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Eine Bloomberg-Analyse KI braucht mehr Strom: Netze geraten weltweit an ihre Grenzen

Grafik: ChatGPT

Strom wird zum entscheidenden Faktor für Wirtschaftswachstum im digitalen Zeitalter. Wo Netz und Stromversorgung an ihre Grenzen stoßen, geraten Investitionen ins Stocken – selbst bei Zukunftstechnologien wie KI. Was lange als Problem ärmerer Länder galt, entwickelt sich zunehmend zum Risiko für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit reicher Industrienationen.


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Ohne Strom kein Wachstum

Der Chipausrüster ASML Holding ist so bedeutend, dass Schwankungen in seiner Geschäftsentwicklung sowohl die niederländische Volkswirtschaft als auch die weltweite Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) beeinflussen können. Nun hängt einer der größten Expansionspläne des Unternehmens – der Bau eines neuen Campus mit bis zu 20.000 Arbeitsplätzen in der Region Eindhoven – davon ab, ob ASML überhaupt einen Stromanschluss erhält.

Trotz der Tragweite ist nicht garantiert, dass der Konzern die benötigte Versorgung bekommt, so ein Bericht von Bloomberg. ASML gehört zu rund 12.000 Unternehmen in den Niederlanden, die auf einen Netzanschluss warten. Netbeheer Nederland, der Verband der niederländischen Netzbetreiber, rechnet damit, dass die Engpässe noch bis zu zehn Jahre anhalten können – selbst wenn jährlich 8 Milliarden Euro in das Netz fließen.

Ein Grund ist, dass der Stromverbrauch weit schneller gestiegen ist als erwartet. „Die Niederlande verbrauchen bereits so viel Strom, wie ursprünglich erst für das Jahr 2030 erwartet wurde“, sagte Debby Dröge von Netbeheer Nederland. „Das physische Netz kann mit den gesellschaftlichen Ambitionen und Entwicklungen nicht Schritt halten – es sei denn, wir verändern grundlegend, wie wir es gestalten und nutzen.“

Solche Engpässe galten lange als Problem von Entwicklungsländern. Forschungsergebnisse zeigen seit Jahrzehnten, dass eine zuverlässige Stromversorgung entscheidend für wirtschaftliches Wachstum ist. Reiche Länder sahen sich diesen Fragen kaum ausgesetzt, da Deindustrialisierung den Strombedarf trotz wachsender Wirtschaft über Jahre stabil hielt oder sogar sinken ließ.

Doch der Aufstieg der künstlichen Intelligenz, der Boom bei Elektroautos und die zunehmende Elektrifizierung vieler Wirtschaftssektoren senden nun selbst in wohlhabenden Staaten Warnsignale. Eine exklusive Analyse von Bloomberg Economics zeigt, dass nahezu alle G20-Länder wachsende Netzbelastungen verzeichnen – von stagnierender Versorgung bei steigendem Bedarf über volatile Preise bis hin zu klimabedingten Schäden und Übertragungsverlusten.

Strom und Wirtschaftswachstum

Die Analyse zeigt zudem, dass steigende Netzbelastung mit sinkenden Kapitalausgaben einhergeht – also mit geringeren staatlichen und privaten Investitionen in langfristige Vermögenswerte.

„Geringere Investitionen bedeuten langfristig ein geringeres Wirtschaftswachstum“, sagte Maeva Cousin, Chefökonomin für Handel und Klima bei Bloomberg Economics.

Die wachstumsfördernden Effekte von Elektrifizierung lassen sich weltweit beobachten – von Indien und China bis zu zahlreichen afrikanischen Staaten – und historisch durchgängig seit dem späten 19. Jahrhundert. Typischerweise gilt: Je reicher ein Land ist, desto mehr Strom verbraucht es.

Eine ähnlich enge Korrelation existiert bei anderen Energieformen nicht. Der Kohleverbrauch etwa steigt zunächst mit wachsender Wirtschaftskraft, sinkt jedoch wieder, sobald ein Land vom mittleren ins hohe Einkommensniveau übergeht. Beim fossilen Energieverbrauch pro Kopf zeigen sich eher regionale Unterschiede als solche entlang einzelner Länder.

1. Höherer Stromverbrauch und BIP pro Kopf, globale Vergleichsanalyse.

So verbrauchen europäische Hochlohnstaaten pro Kopf deutlich weniger fossile Energie als ebenso wohlhabende Länder in Nordamerika oder Asien. Schweizer verdienen im Schnitt rund 50% mehr als Kanadier, verbrauchen jedoch nur ein Viertel der fossilen Energieträger.

Elektrifizierung kann dabei tiefgreifende Veränderungen auslösen. Ein Beispiel aus Nigeria: Als Manoj Sinha erstmals das Dorf Rukubi besuchte, fiel ihm der Dieselgeruch der zahlreichen Generatoren auf, die eine Siedlung von nur tausend Haushalten versorgten. In dem Fischerdorf verdirbt der Fang an 40-Grad-Hitzetagen oft noch vor Sonnenuntergang – Generatoren hielten ihn notdürftig kühl.

Sinha ist CEO von Husk Power Systems, einem Unternehmen, das in ländlichen Regionen von Entwicklungsländern Kleinstromnetze errichtet. Nach der Installation eines solarbetriebenen Minigrids konnten mehr Fischer Kühlschränke anschaffen und auf teure Dieselgeneratoren verzichten.

Forscher der University of Nigeria kamen zu dem Ergebnis, dass jede einprozentige Steigerung des Konsums sauberer Energie langfristig mit einem BIP-Zuwachs von 2,74% einhergeht. „Viele Unternehmen geben enorme Summen für Dinge wie Diesel aus“, sagte die in Nigeria geborene Rita Okoroafor, Assistenzprofessorin an der Texas A&M University. „Der Zugang zu Elektrizität ist das größte Hindernis für das Wirtschaftswachstum in Nigeria.“

Belastete Netze in Industrieländern

Zunehmend betrachten auch Unternehmen in reichen Ländern Strom als ihr größtes Hindernis. Um diese Belastungen systematisch zu erfassen, entwickelte Bloomberg Economics einen Index, der die Stromsysteme aller G20-Länder anhand von fünf Faktoren bewertet: Angemessenheit, Nachfrage, Kosten, Netzverluste und Klimaauswirkungen.

In den frühen 2000er-Jahren stieg die Nachfrage in vielen Ländern rasch, während die Versorgung nicht Schritt hielt. In den 2010er-Jahren entspannte sich die Lage dank besseren Netzmanagements und geringeren Verbrauchs. „Diese Ruhe schwindet“, sagte Eleonora Mavroeidi, Ökonomin in Paris, die die Analyse leitete. Heute verzeichnen die meisten reichen Länder wieder steigende Belastungen.

In Europa und den USA war die Stromnachfrage über zwei Jahrzehnte nahezu konstant oder rückläufig. Das Economic Transition Scenario von BloombergNEF erwartet jedoch in den kommenden 20 Jahren einen Anstieg um mehr als 40%.

Eine Studie ergab, dass die Niederlande ohne schnellere Netzverstärkung jährlich 8 bis 30 Milliarden Euro an Wirtschaftskraft und Nachhaltigkeitsgewinnen verlieren könnten – bis zu 1.800 Euro pro Einwohner. In Deutschland warnen regionale Unternehmensverbände, dass eine unsichere Stromversorgung die industrielle Basis gefährde. In Großbritannien zahlten Netzbetreiber in diesem Jahr 1,4 Milliarden Pfund, um teurere Gaskraftwerke hochzufahren und Windparks im Norden abzuregeln, da Leitungen fehlen.

KI verschärft den Engpass

Der steigende Bedarf wird vor allem von KI-Rechenzentren und Elektroautos getrieben. Große Tech-Konzerne warnen bereits, Investitionen dorthin zu verlagern, wo Netze ausreichend ausgebaut sind.

Strommangel war einer der Gründe, warum Google seine Pläne für ein Rechenzentrum im brandenburgischen Mittenwalde aufgab. Ein Frankfurter Rechenzentrum kann vor 2033 nicht erweitert werden, da Versorger nicht genug Strom bereitstellen können. Microsoft verlagerte Investitionen von Irland und Großbritannien nach Skandinavien. Selbst im Silicon Valley können Rechenzentren nicht ans Netz gehen, weil der Versorger in Santa Clara nicht liefern kann.

„Wenn die Stromversorgung nicht schnell ausgebaut wird, könnte es unmöglich werden, das volle Potenzial modernster Technologien auszuschöpfen“, sagte Mavroeidi.

Umfragen bestätigen den Druck: Rund 72% der Führungskräfte in der Deloitte 2025 AI Infrastructure Survey bezeichnen die Netzkapazität als „sehr“ oder „extrem“ herausfordernd. Mehr als 90% der Entwickler sehen Netzengpässe als größtes Hindernis für Rechenzentrumsprojekte. Auch außerhalb der KI-Branche sind die Folgen spürbar: Der schwedische Stahlhersteller SSAB verschob den Start eines neuen Werks wegen Netzproblemen.

Besonders besorgniserregend sind jedoch die langfristigen Effekte. „Ein Anstieg um eine Standardabweichung im Electricity System Stress Index senkt den Investitionsanteil am BIP Schätzungen zufolge um rund 0,33%“, so Cousin. Zudem könnten die Risiken unterschätzt sein: Sinkt die Nachfrage wegen Überlastung, nimmt auch der gemessene Stress ab – ebenso wie das Wachstum.

„Länder, die steigenden Strombedarf nicht decken können, riskieren, richtungsweisende Investitionen zu verpassen, die ihre wirtschaftlichen Perspektiven für Jahrzehnte prägen werden“, sagte Cousin.

FMW/Bloomberg



Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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7 Kommentare

  1. Wenn die Deindustrialisierung in Deutschland so weitergeht, wird es schon mit dem Strom reichen.
    Wer benötigt dann Rechenzentren?
    In den Behörden stehen ja auch noch FAX- Geräte.
    Und wenn Computer, dann mit US- Software..

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

    1. Die USA hat aber das gleiche Problem, die Datencenter brachen halt neuen Strom der noch nicht da ist, scheinbar.

    2. @Helmut
      Nicht die Stromerzeugung, sondern die Netze werden zum Hauptproblem. Wenn Leitungen glühen, Umspannwerke, Schaltanlagen, Transformatoren und Phasenschieber schmelzen, können Sie noch so viele Kernkraftwerke in die Gegend stellen.
      Rechenzentren können nur dort errichtet werden, wo auch ausreichend Strom problemlos hin transportiert werden kann UND zugleich entsprechende IXPs und Internet-Backbones verfügbar sind.

      Deutschland hat eines der zuverlässigsten Netze weltweit, kämpft aber mit seiner zentralen Lage als europäisches ‚Transitland‘. 2011 trat daher das Netzausbaubeschleunigungsgesetz (NABEG)in Kraft. In den letzten Jahren wurde der Ausbau erneut intensiviert. Hierzulande hat man also ein paar Jahre Vorsprung und steckt schon mitten in einem Transformationsprozess, der nun auf andere Länder dank KI und Kryptowahn wie eine Monsterwelle zurollt.

      Wenn Sie die Hauptprobleme nur in Deutschland verorten und komplett naiv tatsächlich glauben, woanders sei die Situation entspannter, empfehle ich einen objektiven Blick über Ihren Tellerrand des Deutschlandbashings hinaus.

      In den USA ist die Lage deutlich dramatischer als in Deutschland, da dort ein völlig veraltetes Netz auf den rasanten KI-Ausbau trifft.
      Warteschlangen: Ende 2025 warten Projekte mit einer Kapazität von mehreren hundert Gigawatt auf einen Netzanschluss.
      Preissprünge: Die Strompreise für Haushalte stiegen bis September 2025 um über 7 %, nicht zuletzt weil die Kosten für den Netzausbau massiv auf die Verbraucher umgelegt werden.
      Versorgungslücken: Experten warnen, dass bis 2028 Stromversorgung und Netzkapazitäten in den USA nicht mehr ausreichen könnte, um die Spitzenlasten der neuen Rechenzentren zu decken.

      Großbritannien: Hier gibt es Berichte über Wartezeiten von bis zu 15 Jahren für neue Netzanschlüsse (Stand 2025), was die britische Regierung dazu veranlasste, Anträge vorübergehend zu pausieren.

      Niederlande & Italien: In vielen Regionen dieser Länder sind die Kapazitätsgrenzen erreicht; Netzbetreiber mussten teilweise den Anschluss neuer Großverbraucher oder Solarparks verweigern.

      Iberische Halbinsel: Im April 2025 kam es zu einem massiven Blackout, der die Fragilität der dortigen Netze drastisch vor Augen führte.

      FrankreichDer Netzbetreiber RTE hat 2025 einen mittelfristigen Ausbauplan vorgelegt, nur um das Übertragungsnetz auf Hoch- und Höchstspannungsebene zukunftssicher zu machen. Rund 100 Milliarden Euro sollen bis 2040 in die Modernisierung, Digitalisierung und den Ausbau investiert werden. Doch auch Länder wie Frankreich müssen früher oder später deutlich schneller dezentral ausbauen, als es ihre ursprüngliche Strategie vorsah. Das bedeutet: Auch dort wird man in den nächsten 10 Jahren vermutlich wesentlich mehr in das Netz investieren müssen, als die aktuell veranschlagten 100 Milliarden Euro suggerieren.

  2. Warum dienen Rechenzentren die Zentralheizung nicht?
    Mittels Wärmepumpe könnte man auch Kälte erzeugen.
    Hat der Mensch die Rechenzentren mit aus physischen Sicht nur Wärme als Ergebnis erlaubt, ohne die umgesetzte Wärme zu nützen? Wird das alles einfach weg gekühlt und in der Atmosphäre gepustet, die Datenverarbeitung zu Liebe? Dafür brauchen wir doch keine KI um ein zu sehen dass das schwachsinnig ist.
    Industrieprozesse werden mehr und mehr für teueres Geld verbessert, Energierückführung, Effizienter durch Isolieren und Prozessoptimierung und neue Datenzentren dürfen einfach „verbrauchen“.
    Wäre ich nie drauf gekommen. Bitte sage dass es nicht wahr ist und dass Datenzentren alle entstandene Wärme zu 97,5% nutzen oder die Kommunen zur Verfügung stellen…

  3. Also bevor KI erst mal wächst, wächst Kupfer?

    Die Börse hats umgedreht?

  4. Das Problem liegt an den Versorgern und den von den Erträgen diesen Versorgen lebenden Eigentümern. Die sind Staatseigentum und die Versorger Staatsmonopolisten. Solange daran nicht gerüttelt wird bleiben wir zukünftiges Entwicklungsland.

  5. Haĺlo @ Jonas Tobsch
    Nur- wenn die Deindustrialisierung und die Abwanderung der noch profitablen Firmen so weitergehen, dann wird es in 10 Jahren mit den Strom reichen.
    Laut DATEV haben 2025 doppelt so viele profitable Firmen Deutschland verlassen, als 2024.
    Zusätzlich Pleiten und Schließungen.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

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