Europa

Konjunktur: Der erneute Kampf Deutschlands mit der Rezession

Aus einem Abschwung im Aufwärtstrend ist für die deutsche Konjunktur anscheinend ein dauerhafter Kampf gegen die technische Rezession geworden. Seit Mitte 2018 kämpft das deutsche Wirtschaftswachstum mit diesem Phänomen, nämlich einer Schrumpfung von zwei aufeinanderfolgenden Quartalen. Zweimal konnte die kleine Rezession noch abgewehrt werden, zuletzt gab es im vierten Quartal 2019 noch ein Miniwachstum von 0,0279 Prozent, wie das Statistische Bundesamt letzte Woche feststellte. Doch jetzt droht neues Ungemach, denn dass die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal abtauchen wird, dafür sorgen schon die Auswirkungen von Covid-19.

Deutsche Konjunktur: Das ewige Warten auf ein Anspringen des verarbeitenden Gewerbes

Die ersten Volkswirte setzen das Wachstum Deutschlands im ersten Quartal des neuen Jahres bereits wieder unter die Nulllinie – trotz boomenden Baus und eines noch ordentlichen Konsums. Zu stark sind die bereits jetzt spürbaren Auswirkungen des Coronavirus auf die Weltwirtschaft, deren Zustand maßgeblich für das produzierende Exportland Deutschlands ist.

Dabei waren schon im Dezember 2,1 Prozent weniger Maschinen und sonstige Industrieprodukte bei Firmen in Deutschland geordert worden.

In Deutschland trägt die Industrie mit 21,7 Prozent (2018) gut ein Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Im Vergleich dazu: Italien 16,8 Prozent, USA 11,6 Prozent, Frankreich 10,9 und Großbritannien 10,0 Prozent. Dazu aktuell der Konjunkturexperte des Ifo-Instituts Timo Wollmershäuser: „Wir sind die einzige entwickelte Volkswirtschaft, die einen derart hohen Wertschöpfungsanteil durch die Industrie hat“.

Bereits seit zwei Jahren zeichnet sich die Schwäche im verarbeitenden Gewerbe ab, die entsprechenden Firmen haben dies in ihren Aktienkursen schmerzlich erfahren müssen. Besonders deutlich in Deutschlands Schlüsselindustrie, der Automobilbranche. Diese erwirtschaftet nach einer Auswertung der Commerzbank zwar 45 Prozent der Umsätze und 29 Prozent der Gewinne im deutschen Leitindex – was aber ihren Anteil an der Marktkapitalisierung betrifft, sieht das Verhältnis schon ganz anders aus. Anleger haben die Branche deutlich abgestraft.

Würde die Weltkonjunktur bald wieder an Schwung gewinnen, könnte die alte Industrie im Dax aber gerade davon profitieren. Deren Umsätze verhalten sich zyklisch, das bedeutet, dass sie mit dem Wirtschaftszyklus steigen und fallen.

Die letzte kleine Rezession gab es in Deutschland im Winter 2012/13, mit geringen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen. Das Wachstum hatte bald danach wieder kräftig angezogen. Nicht einmal Optimisten glauben aber derzeit an ein stärkeres Wachstum der Konjunktur im Jahresverlauf. Außerdem befinden wir uns derzeit im Zentrum eines Sturms namens Covid-19.

Fazit

Wann kommt sie nun, die lang erwartete Erholung der deutschen Industrie? Hätten wir in Europa nicht ein so absurd niedriges Zinsniveau, wäre der Dax bestimmt eine Etage tiefer. Das Kapital sucht nach Rendite und das KGV des Dax von 16 ist aber im großen Vergleich auch nicht besonders hoch angesiedelt. Deshalb war das Geschrei um die hohen Aktienkurse, zumindest für Deutschland, im jetzigen Zinsumfeld nicht besonders sinnig.

Dazu muss man sich nur die Performance der Leitindizes in den USA und in Deutschland seit der Finanzkrise betrachten – auf Basis der Kursindizes: Während sich der S&P 500 in diesem Zeitraum fast verfünffachte, konnte sich der Kurs-Dax gerade einmal verdoppeln. Man hat in letzter Zeit den Einbruch des deutschen Industriestandorts deutlich eingepreist. Was aber nicht heißt, dass es bei einer durch Covid-19 induzierten Rezession nicht noch sehr deutlich nach unten gehen könnte. Es gab noch nie (in der moderneren Wirtschaftsgeschichte) eine Rezession ohne vorher fallende Aktiennotierungen. Damit stellt sich die große Frage: Was sehen die Anleger beim Dax derzeit am Horizont?

Die deutsche Konjunktur stagniert, weil die Industrie in der Krise bleibt



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5 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Müller!
    Ihre Aussage:“Es gab noch nie (in der moderneren Wirtschaftsgeschichte) eine Rezession ohne vorher fallende Aktiennotierungen. Damit stellt sich die große Frage: Was sehen die Anleger beim Dax derzeit am Horizont?“ Stimmt, es gab aber schon den einen oder anderen Crash ohne vermeintlicher Vorzeichen bei den Aktienkursen.
    Nachdem die Aktienkurse ohnehin nichts mehr mit der Realwirtschaft zu tun haben sondern durch massive Liquiditätsflut getrieben sind und sich immer weiter von den Fundamentaldaten abkoppeln wäre meine Frage an sie wie weit das Spiel durch die ZB´s noch getrieben werden wird können bis es schlicht und ergreifend, in welcher Form auch immer, krachen muss?
    Vielen Dank für ihre Antwort an ein, für diese Entwicklungen an den Aktienmärkten, Gehirn welches mit offensichtlich mit zu geringem Intellekt ausgestattet ist!!
    LG

    1. @Kritisch on fire. Hallo. Da stellen Sie die Hunderttausend-Dollar-Frage. Wie lange können die Notenbanken es noch treiben, bis es zum Knall kommt? Dazu ein paar Gedanken: Einmal wird das Leitzinsniveau eine große Rolle spielen und zwar das in den USA (0 als Untergrenze), natürlich gibt es weitere Maßnahmen wie Ankauf von Aktien, Helikoptergeld oder das Ausbuchen von aufgekauften Staatsanleihen durch die ZB (wird m.E. in Japan kommen).
      Nach meiner bescheidenen Meinung, wird es aber der Kapitalmarktzins sein (nicht der Leitzins), der dem Treiben an den Märkten Einhalt gebieten wird. Höhere Zinsen sollten den Zombies den Garaus machen, in einer Kettenreaktion und da kann die Fed nicht gegenhalten. Irgendwann wird das Gelddrucken in Inflation münden. Auf einen Zinsanstieg würden die Aktienmärkte heftig reagieren. Aber natürlich würde eine richtige Rezession die Märkte einbrechen lassen. Dies war aber fast immer nach Leitzinsanhebungen der Fall. Szenarien von mir, natürlich ohne Gewähr.
      Grüße

      1. S.g. Hr. Müller!
        Recht herzlichen Dank für ihre Antwort. Was nicht in meinen Kopf will, ist die Tatsache, dass offensichtlich die „bemoosten Häupter“ hüben wie drüben den Karren mit voller Absicht an die Wand knallen oder haben die tatsächlich die Hoffnung, dass sich auf wundersame Weise alles in Wohlgefallen auflöst? Da äußert Herr Powell die Befürchtung, dass alles was zur Zeit passiert wöhl oder übel die Nachkommen ausbaden werden müssen und agiert weiterhin exakt gegen diese Erkenntnis. Ist es denn wirklich so furchtbar wenn mal eine Zeit der Rezession (einschließlich Bereinigung um die vielzitierten Zombies), anschließend der Konsolidierung mit nachfolgendem Wiederanstieg der Märkte erfolgt und die Börsekurse die tatsächlichen Unternehmensergebnisse wiederspeigeln. Wie gesagt, für mein offensichtliches „Spatzenhirn“nicht begreifbar!

        1. @Kritisch on Fire, es wird für jedermanns Spatzenhirn irgendwann unbegreifbar, wenn sich die Zahlen in Billionenhöhe erheben. War vor nicht allzu langer Zeit ein Millionär noch eine bedeutsame Größe in der sozialwirtschaftlichen Bewertungsskala, muss man heute schon Hunderte dieser Bewertungseinheiten für einen kaum adoleszenten Fußball-Pubertären in Rechnung stellen. Kaum hat sich die Welt an eine Elf aus 100-Millionen-Pubertären gewohnt, strebt sie nach der nächsten 10er-Potenz. Ziel: Die erste Trillionen-Firma, die Lebensraum inkl. Trinkwasser, Nahrung und Entsorgung an der Börse verkauft.

  2. @ Kritisch on Fire, gut beschrieben. Powell wie Lagarde wissen also ,dass ihr Tun nicht gut enden wird.
    Powell ist der Knecht des Donald geworden. Wenn er Eier hätte würde er zurücktreten.So wird er als Wahlkamphelfer von GröPaZ u.Mitverantwortlicher des späteren Desasters in die Geschichte eingehen.

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