Wall Street auf Rekordkurs – und trotzdem wächst hinter den Kulissen ein Problem. Ausgerechnet die Magnificent Seven, die den Bullenmarkt jahrelang getragen haben, treten seit Monaten auf der Stelle. Noch kaschiert die Rally der Chip- und KI-Aktien diese Schwäche. Doch genau darin sehen immer mehr Strategen ein Risiko: Kann der S&P 500 seine Rekordjagd überhaupt fortsetzen, wenn ein Drittel seines Gewichts kaum noch steigt?
S&P 500: Magnificent Seven bremsen
Die Magnificent Seven – Apple, Microsoft, Nvidia, Amazon, Alphabet, Meta und Tesla – stehen inzwischen für rund ein Drittel der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500. Genau deshalb hat ihre Entwicklung einen deutlich größeren Einfluss auf den US-Leitindex als die Kursbewegungen hunderter kleinerer Unternehmen. Bloomberg zufolge blieb der Magnificent-Seven-Index im bisherigen Jahresverlauf nahezu unverändert, obwohl der KI-Boom viele andere Technologieaktien kräftig nach oben getrieben hat. Tatsächlich entwickelten sich in diesem Zeitraum rund 300 der 500 S&P-Unternehmen besser als die sieben Tech-Giganten.
Für die Wall Street wird das zunehmend zum Problem. Strategen erwarten im Durchschnitt, dass der S&P 500 das Jahr bei 7.824 Punkten beendet. Sollte die aktuelle Schwäche der Magnificent Seven anhalten, müssten die übrigen 493 Unternehmen bis Jahresende noch um rund 6,8 Prozent zulegen – zusätzlich zu ihrem bisherigen Jahresplus von etwa 13 Prozent. Das zeigt, wie stark die großen Technologiekonzerne trotz einer breiteren Marktentwicklung weiterhin über die Richtung des Gesamtmarktes entscheiden.
Werbung
„Ich denke, es wird für den S&P 500 schwierig, seinen Aufwärtstrend ohne die Beteiligung der Magnificent Seven fortzusetzen“, sagt Alonso Munoz, Chief Investment Officer bei Hamilton Capital Partners. Viele Branchen hätten bereits eine starke Rally hinter sich und seien anfällig für Rückschläge. Gerade deshalb bleibe der Einfluss der Tech-Schwergewichte auf die großen Indizes enorm.

Die große KI-Rotation
Die schwächere Entwicklung der Magnificent Seven bedeutet allerdings nicht, dass Anleger dem KI-Boom den Rücken kehren. Vielmehr hat sich das Kapital innerhalb des Technologiesektors verlagert. Während Hyperscaler wie Microsoft, Amazon oder Alphabet Milliarden in neue Rechenzentren und KI-Infrastruktur investieren, bevorzugt der Markt derzeit vor allem die unmittelbaren Gewinner dieser Investitionswelle – insbesondere Chip-Aktien.
Das zeigt sich auch an den Indizes: Während der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) in diesem Jahr bereits mehr als 80 Prozent zugelegt hat, liegt der Magnificent Seven Index seit Jahresbeginn lediglich rund 1,35 Prozent im Plus. Gleichzeitig konnten klassische Standardwerte zuletzt aufholen. Der Dow Jones entwickelte sich zeitweise sogar besser als Nasdaq 100 und S&P 500 – ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die Börsenrally deutlich verbreitert hat.
Auch bei den Einzelwerten zeigt sich die nachlassende Marktführerschaft. Microsoft notiert seit Jahresbeginn deutlich im Minus, Tesla ebenfalls. Amazon kommt nur auf ein moderates Plus. Nvidia liegt trotz seiner Rolle als wertvollstes Unternehmen der Welt und wichtigster KI-Aktie lediglich rund 6 % im Plus, während Apple zu den wenigen großen Gewinnern innerhalb der Magnificent Seven zählt. Die frühere Dominanz der Tech-Giganten wirkt damit deutlich weniger geschlossen als noch in den vergangenen Jahren.
Comeback der Magnificent Seven?
Gerade diese Entwicklung weckt inzwischen das Interesse vieler Strategen. Morgan Stanley, Goldman Sachs und JPMorgan halten die Underperformance der Magnificent Seven gegenüber Halbleiterwerten inzwischen für überzogen.
Besonders deutlich formuliert es Lisa Shalett, Chief Investment Officer bei Morgan Stanley Wealth Management. Halbleiteraktien seien inzwischen „deutlich überkauft“. Die beeindruckende Entwicklung bei Auftragsbüchern und Preissetzungsmacht vieler Chip- und Speicherhersteller sei zwar real, „wir glauben jedoch nicht, dass sie nachhaltig ist“, schrieb sie in einer aktuellen Analyse. Ihr Fazit: Anleger sollten ihre Engagements wieder breiter aufstellen und einige der großen Hyperscaler wieder stärker berücksichtigen.
Tatsächlich spricht inzwischen auch die Bewertung wieder stärker für die Magnificent Seven. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis ist seit Ende Oktober deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig ist der Bewertungsaufschlag gegenüber dem S&P 500 auf einen der niedrigsten Werte seit Beginn der Bloomberg-Datenreihe gefallen. Wie attraktiv die Bewertungen inzwischen geworden sind, zeigt auch Nvidia: Der KI-Chipriese inzwischen so günstig bewertet wie zuletzt 2019 – also noch vor Beginn des KI-Booms.
Wall Street braucht Big Tech
Die Wall Street steht damit vor einer ungewöhnlichen Situation. Einerseits hat sich die Marktbreite ausgedehnt, weil immer mehr Branchen und Unternehmen zur Rally beitragen. Andererseits entfällt noch immer rund ein Drittel des S&P 500 auf die Magnificent Seven. Bleiben diese Schwergewichte hinter dem Markt zurück, dürfte es zunehmend schwieriger werden, die hohen Erwartungen der Strategen an den US-Leitindex zu erfüllen.
Genau deshalb könnte die Entwicklung der Magnificent Seven in den kommenden Monaten wieder zu einem der wichtigsten Kurstreiber an der Wall Street werden – obwohl die eigentlichen Stars des KI-Booms zuletzt ganz andere Aktien waren.
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken
Der Index wird nochmals versuchen die 7620 von Anfang Juni anzulaufen…dort haben viele Shorter ihre Knock Out Barrieren platziert…
Hauptgrund für die Rallye erneute Spekulationen über ein baldiges Eingreifen der FED zugunsten der KI Blase…