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Keine Zombieunternehmen? Experten sprechen von 25.000 künstlich am Leben gehaltenen Unternehmen

Insolvenz-Buchstaben

Gibt es gar keine Zombieunternehmen in Deutschland? Das behauptete letztes Jahr mitten in der Coronakrise Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Diese Aussage versetzte nicht nur uns bei FMW in Staunen. Aber gut. Aktuell kommt eine Meldung von Creditreform auf den Tisch, der größten deutschen Wirtschaftsauskunftei.

Berg an Zombieunternehmen wächst, hinausgezögerte Insolvenzen stauen sich auf

Die Wirtschaftsauskunftei CRIF Bürgel sprach erst letzten Freitag von einen Rückstaub von 16.500 Unternehmen, die eigentlich insolvent sein sollten. Creditreform und ZEW behaupten heute ebenfalls in einer Studie, dass die finanzielle Unterstützung in der Corona-Pandemie schon jetzt zu einem hohen Rückstau bei den Insolvenzen geführt habe. Man spricht von einer Anzahl von 25.000 Unternehmen, die durch staatliche Hilfen nur noch künstlich am Leben gehalten werden. Die im Zuge der Corona-Pandemie bereitgestellten staatlichen Hilfen haben laut Creditreform in vielen Fällen Unternehmen begünstigt, die auch ohne den Lockdown in eine existenzielle Krise geraten wären. Auf diese Weise hätte sich ein Rückstau bei den Insolvenzen in Höhe von etwa 25.000 überwiegend kleinen Betrieben gebildet.

Die undifferenzierte Verteilung der Hilfsgelder und die fehlenden Öffnungsperspektiven werden laut Creditreform in Verbindung mit dem andauernden Insolvenzmoratorium ab der zweiten Jahreshälfte einen signifikanten Anstieg der Insolvenzen zur Folge haben. Grundlage für diese Aussage ist eine Studie mit Bonitätsdaten von etwa 1,5 Millionen Unternehmen. Man habe Zahlungsfähigkeit und Kreditwürdigkeit im Vorkrisenzeitraum Juli 2017 bis Dezember 2019 mit dem Corona-Krisenzeitraum April 2020 bis einschließlich Juli 2020 verglichen.

Dabei habe sich laut Creditreform gezeigt, dass insbesondere kleine finanziell schwache Unternehmen, die unter normalen wirtschaftlichen Umständen mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Insolvenz gegangen wären, ohne Perspektive auf eine erfolgreiche Sanierung durch staatliche Hilfen am Leben gehalten wurden. Die Folge sei gewesen, dass in den besonders von der Krise betroffenen Branchen wie der Gastronomie weniger als halb so viele Betriebe Insolvenz anmeldeten als auf Basis der Vorjahre zu erwarten gewesen wäre. Bei Unternehmen, die vor der Krise eine gute Bonität aufwiesen, sei der Studie zufolge kein Rückstau bei den Insolvenzen festzustellen. Fakt ist, was auch von Creditreform erwähnt wird: Trotz des tiefen Einbruchs der deutschen Wirtschaft ist die Zahl der Insolvenzen im vergangenen Jahr auf ein Allzeittief seit der Einführung der Insolvenzordnung im Jahr 1999 gefallen!

Creditreform mit klarer Meinung über wenig sinnhaftige Verzerrung

Creditreform bringt in seiner Mitteilung quasi nochmal die Meinung zum Ausdruck, warum dieses Aufstauen von kaputten Unternehmen ein Problem darstellt. Insolvenzen würden dazu führen, dass sich die betroffenen Mitarbeiter anderen, effizienter und kreativer arbeitenden Unternehmen zuwenden. Kapital fließe weg von insolventen hin zu wirtschaftlich stabilen Firmen. Dieser Prozess stärke auch die Produktivität und Innovationskraft einer Volkswirtschaft und werde durch ungerechtfertigte staatliche Finanzhilfen aufgehalten.

Um die Wirtschaft nach dem ersten Lockdown aufrecht zu erhalten und um vor allem größere Insolvenzen zu verhindern, sei eine schnelle staatliche Unterstützung laut Creditreform zweifellos notwendig gewesen. Man räume ein, dass eine tiefgreifende Analyse der wirtschaftlichen Situation der Antragsteller in der Kürze der Zeit kaum möglich gewesen sei. Gleichwohl sollten die unerwünschten Begleiterscheinungen der Mittelverteilung nach dem Gießkannenprinzip ein Anlass sein, im weiteren Verlauf der Corona-Pandemie Finanzhilfen nur nach sorgfältiger Prüfung zu verteilen.



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2 Kommentare

  1. Ich dachte immer es gibt hier in Deutschland keine Zombieunternehmen? Hat ein gewisser Markus Krall doch nicht so Unrecht. Beweist mal wieder nur, das Leute wie Marcel Fratzscher chronische Dummschwätzer sind, die eigentlich von nichts eine ahnung haben.

    Aber das ist wie immer in Deutschland: Wenn es zu einer Thematik keine Statistik gibt, dann existiert dass Problem nicht.

  2. Avatar
    Überlebenskünstler

    „Auf diese Weise hätte sich ein Rückstau bei den Insolvenzen in Höhe von etwa 25.000 überwiegend kleinen Betrieben gebildet.“ Ach du meine Güte, es gibt alleine schon etwa 80.800 Friseurunternehmen und um die 180.000 Gastronomiebetriebe, 10.000 Reisebuchungsstellen, 10.000 Fitnessstudios. Und viele zig-hundert Tausend andere in diversen Branchen. Jeder mit einer überschaubaren Anzahl von Angestellten, oft aus der eigenen Familie. Gehen die heute pleite, machen sie morgen wieder auf, oder ein Nachfolger tritt an ihre Stelle.

    Finanzhilfen an kleine Unternehmen werden nach dem Soforthilfe-Chaos vor einem Jahr ohnehin mit dem Messer zwischen den Zähnen geprüft und verteilt. EÜR und Bilanzen werden längst über die Finanzämter als Kontrollstelle mit den Daten der vergangenen Jahre verglichen, bevor es Hilfen gibt. Die Soforthilfen werden nachträglich im Rahmen der Einkommenssteuererklärung für 2020 überprüft, nicht zuletzt mittels Abgleich der Umsatzsteuerjahreserklärung zu den Vorjahren, die einen genauen Überblick über Umsatzverluste bietet.

    Creditreform sollte sich dahingehend eher zu den Massengräbern und Großkonzernen mit den richtig dicken Fördersummen äußern. Wo ein einziger Betrieb mehr erhält, als viele Millionen Kleinunternehmer. Sich mit Geldsummen anstelle der Anzahl von Betrieben befassen.

    Man könnte im besten evolutionär-krallschen Sinn des liberalen Wirtschaftsdarwinismus natürlich die 280.000+ Kleinunternehmen erstmal unverschuldet pleite gehen und dann nach Ende der Pandemie irgendwann die natürlichen Selbstheilungskräfte einer freien Wirtschaft wirken lassen. Aber dann auch bitte für eine Lufthansa und eine TUI.

    https://www.deutsche-handwerks-zeitung.de/branchenuebersicht-so-viele-betriebe-gibt-es-im-handwerk/150/3094/401795
    https://de.statista.com/themen/137/gastronomie/
    https://www.deutschlandinzahlen.de/tab/deutschland/branchen-unternehmen/gastgewerbe/gastronomiebetriebe
    https://www.hotelier.de/lexikon/a/anzahl-restaurants-in-deutschland
    https://www.bodymedia.de/themen/trends-specials/eine-betrachtung-der-fitnessmaerkte-in-europa.html

    P.S. Es wäre interessant zu erfahren, woher eine Creditreform ihre Daten und Zahlen bezieht. Mich als Inhaber einer kleinen Unternehmens rufen die ständig an, um ihren Datenbestand zu aktualisieren. Und ich lüge denen ständig die Hucke voll, immer nach aktueller persönlicher Stimmung (aktuelle Lage) und Laune (Zukunftseinschätzung).

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