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Mehr Schuften bei geringerer Entlohnung stärkt nicht Wettbewerbsfähigkeit Merz irrt: Nicht Fleiß – China siegt systemisch

Merz war in China, aber er hat das Land nicht verstanden

Merz irrt Nicht Fleiß China siegt systemisch
Foto: chormail - Freepik.com

Nicht längere Arbeitszeiten entscheiden den Wettbewerb mit China, sondern Währungsstrategie, Industriepolitik und ein systemisch erzeugter Kostenvorsprung:
Der Irrtum von Merz besteht darin, Chinas Erfolg auf fehlenden Fleiß in Deutschland zurückzuführen, obwohl der Vorsprung systemisch entsteht. Nicht Arbeitsmoral, sondern Wechselkurspolitik, Subventionen und strategische Industriepolitik entscheiden über Preise und Wettbewerbskraft.

Merz-Reise nach China: Ablenkung statt Analyse

Kurz nach seiner Rückkehr von seiner China-Reise sagte Merz: „Wir sind einfach nicht mehr leistungsfähig genug. Wenn man aus China kommt, meine Damen und Herren, dann hat man noch mal deutlicher das Gefühl, dass mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche der Wohlstand in unserem Land auf Dauer nicht zu erhalten ist. Da müssen wir jetzt einfach mal ein bisschen mehr tun.“

Merz war zwar in China, aber er hat das Land nicht verstanden. Und er versucht mit diesem schiefen Debattenbeitrag von seinem eigenen Unvermögen abzulenken.

Deutschland: Produktivitätsvorsprung und hoher Overhead

Zunächst lässt sich Merz‘ Kernaussage sehr einfach widerlegen: Die deutschen Arbeitnehmer sind noch immer deutlich produktiver als ihre chinesischen Kollegen. Die Rhodium Group hat dies unlängst in der deutschen Paradedisziplin, dem Automobilbau, bestätigt. Dort heißt es: „Volkswagen übertrifft Chinas größte OEMs bei Weitem.“

Allerdings wird dieser Produktivitätsvorteil vom Verhalten der Unternehmen selbst konterkariert. Volkswagen steht hier ebenfalls sinnbildlich: In den Tarifverhandlungen setzte der Konzern einen massiven Arbeitsplatzabbau kombiniert mit geringeren Lohnerhöhungen und einen Verzicht auf Boni der Belegschaft für 2026 und 27 durch. Nun meldet VW plötzlich einen Netto-Cashflow von sechs Milliarden Euro, wovon bis zu 1,75 Milliarden Euro an Sonderboni an die Vorstandsmitglieder ausgezahlt werden, während die Belegschaft leer ausgeht. Damit belegt VW einen der Nachteile, die die Rhodium Group in ihrer Untersuchung herausstellt. Westliche Automobilhersteller haben einen wesentlich höheren Overhead als BYD, SAIC und Co.

Preisvorteil durch strukturelle Währungsabwertung

Das eigentliche Problem liegt jedoch nicht in der Produktivität. Der entscheidende Vorteil entsteht beim Preis. Und dieser Vorteil fällt nicht vom Himmel, sondern ist das Ergebnis einer gezielten Wechselkurspolitik. Mehrere Untersuchungen vom Deutschen Institut der Wirtschaft, dem Council on Foreign Relations, der Rhodium Group und selbst der Internationale Währungsfonds kommen zu dem Schluss, dass der Yuan eine Unterbewertung von 15 bis 20 Prozent aufweist und inflationsbereinigt von etwa 20 bis 30 Prozent.

Gleichzeitig sinken praktisch durchgehend seit zwei Jahren die Einkaufspreise der chinesischen Hersteller, die sich in immer weiter sinkenden Export-Preisen widerspiegeln. Dadurch entstehen Preisvorteile von grob geschätzt 40 bis 60 Prozent.

Um dieses strukturelle Gefälle auszugleichen, reicht kein Appell an Fleiß und Verzicht. Wenn sich Wechselkursunterbewertung, industrielle Deflation und staatliche Subventionen über Jahre addieren, entsteht ein Kostenvorsprung, der nicht am Ende der Produktionskette aufgeholt wird. Selbst bei längerer Arbeitszeit und stagnierenden Löhnen bleibt die Differenz bestehen, weil sie im System selbst angelegt ist. Der Hebel liegt nicht in der Werkhalle, sondern in der Währungs- und Industriepolitik. Wer so tut, als lasse sich ein makroökonomisch erzeugter Preisvorteil durch individuelle Mehrarbeit neutralisieren, verkennt die Größenordnung des Problems.

Nationale Alleingänge schwächen Verhandlungen

Damit verschiebt sich auch die politische Verantwortung. Wenn die Verzerrung strukturell ist, dann greift die Debatte über Vier-Tage-Woche ins Leere. Die eigentliche Frage lautet, warum Europa einem Partner gegenübersteht, der seinen Wechselkurs steuert, Kapitalbewegungen kontrolliert und Überkapazitäten über den Weltmarkt abbaut. Wer stattdessen längere Arbeitszeiten fordert, verlagert die Last einer globalen Asymmetrie auf die eigene Belegschaft. Das ist kein industriepolitisches Konzept, sondern ein innenpolitisches Ausweichmanöver.

Die Antwort auf diese Frage lag während des China-Besuchs offen zutage. Deutschland trat nicht als Teil eines geschlossenen europäischen Wirtschaftsraumes auf, sondern als einzelner Nationalstaat. Wo waren die europäischen Partner? Warum reiste der Kanzler nicht gemeinsam mit der Präsidentin der Europäischen Kommission, dem Handelskommissar oder mit Emmanuel Macron an? Wer ernst genommen werden will, tritt geschlossen auf. Sonst wird er gegeneinander ausgespielt.

Gegenüber einer strategisch agierenden Führung wirkt nationale Vereinzelung wie eine Einladung zur Asymmetrie. Wer allein reist, signalisiert Verhandlungsbereitschaft ohne Machtbasis. Der Empfang blieb korrekt, aber kühl. Keine Bewegung in zentralen Streitfragen. Autokratische Führungen reagieren nicht auf Charme, sondern auf Gewicht.

Angela Merkel hatte dieses Spiel besser verstanden. Sie spielte mit Wen Jiabao Diabolo und setzte zugleich Kontrapunkte. Sie traf Aktivisten unter Hausarrest und kritische kirchliche Würdenträger wie den Shanghaier Bischof. Diese Gleichzeitigkeit aus Dialog und klarer Haltung verschaffte ihr Respekt. Wer mit den Mächtigen Diabolo spielt und am selben Tag Dissidenten besucht, sendet ein anderes Signal als jemand, der allein anreist und über die Arbeitsmoral der eigenen Bevölkerung spricht.

China: Mehr Arbeit, weniger Nachfrage

Hinzu kommt ein Punkt, der in der hiesigen Debatte fast völlig fehlt. Wenn Arbeitnehmer länger arbeiten und real weniger verdienen, sinkt ihre Kaufkraft. Sinkende Kaufkraft schwächt die Binnennachfrage. Genau dieses Muster prägt die chinesische Volkswirtschaft seit mehreren Jahren. Gedrückte Einkommen, hohe Sparquoten und ein angeschlagener Immobiliensektor haben dazu geführt, dass der private Konsum nicht trägt. Das Wachstum wird über Exporte stabilisiert, nicht über einen dynamischen Binnenmarkt. Die Industrie produziert weiter, doch der Absatz muss im Ausland gesucht werden.

Mehr Schuften bei geringerer Entlohnung stärkt nicht automatisch die Wettbewerbsfähigkeit. Es verengt den heimischen Markt und erhöht den Druck, Überschüsse nach außen zu erzielen. Genau darin liegt die eigentliche Ironie von Merz’ Argument.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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6 Kommentare

  1. Hört sich gut an, haben Sie H. Merz ein Kopie geschickt? Wenn wir alle zunicken, ist das nett für Sie aber es ändert nichts.
    Solange ich in Deutschland lebe und arbeite, vor allem für deutsche Firmen im Ausland, habe ich oft festgestellt, dass vielen aus diesem schönen Land das Ausland nicht verstehen, weil man es einfach nicht schafft, von der beschränkte Sichtweise durch den eigenen Brille zurück zu treten. Ist das systemisch? Ich denke schon lange darüber nach, warum ich das empfinde und was ich tun könnte um manchen Kollegen Kollegen zu etwas mehr Offenheit fürs Andere zu verhelfen. Bislang erfolgslos. So ist es bei uns, so sehen wir es, so ist es. Fertig. Vielleicht ist es einfach menschlich in der Kulturfremde?

  2. Immer wieder interessante Perspektiven und Einblicke – vielen Dank.

  3. Bei der Eurokrise konnten wir etwas ähnliches sehen. Die Griechen arbeiteten nicht weniger als die Deutschen, eher sogar mehr, aber das System war falsch organisiert. Erst mit massivem Druck von außen gelang es die Griechen dazu zu bringen das System umzubauen. Deutschland müsste diesen Druck selber erzeugen, um das System in Deutschland / der EU zu ändern. Bei Trump sieht man, dass dieser auch international Druck erzeugt, um Dinge m Ausland zu ändern. Im deutschen Fall baut Trump unsere Exportorientierung ab. Im chinesischen Fall erreicht er dagegen kaum etwas. Ich weiß nicht wie man die Unterbewertung der chinesischen Währung von außen ändern könnte. Vielleicht keine Geldanlage im Euro / USD erlauben? In dem Fall wäre der Export sinnlos.

    1. China aus der WTO ausschließen. Es war ein Fehler sie aufzunehmen. China hat sich nie an die Regeln gehalten. Das wurde toleriert, weil unsere Eliten sich eine goldene Nase verdient haben und ihnen ihre Mitmenschen egal sind.

  4. Er hat nicht nur China nicht verstanden, er hat auch Deutschland nicht verstanden. Sonst würde er in die aufgeheizte Stimmung nicht so einen erbärmlichen Unsinn verzapfen. Das bringt weder ihm noch seiner Partei Prozente, noch hilft es irgendwie der Wirtschaft.

    Mir geht dieses um den Elefanten im Raum Gerede gewaltig auf die Nerven. Deutschland hat sich in eine Exportabhängigkeit begeben bei nachlassen des EU-Binnenmarkts (für BRD-Güter). Jetzt sagt der Amerikaner Schluss damit. Man sieht doch was er tut, er reist durch die Welt und sucht Absatzmärkte, d.h. er redet das Gegenteil von dem was er tut, zumindest hat es nichts mit der Ursache zu tun.

    Das ist die Ursache, es sind die Fehlentscheidungen (zumindest aus der aktuellen Sicht, kann sich noch ändern) der Politik und der CEOs der letzten Jahrzehnte, nicht die Leistungsfähigkeit der Arbeitskräfte.

    Davon abgesehen, was wäre denn, wenn jeder leistungsfähiger wäre, hätten wir dann nicht noch mehr Arbeitslose? Mal drüber nachdenken über diesen Blödsinn.

    Ich wende mich ab.

    1. Es ist offensichtlich, dass unsere Politik weder fähig noch willens ist, die Probleme auch nur anzugehen.

      Zu Ihrer Frage: es würde nichts bringen, wenn wir die Leistungsfähigkeit weiter steigern würden. Wir haben es hier mit dem sprichwörtlichen Fass ohne Boden zu tun.
      Allerdings würde das den Zeitraum diverser unfähiger Regierungen verlängern, in dem sie weiter so agieren können. Das ist mE auch das unausgesprochene Ziel des Kanzlers.

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