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Märkte ohne Kompass: Der Dollar stürzt die Wall Street ins Chaos

Märkte ohne Kompass: Der Dollar stürzt die Wall Street ins Chaos
Grafik: ChatGPT

Der Dollar – einst verlässlicher sicherer Hafen in Krisenzeiten – zeigt sich derzeit von seiner unberechenbaren Seite. Altbekannte Strategien der Devisenexperten verlieren an Wirkung, Modelle scheitern, und an den Handelsplätzen von New York herrscht Verwirrung, da der Dollar keiner bewährten Regel mehr folgt. Die jüngsten Verwerfungen an den Märkten lassen nur eine Schlussfolgerung zu: An der Wall Street beginnt eine neue Ära – eine, in der selbst der Dollar nicht mehr der Fels in der Brandung ist.

Der Dollar folgt keiner Regel mehr

Laut einem Bericht von Bloomberg haben einige altbewährte Strategien am Devisenmarkt der Wall Street ihre Wirksamkeit eingebüßt – selbst die erfahrensten Händler sind darüber verwirrt.

Bevor die Politik von Donald Trump die Leitwährung abstürzen ließ, konnten sich Anleger auf eine Reihe von Indikatoren verlassen. Senkte Europa die Zinsen, verkaufte man den Euro. Wurden die Märkte nervös, kaufte man den Dollar. Stiegen die Ölpreise, setzte man auf Währungen von Rohstoffexporteuren.

Inzwischen versagen diese Faustregeln immer häufiger. Händler bei UBS und Mizuho International berichten, dass Modelle, auf die sie sich früher verlassen konnten, nun regelmäßig danebengreifen. Neue Kräfte treiben den Währungsmarkt, etwa Kapitalabzug aus den USA und verstärkte Absicherungen von Auslandsanlegern. Die Datenlage ist mittlerweile dürftig. Das erschwert es, die Systeme anzupassen. Die Folge: Wall-Street-Händler setzen auf kleinere und simplere Positionen.

“Die Faustregeln sind quasi dahin”, sagte Lu Xin, Händler für Währungsderivate bei UBS. “Alle haben inzwischen akzeptiert, dass zunehmende Unsicherheit das neue Normal ist.” Risiken begegne er nun vorsichtiger — und seine Strategien seien strikter. “Vor Wochenenden fürchten sich jetzt mehr Leute davor, mit offenen Short-Optionen ins Rennen zu gehen.”

Bei Mizuho ist die Verwirrung inzwischen ein Running Gag auf dem Trading-Parkett. Jordan Rochester berichtet, sein Kollege Nikhil Kochhar habe über rätselhafte Marktschwankungen so oft “Why!?” gerufen, dass man ihm eine maßgefertigte Baseballkappe mit genau diesem Slogan schenkte.

Dollar-Abwertung setzt sich fort - Kein sicherer Hafen
Nikhil Kochhar’s Cap

Auf dem falschen Fuß erwischt

“Was in ein oder zwei Monaten passieren wird, ist, dass uns jemand auf die Schulter tippt und sagt: ‘Warum wart ihr nicht stärker short im Dollar? Das war doch klar.’ Doch es war nicht klar”, so Rochester.

Das alles zeigt: Die Fachleute sind vom Ausverkauf des Dollars auf dem falschen Fuß erwischt worden – und sie fragen sich nun, ob die letzten Monate nur eine chaotische Episode waren oder der Auftakt einer neuen, schwerer zu navigierenden Ära.

Da Trump angekündigt hat, in den kommenden Tagen neue Zölle gegen Dutzende Länder zu verkünden, droht den Märkten eine neue Welle der Volatilität.

Schon jetzt zahlen viele Investoren für falsch getimte Wetten einen Preis. Ein Index von BarclayHedge, der 25 Währungsstrategien mit Futures und Devisenkassageschäften umfasst, liegt dieses Jahr bei einem mageren Plus von 0,6%. Sollte das Jahresergebnis so bleiben, wäre es das schlechteste seit 2017.

Gründe für den Dollar-Absturz

Rückblickend lassen sich Gründe für die Währungsbewegungen durchaus benennen. Trumps aggressive Agenda aus Steuersenkungen und Strafzöllen drückte den Dollar dieses Jahr über 10% gegenüber Euro und Franken. Wenn sich Fokus und Logik am Markt verschieben, ist dies generell nichts Ungewöhnliches.

Die Stärke und das Tempo der Abwärtsdynamik in diesem Jahr überraschten jedoch viele Händler an der Wall Street. Sich gegen Schwankungen abzusichern wird an einem so volatilen Markt wie diesem immer teurer.

Idanna Appio von First Eagle Investments vertraut ihren Modellen daher nicht blind. Zwar signalisiert ihr System, beim Dollar neutral zu sein – unter anderem, weil die US-Zinsen höher sind als in vielen anderen Ländern. Doch ihr Instinkt sagt ihr etwas anderes. Deshalb bleibt sie short im Dollar gegenüber Euro und Yen.

“Zinsdifferenzen haben lange gut funktioniert”, sagt sie. “Jetzt aber spielt noch etwas anderes mit hinein.”

Euro-Dollar

Ein Blick auf Euro und Dollar: Im Juni senkte die Europäische Zentralbank zum achten Mal im Zyklus den Einlagensatz – auf 2%. Die Fed in den USA ließ ihre Zielspanne für den Leitzins bei 4,25% bis 4,5%.

Händler verunsichert - Der Dollar ist kein sicherer Hafen mehr

Eigentlich müsste das den Dollar stärken und den Euro schwächen. Doch das Gegenteil trat ein: Der Euro legte 13% zu – auf ein Vierjahreshoch. Für Brad Bechtel ist das ein Warnsignal. Der Chef des Bereich FX Sales und Trading bei Jefferies rechnet damit, dass der Dollar irgendwann wieder zu den Zinstrends zurückfindet.

“Was auch immer da abgeht– es überdehnt die Dinge, weil es weder Zentralbankpolitik noch Wachstumserwartungen beeinflusst”, sagt Bechtel. “Da stimmt etwas nicht.”

Dollar verliert den Status als sicherer Hafen

Die Zusammenhänge zwischen den Vermögenspreisen haben sich auf ungewohnte Weise verschoben. So bewegt sich der Dollar etwa oft gegen den VIX-Index: Er fällt, wenn Anleger ängstlich sind, statt – wie andere sichere Häfen – zu steigen.

Wall Street verunsichert - Der Dollar folgte keiner bewährten Regel mehr

Das zeigte sich auch bei der Reaktion auf den Nahost-Konflikt. Früher führten Spannungen in dieser Region zu steigenden Ölpreisen und einem stärkeren Dollar. Heute ist das jedoch kaum mehr vorhersehbar, da der Greenback den Status als sicherer Hafen verloren hat.

So etwa am 23. Juni: Nach einem Angriff Irans auf einen US-Stützpunkt in Katar schoss der Brent-Preis auf über $81 je Barrel, den höchsten Stand seit Januar, bevor er wieder fiel – der Angriff wurde als symbolisch eingestuft. Die Dollarbewegung am selben Tag fiel jedoch milder aus als zu erwarten gewesen wäre.

„Wenn die Korrelationen brechen, wird es verdammt schwer“, sagt Kochhar von Mizuho. „Als etwa der Israel-Iran-Krieg begann, fragte man sich: Führt das zu Dollar-Käufen oder zu Verkäufen?“ – eine völlige Unsicherheit.

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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