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KI-Boom – Börsenkettenbrief als selbsterfüllende Prophezeiung?

Chiphersteller investieren in KI-Anbieter, Datencenter-Anbieter bieten gigantische Aussichten. Nvidia und Co im Hype. Ist das nachhaltig?

Chipfabrik
Grafik: ChatGPT

Vor einer Woche war es die Bestätigung von monatelangen Befürchtungen: Nvidia wird de facto aus China verbannt, viel Umsatz geht wohl verloren. Da braucht man Ersatz, neue Absatzmärkte, um die gigantisch hohen Bewertungen und Erwartungen der Anleger zu erfüllen? Und warum spült der KI-Hype Nvidia, Nasdaq-Index, Broadcom und Co weiterhin so gigantisch nach oben?

KI-Hype – selbsterfüllende Prophezeiung?

Man nimmt an, dass die Konzerne in den nächsten Jahren gigantische Summen mit dem Thema KI verdienen werden. Geschäfts- wie Privatkunden werden ohne Ende Geld ausgeben für Abos bei ChatGPT, Gemini und Co? Im Augenblick jedenfalls wirkt es eher so, als gebe es eine Art Kreislaufwirtschaft, die an der Börse zu einer Art Kettenbrief wird. Eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. KI-Anbieter werden Großkunden bei Chipherstellern. Chiphersteller investieren in andere Chiphersteller oder KI-Anbieter, damit dort Nachfrage nach den eigenen Produkten entsteht!?!

OpenAI als Hype-Booster

Anfang September meldete beispielsweise der Chipgigant Broadcom tolle Quartalszahlen. Wichtiger aber war, dass der Name OpenAI als neuer 10 Milliarden Dollar-Kunde durchsickerte. Das sorgte für einen neuen Boots bei KI-Aktien, Broadcom bleibt eine „heiße Nummer“ an der Börse.

Massive Hilfe für Intel

Die US-Regierung erwarb Ende August über eine Kapitalerhöhung für 5,7 Milliarden Dollar 9,9 % der Anteile an Intel. Damit wird der strauchelnde einstige Chip-Riese Intel gestützt! Und ohhhh Wunder, sicherlich ein zeitlicher Zufall: Nur wenige Wochen später, am 18. September, meldete Nvidia den Kauf von neuen Intel-Aktien für 5 Milliarden Dollar. Auch will man bei Produkten der beiden Unternehmen eng kooperieren. Das hat der Branche an der Börse erneut einen Schub gegeben, Nasdaq 100 und S&P 500 freuten sich.

Oracle lässt KI-Umsätze bis 2030 durch die Decke gehen?

Am 10. September schaffte die Oracle-Aktie an nur einem Tag einen Sprung nach oben um 30 % – unglaublich, aber wahr. Der Software-Konzern, den auf KI fixierte Anleger bislang so gar nicht auf dem Zeiger hatten, rückte ganz plötzlich in den Mittelpunkt. Denn Oracle hat einen „aggressiven Ausblick“ für sein Cloud-Geschäft gegeben, was die Wall Street verblüfft und Hoffnungen weckt, dass der Aufbau einer globalen KI-Infrastruktur nach ChatGPT beschleunigt wird. Die jüngsten und bevorstehenden Aufträge werden in den kommenden Jahren zu einem rasch wachsenden Cloud-Infrastrukturgeschäft führen, sagte Oracle-Vorstandsvorsitzende Safra Catz. Dieser Geschäftsbereich werde in diesem Geschäftsjahr um 77 % auf 18 Milliarden US-Dollar wachsen und weiterhin aggressiv expandieren, sodass bis zum Geschäftsjahrende im Mai 2030 ein Jahresumsatz von 144 Milliarden US-Dollar erreicht werden soll.

Nvidia schafft sich eigenen Absatzmarkt

Und dann zu guter letzt vorgestern die Sensationsmeldung, dass Nvidia „mal eben“ 100 Milliarden Dollar in OpenAI investiert. Damit erhält OpenAI die Möglichkeit, jede Menge Nvidia-Chips zu kaufen. Eine Kreislaufwirtschaft? So bezeichnen es Analysten. Nvidia schafft sich mit eigenem Geld neue Chipumsätze? Bei all dem sollte man fragen: Werden die KI-Anbieter überhaupt genug Umsätze bei den Endkunden generieren, um diese gigantische Sause refinanzieren zu können? Gewiss… KI steht im großen Bild betrachtete wohl noch weit am Anfang einer viel größeren Entwicklung. Aus dieser Perspektive betrachtet ist noch viel Umsatzwachstum möglich. Aber für den Moment wirkt das gigantische Wachstum bei Nvidia und Co doch recht merkwürdig. Der KI-Hype muss auch kurzfristig weiter befeuert werden?

Micron und Alibaba

Ach ja, heute Nacht kamen dann gute Zahlen von Micron Technology, und heute früh gab es eine neue Hype-Meldung vom chinesischen Giganten Alibaba. Die Aktie legt heute 10 % zu. Denn man will über drei Jahre 53 Milliarden Dollar in KI-Modelle und Infrastruktur investieren. Kaum gab es die frohe Kunde zum Thema KI, kannten die Anleger kein Halten mehr.

Absturz voraus? Rally könnte danach neuen Anlauf nehmen

Noch mehr KI-Hype gefällig, oder ist Ihnen schon schwindelig? Wie ich bereits am 19. September schrieb: Ein Rückschlag ist möglich, sogar ein großer Rückschlag bei KI-Aktien wie Nvidia, Broadcom, Oracle, AMD, Microsoft, Meta, Amazon etc. Jederzeit kann das passieren. Wenn sich Bewertungen dann etwas normalisiert haben, könnten diese Werte einen neuen Anlauf nehmen für eine frische Rally, die die Kurse auf neue Höchststände katapultiert. Denn die KI-Story an sich ist nicht tot. Das Thema dürfte im Hype bleiben, solange Anleger überzeugt sind, dass die letztendlichen Anbieter von KI-Anwendungen für Endkunden auch wirklich kräftig steigende Umsatzerlöse liefern. In Europa ist weit und breit kein KI-Anbieter in Sicht. Dies könnte weiterhin ein Argument sein, warum Anleger verstärkt in den US-Aktienmarkt investieren, und nicht in Europa.

Chart vergleicht durch KI Hype gepushte US-Aktienmärkte mit DaxDer Chart vergleicht Dax mit den US-Aktienmärkten. Die laufen seit Anfang Juni mit mehr als 12 % Plus dramatisch besser als der Dax, der sich fast schon in negativer Korrelation zeitgleich abwärts bewegt mit -2,75 % seit Juni.



Claudio Kummerfeld
Über den RedakteurClaudio Kummerfeld
Claudio Kummerfeld verfügt über langjährige Kapitalmarkterfahrung. Er berichtet als Finanzjournalist über aktuelle Marktereignisse. Dazu kommentiert er politische und wirtschaftliche Themen.
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