Jahrelang schien die Investmentstrategie denkbar einfach: Wer auf den KI-Boom setzen wollte, kaufte die Magnificent Seven. Nvidia, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta, Apple und Tesla trieben den S&P 500 und den Nasdaq 100 von Rekord zu Rekord und schienen die klaren Gewinner der künstlichen Intelligenz zu sein. Doch genau dieses Bild beginnt zu bröckeln. Während der KI-Trend ungebrochen ist, verlagert sich das Interesse der Anleger zunehmend auf Chip-Aktien. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob KI weiter wächst – sondern wer am meisten daran verdient.
Magnificent Seven: Die Rotation nimmt Fahrt auf
Wie Bloomberg berichtet, sprechen die aktuellen Marktdaten inzwischen eine deutliche Sprache. Während der Nasdaq 100 im laufenden Jahr um knapp 18 % und der S&P 500 um rund 10 % zulegen konnten, kommt ein Index der Magnificent Seven lediglich auf ein Plus von 1,1 %. Gleichzeitig schoss der Philadelphia Semiconductor Index um 82 % nach oben und steuert damit auf sein stärkstes Börsenjahr seit 1999 zu. Besonders Speicherchip-Hersteller wie Micron oder Sandisk gehörten zuletzt zu den größten Gewinnern.
Die Zahlen deuten auf eine bemerkenswerte Rotation innerhalb des KI-Sektors hin. Während die Magnificent Seven als bisherige Börsenlieblinge an Dynamik verlieren, rücken Unternehmen in den Vordergrund, die unmittelbar vom Ausbau der KI-Infrastruktur profitieren. Der Markt belohnt derzeit nicht die größten KI-Investoren, sondern die größten KI-Profiteure.
„Früher waren die Magnificent Seven einer der wenigen Bereiche, in denen Anleger zuverlässig deutlich stärkeres Gewinnwachstum als im Gesamtmarkt fanden. Heute konzentrieren sich viele Investoren eher auf die Gründe, warum sie diese Aktien nicht mögen“, sagte Brian Barbetta, Co-Leiter des Technologiesektors bei Wellington Management.

Von KI-Investoren zu KI-Profiteuren
Besonders deutlich wird diese Verschiebung beim Blick auf die Kursentwicklung einzelner KI-Aktien. Während Microsoft als einer der größten Investoren in den Ausbau von Rechenzentren und KI-Infrastruktur seit Jahresbeginn rund 20 % an Börsenwert eingebüßt hat, legte der Speicherchip-Hersteller Sandisk im gleichen Zeitraum um mehr als 600 % zu. Der Markt scheint derzeit nicht mehr die Unternehmen zu belohnen, die Milliarden in KI investieren, sondern jene, die unmittelbar vom Ausbau der KI-Infrastruktur profitieren – allen voran Chip-Aktien.
Während Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta ihre Investitionen in Rechenzentren, Chips und KI-Modelle massiv ausweiten, profitieren zunächst vor allem jene Unternehmen, die die dafür benötigte Infrastruktur liefern. Speicherchips, Hochleistungs-Speicher und weitere Komponenten sind zu einem Engpass im KI-Ausbau geworden – und entsprechend gefragt.
Gleichzeitig wächst die Skepsis gegenüber den milliardenschweren Investitionen der Hyperscaler. Die Konzerne erhöhen ihre Investitionsausgaben auf Rekordniveau, belasten damit jedoch kurzfristig ihre freien Cashflows. Viele Anleger stellen sich deshalb zunehmend die Frage, wann sich diese Ausgaben tatsächlich in steigenden Umsätzen und Gewinnen auszahlen werden.
Diese wachsende Skepsis sieht auch Brian Barbetta, Co-Leiter des Technologiesektors bei Wellington Management. „Der Markt diskutiert inzwischen, ob Cloud-Unternehmen künftig niedrigere Kapitalrenditen und geringere Margen erzielen werden.“
Auch die Kapitalströme spiegeln diesen Stimmungswechsel wider. Laut Bloomberg zogen Investoren im Juni 786 Millionen US-Dollar aus dem Roundhill Magnificent Seven ETF ab – der höchste monatliche Mittelabfluss seit Auflegung des Fonds. Gleichzeitig flossen 9,3 Milliarden US-Dollar in den Roundhill Memory ETF, der von der starken Nachfrage nach Speicherchips profitiert.
Comeback der Magnificent Seven?
Allerdings mehren sich auch die Stimmen, die eine Gegenbewegung erwarten. Das US-Aktienstrategie-Team von Morgan Stanley um Mike Wilson beobachtet bereits erste Anzeichen einer nachlassenden Dynamik bei Chip-Aktien. Gleichzeitig kehre Kapital zunehmend zu den bislang schwächeren KI-Hyperscalern zurück. Eine so starke Divergenz zwischen beiden Gruppen sei auf Dauer nicht nachhaltig.
Demnach wäre es verfrüht, das Ende der Magnificent Seven auszurufen. Mehrere Strategen verweisen darauf, dass sich der wirtschaftliche Nutzen der KI-Investitionen erst mit zeitlicher Verzögerung zeigen dürfte. Nikolaos Panigirtzoglou, globaler Marktstratege bei JPMorgan, erwartet, dass sich die Bewertungslücke wieder schließen könnte, sobald die großen Cloud-Anbieter ihre KI-Investitionen erfolgreicher monetarisieren und Umsatz sowie Gewinne entsprechend anziehen.
Damit steht der KI-Sektor an einem entscheidenden Punkt. Der Markt zweifelt nicht grundsätzlich an der Zukunft der Magnificent Seven – wohl aber an ihrer kurzfristigen Rolle als Börsenführer. Anleger belohnen derzeit vor allem Unternehmen, die unmittelbar vom Ausbau der KI-Infrastruktur profitieren. Der KI-Boom ist damit keineswegs vorbei. Doch die Börse scheint erstmals neu zu definieren, wer als eigentlicher Gewinner dieser Entwicklung gilt. Genau diese Frage dürfte in den kommenden Quartalen maßgeblich darüber entscheiden, welche Aktien den KI-Boom anführen – und welche zunächst ins Hintertreffen geraten.
FMW/Bloomberg
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