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Tech-Spaltung in Europa KI-Boom 2026: Warum Hardware gewinnt, Software verliert

KI-Boom 2026: Warum Hardware gewinnt, Software verliert
Ein Logo auf einem Fahrrad auf dem SAP-Campus in Walldorf. Foto: Bloomberg

Während Europas Chip- und Halbleiter-Aktien von steigenden KI-Investitionen profitieren, geraten Softwareunternehmen zunehmend unter Druck. Die disruptive Kraft der künstlichen Intelligenz schürt neue Sorgen an den Märkten: KI-Tools könnten etablierte Geschäftsmodelle schneller verdrängen, als sich neue Umsatzquellen erschließen lassen. Anleger reagieren prompt – und schichten Kapital in großem Stil in Infrastruktur- und Hardwaretitel um.

Hardware überholt Software

Europas Softwareunternehmen stehen vor einem Jahr mit gebremstem Gewinnwachstum. Laut Daten von Bloomberg Intelligence dürfte das Gewinnwachstum je Aktie (EPS) 2026 auf 13 % sinken, nachdem es im Vorjahr noch 17 % betragen hatte. Betroffen sind insbesondere Anbieter, deren Dienstleistungen durch leistungsfähigere KI-Anwendungen substituiert werden könnten – darunter SAP, Dassault Systèmes und Reply.

Im klaren Kontrast dazu entwickeln sich Europas Chipproduzenten und Hersteller von Halbleiterausrüstung. Wie Bloomberg berichtet, sollen Unternehmen wie Infineon oder ASML, die die technologische Basis des KI-Booms liefern, im Jahr 2026 ein Gewinnplus von 21 % erzielen – nach lediglich 7 % im Jahr 2025. Kapitalmärkte honorieren damit vor allem jene Firmen, die die Infrastruktur für Rechenleistung, Datenzentren und KI-Beschleuniger bereitstellen.

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KI verschiebt Marktgewichte

Für zusätzliche Nervosität sorgte zuletzt das US-Startup Anthropic mit der Einführung eines KI-Plugins zur Automatisierung juristischer Aufgaben. Die Ankündigung löste weltweit Abverkäufe bei Software- und IT-Werten aus. Investoren reduzierten gezielt Engagements in Unternehmen, deren Produkte im KI-Zeitalter an Relevanz verlieren könnten. Auch die Vorstellung eines KI-Tools durch eine Online-Versicherungsplattform verstärkte die Sorge, dass KI-Anwendungen etablierte Branchen schneller umkrempeln als bislang angenommen.

Der Druck dürfte anhalten. „KI wird das Umsatzwachstum von IT-Firmen in den nächsten ein bis zwei Jahren belasten, da die Deflation in bestehenden Servicebereichen die neu entstehenden KI-Umsätze übersteigen wird“, schrieb Jefferies-Analyst Akshat Agarwal. Schätzungen spiegelten dieses Risiko bislang nicht vollständig wider – mit potenziellen Folgen für die Bewertungen.

Die Divergenz zeigt sich bereits in der laufenden Berichtssaison. ASML meldete Rekordaufträge und gab einen optimistischen Ausblick, während SAP Investoren mit einer schwächeren Dynamik im Cloud-Geschäft enttäuschte. Ähnliche Entwicklungen sind auch in China zu beobachten: Dort übertreffen die Gewinnerwartungen klassischer IT-Unternehmen inzwischen jene großer Internetkonzerne.

2026: Gewinner und Verlierer

Treiber der Hardware-Rally sind massive Investitionsprogramme großer US-Technologiekonzerne. Ambitionierte Ausgabenpläne von Amazon und Alphabet befeuern die Nachfrage nach KI-Chips, Speicherchips, Halbleiterfertigung und Rechenzentrumsinfrastruktur. Für Infrastruktur-Anbieter bedeutet das steigende Auftragsvolumina – und Visibilität beim Umsatz.

Doch genau diese Investitionen verschärfen das strukturelle Risiko für Softwareanbieter. Leistungsfähigere KI-Systeme könnten Funktionen automatisieren, für die bislang spezialisierte Softwarelösungen erforderlich waren. Richard Clode, Portfoliomanager bei Janus Henderson, meidet daher inzwischen den Bereich kommerzieller und professioneller Dienstleistungen. „Der Wettbewerb lohnt sich schlicht nicht. Im Technologiesektor gibt es attraktivere Chancen“, so seine Einschätzung.

Allerdings sind nicht alle Softwareunternehmen gleichermaßen exponiert. Besonders anfällig gelten Anbieter in den Bereichen Kommunikation und Kollaboration – etwa Projektmanagement- oder E-Mail-Marketing-Tools. Bloomberg-Analyst Niraj Patel erwartet, dass KI hier zur primären Benutzeroberfläche wird.

Robuster positioniert erscheinen dagegen Unternehmen aus den Segmenten Lohnabrechnung, Product Lifecycle Management, elektronische Designautomatisierung oder Bausoftware. Ein Grund ist der Zugang zu proprietären Datenbeständen, die sich nicht ohne Weiteres replizieren lassen. Auch für Cybersecurity-Anbieter seien viele KI-Sorgen „weitgehend unbegründet“, so Berenberg-Analyst Rahul Chopra.

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Markt sucht Orientierung

Die Umschichtung dürfte sich fortsetzen, solange der Markt zwischen KI-Gewinnern und -Verlierern differenziert. Seit Mitte 2025 hat sich die Performance-Lücke zwischen Software- und Hardwarewerten weiter vergrößert.

„Wir befinden uns in einer Phase, in der Investoren KI-Enabler aggressiv kaufen und als gefährdet geltende Unternehmen ebenso konsequent verkaufen“, schreiben die UBS-Strategen um Gerry Fowler. Teilweise geschehe dies jedoch zu undifferenziert – etwa im Fall von SAP, so ihre Einschätzung. Die Aktie des deutschen Softwarekonzerns liegt seit Jahresbeginn mit rund 15 % im Minus, nachdem die jüngste Korrektur spürbar an Dynamik gewonnen hat.

Die entscheidende Frage bleibt: Welche Geschäftsmodelle lassen sich durch KI nachhaltig stärken – und welche werden fundamental infrage gestellt?

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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