Folgen Sie uns

Allgemein

Mehrwertsteuersenkung: Ab in die Deflation? Staatliche Statistiker mit Berechnungen

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Kartoffel, Münzen, Taschenrechner

Die Verbraucherpreise in Deutschland lagen im Mai bereits nur noch bei 0,6 Prozent im Plus. Nun hat die Bundesregierung beschlossen ab Juli eine Mehrwertsteuersenkung durchzuführen. Bei Sätzen von 19 Prozent geht es runter auf 16 Prozent, und bei Sätzen von bislang 7 Prozent runter auf 5 Prozent. Natürlich ist es nicht klar abzuschätzen, wie viele Unternehmen aus welchen Branchen diese Ersparnis in welchem Umfang an die Verbraucher weitergeben werden. Es ist wohl unmöglich so etwas zu prognostizieren.

Mehrwertsteuersenkung zieht Verbraucherpreise spürbar runter

Aber was, wenn die Mehrwertsteuersenkung vollständig von den Verkäufern an die Endverbraucher weitergegeben würde? Dies hätte auf die Verbraucherpreise (also die Inflation) einen deutlich negativen Einfluss. Die staatlichen Statistiker vom Statistischen Bundesamt haben nachgerechnet und heute eine Prognose veröffentlicht. Sie sind der Meinung, dass die Verbraucherpreise in diesem Fall im Jahresvergleich um satte 1,6 Prozentpunkte sinken würden. Dann lägen wir beim aktuellen Stand der Teuerungsrate von +0,6 Prozent also bei einer Preisveränderung von letztlich minus 1 Prozent. Klar in der Deflation! Wie gesagt. Dies gilt für den Fall, dass die Mehrwertsteuersenkung vollumfänglich bei den Konsumenten ankommt.

Wir möchten dazu anmerken: Nehmen wir an, dass nur Teile davon bei den Konsumenten ankommen – vielleicht nur die Hälfte, ganz plump gesagt – und die Mehrwertsteuersenkung bringt minus 0,8 Prozentpunkte für die Verbraucherpreise als Gesamtzahl? Dann wären da noch die Ölpreise, die den jüngsten Absturz der Verbraucherpreise erst ausgelöst hatten. Sie sind die letzten Wochen wieder deutlich gestiegen. Mit gewisser Verzögerung könnte sie ab Juli/August wieder für etwas Auftrieb bei der Inflation sorgen, so dass sie sich insgesamt gesehen womöglich knapp über der Null-Linie halten könnte.

Mehrwertsteuersenkung Auswirkung Prognose

Hier noch einige interessante Anmerkungen der Statistiker im Wortlaut:

Die Steueränderungen wirken sich jedoch nicht auf alle Waren und Dienstleistungen des Warenkorbs der Verbraucherpreisstatistik gleichermaßen aus. Rund 70 % der im Warenkorb enthaltenen Güter sind mit dem vollen Steuersatz (19 %) oder dem ermäßigten Steuersatz (7 %) behaftet. Dagegen sind rund 30 % der Güter von der Mehrwertsteuerpflicht befreit. Deshalb wird sich die Mehrwertsteuersenkung auf die einzelnen Gütergruppen unterschiedlich auswirken. Beispielweise haben die Steuersenkungen einen Einfluss auf Nahrungsmittel (vorrangig 7 %) und Bekleidung (19 %). Wohnungsmieten, die einen hohen Anteil an den Verbrauchsausgaben haben, sind hingegen nicht betroffen.

Im Rahmen der letzten Änderungen der Mehrwertsteuersätze im Januar 2020 wurde der Mehrwertsteuersatz für Bahnfahrkarten im Fernverkehr, für E-Books und für Hygieneprodukte wie Tampons von 19 % auf 7 % abgesenkt. Die Auswirkungen auf die Entwicklung der Verbraucherpreise fielen – wie bereits in der Vergangenheit – unterschiedlich aus. So gingen zum Beispiel die Preise für Hygieneprodukte schon im Vorfeld der Steuersenkung zurück. Die Preise für Bahnfahrkarten für den Fernverkehr sanken im Januar 2020 um 10,0 %.

Inwieweit die für Juli angekündigte Senkung der Mehrwertsteuer an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergeben wird, ist derzeit noch unklar, da eine vollständige Weitergabe nicht gesetzlich verordnet ist. Auch sind die tatsächlichen Auswirkungen auf die Inflationsrate nur schwer abschätzbar, da die Preisentwicklung insgesamt auch von vielen anderen Effekten bestimmt wird.

9 Kommentare

9 Comments

  1. Avatar

    thinkSelf

    15. Juni 2020 16:54 at 16:54

    Als Unternehmer wäre ich ja mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich die Mehrwertsteuersenkung weitergeben würde. Die meißten Unternehmen werden froh sein eine etwas höhere Marge einzufahren.

    Allerdings ist die Rückkehr zur „alten“ Mehrwertsteuer eine gute Gelegenheit gleich mal die Preise zu erhöhen. Das Gedächtnis der Leute hält nämlich keine 6 Monate.

  2. Avatar

    Faktist

    15. Juni 2020 21:34 at 21:34

    Ich gebe die MwSt. Senkung nicht weiter… f u all… wtf sollte dieser Scherz!? Hat überhaupt jemand mal über die Kosten der Umstellung nachgedacht!??? Denkt da überhaupt jemand nach bevor er so ein Schwachsinn beschliesst???? 6 Monate runter und dann wieder rauf. Was ist wenn man ein EDV System hat welches umgestellt werden muss, dann sind dann die Steuerberater bzw. die Buchhaltung, dazu kommen auch noch die VK Preisanpassungen (wie gesagt, bei mir nicht, aber bei anderen). Und zu guter letzt, alle Angaben online ändern um keine Abmahnung wegen evtl. irgendwo vergessener Änderung dieser Änderung zu bekommen. OMG wer zum Teufel hat denen es geraten!??? Ich weis es! Die Autolobby! Das ist wirklich die einzigste Lobby die ein Kompromiss wollte, weil ja die Verbrenner nicht gefördert werden. Klar bei Autos ist es relativ einfacher und die 3% Nachlass sind bei grösserer Summen natürlich lukrativer für Käufer. Die Autoverkäufer spekulieren, dass dann die Nachfrage höher sein wird. Aber alles andere ist Blödsinn! Wie gesagt, Politiker-Sumpf ab auf die Strasse und ab ins Mittelalter wo man Examples statuieren konnte. Anderes verstehen die Menschen es nicht!!! ES wird sich niemals was ändern, bis man die schlimmst anzunehmende Konsequenz sieht!!!

    Hoffe es liest jemand der es weiter gibt und hoffentlich wird es wenigstens einen geben, der diesen Blödsinn stoppt… ich meine damit diese ganze Politiker Lobby Schawachsinn!

    • Avatar

      Michael

      15. Juni 2020 23:55 at 23:55

      @Faktist, endlich mal einer, der die realen Auswirkungen des blinden, sinnlosen, aber umfragewirksamen Aktionismus erkannt, thematisiert und weiter gedacht hat. Und ebenso die sog. christlich-demokratisch-sozialen Ursachen. Klingt so, als wären auch Sie auch Opfer der großartigen Corona-Sofort“hilfe“? In Kenntnis der „einfachen und unkomplizierten“ Hilfen bei den „privaten“ Kosten und Ausgaben.

      Ein buchhalterischer Alptraum, ein völlig irrsinniger Aufwand von Anfang bis jetzt. Millionen Selbständige wissen nicht im Ansatz, wie dieser kurzfristige, temporäre und wirkungslose Knallkörper in die bestehenden IT-Systeme integriert werden kann und soll. Genaue gesetzliche Vorgaben (ein Paradoxon an sich) sollen ja auch erst Ende Juni verabschiedet werden. Ab 1. Juli müssen die dann aber in den Systemen verarbeitet werden. Viel Spaß!

      Man pumpt weiterhin ganz unkompliziert und ungeniert Milliarden in die Erpresser- (sorry, Verbrenner-) Industrie, während man weiterhin an den ausgelaugten Zitzen des lobby-freien Mittelstandes saugt.

      Unchristlich, undemokratisch, unsozial, aber medienwirksam.

  3. Avatar

    Dreistein

    16. Juni 2020 12:03 at 12:03

    Was für Güter (30%) im Warenkorb sind von der MwSt. befreit?

    • Avatar

      Michael

      16. Juni 2020 13:33 at 13:33

      @Dreistein, die größte Position wird doch oben bereits im Artikel genannt: Wohnungsmieten. Dazu kommen steuerbefreite Nebenkosten wie Grundsteuer, Immobilienversicherung und Abwassergebühren. Natürlich sind auch andere Versicherungen mehrwertsteuerbefreit, ebenso Finanzdienstleistungen und ein Großteil ärztlicher Leistungen, auch in Kliniken und Krankenhäusern.

  4. Avatar

    Macwoiferl

    16. Juni 2020 12:46 at 12:46

    Ruhig Blut, Leute.
    Alles wird gut.
    Ihr wählt sie ja doch wieder dann!
    :-)
    Dafür dürfen euch Merkel&Co schon ein bisschen plagen zum Dank!
    Der Tag ist schön heute!

  5. Avatar

    Korrektor

    16. Juni 2020 14:14 at 14:14

    Deflation in der Realwirtschaft, Inflation an der Börse und die Schere klafft weiter auseinander.

  6. Avatar

    Maren

    27. Juni 2020 11:37 at 11:37

    Interessant, das mal aus Unternehmersicht zu hören. Klar, zweimal umstellen erzeugt Kosten. In der EDV müssen eigentlich nur zwei Zahlen ausgetauscht werden, das ist einfach, jedenfalls, falls es wirklich gut programmiert ist, und das ist es oft nicht, aber viele Frontend-Seiten müssen wahrscheinlich von Hand geändert, Preisschilder neu gedruckt, Artikel neu beklebt werden etc. Und wahrscheinlich kann ich mir höchstens die Hälfte der Baustellen tatsächlich vorstellen. Ich würde das Gefühl haben, der Staat schmeißt mir Knüppel zwischen die Beine. Das heißt, die Mehrwertsteuersenkung wird verpuffen in einem künstlich und unnütz geschaffenen Kostenapparat. Traurig. Und ganz schön hirnlos. Man sollte wirklich erstmal zuende denken.

    Andereseits frage ich mich manchmal, ob das Absicht ist:
    Die MwSt wird gesenkt,die Verbraucher jubeln!!! Toll!!! Eine Erleichterung. Später merken sie dann, sie wurden gelinkt und belogen, aber dann ist es zu spät, oder sie sind zu dumm und merken es gar nicht, obwohl ihr Portemonnaie immer leerer wird. Was nicht sein darf, das nicht sein kann… Sie vernebeln die Wahrheit vor sich selbst. Denn Politiker sind doch toll und glaubwürdig, oder?

    Und dasselbe passiert hier mit der Inflation: Dieser Artikel, sorry, ist Lug und Trug. Genau wie das, was die Statistiker mit dem Warenkorb machen: Sie tauschen die Güter aus!!! Und schon wird billiger, was in Wahrheit teurer wird. Ich esse fast nur Obst und Gemüse. Und an der Kasse falle ich regelmäßig um: Ein paar Teile 40 Euro!!! Das ist neu. Mein Portemonnaie hat ein ähnliches Loch wie nach der Euroeinführung, die ja angeblich auch keine Inflation erzeugt hat. Ich muss als Statistiker nur Gemüse und Obst aus dem Warenkorb herausnehmen oder das teure gegen ein billigeres ersetzen und schon ist die Inflation geschönt. Merkt das eigentlich keiner außer mir??? Und wenn ich das sage, sagen die Strohdummen meißtens: Das ist, weil keine Erntehelfer da sind… Aha. War mir schon klar. Und deshalb ist es keine Inflation? Rechtfertigt das irgendwas? Nein, der Strohdumme hat es sich gerade strohdumm schön geredet, mir fällt die Kinnlade runter und ich denke „Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!!!“ Ich glaube, ich gehe mal dazu über, das nicht mehr zu denken, sondern zu sagen. Und ihr, liebe Autoren dieses Artikels, könntet ruhig mal zuende denken, bevor ihr diesen Statustikmüll millionenfach unkritisch weiter verbreitet.

    • Avatar

      Nemar

      28. Juni 2020 13:04 at 13:04

      @Maren
      In der EDV müssen eigentlich nur zwei Zahlen ausgetauscht werden, das ist einfach…

      Das wäre vielleicht dann relativ einfach, wenn man nur den Teil Rechnungswesen (Angebote, Auftragsbestätigungen, Rechnungen, Abschlagsrechnungen usw.) zu berücksichtigen hätte. Wobei sich auch hier bereits Probleme ergeben: Ein Unternehmer schreibt z. B. am 10.06. ein Angebot, erbringt bis 20.06. eine Teilleistung, über die er eine Abschlagsrechnung mit 19% MwSt. stellt. Dies funktioniert üblicherweise über „Weiterführen des Angebotes als Abschlagsrechnung“. Am 05.07. wird der Auftrag abgeschlossen, für diese zweite Teilleistung (16%) oder genauer gesagt über die Gesamtleistung (16 oder 19% ?) abzüglich der ersten Teilleistung (19%) muss nun die Endrechnung gestellt werden (ebenfalls über Weiterführen des Angebotes, das ja bekanntlich mit 19% erstellt wurde).

      Aber es gibt neben dem Rechnungswesen auch noch die Buchführung.
      Üblicherweise sind den jeweiligen Artikeln oder Artikelgruppen Steuersätze und Erlöskonten bzw. Ausgabekonten für den Einkauf hinterlegt. Diese können Sie nicht einfach ändern, weil dann falsche Zahlen für die Zeiträume davor und danach verbucht werden. Hier benötigen Sie also zwei neue Steuersätze (5% und 16%), zwei neue Erlöskonten (Umsätze 5% und Umsätze 16%) sowie zwei neue entsprechende Ausgabekonten für den Einkauf, die datumsabhängig funktionieren müssen. Hier stellt sich die Frage nach Leistungsdatum, Lieferdatum oder Rechnungsdatum? Dies ist ein weiterer Zusatzaufwand und die nächste potenzielle Fehlerquelle.

      Und zuletzt muss die zu implementierende Lösung ja nicht nur innerhalb der jeweils verwendeten Software funktionieren, sondern auch kompatibel mit den dafür anzupassenden Steuermeldungen sowie den ELSTER- und DATEV-Systemen bleiben.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Allgemein

Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

Veröffentlicht

am

Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

weiterlesen

Allgemein

Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

weiterlesen

Allgemein

Hans-Werner Sinn bei Marc Friedrich – die große Krise

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Hans-Werner Sinn ist als ehemaliger Leiter des ifo-Instituts immer noch ein bundesweit hoch anerkannter und gern gesehener Gesprächspartner rund um ökonomische Themen. Seine Meinung hat Gewicht. Aktuell wurde er vom (durch große Medien als Crashprophet bezeichneten) Marc Friedrich interviewt zur aktuellen großen Krise.

Hans-Werner Sinn über zweite Corona-Welle und China

Laut Hans-Werner Sinn sei die zweite Corona-Welle längst da. Einen zweiten, echten und harten Lockdown könne Deutschland nicht verkraften – deswegen werde es ihn auch nicht geben. Man werde stattdessen versuchen Brandherde einzeln und lokal zu löschen. Besprochen werden von den beiden zahlreiche bestehende ökonomische Probleme, darunter die Südländer in Europa, für die der Euro nach wie vor zu teuer sei. Auch die Krise der Autohersteller wird angesprochen. Hier gehe es um Regulierungsprobleme.

Marc Friedrich spricht die starke Überschuldung in China an. Hans-Werner Sinn erwähnt hier aber die in wenigen Jahren stark gestiegene Bedeutung Chinas für Deutschland. Vor vier Jahren sei China noch das viert wichtigste Exportland für die deutsche Wirtschaft gewesen, heute sei es das wichtigste Land. Die dortige rasche konjunkturelle Erholung helfe derzeit auch sehr stark der deutschen Exportwirtschaft.

Schulden-Vergemeinschaftung

Auch besprechen Hans-Werner Sinn und Marc Friedrich ausführlich das Thema der neuen EU-Anleihen und der zunehmenden Staatsfinanzierung durch die EZB. Angesprochen werden auch die ursprünglichen Grundsätze zu Zeiten der Euro-Einführung, wonach die EZB die Staaten nicht direkt finanzieren dürfe. Aus der Formulierung hätte Juristen dann den Schluss gezogen, dass eine indirekte Finanzierung erlaubt sei, so wie sie jetzt laufe (Banken kaufen Staatsanleihen in der Erstauktion, verkaufen sie kurz danach an die EZB).

Auch werden von den beiden Themen angesprochen wie eine mögliche Hyperinflation, das massive Rentenproblem und die großen wirtschaftlichen Probleme, die in Deutschland schon in zehn Jahren sichtbar sein sollen. Hans-Werner Sinn formuliert es drastisch und klar. Europa gehe über in ein dauerhaftes Siechtum bestehend aus dauerhaften Transfers nach Südeuropa, und ohne ausreichende Produktivität.

Bankenkrise

Egal ob die Zinsen nun wieder steigen würden, oder ob man weiter auf der Null-Linie bleibe. Auf die Banken in Europa werden laut Hans-Werner Sinn immense Probleme zukommen, die nicht ewig mit Sondermaßnahmen (wie es derzeit passiert) kaschiert werden könnten. Ein sehenswertes Gespräch, es lohnt sich! Nehmen Sie sich die Zeit.

Finden Sie beim Klick an dieser Stelle die fünf Investment-Ideen von Marc Friedrich.

Hans-Werner Sinn
Hans-Werner Sinn. Foto: blu-news.org CC BY-SA 2.0

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage

Wenn Sie diese Webseite weiter verwenden, stimmen Sie automatisch der Verwendung von Cookies zu. Zur Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um Ihnen das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen