (jeweils +190.000 in beiden Jahren).

Wird man im Detail die Neueinstellungen bei Staat und öffentlichen Betrieben (zusammen nennen wir das mal die „Staatswirtschaft“) durchgehen, dann wird man im Einzelfall sicher sagen: Ja, diese neue Stelle ist sinnvoll, und die auch, und die auch, und die da… ja dieser neue Job bei dieser Behörde ist auch notwendig. Zum Beispiel mehr Polizisten, mehr Lehrer, mehr Personal für die Gesundheitsämter, mehr Personal für den Zoll für die Kontrollen bei Schwarzarbeit und Einhaltung der Vorschriften bei Fleischbetrieben, mehr Sozialarbeiter etc. Und so könnte man die Liste sicher endlos fortsetzen.

Nur irgendwer muss all das ja auch bezahlen, zusätzlich zu der immens steigenden Staatsverschuldung, die irgendwann ja auch irgendwer mal bezahlen soll. Unterm Strich, da darf man sich sicher sein, wird es heißen: Wir müssen leider, leider die Steuern erhöhen. Geht eben nicht anders? Oder wird man anstatt die Steuern raufzuschrauben, eher auf indirekte Steuern und Sozialabgaben setzen? Was der Bürger nicht so offensichtlich sieht, tut auch nicht so sehr weh?

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Baugewerbe mit Einbruch bei den Auftragseingängen – kein Grund zur Sorge!

Claudio Kummerfeld

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Baugewerbe mit Rückgang bei den Aufträgen

Das deutsche Baugewerbe verzeichnet einen Rückgang der Auftragseingänge. Krise? Weit gefehlt, so möchten wir meinen. Wie heute offiziell vermeldet wurde, sind die Auftragseingänge im Juli im Vergleich zu Juni um 5,6 Prozent gesunken, und im Vergleich zu Juli 2019 um 4,9 Prozent. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2020 sank der reale Auftragseingang im Baugewerbe gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3,7 Prozent. Warum diese Rückgänge noch kein Problem sind? Nun, die Aussagen der Statistiker deuten dies an.

Denn der Auftragseingang im Juni 2020 war aufgrund von Großaufträgen ungewöhnlich hoch ausgefallen. Und der Auftragseingang im Juli 2019 war der höchste jemals in einem Juli gemessene Wert. Von daher war es für den Juli 2020 auch schwer, im Vergleich zu diesem Rekord-Ausgangswert noch mal eine Steigerung hinzulegen. Und aktuell darf man ja auch noch ergänzen, dass im Zuge der Coronakrise verständlicherweise einige wirtschaftliche Abläufe wie Bauaufträge oder Bauanträge bei Ämtern verschoben werden oder sich verzögern. Wenn man das bedenkt, dann sind diese Auftragsrückgänge im Baugewerbe noch eher mild ausgefallen. So schreiben die Statistiker vom Statistischen Bundesamt auch Zitat „Gründe für diese negative Entwicklung sind neben möglichen Einflüssen der Corona-Pandemie auch das sehr hohe Niveau des Vorjahres“.

Die am Anfang des Artikels genannten Prozentveränderungen waren real, saison- und kalenderbereinigt gerechnet. Die nominalen Veränderungen fielen noch viel kleiner aus. Der Auftragseingang im Baugewerbe betrug im Juli 2020 rund 7,5 Milliarden Euro. Das waren nominal (nicht preisbereinigt) 2,5 % weniger gegenüber dem Höchststand im Juli 2019. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sanken die Auftragseingänge in den ersten sieben Monaten 2020 nominal um 0,5 %.

Grafik zeigt Verlauf der Auftragseingänge im Baugewerbe

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Coronakrise und Insolvenzen: Ab 01.Oktober kommt die Pleite-Welle

Markus Fugmann

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Aufgrund der Coronakrise hat die Bundesregierung bekanntlich beschlossen, das Insolvenzrecht zeitlich begrenzt auszusetzen und damit die Pflicht zur Anmeldung einer Insolvenz ausser Kraft zu setzen – gleichwohl droht nun bereits in der nächsten Woche eine massive Pleite-Welle. Denn ab 01.Oktober müssen jene Unternehmen wieder Insolvenz anmelden, die zahlungsunfähig sind – während überschuldete Firmen erst ab 01.Januar 2021 die Pflicht zur Insolvenz-Anmeldung haben.

Wie viele der von der Coronakrise betroffenen Unternehmen in Deutschland müssen dann als ab nächster Woche Insolvenz anmelden? Volker Römermann, unter anderem Fachanwalt für Insolveznrecht, sagt: über 90% der betroffenen Firmen werden dann ab 01.Oktober Insolvenz anmelden müssen, denn so hoch sei die Zahlungsunfähigkeits-Quote bei allen Insolvenzen – Überschuldung und damit die Pflicht zur Insolvenzanmeldung erst ab 01.Januar 2021 sei dagegen bei weniger als 10% der Fall.

Coronakrise: Jetzt kommt der Schmerz!

Das bedeutet: hunderttausende Firmen in Deutschland werden wohl zeitnah Insolvenz anmelden! Das wird viele Arbeitsplätze kosten. Der durch die Coronakrise ausgelöste Schmerz wurde also lediglich in die Zukunft verschoben – und diese Zukunft und damit der große Schmerz kommt nun also im Oktober, „buchstäblich am 01.Oktober“, sagt Römermann im Interview mit Florian Homm. Zwischen Januar und August diesen Jahres war die Zahl der Insolvenzen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr sogar rückläufig – da hat sich nun viel aufgestaut, was sich nun in einer Pleite-Welle entladen dürfte!

Und der Schmerz geht dann ab 01.Januar 2021 weiter, denn viele Firmen haben in der Coronakrise noch einmal Kredite aufgenommen, seien aber nicht zuletzt dadurch aussichtslos überschuldet, sagt Volker Römermann:

Ab 01.Oktober schlägt die Coronakrise voll durch - es droht eine Welle von Insolvenzen

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