Anleihen

Niederlande mit Umstellung im Rentensystem – Anleihemarkt wird nervös

Die Niederlande stellen ihr Rentensystem um. Dieser gigantische Halter von europäischen Anleihen bringt Unsicherheit in den Markt.

Rotterdam
Rotterdam. Foto: Ksenia Kuleshova/Bloomberg

Die Renditen von europäischen Staatsanleihen zeigen seit einiger Zeit Auftrieb. Der Ausblick auf deutlich höhere Staatsverschuldungen (Aufrüstung etc) zeigt den Ausblick für deutlich mehr Nachfrage nach frischem Anlegergeld am Kapitalmarkt, was die Zinsen (Renditen) in die Höhe treibt. Dazu noch die jüngsten politischen Probleme in Frankreich! Jetzt kommt ein neuer großer Unsicherheitsfaktor hinzu, den man bisher nicht auf dem Schirm hatte. Die Niederlande, ein sehr großer Investor am Markt, stellen ihre Rentensysteme um.

Grafik zeigt Renditen von europäischen Staatsanleihen

Niederlande stellen Rentensystem um

Neue Verwerfungen könnte es im Jahresverlauf aus den Niederlanden geben, so Bloomberg News. Weiter wird berichtet: Das Rentensystem der Niederlande steht vor einer lange geplanten Reform, die umso schwergewichtiger ist, als es das Größte in der Europäischen Union ist. Das Vorhaben treibt die Renditen von Anleihen mit längerer Laufzeit bereits in die Höhe. Auf dem Euro-Swap-Markt, den Rentenfonds zur Absicherung nutzen, positionieren sich Händler für Volatilität. Zum Jahreswechsel hin könnte sich die Lage noch weiter zuspitzen, da dann ein großer Teil der Fonds die Umstellung vollzieht – zu einer Zeit geringerer Volatilität.

Anfang des Jahres warnte die niederländische Zentralbank vor Risiken für die Finanzstabilität. Die Komplexität der Mechanismen macht eine Abschätzung des Ausmaßes der Störungen schwierig. “Es gibt so viele Unbekannte und variable Faktoren“, sagte Ales Koutny, Leiter des Bereichs Internationale Staatsanleihen bei Vanguard. “Jeder weiß, dass dieses Ereignis bevorsteht, aber niemand weiß, wie es letztendlich ausgehen wird. Alle versuchen einfach, sich so gut wie möglich darauf vorzubereiten.“

Mit Blick auf das lange Ende der Renditekurve raten Vermögensverwalter wie BlackRock und Aviva zur Vorsicht. Sie bevorzugen aktuell kürzere Laufzeiten. Gegenüber europäischen Bonds gewinnen für Investoren wie JPMorgan US-Staatsanleihen an Attraktivität. Die Reform in den Niederlanden soll dazu beitragen, die Herausforderungen einer alternden Bevölkerung und eines sich wandelnden Arbeitsmarktes zu bewältigen. Obwohl das Land nur 7% der Wirtschaft der Eurozone ausmacht, ist das Rentensystem am Markt ein überproportional großer Akteur. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank verfügt es über mehr als die Hälfte aller Renteneinlagen in der Eurozone. Seine europäischen Anleihebestände belaufen sich auf insgesamt fast 300 Milliarden Euro.

Volatilität

In den letzten Wochen hat ein Index für die zukünftige Volatilität 30-jähriger Euro-Swaps zugelegt, was laut ING-Strategen teilweise auf die Reform zurückzuführen ist. Die Umstellung wirkt sich auch auf die Euro-Finanzierungskosten aus. Dass die geplante Reform für so viel Bewegung sorgt, liegt in der Art und Weise, wie niederländische Pensionsfonds ihre Portfolios gegen Zinsschwankungen absichern. Bislang haben sie sich stark auf langfristige Swaps verlassen. Damit sollte sichergestellt werden, dass sie unabhängig von der Entwicklung der Zinsen über genügend Barmittel verfügen, um die Rentner zu bezahlen.

Im Rahmen der Umstellung auf das sogenannte Lebenszyklus-Investieren werden die Beiträge jüngerer Arbeitnehmer stärker in risikoreichere Anlagen wie Aktien fließen, wodurch der Bedarf an den langfristigen Absicherungen sinkt. Die Ersparnisse älterer Mitglieder werden sich eher auf sicherere Wertpapiere wie Anleihen konzentrieren, aber auch die entsprechenden Absicherungen werden geringer.

Grafik zeigt Euro Swaps

Am 1. Januar sollen 36 Fonds auf das neue System umstellen, die übrigen folgen in Tranchen alle sechs Monate bis Januar 2028. Die erste große Welle wird ihre Absicherungen vermutlich zu einem Zeitpunkt auflösen, zu dem die Liquidität in der Regel gering ist. Investmentbanken und Broker könnten folglich Schwierigkeiten haben, Verkäufer und Käufer zusammenzubringen — was das System lahmlegen würde.

Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage bei Swaps mit längerer Laufzeit ist bereits jetzt erheblich. Angesichts der Vielzahl von Pensionsfonds, die ihre Swap-Positionen auflösen müssen, könnten Marktteilnehmer wie Hedgefonds zunächst abwarten, bevor sie sich auf die andere Seite des Handels begeben. Dies könnte zu einer raschen Versteilerung der Kurve führen, sagte Rohan Khanna, Leiter der europäischen Bondanalyse bei Barclays.

Wie sich die Situation im Januar entwickeln wird, “kann niemand vorhersagen, aber die Nervosität wird sehr groß sein”, so Khanna. “In solchen Situationen kann der Markt illiquide oder unruhig werden.”

Erschwert werden die Vorbereitungen durch eine politische Krise in den Niederlanden — nach dem Zusammenbruch der Regierung und der darauf folgenden Übergangsregierung wird es zu Neuwahlen kommen. Zu denen, die zurückgetreten sind, gehörte auch der für die Rentenreform zuständige Sozialminister Eddy van Hijum.

Es wurde erwartet, dass er den Pensionsfonds ein zusätzliches Jahr Zeit geben würde, um ihre Zinssicherungsgeschäfte nach dem Übergang zu reduzieren. Dieser Plan dürfte zwar nicht beeinträchtigt sein. Eine für diese Woche geplante Parlamentsdebatte über die Renten könnte jedoch verschoben werden, wie ein Sprecher des Ministeriums sagte.

Nachfrage nach Schuldtiteln

Zudem stellt sich die Frage, wie sich diese Wende zum Jahreswechsel auf die Nachfrage nach langfristigen Anleihen auswirken wird. Für die Emission neuer Anleihen ist Januar in der Regel eine der geschäftigsten Perioden. In den vergangenen vier Monaten sind die Renditen sowohl deutscher als auch französischer 30-jähriger Anleihen gestiegen. Angesichts der zunehmenden fiskalischen Spannungen liegen sie nahe Mehrjahreshochs. Frankreich ist wegen seines Haushalts in eine weitere politische Krise geraten, und die Regierung könnte noch in diesem Monat gestürzt werden.

ABN Amro schätzt, dass die größten Risiken des Rentensektors in deutschen, französischen und niederländischen Schuldtiteln liegen. Der Nachfragerückgang könnte laut Strategen wie Sonia Renoult Druck auf die Regierungen ausüben, bei der Emission von Anleihen auf kürzere Laufzeiten umzusteigen. Dadurch könnten sie stärker den Zinsschwankungen ausgesetzt sein, da sie so ihre Schulden häufiger refinanzieren müssen.

Investoren wie Steve Ryder, mitverantwortlich für die Verwaltung von festverzinslichen Vermögenswerten bei Aviva, sagen, dass sie angesichts der zu erwartenden Turbulenzen zum Jahresende jegliches Engagement in längerfristigen europäischen Anleihen vermeiden werden. “Wenn alle gleichzeitig umsteigen, würde dies für die Händler, die das Risiko tragen müssen, zu einer heiklen Angelegenheit werden”, sagte er.

Niederlande sind großer Käufer von Anleihen in Europa

Pensionsfonds könnten indessen beginnen, langfristige Absicherungen vorzeitig aufzulösen. Das würde das Risiko von Engpässen verringern — die Fonds müssen jedoch davon überzeugt sein, dass sie über ausreichende Puffer zur Absicherung gegen potenzielle Verluste verfügen.

Außerdem gewährt die niederländische Regierung für Absicherungen eine einjährige Anpassungsfrist. Je länger sich die Pensionsfonds jedoch Zeit lassen, desto länger würden sie übermäßig abgesichert sein, was insbesondere für jüngere Arbeitnehmer relevant wäre.

Die niederländische Zentralbank erklärte, sie werde den Übergang weiterhin beobachten, sei jedoch zuversichtlich, dass die einjährige Frist “den Pensionsfonds ausreichend Flexibilität bietet, um ihre Portfolios in geordneter Weise anzupassen”.

FMW/Bloomberg



Claudio Kummerfeld
Über den RedakteurClaudio Kummerfeld
Claudio Kummerfeld verfügt über langjährige Kapitalmarkterfahrung. Er berichtet als Finanzjournalist über aktuelle Marktereignisse. Dazu kommentiert er politische und wirtschaftliche Themen.
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