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Netzneutralität: Telekom-Chef will „Zwei Klassen-Internet“ – zum Wohle aller!

Von Claudio Kummerfeld

Der Chef der Deutschen Telekom Timotheus Höttges hat blitzschnell nach der EU-Entscheidung „Gegen die Netzneutralität“ verkündet die Telekom habe vor „Spezialdiensten“ einen bevorrechtigten Zugang durch das Internet zu gewähren. Das kann für jeden einzelnen Internetnutzer negative Folgen haben, gegen die er sich nicht wird wehren können. Ein Blick in die Sanduhr-Zukunft…

Telekom Chef Timotheus Höttges will von Abkehr der Netzneutralität profitieren
Telekom-Chef Timotheus Höttges erkennt die Chancen für sein Unternehmen durch das Fehlen von Netzneutralität, die jetzt nicht mehr vorhanden ist. Foto: Sebaso / Wikipedia (CC-BY-SA 4.0)

Aber Moment mal…

Erst am Dienstag hatte das EU-Parlament mit seiner Entscheidung de facto in Sachen Netzneutralität für die EU ein offizielles Schlupfloch für alle Internetanbieter eingebaut – jetzt meldet sich im Eiltempo die Deutsche Telekom zu Wort und macht potenziellen Großkunden den Mund wässrig. Man habe konkrete Vorstellungen über die bevorrechtigte Durchleitung von Daten durch das Internet. Das wäre quasi so als würde man auf der linken Spur der Autobahn nur noch Ferraris fahren lassen, weil die eine Extra-Gebühr dafür entrichten.

Aber Moment mal, das EU-Parlament hat sich am Dienstag doch eindeutig FÜR Netzneutralität ausgesprochen, das liest man doch ganz klar heraus. Stimmts? Falsch! Lesen Sie bitte genau den Text (Originaltext des EU-Parlaments vom Dienstag), besonders den am Ende fett markierten Teil:

„Das neue Gesetz verpflichtet die Anbieter von Internetzugangsdiensten, den gesamten Verkehr bei der Erbringung solcher Dienstleistungen gleich zu behandeln, ohne Diskriminierung, Beschränkung oder Störung, sowie unabhängig von Sender und Empfänger, den abgerufenen oder verbreiteten Inhalten, den genutzten oder bereitgestellten Anwendungen oder Diensten oder den verwendeten Endgeräten – außer zum Beispiel bei gerichtlichen Anordnungen, zur Vorbeugung gegen Cyberangriffe oder um Netzüberlastungen zu vermeiden. Falls derlei „angemessene Verkehrsmanagementmaßnahmen“ erforderlich werden, sollten sie „transparent, nichtdiskriminierend und verhältnismäßig“ sein und nicht länger dauern als unbedingt nötig.

Der Text sieht vor, dass Internetanbieter Spezialdienste anbieten dürfen (z. B. eine für bestimmte Dienste wie Internet-TV, Videokonferenzen oder bestimmte Anwendungen im Gesundheitswesen benötigte verbesserte Internetqualität), jedoch nur unter der Bedingung, dass sich dies nicht auf die allgemeine Internetqualität auswirkt.“

Und genau auf die Formulierung „Spezialdienste“ wollen sich die Deutsche Telekom, aber wie man hört auch Vodafone berufen, um von großen Anbietern nochmal extra zu kassieren. Verlieren wird der „normale einfache“ Internetnutzer, der nicht über Netflix (nur ein potenzielles Beispiel) oder sonst etwas Ähnliches am Internet saugt.

Aufhebung der Netzneutralität – was würde das in der Realität bedeuten?

Kennen Sie das auch? Gerade abends, aber vor allem am Wochenende zu bestimmten Uhrzeiten wollen Sie zuhause am PC auf YouTube etwas gucken, aber manchmal bleibt das Video stehen, oder Uploads/Downloads verzögern sich. Das liegt schon heute daran, dass ein Datenstau sondergleichen herrscht, wenn alle Nachbarn um einen herum zu ähnlichen Uhrzeiten übers Internet Daten saugen oder hochladen wollen. Denn alle laufen über den einen gemeinsamen Verteilerkasten an der Straße.

Wenn z.B. Netflix oder Amazon für ihre Streamingangebote mit der Deutschen Telekom einen Vertrag abschließen würden, damit deren Kundschaft über die Leitungen der Telekom bevorrechtigt bedient wird, werden alle anderen Internetnutzer hinten anstehen müssen und haben noch mehr Verzögerungen und Sanduhren zu befürchten. Auch wenn man als Privatkunde bei der Telekom schon die maximale DSL-Geschwindigkeit gebucht hat und diese auch bezahlt, könnte es passieren, dass man sich in der Datenleitung des Verteilerkastens hinter Netflix-Zuschauern anstellen muss, die keine Leitungsprobleme haben. Die übrig bleibende langsamere Geschwindigkeit wird dann eben auf alle User abgewälzt, die nicht über Spezialdienste am Internet saugen.

Das vorher beschriebene Szenario wäre genau das Gegenteil von Netzneutralität. Denn die besagt, dass jeder der im Internet surft, gleichberechtigt zum Zuge kommt beim Saugen und Hochladen.

Die Telekom denkt an „das Wohl aller“

Die Deutsche Telekom präsentiert sich mit ihren ersten Ideen zur Zerstörung der Netzneutralität nicht als böser Wolf, sondern im Gegenteil als Helfer, z.B. für StartUps. Wenn man den Text liest, denkt man es ginge der Telekom hier um „das Wohl aller“, Zitat:

„Das Internet ist aber sicherlich mehr als ein virtueller Marktplatz. Es hat als Informations- und Partizipationsmedium eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Es muss deshalb frei, offen und ohne Diskriminierung bleiben. Es ist verständlich, dass aus Sorge um diese Bedeutung die neuen Spielregeln für die EU definiert wurden. Im Ergebnis hat das freie und offene Internet jetzt eine gesetzliche Bestands- und Zukunftsgarantie.“

Aber die Logik hinter der Argumentation, die für alle nur Vorteile bringen soll, ist nicht erkennbar. Timotheus Höttges will nicht etwa eine Extra-Gebühr von Anbietern für die bevorrechtigte Durchleitung ihrer Angebote erheben, sondern es soll anders herum laufen. Von den Umsätzen der Anbieter (Netflix? Amazon?) soll die Telekom einen Anteil abbekommen. Zitat Deutsche Telekom-Chef Timotheus Höttges:

„Gegner von Spezialdiensten behaupten, kleine Anbieter könnten sich diese nicht leisten. Das Gegenteil ist richtig: Gerade Start-Ups brauchen Spezialdienste, um mit den großen Internetanbietern überhaupt mithalten zu können. Google und Co. können sich weltweite Serverparks leisten, damit die Inhalte näher zu den Kunden bringen und die Qualität ihrer Dienste so verbessern. Das können sich Kleine nicht leisten. Wollen sie Dienste auf den Markt bringen, bei denen eine gute Übertragungsqualität garantiert sein muss, brauchen gerade sie Spezialdienste. Nach unseren Vorstellungen bezahlen sie dafür im Rahmen einer Umsatzbeteiligung von ein paar Prozent. Das wäre ein fairer Beitrag für die Nutzung der Infrastruktur. Und es sorgt für mehr Wettbewerb im Netz.“

Wenn man dazu mal einen Vergleich ziehen darf: Was der Telekom-Chef beschreibt, wäre ungefähr mit einem Milliardär vergleichbar, der mit einem Obdachlosen wettet „Hej, wir sind jetzt in München, ich wette mit Dir ich bin vor Dir in Paris, denn ich steige jetzt in meinen Learjet. Der Obdachlose beschwert sich beim Schiedsrichter der Wette, dass das keine faire Wette ist. Der Schiedsrichter antwortet dem Obdachlosen: Wieso? Kaufen sie sich doch einfach selbst einen Learjet.




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2 Kommentare

  1. Die Idee mit dem Learjet kaufen ist problemlos machbar!Der Obdachlose verkündet einfach sein persönliches QE-Programm,druckt sich mit einem €urodrucker zur Abwehr der Disinflation die nötige Penunse &alle sind zufrieden!So geht Volkswirtschaft heute!The Italian Way of Live!

  2. So hart das klingt so habe ich keine Hoffnungen auf eine gerechte Welt.
    Der ständige Kampf gegen die übermächtigen Windmühlen ist einfach aussichtslos.
    Erst muss eine Gesellschaftform sterben damit man merkt was man einst hatte.
    Der Mensch hat wohl vergessen das er für seine Freiheit kämpfen muss, aber mit der Gesellschaft?! -> Hoffnungslos!

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