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Mehrwertsteuersenkung: Ab in die Deflation? Staatliche Statistiker mit Berechnungen

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Kartoffel, Münzen, Taschenrechner

Die Verbraucherpreise in Deutschland lagen im Mai bereits nur noch bei 0,6 Prozent im Plus. Nun hat die Bundesregierung beschlossen ab Juli eine Mehrwertsteuersenkung durchzuführen. Bei Sätzen von 19 Prozent geht es runter auf 16 Prozent, und bei Sätzen von bislang 7 Prozent runter auf 5 Prozent. Natürlich ist es nicht klar abzuschätzen, wie viele Unternehmen aus welchen Branchen diese Ersparnis in welchem Umfang an die Verbraucher weitergeben werden. Es ist wohl unmöglich so etwas zu prognostizieren.

Mehrwertsteuersenkung zieht Verbraucherpreise spürbar runter

Aber was, wenn die Mehrwertsteuersenkung vollständig von den Verkäufern an die Endverbraucher weitergegeben würde? Dies hätte auf die Verbraucherpreise (also die Inflation) einen deutlich negativen Einfluss. Die staatlichen Statistiker vom Statistischen Bundesamt haben nachgerechnet und heute eine Prognose veröffentlicht. Sie sind der Meinung, dass die Verbraucherpreise in diesem Fall im Jahresvergleich um satte 1,6 Prozentpunkte sinken würden. Dann lägen wir beim aktuellen Stand der Teuerungsrate von +0,6 Prozent also bei einer Preisveränderung von letztlich minus 1 Prozent. Klar in der Deflation! Wie gesagt. Dies gilt für den Fall, dass die Mehrwertsteuersenkung vollumfänglich bei den Konsumenten ankommt.

Wir möchten dazu anmerken: Nehmen wir an, dass nur Teile davon bei den Konsumenten ankommen – vielleicht nur die Hälfte, ganz plump gesagt – und die Mehrwertsteuersenkung bringt minus 0,8 Prozentpunkte für die Verbraucherpreise als Gesamtzahl? Dann wären da noch die Ölpreise, die den jüngsten Absturz der Verbraucherpreise erst ausgelöst hatten. Sie sind die letzten Wochen wieder deutlich gestiegen. Mit gewisser Verzögerung könnte sie ab Juli/August wieder für etwas Auftrieb bei der Inflation sorgen, so dass sie sich insgesamt gesehen womöglich knapp über der Null-Linie halten könnte.

Mehrwertsteuersenkung Auswirkung Prognose

Hier noch einige interessante Anmerkungen der Statistiker im Wortlaut:

Die Steueränderungen wirken sich jedoch nicht auf alle Waren und Dienstleistungen des Warenkorbs der Verbraucherpreisstatistik gleichermaßen aus. Rund 70 % der im Warenkorb enthaltenen Güter sind mit dem vollen Steuersatz (19 %) oder dem ermäßigten Steuersatz (7 %) behaftet. Dagegen sind rund 30 % der Güter von der Mehrwertsteuerpflicht befreit. Deshalb wird sich die Mehrwertsteuersenkung auf die einzelnen Gütergruppen unterschiedlich auswirken. Beispielweise haben die Steuersenkungen einen Einfluss auf Nahrungsmittel (vorrangig 7 %) und Bekleidung (19 %). Wohnungsmieten, die einen hohen Anteil an den Verbrauchsausgaben haben, sind hingegen nicht betroffen.

Im Rahmen der letzten Änderungen der Mehrwertsteuersätze im Januar 2020 wurde der Mehrwertsteuersatz für Bahnfahrkarten im Fernverkehr, für E-Books und für Hygieneprodukte wie Tampons von 19 % auf 7 % abgesenkt. Die Auswirkungen auf die Entwicklung der Verbraucherpreise fielen – wie bereits in der Vergangenheit – unterschiedlich aus. So gingen zum Beispiel die Preise für Hygieneprodukte schon im Vorfeld der Steuersenkung zurück. Die Preise für Bahnfahrkarten für den Fernverkehr sanken im Januar 2020 um 10,0 %.

Inwieweit die für Juli angekündigte Senkung der Mehrwertsteuer an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergeben wird, ist derzeit noch unklar, da eine vollständige Weitergabe nicht gesetzlich verordnet ist. Auch sind die tatsächlichen Auswirkungen auf die Inflationsrate nur schwer abschätzbar, da die Preisentwicklung insgesamt auch von vielen anderen Effekten bestimmt wird.

9 Kommentare

9 Comments

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    thinkSelf

    15. Juni 2020 16:54 at 16:54

    Als Unternehmer wäre ich ja mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich die Mehrwertsteuersenkung weitergeben würde. Die meißten Unternehmen werden froh sein eine etwas höhere Marge einzufahren.

    Allerdings ist die Rückkehr zur “alten” Mehrwertsteuer eine gute Gelegenheit gleich mal die Preise zu erhöhen. Das Gedächtnis der Leute hält nämlich keine 6 Monate.

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    Faktist

    15. Juni 2020 21:34 at 21:34

    Ich gebe die MwSt. Senkung nicht weiter… f u all… wtf sollte dieser Scherz!? Hat überhaupt jemand mal über die Kosten der Umstellung nachgedacht!??? Denkt da überhaupt jemand nach bevor er so ein Schwachsinn beschliesst???? 6 Monate runter und dann wieder rauf. Was ist wenn man ein EDV System hat welches umgestellt werden muss, dann sind dann die Steuerberater bzw. die Buchhaltung, dazu kommen auch noch die VK Preisanpassungen (wie gesagt, bei mir nicht, aber bei anderen). Und zu guter letzt, alle Angaben online ändern um keine Abmahnung wegen evtl. irgendwo vergessener Änderung dieser Änderung zu bekommen. OMG wer zum Teufel hat denen es geraten!??? Ich weis es! Die Autolobby! Das ist wirklich die einzigste Lobby die ein Kompromiss wollte, weil ja die Verbrenner nicht gefördert werden. Klar bei Autos ist es relativ einfacher und die 3% Nachlass sind bei grösserer Summen natürlich lukrativer für Käufer. Die Autoverkäufer spekulieren, dass dann die Nachfrage höher sein wird. Aber alles andere ist Blödsinn! Wie gesagt, Politiker-Sumpf ab auf die Strasse und ab ins Mittelalter wo man Examples statuieren konnte. Anderes verstehen die Menschen es nicht!!! ES wird sich niemals was ändern, bis man die schlimmst anzunehmende Konsequenz sieht!!!

    Hoffe es liest jemand der es weiter gibt und hoffentlich wird es wenigstens einen geben, der diesen Blödsinn stoppt… ich meine damit diese ganze Politiker Lobby Schawachsinn!

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      Michael

      15. Juni 2020 23:55 at 23:55

      @Faktist, endlich mal einer, der die realen Auswirkungen des blinden, sinnlosen, aber umfragewirksamen Aktionismus erkannt, thematisiert und weiter gedacht hat. Und ebenso die sog. christlich-demokratisch-sozialen Ursachen. Klingt so, als wären auch Sie auch Opfer der großartigen Corona-Sofort”hilfe”? In Kenntnis der “einfachen und unkomplizierten” Hilfen bei den “privaten” Kosten und Ausgaben.

      Ein buchhalterischer Alptraum, ein völlig irrsinniger Aufwand von Anfang bis jetzt. Millionen Selbständige wissen nicht im Ansatz, wie dieser kurzfristige, temporäre und wirkungslose Knallkörper in die bestehenden IT-Systeme integriert werden kann und soll. Genaue gesetzliche Vorgaben (ein Paradoxon an sich) sollen ja auch erst Ende Juni verabschiedet werden. Ab 1. Juli müssen die dann aber in den Systemen verarbeitet werden. Viel Spaß!

      Man pumpt weiterhin ganz unkompliziert und ungeniert Milliarden in die Erpresser- (sorry, Verbrenner-) Industrie, während man weiterhin an den ausgelaugten Zitzen des lobby-freien Mittelstandes saugt.

      Unchristlich, undemokratisch, unsozial, aber medienwirksam.

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    Dreistein

    16. Juni 2020 12:03 at 12:03

    Was für Güter (30%) im Warenkorb sind von der MwSt. befreit?

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      Michael

      16. Juni 2020 13:33 at 13:33

      @Dreistein, die größte Position wird doch oben bereits im Artikel genannt: Wohnungsmieten. Dazu kommen steuerbefreite Nebenkosten wie Grundsteuer, Immobilienversicherung und Abwassergebühren. Natürlich sind auch andere Versicherungen mehrwertsteuerbefreit, ebenso Finanzdienstleistungen und ein Großteil ärztlicher Leistungen, auch in Kliniken und Krankenhäusern.

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    Macwoiferl

    16. Juni 2020 12:46 at 12:46

    Ruhig Blut, Leute.
    Alles wird gut.
    Ihr wählt sie ja doch wieder dann!
    :-)
    Dafür dürfen euch Merkel&Co schon ein bisschen plagen zum Dank!
    Der Tag ist schön heute!

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    Korrektor

    16. Juni 2020 14:14 at 14:14

    Deflation in der Realwirtschaft, Inflation an der Börse und die Schere klafft weiter auseinander.

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    Maren

    27. Juni 2020 11:37 at 11:37

    Interessant, das mal aus Unternehmersicht zu hören. Klar, zweimal umstellen erzeugt Kosten. In der EDV müssen eigentlich nur zwei Zahlen ausgetauscht werden, das ist einfach, jedenfalls, falls es wirklich gut programmiert ist, und das ist es oft nicht, aber viele Frontend-Seiten müssen wahrscheinlich von Hand geändert, Preisschilder neu gedruckt, Artikel neu beklebt werden etc. Und wahrscheinlich kann ich mir höchstens die Hälfte der Baustellen tatsächlich vorstellen. Ich würde das Gefühl haben, der Staat schmeißt mir Knüppel zwischen die Beine. Das heißt, die Mehrwertsteuersenkung wird verpuffen in einem künstlich und unnütz geschaffenen Kostenapparat. Traurig. Und ganz schön hirnlos. Man sollte wirklich erstmal zuende denken.

    Andereseits frage ich mich manchmal, ob das Absicht ist:
    Die MwSt wird gesenkt,die Verbraucher jubeln!!! Toll!!! Eine Erleichterung. Später merken sie dann, sie wurden gelinkt und belogen, aber dann ist es zu spät, oder sie sind zu dumm und merken es gar nicht, obwohl ihr Portemonnaie immer leerer wird. Was nicht sein darf, das nicht sein kann… Sie vernebeln die Wahrheit vor sich selbst. Denn Politiker sind doch toll und glaubwürdig, oder?

    Und dasselbe passiert hier mit der Inflation: Dieser Artikel, sorry, ist Lug und Trug. Genau wie das, was die Statistiker mit dem Warenkorb machen: Sie tauschen die Güter aus!!! Und schon wird billiger, was in Wahrheit teurer wird. Ich esse fast nur Obst und Gemüse. Und an der Kasse falle ich regelmäßig um: Ein paar Teile 40 Euro!!! Das ist neu. Mein Portemonnaie hat ein ähnliches Loch wie nach der Euroeinführung, die ja angeblich auch keine Inflation erzeugt hat. Ich muss als Statistiker nur Gemüse und Obst aus dem Warenkorb herausnehmen oder das teure gegen ein billigeres ersetzen und schon ist die Inflation geschönt. Merkt das eigentlich keiner außer mir??? Und wenn ich das sage, sagen die Strohdummen meißtens: Das ist, weil keine Erntehelfer da sind… Aha. War mir schon klar. Und deshalb ist es keine Inflation? Rechtfertigt das irgendwas? Nein, der Strohdumme hat es sich gerade strohdumm schön geredet, mir fällt die Kinnlade runter und ich denke “Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!!!” Ich glaube, ich gehe mal dazu über, das nicht mehr zu denken, sondern zu sagen. Und ihr, liebe Autoren dieses Artikels, könntet ruhig mal zuende denken, bevor ihr diesen Statustikmüll millionenfach unkritisch weiter verbreitet.

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      Nemar

      28. Juni 2020 13:04 at 13:04

      @Maren
      In der EDV müssen eigentlich nur zwei Zahlen ausgetauscht werden, das ist einfach…

      Das wäre vielleicht dann relativ einfach, wenn man nur den Teil Rechnungswesen (Angebote, Auftragsbestätigungen, Rechnungen, Abschlagsrechnungen usw.) zu berücksichtigen hätte. Wobei sich auch hier bereits Probleme ergeben: Ein Unternehmer schreibt z. B. am 10.06. ein Angebot, erbringt bis 20.06. eine Teilleistung, über die er eine Abschlagsrechnung mit 19% MwSt. stellt. Dies funktioniert üblicherweise über „Weiterführen des Angebotes als Abschlagsrechnung“. Am 05.07. wird der Auftrag abgeschlossen, für diese zweite Teilleistung (16%) oder genauer gesagt über die Gesamtleistung (16 oder 19% ?) abzüglich der ersten Teilleistung (19%) muss nun die Endrechnung gestellt werden (ebenfalls über Weiterführen des Angebotes, das ja bekanntlich mit 19% erstellt wurde).

      Aber es gibt neben dem Rechnungswesen auch noch die Buchführung.
      Üblicherweise sind den jeweiligen Artikeln oder Artikelgruppen Steuersätze und Erlöskonten bzw. Ausgabekonten für den Einkauf hinterlegt. Diese können Sie nicht einfach ändern, weil dann falsche Zahlen für die Zeiträume davor und danach verbucht werden. Hier benötigen Sie also zwei neue Steuersätze (5% und 16%), zwei neue Erlöskonten (Umsätze 5% und Umsätze 16%) sowie zwei neue entsprechende Ausgabekonten für den Einkauf, die datumsabhängig funktionieren müssen. Hier stellt sich die Frage nach Leistungsdatum, Lieferdatum oder Rechnungsdatum? Dies ist ein weiterer Zusatzaufwand und die nächste potenzielle Fehlerquelle.

      Und zuletzt muss die zu implementierende Lösung ja nicht nur innerhalb der jeweils verwendeten Software funktionieren, sondern auch kompatibel mit den dafür anzupassenden Steuermeldungen sowie den ELSTER- und DATEV-Systemen bleiben.

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Aktienmärkte: Warum sie laut “NorthmanTrader” nicht weiter steigen

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Tja, warum können die Aktienmärkte seit einigen Wochen nicht mehr ansteigen? Warum komplettieren sie nicht die V-förmige Erholung nach dem großen Crash im März? Derzeit sagt zum Beispiel der Experte Andre Stagge (siehe beispielsweise hier), dass wir derzeit voll in der Saisonalität angekommen sind, wo die Sommermonate grundsätzlich eine maue Nummer abliefern. Das ist nachvollziehbar. Und ja, grundsätzlich kann man derzeit vom Sommerloch sprechen?

Aktienmärkte in Angst vor der Fed?

Der im Netz inzwischen gut bekannte und anerkannte Experte Sven Henrich ist bei Twitter mit seinem dortigen Accountnamen “NorthmanTrader” zu finden. Er hat eine eigene Theorie, warum die Aktienmärkte seit einigen Wochen nicht weiter steigen können. Und er hat dazu auch eine gut nachvollziehbare Begründung, nämlich einen Vergleichschart. Im folgenden Tweet sieht man basierend auf Daten der St. Louis Fed (die Statistik-Grube der Fed) einmal den Verlauf der gesamten Bilanz der Federal Reserve seit Dezember 2019, als blaue Linie. Im Vergleich dazu sieht man in rot in den Verlauf des S&P 500, der dank der 500 enthaltenen Aktien die Marktbreite der Aktienmärkte in den USA besser darstellt als der Dow Jones mit seinen 30 Werten.

Und was sieht man? Die Aktienmärkte korrelieren sehr gut mit der Bilanz der Fed. Exakt am 9. Juni erreichte der S&P 500 seinen höchsten Punkt seit dem Crash im März, um seitdem seitwärts oder leicht fallend zu tendieren. Und wir haben nachgeschaut. Tatsächlich, genau am 9. Juni erreichte die Fed-Bilanz ihren Hochpunkt mit 7,168 Billionen Dollar (hier im Detail nachzuschauen). Bis jetzt fällt sie auf 6,92 Billionen Dollar. Wolfgang Müller hatte jüngst schon von einer Pause bei der Geldflut gesprochen. Und ja, die Fed legt derzeit eine Pause ein.

248,1 Milliarden Dollar Bilanzrückgang in vier Wochen

Auch Holger Zschaepitz erwähnt aktuell den Rückgang der Fed-Bilanz, nun die vierte Woche in Folge. Liquidität in Höhe von 248,1 Milliarden Dollar sei den Märkten in den letzten vier Wochen entzogen worden. Haben die großen Player mit dem “intelligenten” Geld (darf man es so sagen?) genau darauf ein Auge? Herrscht so viel Angst vor diesem Abbau an Geldflutung, dass die Aktienmärkte sich deshalb ausgebremst haben? Dieses Szenario ist jedenfalls nicht zu ignorieren.

Im folgenden Chart haben wir den S&P 500 und den Dax auf CFD-Basis in im Verlauf der letzten zwölf Monate übereinander gelegt. Wie es zu erwarten war, laufen die Aktienmärkte im Gleichschritt – natürlich läuft der Dax nach der Vorgabe der Amerikaner, da machen wir uns alle bitte nichts vor. Seit gut vier Wochen ist der Wurm drin – genau seit dem Augenblick, wo die Fed begann mit ihrer Geldflut zu pausieren.

Aktienmäkte wollen seit vier Wochen nicht mehr richtig steigen

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Coronakrise: Deutsche Exportwirtschaft bleibt pessimistisch

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Auch der Hamburger Hafen wurde von der Coronakrise hart getroffen

Eigentlich mehren sich derzeit die Indikatoren, die auf eine Erholung der Wirtschaft nach der Coronakrise im dritten Quartal hindeuten. Ob Konsumdaten, Ifo-Index oder Einkaufsmanagerindizes – die Ausnahme bildet die Exportindustrie, hier verschlechterte sich die Stimmung sogar.

Sonderumfrage zu den Auswirkungen der Coronakrise – AHK World Business Outlook

Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) bei den Mitgliedsunternehmen der Deutschen Auslandshandelskammern zu den Auswirkungen der Coronakrise brachte eine Ernüchterung für die Erholung der Exportwirtschaft. Die rund 3300 deutschen Unternehmen vermeldeten sogar eine Verschlechterung der Lage im Vergleich zum April. Jetzt erwarten 83 Prozent einen Umsatzrückgang, vor drei Monaten waren es noch 79 Prozent.Der Außenwirtschaftschef des DIHK, Volker Treier, hält das Thema V-förmige Erholung der Exportwirtschaft für erledigt, die Krise durch die Pandemie werde langwieriger als erwartet. Diese Meinung stützt er auf das Ergebnis der Sonderumfrage:

– 43 Prozent der Firmen gehen erst im Jahr 2022 oder sogar noch später von einer Erholung aus.
-50 Prozent rechnen bereits 2021 damit, sieben Prozent glauben noch in 2020 an eine Rückkehr zur Normalität.
-Besonders schlecht ist die Stimmung bei Firmen mit Nord-, Mittel- und Südamerika-Geschäften. Hier glaubt die Mehrheit, dass es sogar bis 2022 dauern könnte. Kaum verwunderlich bei den aktuellen Infektionszahlen aus Übersee.
-59 Prozent der Unternehmen berichten von einer schwächeren Nachfrage nach ihren Produkten, dabei sind für 63 Prozent der befragten Unternehmen die Reisebeschränkungen ein massives Problem.
-56 Prozent der Exportunternehmen kündigen an weniger investieren zu wollen, gegenüber 35 Prozent im April.
-43 Prozent gehen von Stellenstreichungen aus (April 35 Prozent).
– Die Investitionen im Ausland sollen laut DIHK von bisher 100 Milliarden Euro in diesem Jahr nur die Hälfte dieser Summe betragen.
-Von den 7,8 Millionen Arbeitsplätzen deutscher Firmen im Ausland könnten 2020 etwa 200.000 in diesem Jahr wegfallen.

Fazit der Umfrage: Insgesamt rechnet der DIHK 2020 mit einem Rückgang der deutschen Exporte um 15 Prozent, die Erholung in 2021 dürfte mit sieben Prozent plus nur einen Teil davon wieder gutmachen.

Das Außenhandelsdefizit

Als Folge dieses pandemiebedingten Rückgangs der Auslandsnachfrage sollte die Exportbilanz um 300 Milliarden Euro schrumpfen, die Importe hingegen deutlich weniger. Damit rechnet der DIHK von einem Rückgang des Handelsbilanzüberschusses von 223 Milliarden Euro auf dann nur noch rund 50 Milliarden Euro im Jahr 2020. Ein weiteres Problem sei aber der anhaltende Protektionismus in zahlreichen Ländern. Auch das ergab die Umfrage:

22 Prozent der Unternehmen sprachen davon, ihre Produktion verlagern zu wollen, 19 Prozent mit einer Rückkehr der Produktion nach Deutschland.

Fazit

Klar leidet die deutsche Exportwirtschaft besonders unter den Folgen der Coronakrise sowie auch dem beobachtbaren Trend zur Glokalisierung oder des Protektionismus. Der Anteil des Exports am deutschen Bruttoinlandsprodukt betrug im letzten Jahr 47 Prozent. Beim Export, insbesondere in westliche Ländern in Nord-, Mittel- und Südamerika, wo derzeit die Hälfte aller weltweiten Covid-19-Infektionen zu zählen sind, ist das Problem besonders groß. Allerdings ist die mit Abstand wichtigste Region für unsere Außenwirtschaft die EU-Zone (60 Prozent der Exporte) und nicht vergessen sollte man die Bedeutung des Konsums für Deutschlands Wirtschaft im Ganzen. Aber insgesamt betrachtet kann man nach den Ergebnissen zum World Business Outlook nur feststellen: Ohne eine Eindämmung von Covid-19 keine substanzielle Erholung der Weltwirtschaft und auch keine Rückkehr zu alten Wachstumszahlen in Deutschland.

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Geldanlage: Vorsicht vor dem falschen grünen Daumen!

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Grüne Geldanlagen, also Investitionen, die vermeintlich umweltfreundlich sind, stellen einen Mega-Trend dar. Spätestens seitdem einige der größten Kapitalanlagegesellschaften der Welt das Thema aufgriffen und ankündigten, Nachhaltigkeitskriterien in die Anlageentscheidungen mit einzubeziehen, müssen sich auch Anleihe-Emittenten damit befassen, wenigstens grüner zu erscheinen. Relativ schnell gelang es einer spanischen Bank, sich anzupassen. Die begab kurzerhand einen CoCo-Bonds und labelte ihn als grüne Geldanlage. Es ist nicht der einzige Versuch, mit vermeintlich grünen Geldanlagen gutgläubige Anleger anzulocken.

Bank will nicht einmal sagen, warum ihre Anleihe eine grüne Geldanlage sein soll

CoCo-Bonds sind Wandelanleihen. Also Anleihen, die in Aktien getauscht werden können. Dabei hängt die Umwandlung jedoch von einer Bedingung ab, wie zum Beispiel der Eigenkapitalquote des Emittenten. Im Gegensatz zu klassischen Wandelanleihen kann der Käufer der Anleihen bei dieser Geldanlage nicht entscheiden, ob er die Anleihe in Aktien tauschen möchte. Wenn die Wandelbedingung erfüllt ist, muss er die Aktien akzeptieren. CoCo-Bonds sind bei Banken beliebt, da sie beim Absinken der Eigenkapitalquote, zum Beispiel während einer Finanzkrise, automatisch neues Eigenkapital zugeführt bekommen. Und kommt es zu keiner Krise, die das Eigenkapital angreift, werden die CoCo-Bonds am Laufzeitende einfach wie eine gewöhnliche Anleihe getilgt. Für Käufer der CoCo-Bonds besteht der Reiz in einem höheren Zinssatz als bei gewöhnlichen Anleihen.

Um die ganze Sache für den Käufer noch attraktiver zu machen, hat die spanische Bank BBVA ihren neusten CoCo-Bonds einfach als grüne Geldanlage gelabelt. Und zwar, weil nach Angaben der Bank ein Teil der Einnahmen durch den Verkauf des CoCo-Bonds in grüne Investitionen fließen soll. Konkrete Angaben dazu vermeidet BBVA jedoch. Anleger können also nicht prüfen, ob die Bank überhaupt einen Cent der Emission in umweltfreundliche Investitionen steckt oder nicht.

Nur weil grün draufsteht, muss es noch längst keine gute Anlage sein

Das Beispiel zeigt, dass nach nachhaltigen Geldanlagen suchende Anleger vorsichtig sein sollten. Der Markt für diese Art von Geldanlage ist schon seit geraumer Zeit ein beliebtes Spielfeld für allerlei windige Geschäftemacher. Das Produktportfolio zweifelhafter Angebote reicht vom genannten CoCo-Bonds, der nicht wirklich nachhaltig ist, über Nachrangdarlehen und Genussrechte für die Errichtung von Erzeugungsanlagen für erneuerbare Energie bis hin zu geschlossenen Fonds oder Aktiengesellschaften, die angeblich in umweltfreundliche Geschäfte investieren wollen, es aber nicht tun.

Die Crux bei den Nachrangdarlehen und Genussrechten ist, dass die Zins- und Tilgungszahlungen davon abhängen, dass die finanzierte Gesellschaft auch ausreichend Gewinne macht. Tut sie das nicht, können die Zahlungen folgenlos ausgesetzt werden. Ein ideales Umfeld für Geschäftemacher, die die Renditeaussichten übertreiben und nach kurzer Zeit ganz legal die Zahlungen einstellen dürfen, weil das Investment doch nicht so viel Geld abwirft wie ursprünglich kalkuliert.

Die Bafin hat in den vergangenen Jahren diverse Investmentangebote verboten, bei denen Anleger für Investitionen in Wald geworben werden sollten (derzeit ist die Behörde sehr stark im Verbotsrausch). Doch auch nicht verbotene Angebote bergen Gefahren, denen sich Anleger nicht bewusst sind, wenn sie für ihre Geldanlage vermeintlich umweltfreundliche Projekte aussuchen. Enorme Vertriebs- und Verwaltungskosten, kaum prüfbare Plantagen in Übersee und immens lange Anlagezeiträume, in denen sich alle möglichen Risiken realisieren können, sind nur einige der Probleme, die solche Investitionen am Ende oft zum Flop werden lassen.

Meine Erfahrungen mit grünen Geldanlagen sind durchwachsen

Ich bin selbst in diversen Projekten investiert, die Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie in Europa finanzierten. Einem kompletten Betrug saß ich zwar noch nicht auf. Doch inzwischen bin ich fast das ganze Spektrum an realisierten Risiken durchgegangen. Angefangen von deutlich geringerem Ertrag als prognostiziert, plötzlich gestiegenen Kosten, die die Rendite der Geldanlage belasten, gleich angeblich gänzlich nicht funktionierenden Anlagen, die dann von der Projektgesellschaft ungefragt eigenkapitalverzehrend weit unterhalb der Baukosten verkauft wurden, bis hin zur Umwandlung von rückzahlbarem Fremd- in nicht rückzahlbares Eigenkapital war schon alles dabei. Die Durchschnittsrendite der Anlagen liegt signifikant unterhalb der Anbieterprojektionen. Eine gute Diversifizierung, also die Streuung des Kapitals über viele verschiedene Anbieter mit diversen Projekten, half dabei, die Risiken im Zaum zu halten und trotz allem noch eine aus heutiger Sicht attraktive Rendite zu erzielen. Wirklich nachhaltig sind die nachhaltigen Anlagen jedoch oft nur für den Anbieter.

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