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Keine Panik! Die Notenbanken haben alles im Griff! Oder etwa nicht?

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Das Auseinanderdriften der realwirtschaftlichen Kennzahlen und der Preise an den Aktienmärkten macht sprachlos – ergibt aber dennoch Sinn: zumindest dann, wenn man an die totale Kontrolle durch die Notenbanken glaubt. Aber wo ist der Haken?

Auf die Notenbanken ist Verlass

Schaut man sich die Entwicklung der jüngsten Konjunkturdaten für die Eurozone an und bedenkt dabei, dass diese Daten noch vor dem Ausbruch der Coronavirus-Epidemie erhoben wurden, dann macht die aktuelle Rekordjagt bei den großen Aktienindizes wie dem DAX sprachlos. Das riecht nach einem historischen Paradigmenwechsel. Oder warum sind die Börsianer nicht immer schon seit der Erfindung der Börse vor über 400 Jahren nach dem Motto verfahren: „Je schlechter die Lage und je schlechter der Ausblick, umso besser die Zeit danach – irgendwann“.

Tatsächlich gewinnt ein Faktor an den Aktienmärkten eine immer größere, ja quasi eine alles andere deklassierende Bedeutung: die Geldpolitik. Insofern handelt es sich tatsächlich um einen Paradigmenwechsel.

Die Tatsache, dass es so weit gekommen ist, ist zwar kein Grund zum Feiern, aber seit wann sind Spekulanten Philosophen. Wo Profit winkt, da wird reingebuttert und wo zudem kein Risiko mehr vorhanden scheint, wird zusätzlich kreditgehebelt und pyramidiesiert bis der Arzt kommt – oder eben die Notenbank.

Und warum auch nicht? Haben die Börsianer nicht Pawlowschen Hunden gleich eben erst wieder gelernt, dass der Notenbank-Put, also die globale Erweiterung des Fed-Puts, perfekt funktioniert?

In den letzten vier Wochen hat die Zentralbank Chinas (Peoples Bank of China) alle wirtschaftlichen Risiken im Zusammenhang mit dem Coronavirus mit der fantastischen Summe von umgerechnet 260 Mrd. Euro aus dem Markt genommen. Gleichzeitig hat man die Kreditvergabestandards weiter gelockert und für kommenden Donnerstag eine weitere Zinssenkung angekündigt. Die Realzinsen im Reich der Mitte liegen mittlerweile bei minus zweieinhalb Prozent (Benchmarkzins in Höhe von 2,9 Prozent minus die offizielle Inflationsrate in Höhe von 5,4 Prozent). Wer da keine Dividendentitel kauft, ist doch mit dem Klammerbeutel gepudert!

Das Risiko der Konditionierung

Aber wie heißt es so schön an der Wall Street: „There is no free lunch“. Wo also ist der Haken an der schönen neuen Wunder-Aktien-Hausse?

Da wären zum einen die realwirtschaftlichen Risiken, und ich meine nicht die Temporären durch die Coronavirus-Epidemie. Neben dem weltweit zunehmenden Protektionismus und den allgegenwärtigen geopolitischen Spannungen in einer Welt der Machtverschiebung ist das größte ökonomische Risiko die Überschuldung. Wie stark dieses Thema alles andere dominiert hat Dirk Schuhmanns gerade erst am Beispiel der US-Wirtschaft in diesem Artikel hervorragend analysiert. Eine Ökonomie, die im vergangenen Jahr 6,9 Prozent Kreditwachstum für jedes Prozent Wirtschaftswachstum benötigte, hat ernsthafte strukturelle Probleme.

Gleichwohl sind die Anleger genau wie der Hund aus den Experimenten des russischen Psychologen Iwan Petrowitsch Pawlow mittlerweile darauf konditioniert, dass die Vermögenspreise im Allgemeinen und die Aktienpreise speziell in den USA nicht mehr nachhaltig fallen dürfen – andernfalls würde das konsumfixierte Schuldenkartenhaus Amerika zusammenbrechen. Die Dimension dieses Zusammenbruchs würde dabei wohl alles in den Schatten stellen, was die moderne Wirtschaftsgeschichte an Panik und Crash zu bieten hat. Ergo antizipieren die Börsianer bei jedem auftauchenden Problem sofort die geldpolitische Belohnung und drücken sogar bei katastrophalen Daten aus der Realwirtschaft in froher Erwartung auf den Kauf-Knopf. Mittlerweile gewinnt man sogar den Eindruck, dass die Katastrophe, sei es nun ein Bombardement von US-Militärbasen oder eben der teilweise Stillstand der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, gar nicht groß genug sein kann. Umso größer die Katastrophe, umso größer die anschließende Belohnung durch die Notenbanken in Form von Zinssenkungen und Liquiditätsflutung.

Die Notenbanken haben längst die Kontrolle verloren

Die Geldpolitiker der Notenbanken haben sich damit in eine Erwartungs-Falle durch die Marktteilnehmer begeben, aus der sie nicht mehr herauskommen. Man möchte diese Spirale gar nicht zu Ende denken. Fakt ist: Wir sind mittendrin und die scheinbare Kontrolle durch die Notenbanken ist eine Kontrollillusion.

Die Märkte erwarten in den USA für dieses Jahr mindestens zwei weitere Zinssenkungen. Der US-Repo-Markt ist quasi zum US-Fed-Repo-Markt mutiert. Weltweit setzen Anleger auf ein weiterhin extrem niedriges Zinsniveau und eine auch quantitativ extrem lockere Geldpolitik.

Ohne die Zusatzliquidität aus den digitalen Notenpressen sind die hohen Preise für Vermögenswerte auch gar nicht mehr bezahlbar und ohne Niedrigzinsen auch nicht mehr fremdfinanzierbar.

Verstärkt wird die Erwartung der Märkte an die Notenbanken noch durch Äußerungen wie dem US-Präsidentenberater Larry Kudlow oder dem US-Präsidenten selbst, die erst zu Wochenbeginn erneut vehement weitere Zinssenkungen von der Fed forderten. Liefern die Notenbanken nicht die erhoffte Belohnung, ist es aus mit dem neuen Paradigma an den Börsen. Mit Kontrolle hat das schon lange nichts mehr zu tun. Es ist eine Schicksalsgemeinschaft auf Gedeih und Verderb, die die Aktienmärkte mit den Notenbanken eingegangen sind und umgekehrt genauso.

Notenbanken: Zwang statt Kontrolle

Die Angst davor, etwas zu verpassen, Neudeutsch auch „FOMO“ genannt, treibt immer mehr Geld ins Risiko und zwingt damit die Notenbanken immer mehr zum Risiko-Management. Dazu müssen sie ein permanent konstruktives Umfeld für die Vermögensmärkte schaffen. Das ist Zwang und keine Kontrolle.

Dumm nur, dass dieses Spiel nicht ewig fortsetzbar ist. Aber wie könnte es enden? Spinnt man den Faden dieser Kausalität weiter, landet man irgendwann in der Zukunft bei einem Kontrollverlust der Notenbanken über die Vermögenspreisinflation mit sehr wahrscheinlichen Übertragungseffekten auf die Teuerung aller Güter und Dienstleistungen. Nicht umsonst betonte Jerome Powell erst jüngst wieder, ebenso wie seine Kollegin Christine Lagarde, dass ein Überschießen der gesamtwirtschaftlichen Teuerungsrate tolerierbar sei. Schließlich verharrt die offizielle Inflationsrate schon seit der Finanzkrise nahezu permanent unterhalb der Inflationsziele der westlichen Notenbanken, da kann sie auch mal eine Zeit lang darüber liegen (Thema asymmetrisches Inflationsziel).

Fazit und Ausblick

Man sollte die Party genießen, solange sie andauert. Gleichwohl kann einem bei der aktuell zu beobachtenden Diskrepanz zwischen Realität und Stimmung an den Aktienmärkten mulmig zu Mute werden. Logisch ist diese Diskrepanz schon – nur eben sehr gewöhnungsbedürftig.

Ein neues Zeitalter hat begonnen. Oder ist es schon das Endspiel eines ganzen Zeitalters? Fakt ist, dass für alle Börsianer die Handlungen der Geldpolitiker zum zentralen Thema geworden sind. In diesem Sinne: Börsianer dieser Welt, hört auf die Signale! Aus den Zentralbanken!

Die Notenbanken sind inzwischen Getriebene - ihre Kontrolle ist eine Illusion

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    Sven

    12. Februar 2020 20:49 at 20:49

    Jay Powell hat den Freelunch heute eröffnet:

    „Fed will use ‘QE’ aggressively to fight next recession„

    Damit ist endlich auch jede bad news eine good news.

    Auf die nächsten Tausendermarken in den Indizes.

  2. Avatar

    Sven

    12. Februar 2020 22:03 at 22:03

    Sehr schön, der erste Freelunch heute war doch schon mal ein kleiner Vorgeschmack auf die folgenden Leckerbissen.

  3. Avatar

    Hesterberg

    13. Februar 2020 01:06 at 01:06

    Es hat kein neues Zeitalter begonnen, das alte läuft durch das Coronavirus nur schneller ab, als es sonst der Fall gewesen wäre. Das Ende wird mit einem gigantischen Aktiencrash einhergehen und er ist auch durch gemeinsame und massive Interventionen aller Notenbanken nicht mehr zu verhindern. Es ist sogar durchaus denkbar, dass eben gerade die Notenbanken mit ihren Maßnahmen den Crash selbst auslösen, weil sie damit ihre schlussendliche Machtlosigkeit so eindrucksvoll unter Beweis stellen.

    Mit Gelddrucken kann man das Coronavirus nicht beeindrucken. Verschlimmert sich die Epidemie in den nächsten 4 Wochen weiter und entwickelt sie sich gar zu einer Pandemie, dann war war’s das. Die ohnehin schwächelnde Weltwirtschaft bricht dann völlig zusammen. Aber auch wenn man das Coronavirus-Problem in den Griff bekommt, ist eine weltweite Rezession durch Notenbankgeld nur noch zu verzögern, aber nicht mehr aufzuhalten. Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen wird weiter zurückgehen und auch zinslose Kredite können das nicht mehr verhindern.

    Weltweit gibt es Immobilienblasen, die schon am Platzen sind oder ihren Hochpunkt erreicht haben. Gegen die verheerenden Folgen stark rückläufiger Immobilienpreise sind die Notenbanken ebenfalls völlig machtlos.

    Die Notenbanken könnten auch einen Crash an den Anleihemärkten nur verzögern. Sie können die immer größer werdende Schieflage von Versicherern und Pensionskassen nicht aufhalten, sie können die beginnende Pleitewelle von Zombieunternehmen nicht verhindern. Sie können auch Panik am Markt für verbriefte Subprimekredite oder einen weltweiten Anstieg der Arbeitslosigkeitszahlen nicht verhindern. OK, sie können noch Banken und Staaten retten, ja, das können sie. Allerdings kommen sie damit dem Crash am Aktienmarkt nicht zuvor, sondern er ihnen.

  4. Avatar

    Torsten

    13. Februar 2020 06:23 at 06:23

    Mich erinnert das an: Wir werden den Tod besiegen. In Zukunft muss niemand mehr sterben. Die Notenbank stellt die Mittel bereit.

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