Ein historischer Ausverkauf von Tech-Aktien, ausgelöst durch Künstliche Intelligenz, erschüttert die globalen Aktienmärkte: Innerhalb weniger Tage wurden Werte in Billionenhöhe vernichtet. Was diesen Abverkauf von früheren KI-Korrekturen unterscheidet, ist nicht die Angst vor einer Blase, sondern die wachsende Überzeugung, dass KI bestehende Geschäftsmodelle real und kurzfristig verdrängt. Investoren reagieren nervös – und verkaufen weit über den Softwaresektor hinaus.
KI-Ausverkauf an den Aktienmärkten
In den drei Jahren seit dem Durchbruch von ChatGPT gab es einige KI-getriebene Kursrückgänge. Doch nichts kommt dem gleich, was sich in dieser Woche über Kredit- und Aktienmärkte hinweg abgespielt hat.
Zum einen ist da die Geschwindigkeit und Breite der Korrektur. Laut einem Bericht von Bloomberg wuren innerhalb von nur zwei Tagen Hunderte Milliarden US-Dollar an Börsenwert vernichtet – bei Aktien, Anleihen und Unternehmenskrediten von großen wie kleinen Firmen, insbesondere im Silicon Valley. Im Epizentrum standen Software-Aktien: Der von iShares verfolgte Software-ETF hat allein in den vergangenen sieben Tagen fast eine Billion US-Dollar an Wert verloren – seit Jahresbeginn summiert sich der Verlust auf fast 20 %.
Zum anderen unterscheidet sich dieser Ausverkauf fundamental von früheren Rücksetzern. Er wurde nicht durch die Angst vor einer Überbewertung ausgelöst, sondern durch die Sorge, dass KI kurz davorsteht, ganze Geschäftsmodelle zu ersetzen – genau jene Gefahr, vor der Kritiker seit Jahren warnen.
„Ich halte das nicht für eine Überreaktion der Aktienmärkte“, sagte Michael O’Rourke, Chefmarktstratege bei Jonestrading. „Seit zwei Jahren sprechen wir darüber, dass KI die Welt verändern wird und eine generationenprägende Technologie ist. In den letzten Wochen sehen wir erstmals konkrete Anzeichen dafür in der Praxis.“

Anthropic bringt Tech-Aktien unter Druck
Der unmittelbare Auslöser wirkte zunächst harmlos: Das KI-Startup Anthropic PBC veröffentlichte ein neues KI-Tool für juristische Arbeit, etwa zur Vertragsprüfung. Für sich genommen gilt das Produkt noch nicht als Durchbruch. Doch nach einem Jahr, in dem Anthropics Coding-Tools die Softwareentwicklung spürbar verändert haben – als Teil einer breiteren Welle von KI-Innovation –, wurde selbst die kurze, vier Absätze lange Produktankündigung äußerst ernst genommen.
„Heute ist es Legal Tech, morgen könnten es Vertrieb, Marketing oder Finanzen sein“, schrieb Jackson Ader, Analyst bei KeyBanc.
Zusätzlich verunsichert Anleger, dass selbst Unternehmen, die bislang als Hauptprofiteure des KI-Booms galten, Ermüdungserscheinungen zeigen. Alphabet erklärte in seinen Quartalszahlen, dass die KI-Investitionen deutlich höher ausfallen würden als erwartet. Arm Holdings wiederum veröffentlichte eine Umsatzprognose unter den Erwartungen. Beide Aktien gerieten im nachbörslichen Handel unter Druck.
„Anfangs verkaufen wir nur Software-Aktien, jetzt verkaufen wir alles“, sagte Gil Luria, Managing Director bei D.A. Davidson. „Das verstärkt sich selbst: Fallen Kurse stark genug, entsteht negatives Momentum – und weitere Marktteilnehmer steigen aus.“
Gewinner und Verlierer
Der Abverkauf beschränkt sich längst nicht auf US-börsennotierte Unternehmen. Auch die London Stock Exchange Group, Tata Consultancy Services und Infosys haben in dieser Woche deutlich verloren – ebenfalls aus Angst vor KI-bedingter Verdrängung.
Darüber hinaus hat sich der Druck auf die Finanzierungsseite der Branche ausgeweitet. Banken und Private-Equity-Investoren, für die Softwarefirmen lange attraktive Ziele waren, sind zunehmend betroffen. Laut einem Bloomberg-Index fielen in den vergangenen vier Wochen US-Technologiekredite im Wert von über 17,7 Milliarden US-Dollar auf ein Niveau, das als „distressed“ gilt.
In vielerlei Hinsicht ist die Angst bislang noch theoretisch. Führende Softwareanbieter wie ServiceNow und Salesforce haben weder Gewinne verfehlt noch Investoren signalisiert, dass KI bereits Kunden kostet, dennoch fielen die Tech-Aktien in den letzten Wochen zurück.
Gleichzeitig investieren Softwareunternehmen seit Jahren in eigene KI-Lösungen. Sie versprechen vor allem einen sicheren Einsatz von KI, der auf bereits vorhandene Kundendaten innerhalb ihrer Systeme zugreift. Dennoch bleiben die Resultate bislang oft hinter den Erwartungen zurück. Microsoft erklärte vergangene Woche, dass sein Copilot-Tool rund 15 Millionen zahlende Nutzer habe – ein Bruchteil im Vergleich zu der Nutzerbasis von mehreren Hundert Millionen.
Die jüngsten Entwicklungen nähren die Befürchtung, dass führende KI-Anbieter etablierte Marktteilnehmer innovationsseitig überholen könnten – und dass die Abrechnung schneller kommt als lange angenommen.
„Es wird ein sehr interessantes Jahr“, sagte Dec Mullarkey, Managing Director bei SLC Management. „Was wir jetzt sehen, sind frühe Phasen einer Neuordnung: Wer wird gewinnen, wer verlieren, und wer ist am verwundbarsten, während dieser Prozess voranschreitet.“
FMW/Bloomberg
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