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Risiko breitet sich aus Marktbeben an der Wall Street: Konsens-Trades implodieren

Händler auf dem Parkett der New York Stock Exchange (NYSE). Foto: Bloomberg

Das Jahr an der Wall Street ist mit maximaler Überzeugung gestartet – und kippte binnen weniger Wochen. Überfüllte Trades, rekordniedrige Cash-Quoten und kaum Absicherung sorgen für heftige Marktverwerfungen. KI-Euphorie weicht Disruptionsangst, Risikoanlagen schwächeln, während sichere Häfen volatil sind. Was als starke „Überzeugungswette“ begann, droht nun zum toxischen Klumpenrisiko am Aktienmarkt zu werden.


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Wall Street: Konsens-Trades implodieren

Die Wall Street startete 2026 mit maximalem Risikoappetit: rekordniedrige Cash-Bestände, kaum Absicherung, höchste Überzeugung. Laut einem Bericht von Bloomberg dauert es nur sechs Wochen bis zahlreiche Konsens-Trades versagten.

Künstliche Intelligenz galt als Selbstläufer. Stattdessen wurde sie zuletzt zur Bedrohung für viele Sektoren am Aktienmarkt, da befürchtet wird, dass ihre disruptive Kraft ganze Geschäftsmodelle ersetzt. Softwareunternehmen, Vermögensverwalter, Broker, Steuerberater: In der White-Collar-Ökonomie wurde eine Dekade Margenexpansion binnen Wochen neu bewertet. Die Schockwellen trafen auch die Schuldenmärkte, die mit Krediten an genau diese Unternehmen beladen sind.

Diese Woche bündelten sich die Schäden am Aktienmarkt. Der S&P 500 steuerte auf die schwächste Phase seit November zu, ehe ein moderater Inflationsbericht am Freitag eine Gegenbewegung auslöste. Zuvor erfassten KI-Disruptionsängste nahezu alle Marktsegmente.

Doch nicht nur Aktien gerieten unter Druck. Auch der Goldpreis zeigte sich extrem volatil: Am Donnerstag fiel er bis auf 4.880 US-Dollar, bevor er die Woche am Freitag wieder oberhalb von 5.000 Dollar beendete. Silber verlor innerhalb eines Handelstags rund 11 %. Bitcoin – weiterhin etwa 50 % unter seinem Oktoberhoch – sank zwischenzeitlich unter 66.000 US-Dollar. Selbst im Kreditmarkt zerbrach der Konsens-Trade: Hochzinsanleihen tendierten seitwärts, blieben jedoch deutlich hinter Investment-Grade-Anleihen zurück, so stark wie seit Monaten nicht mehr. Lange favorisierte Positionierungen verlieren gegen zuvor gemiedene Anlagen – rasch und über mehrere Anlageklassen hinweg.

Zwei Kräfte verschärfen die Dynamik an der Wall Street. Erstens: Positionierung. Laut der Januar-Umfrage der Bank of America lag die Cash-Quote bei rekordtiefen 3,2 %, nahezu die Hälfte der Manager agierte ohne Absicherung gegen fallende Kurse – der niedrigste Wert seit 2018. Zweitens: das Geflecht aus Leverage und Querverbindungen zwischen Portfolios, in dem Liquidationen in einem Segment Verkäufe in anderen auslösen.

Stresstest am Aktienmarkt: Überfüllte Trades sorgen für Alarmbereitschaft

Sicherer Hafen gefragt

Die ungeliebten Trades – Energie, Basiskonsum, US-Staatsanleihen – führen das Jahr an, während die Tech-Favoriten zurückliegen. Der Konsens zum Jahresstart war nach nur sechs Wochen falsch positioniert. Die „überfüllten Trades“ versetzen Portfoliomanager in erhöhte Alarmbereitschaft. Vor allem die großen Technologiewerte – die sogenannten Magnificent Seven –, die lange als sicherer Hafen galten, stehen seit Ende vergangenen Jahres unter Druck. Viele dieser Aktien haben ihre zuvor ambitionierten Bewertungen um rund 20 % korrigiert, was sie laut Jonathan Golub von Seaport Research Partners „außergewöhnlich attraktiv“ macht.

Für den Aktienmarkt bleiben die Risiken bestehen. „Das größte Risiko sind zusätzliche Volatilitätsschocks“, warnt James Athey von Marlborough Investment Management. „Die Korrelationen sind hoch – Verkäufe in einem Asset erzwingen Verkäufe in anderen.“

Jahre stabiler Asset-Beziehungen hatten viele Manager ermutigt, Positionen zu verdoppeln. Ein Modell von Jordi Visser (22V Research) zeigt steigende Gleichläufe der Märkte, während der Cboe Volatility Index (VIX) moderat erhöht bleibt und der S&P 500 über seinem 50-Tage-Durchschnitt notiert. Für Visser ist das ein Stresssignal unter ruhiger Oberfläche. In den vergangenen zwei Jahren trat dieses Muster etwa monatlich auf. In weniger als zwei Monaten dieses Jahres bereits ein Dutzend Mal.

Die Nervosität an der Wall Street nahm zuletzt zu, als Schlagzeilen über neue KI-Tools nahezu täglich neue Aktien unter Druck brachten. Der VIX überschritt die Marke von 20 – kein Paniksignal, aber ein klares Sicherheitsbedürfnis. Ein ETF auf Investment-Grade-Anleihen (LQD) erzielte relativ zu Hochzins (HYG) die beste Woche seit Oktober und baute seine Jahresführung aus. Das trifft Fondsmanager, die laut BofA erstmals seit vier Jahren riskantere Anleihen übergewichtet hatten.

US-Treasuries stiegen statt zu fallen – erst wegen geopolitischer Risiken, dann nach schwächer als erwarteten Inflationsdaten, die Zinssenkungsfantasien nährten. Der ETF auf langlaufende Staatsanleihen (TLT) verzeichnete die stärkste Wochenrally seit April.

KI belastet den Aktienmarkt

Der Aktienmarkt fiel in vier der letzten fünf Wochen – trotz besserer Unternehmensgewinne als erwartet. Ein ETF auf den S&P 500 (SPY) hinkt TLT seit Dezember um zwei Prozentpunkte hinterher – der schwächste Jahresauftakt seit einem Jahrzehnt.

Eine treibende Kraft hinter dem Bruch des „Long Stocks, Short Bonds“-Trades ist ausgerechnet KI. Investoren, die hohe Investitionsausgaben der Tech-Giganten bejubelten, hinterfragen nun den Zeithorizont der Rendite – und ob verbleibende Barmittel noch für Aktienrückkäufe reichen. KI dürfte die Produktivität langfristig steigern. Ob das kurzfristig positiv für Aktien ist, bleibt jedoch offen.

„In den letzten Monaten hat KI dem Aktienmarkt mehr geschadet als geholfen“, sagt Adam Crisafulli von Vital Knowledge.

Noch sind die Ausschläge keine nachhaltige Marktpanik, wenngleich bei Einzelaktien – vor allem bei Software – crashartige Zustände auftraten. Der S&P 500 notiert nahe Rekordniveau, Kreditspreads verharren auf Mehrjahrestiefs. Doch die heftigen Bewegungen bei Gold und Silber – ohne klaren Auslöser außer Aktien-Schwäche – zeigen, wie rasch Turbulenzen zwischen Anlageklassen überspringen, wenn Positionierungen überfüllt sind.

Die Absicherungsaktivität an der Wall Street nimmt zu: Das Put-Call-Verhältnis der Cboe ist seit Januar deutlich gestiegen. ETFs mit Fokus auf hohe Aktionärsrenditen verzeichneten im laufenden Monat 3,6 Milliarden US-Dollar Zuflüsse – Spitzenwert unter Smart-Beta-Fonds.

Put-Call-Ratio: Nachfrage nach Absicherungsgeschäften

Jim Caron, Investment Manager bei Morgan Stanley, fokussiert zwei Fragen: Führt die KI-bedingte Neubewertung zu Ansteckungseffekten am gesamten Aktienmarkt? Und wie lassen sich Portfolios dagegen diversifizieren? „Wir erleben eine Neubewertung des Software-Sektors – mit der Sorge, dass daraus ein marktweiter Ansteckungseffekt entsteht.“

FMW/Bloomberg



Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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3 Kommentare

  1. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Sehr geehrter Herr Jäger,

    der S&P 500 ist immer noch gut 900 Prozent im Plus auf Sicht der letzten 30 Jahre. Das ist Rekord. Trotz all der Krisen.
    Viele hielten ihn schon damals für überbewertet.

    Heute stehen wir beim Zehnfachen. Ist das normal?
    Keine Ahnung. Normal ist was die Marktteilnehmer bereit sind zu zahlen. Jetzt genauso wie 1996 !

  2. Hedging mit Futures im Interesse von Facebook, Instagram und der Amazon Prime Video-App für mobile Endgeräte im Zusammenhang mit KI.

  3. Es kann noch gut fünf oder zehn Jahre dauern, bis die KI Euphorie erlischt. In diesen schnelllebigen Zeiten kann die Euphorie leicht auf einen anderen, neuen Megatrend überspringen (Gefühlt täglich neuer Megatrend dirch KI?), durch den Rallye/Blasenentwicklung noch sehr lange Zeit so weiter gehen kann, denn wir haben gesehen, dass sich Aktienmärkte allmählich an geopolitische Risiken, Schuldenexzesse, etc. gewöhnen, sodass Unsicherheit letztlich die einzig sichere Konstante ist, auf die man in den nächsten Jahren verlässlich setzen kann.

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