Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland nimmt stark zu, die Arbeitslosigkeit steigt. Außer Staat und staatsnahen Betrieben schafft eigentlich niemand mehr neue Jobs, es wird abgebaut. Zumindest bis jetzt! Der Industrie-Absturz insgesamt geht weiter. Dennoch beginnt die Konjunktur anzuziehen, das 500 Milliarden Euro Sondervermögen und die de facto unbegrenzte Aufrüstung (beides voll mit Schulden bezahlt) bringen langsam Schwung in die Wirtschaft. Wie können quasi zwei gegensätzliche Verläufe im selben Land gleichzeitig existieren? Eine Spurensuche.
Sondervermögen bringt Belebung in einige Bereiche der Wirtschaft
Das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen wird nicht auf einmal ausgegeben, sondern kann auf maximal zwölf Jahre gedehnt werden. Gut 50 % davon wird zweckentfremdet, so haben es mehrere Ökonomen schon längst festgestsellt. Aber dennoch, es bleibt immer noch viel Geld übrig, um die deutsche Konjunktur schon in 2026 zu stimulieren. Die folgende Grafik der Commerzbank zeigt Balken in Milliarden Euro-Angaben: Profitieren werden in 2026 vor allem Dienstleistungsbranchen, Baugewerbe, Rüstung. „Anderes Verarbeitendes Gewerbe“ taucht als Balken auch auf mit gut 15 Milliarden Euro an direkten und indirekten Aufträgen aus Sondervermögen und Aufrüstung. Quasi die gesamte deutsche Industrie (ex Rüstung) soll also gerade mal 15 Milliarden Euro abbekommen? Das ist vereinfacht gesagt nichts.
Die Ökonomen der Commerzbank schreiben in einer heute veröffentlichten Analyse, dass der Bundeshaushalt für 2026 inklusive der verschiedenen Sondervermögen im Vergleich zu den Ist-Zahlen für 2025 zusätzliche Ausgaben von mehr als 70 Milliarden Euro vorsieht, ein Plus von mehr als 13 %. Wie üblich, dürften nicht alle Ausgabenpläne umgesetzt werden. Trotzdem sollte von den Staatsausgaben ein deutlicher Impuls auf die Konjunktur ausgehen, so die Ökonomen.
Gerade im Rüstungsbereich zeigt sich die stärkere staatliche Nachfrage bereits in deutlich steigenden Auftragseingängen. So weist das Statistische Bundesamt zwar keine Zahlen für die Auftragseingänge für „militärische Kampffahrzeuge“ aus. Allerdings haben sich die Auftragseingänge im „sonstigen Fahrzeugbau“ insgesamt mehr als verdoppelt, und die Zuwächse bei den anderen Untergruppen fielen deutlich geringer aus. Folglich dürften sich die Aufträge für Panzer und ähnliches mehr als verdoppelt haben. Und auch bei dem Plus für Luft- und Raumfahrzeuge dürften Aufträge für Drohnen und ähnliches eine wichtige Rolle gespielt haben, so die Commerzbank-Experten.
Auf Dauer werden die deutlich höheren Auftragseingänge auch die Produktion steigen lassen. Allerdings wird dies voraussichtlich erst mit einer beträchtlichen Verzögerung geschehen, weil hierzu in vielen Fällen erst zusätzliche Produktionskapazitäten geschaffen werden müssen, so die Ökonomen. Auf etwas längere Sicht profitieren nicht nur der Tiefbau und die Rüstungsbranche von den zusätzlichen Staatsausgaben. Länder und Gemeinden sowie Klima- und Transfornationsfonds streuen Gelder breit.
Verschiebungen von Investitionen in den SVIK (Sondervermögen) eröffnen laut den Ökonomen Spielraum für andere Maßnahmen: Aufgrund von Verschiebungen von Investitionsaufgaben vom Kernhaushalt in die Sondervermögen dürften von den insgesamt für dieses Jahr geplanten Ausgaben des SVIK von 58,9 Milliarden Euro nur knapp 18 Milliarden Euro in wirklich zusätzliche Investitionen des Bundes fließen. Dies widerspreche zwar dem ursprünglichen Sinn des Sondervermögens von neuen Investitionen, schaffe aber mehr Raum für andere Vorhaben im Kernhaushalt. Beispiele seien die besseren Abschreibungsregeln, die Zuschüsse zu den Netzentgelten und die niedrigere Mehrwertsteuer in Gaststätten. Hiervon profitiere ein breites Spektrum in der Wirtschaft.
Auch wenn viele unter „Infrastruktur“ in erster Linie Verkehrsinfrastruktur verstehen, fließen von den zusätzlichen Investitionen des SVIK nur etwa die Hälfte in Bereiche, die zusätzliche Aufträge für den Tiefbau bedeuten. Die andere Hälfte der zusätzlichen Mittel ist für andere Bereiche eingeplant wie z.B. der Digitalisierung der Verwaltung oder für Investitionen in die Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur. Aber, so meinen wir bei FMW: Die obige Grafik zeigt eindrucksvoll, dass die Industrie kaum profitiert. Nur Teile der Wirtschaft profitieren, als da wären Bau, Rüstung, Dienstleistungen.
Absturz in der Industrie
Die Breite der deutschen Industrie dürfte – wenn überhaupt – nur indirekt und in einem geringen Umfang von Sondervermögen und Aufrüstung profitieren. Die Zahl der Insolvenzen geht durch die Decke. Erst letzte Woche meldete Creditreform, dass die Zahl der Großinsolvenzen hierzulande durch die Decke geht. So schreibt Creditreform (auszugsweise): 471 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über zehn Millionen Euro mussten vergangenes Jahr Insolvenz anmelden – rund ein Viertel mehr als im Vorjahr. Das geht aus der aktuellen Insolvenzanalyse der Transformationsberatung FalkenSteg hervor. Besonders betroffen waren demnach Metallwarenhersteller (65 Fälle), Automobilzulieferer (59), Elektrotechnikunternehmen (53) und Betriebe des Innenausbaus (42). Damit setze sich ein Trend fort, der seit fünf Jahren ungebrochen sei. „Ein weiterer Anstieg um 25 Prozent – und kein Ende in Sicht: Die deutsche Unternehmenslandschaft steckt tiefer denn je in der Strukturkrise“, ließ FalkenSteg im Januar wissen. Von einem „Fieberzustand im deutschen Mittelstand“ spricht die Beratungsgesellschaft in einer Presseinformation mit Blick auf eine Welle von Großinsolvenzen, die sich 2025 weiter beschleunigt habe.
Kommentar
Mein Kommentar: Der Absturz in der Industrieproduktion läuft seit dem Jahr 2018. Es ist eine massive Deindustrialisierung, vor allem in den Bereichen Auto, Chemie, Maschinenbau. Besonders energieintensiv, besonders einem harten Wettbewerb mit China und hohen US-Zöllen ausgesetzt. Wie diese drei Branchen vom inländischen Infrastruktur-Boom und Aufrüstung profitieren sollen? Schwer vorstellbar, vor allem weil die drei vor allem vom Export leben.
Und so könnte es geschehen, dass Dienstleistungen, Bau und Rüstung in Deutschland in 2026 und in den folgenden Jahren kräftig boomen, während Maschinenbau, Auto und Chemie weiter abstürzt. Neueinstellungen bei Bau, Rüstung und Dienstleistern + der Boom bei Staatsjobs könnten den Niedergang in den drei Schlüsselindustrien optisch überdecken. Die Politik rund um Kanzler Merz dürfte nur all zu gerne über die Probleme hinwegsehen, wenn man voller Stolz ein mickriges BIP-Wachstum von 1 % in 2026 erzeugen wird, und das auch nur dank Schulden! Strukturreformen bei Arbeitsmarkt, Energie, Bürokratie etc – davon wird Kanzler Merz schon bald nichts mehr wissen wollen, denn die Wirtschaft wächst ja wieder!
Hier möchte ich noch abschließend das aktuelle Fazit der Commerzbank-Experten abdrucken: Mit einem kräftigen Aufschwung ist aber trotz der expansiven Finanzpolitik nicht zu rechnen. Dafür wiegen die derzeit belastenden Faktoren wie die US-Zölle, die schwache Nachfrage aus China und die in den vergangenen Jahren verschlechterte Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschlands zu schwer. Eine moderate Erholung der Wirtschaft bleibt aber angesichts des starken Impulses der Finanzpolitik wahrscheinlich, sodass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr mit 0,9% zum ersten Mal seit 2022 wieder ein nennenswertes Wachstum verzeichnen dürfte.
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Bei der Art von Reformideen, die ich bisher aus dieser Regierung gehört habe, wäre es erfreulich, wenn sie es dabei belässt, sich auf dem schuldeninduzierten Wachstum auszuruhen. Besser wird es nicht.
Einfach keinen Streit in der Politik, das wichtig für die Deutschen. Dann klappt es auch mit der Wiederwahl.
Konjunkturelles Strohfeuer Sondervermögen. Die Zuschüsse zu den Netzentgelten ersetzen nicht die Tatsache, daß die Stromsteuer runter muß. Ansonsten muß die Agenda heißen: Die Maschinenbauindustrie, die Elektroindustrie und die Schweißindustrie als industrielle Cluster ansehen.
Es kommt ja einiges zusammen.
Wenn ein Land, auf allen Ebenen, langfristig geplant, so gegen die Wand gefahren wird, dann kann man nur noch von Vorsatz und/oder Sabotage sprechen.
Es ist noch einiges an „Speck“ vorhanden. Aber 2029 wird der Bundeshaushalt nur noch die Kosten für Soziales, Militär und Zinsen abdecken können.
Alles andere muss dann zwangsläufig durch weitere Steuererhöhungen und/oder Neuverschuldungen finanziert werden.
Sicher wird man auch gerade bei den Ärmsten der Armen Einparungen vornehmen, zugleich Erhöhung ihrer Sozialbeiträge.
Die Firmen, die es können, verlassen Deutschland rechtzeitig.
Zwischen 2021 und 2023 haben rund 1.300 deutsche Unternehmen (oft aus dem Mittelstand) wesentliche Teile ihrer Geschäftstätigkeit ins Ausland verlagert, was zu einem Nettoabbau von über 50.000 Arbeitsplätzen führte.
Deutsche Wirtschaft verlor 2024 fast 200.000 Unternehmen
https://www.creditreform.de/aktuelles-wissen/pressemeldungen-fachbeitraege/news-details/show/unternehmensschliessungen-2024-deutsche-wirtschaft
Es wird weiter (wenn auch langsam) weiter ins Tal gehen.
Der ehemalige Exportweltmeister blutet langsam aus.
Tatsächlich ist Deutschland seit 20 Jahren ein Auswanderungsland: Jährlich verlassen mehr deutsche Staatsbürger das Land als zurückkehren. In den zurückliegenden 20 Jahren hat Deutschland auf diese Weise netto etwa eine Million Staatsbürger verloren. 2024 lag die Nettoemigration bei 81.000
https://www.lbbw.de/artikel/klartext/abwanderung-deutscher-buerger_ama6f1od38_d.html
Viele Grüße aus Andalusien
Helmut