Allgemein

Nord Stream 2 für LNG-Terminal nutzbar machen – geht das?

Warum Russland nicht allein die Regeln in der Ostsee diktieren kann

Nord Stream 2 und LNG

Seit der russische Gaskonzern Gazprom die Lieferungen durch die Ostseegasleitung Nord Stream 1 gedrosselt hat, schrillen in Deutschland die Alarmglocken. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck rief die Alarmstufe des Notfallplans Gas aus. Somit ist die zweite Stufe von insgesamt drei Stufen in Kraft. Zugleich äußerte Habeck Bedenken, dass die Lieferungen über die Ostsee nach der offiziellen Jahreswartung im Juli ganz ausbleiben könnten. In dieser Gemengelage macht Medien zufolge nun die Idee die Runde, in deutschen Gewässern die auf Eis gelegte Gasleitung Nord Stream 2 für LNG-Lieferungen nutzbar zu machen.

Schwimmendes LNG-Terminal bei Lubmin

Nachdem Brunsbüttel und Wilhelmshaven als Standorte für schwimmende Terminals zum Import von Flüssiggas LNG vorgesehen sind und einer davon bis Jahresende den Betrieb aufnehmen soll, will die Bundesregierung zwei weitere Standorte eruieren. Im Gespräch sind Stade, Hamburg und Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern an der Ostsee. Laut Spiegel-Informationen prüft das Bundeswirtschaftsministerium, den deutschen Abschnitt von Nord Stream 2 zu enteignen und vom Rest der Pipeline abzukappen, um diesen dann für ein schwimmendes LNG-Terminal bei Lubmin in der Ostsee zum Abtransport von Gas ans Festland einsetzen zu können. Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums sollen sich mit Vertretern des Pipelinebetreibers Nord Stream 2 bereits getroffen haben. Vorteil dieser Lösung sei, dass am Ende der Pipeline „ein perfektes Verteilnetz mit Verdichtern und Leitungen“ hänge, „die das Gas direkt nach Süddeutschland transportieren könnten“.

Nord Stream 2: Heikler Plan mit Umweltproblemen

Heikel an dem Plan sei nicht nur, weil von russischer Seite Widerstand drohe. Schließlich ist der russische Gaskonzern Gazprom Besitzer des Schweizer Pipeline-Betreiber Nord Stream 2. Technisch sei das Anheben und Auftrennen der Pipeline aller Voraussicht nach zwar möglich, aber Umweltprobleme könnten dem im Weg stehen. Nach Meinung von Experten sei das Gebiet naturrechtlich geschützt, so dass jede Änderung nahezu zwangsläufig mit Planfeststellungsverfahren und einer Umweltverträglichkeitsprüfung verbunden wäre.
„Das Ministerium will die Überlegungen offiziell nicht kommentieren – aber auch nicht dementieren“, berichtete der Spiegel am 24. Juni.

Provokation für Russland

In Russland kamen diese Überlegungen, wie zu erwarten war, nicht so gut an, besteht dort doch weiterhin die Hoffnung, die betriebsbereite Nord Stream 2 Pipeline irgendwie in Betrieb zu nehmen. Zuletzt brachte Gazprom-Chef Alexej Miller auf dem St. Peterburger Wirtschaftsforum im Juni Nord Stream 2 ins Gespräch, um Ausfallmengen von Nord Stream 1 abzufedern. Kremlsprecher Dmitri Peskow nannte die Idee zur Umwidmung des deutschen Nord Stream 2 Abschnitts lediglich einen rechtlichen Fall für die Anwälte. Ansonsten ließ er sich nicht aus der Reserve locken. Vertreter von der Duma und dem Föderationsrat wurden an dieser Stelle deutlicher und signalisierten damit, dass der heikle Plan sein Ziel nicht verfehlt hat und für Unruhe sorgt. Sprach der Vorsitzende des Staatsduma-Ausschusses für internationale Angelegenheiten Leonid Sluzkij von einer möglichen Provokation, sieht Föderationsratsmitglied Sergei Zekow darin das Ende des Rufs der deutschen Wirtschaft und eine weitere Aktion, die die europäischen Länder zu absolut unzuverlässigen Partnern mache.

Störfeuer in der Ostsee

Hat Russland wirklich die Absicht mit vorgeschobenen technischen Problemen den Druck zu erhöhen, ist dies allem Anschein nach gelungen. Steigende Gaspreise an europäischen Handelsmärkten verheißen nichts Gutes für den kommenden Winter. Mit der Idee zum Abkappen des Nord Stream 2 Abschnittes auf deutschem Territorium und Indienstnahme für den Gastransport vom LNG-Terminal ans Festland setzt das Bundeswirtschaftsministerium einen Gegenschlag gegen die russischen Erpressungsversuche mittels gedrosselter Gaslieferungen über Nord Stream 1. Ob sie real umgesetzt wird, ist nicht der entscheidende Faktor. Sie markiert eine Grenze, dass Russland nicht allein die Regeln in der Ostsee diktieren kann. Kappt Gazprom die Lieferungen in der Ostsee gänzlich, droht Deutschland, endgültige und reale Fakten zu schaffen, Nord Stream 2 für russische Gaslieferungen zu beerdigen.



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

7 Kommentare

  1. Kommentarschaffender

    Auf immer blödere Ideen kommen unsere Politiker. Es gibt auch eine Zeit nach dem Krieg. Und dann wird Nord Stream 2 für Europa wichtiger denn je. Um von der Inflation runter zu kommen und um aus der bevorstehenden Rezession wieder raus zu kommen bedarf es weiterhin das billige Gas aus Russland. Nord Stream 2 sofort in Betrieb nehmen!

    1. Russland darf nie wieder Gas an Deutschland liefern, deshalb müssen alle Anstrngungen gemacht werden um mit Hilfe erneuerbarer Energien grüner Wasserstoff erzeugt wird. Von fossilen Brennstoffen wie Gas müssen wur uns irgendwann verabschieden, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen.

  2. Wenn das Vorhaben möglichst schnell realisiert werden kann, dann aber hopp, hopp.

    Die Wirklichkeit mit der Einsparung von Gas sieht nämlich so aus:

    Erdgasstrom: Deutschland produziert Rekordmenge im Mai trotz Gasknappheit – FOCUS Online

    https://www.focus.de/finanzen/gasknappheitgasknappheit-wollten-wir-nicht-sparen-herr-habeck-deutschland-produzierte-mai-rekordmenge-an-erdgasstrom_id_107979285.html

    Und es ist noch Sommer.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

    1. Ich verstehe den FOCUS-Artikel nicht so ganz. Er beginnt mit einer reißerischen fett gedruckten Zusammenfassung:
      Russland hat die Gaslieferungen nach Deutschland gedrosselt. Kohlekraftwerke sollen das kompensieren, sagt Wirtschaftsminister Robert Habeck. Die Bundesbürger sollen Energie sparen und die Gasspeicher sich füllen. Dennoch wurde im Mai ein neuer Rekord bei der Stromerzeugung aus Erdgas erreicht. Wie passt das zusammen?

      Russland hat aber die Gaslieferungen erst ab Juni gedrosselt. Was das also mit der Stromerzeugung im Mai zu tun haben soll, ist fragwürdig. Die Gasspeicher füllten sich bis dahin rasant, obwohl Gazprom die größten seit Frühjahr 2021 bewusst leer laufen ließ. Das geplante Ziel von 90% bis Ende Oktober wäre bei dieser Geschwindigkeit mehr als locker erfüllt worden.
      Es mag zwar ein neuer Mai-Rekord gewesen sein, insgesamt liegt dieser Monat seit Oktober 2017 aber im unteren Drittel.

      Allerdings erscheint es tatsächlich etwas blauäugig, dass man der verlogenen kleinen Ratte im Kreml nach all seinen Lügen weiterhin vertraut hatte, ein zuverlässiger Lieferant zu sein. Warum wird dann nicht einfach alternativ über Jamal oder Megal geliefert?

      Sollte das seltsame Merit-Order-Modell an den unregulierten freien Strombörsen tatsächlich funktionieren, müssten einige Gaskraftwerke logischerweise günstiger angeboten haben, als Kohlekraftwerke. Das ist aber eher zweifelhaft, weshalb sich die Frage aufdrängt, ob da alles mit rechten Dingen zugeht. Ganz im Sinne des FOCUS-Artikels:
      Stein- und Braunkohlekraftwerke waren also im Mai nicht ausgelastet. Sie hätten die Strompreise senken können. Es sei schon auffällig, dass in Zeiten von Gasknappheit die Rekorde nicht bei Braun- oder Steinkohlekraftwerken liegen, sondern beim teuersten und knappsten Energieträger Gas. Angesichts dieser Ereignisse könnte die Bundesnetzagentur oder das Bundeskartellamt anhand der Daten zur Stromerzeugung und der Kraftwerksauslastung prüfen, ob es womöglich zu einer Zurückhaltung von Kapazitäten bei Braunkohle und Steinkohle kam.

      Eine spannende Frage wird auch sein, ob die Betreiber von Kohlekraftwerken die Situation nicht schamlos ausnutzen werden, wenn der Einsatz von Erdgas für die Stromerzeugung reduziert oder weitmöglichst eingestellt wird. Denn wie wir inzwischen zur Genüge wissen, orientiert sich die Preisbildung in „freien“ Märkten nicht so sehr an Nachfrage und Angebot, sondern vielmehr an der Prämisse: „Weil wir es können.“

  3. Wäre das Deutsche Volk nicht so revolutionskastriert, hätte man Habeck schon längst geteert und gefedert und durch einen Politiker ersetzt, der zum Wohle des deutschen Volkes handelt und Nordstream 2 umgehend in Betrieb nimmt. Aber hier darf man ja nur streiken oder demonstrierten, wenn man niemanden damit stört und Politiker es möglichst nicht mitbekommen. Zum Dank zerstört man gerade unsere Lebensgrundlage und auch noch die Umwelt, für die NATO-Ideologie, du Deutschland nur schadet und nichts nützt.

  4. Grün und Rot ist Deutschland’s Tot✝️. Hitler brauchte 12 Jahre um
    Deutschland zu,,Verändern“.Die Ampel ist besser😢

    1. Es muss heißen „Tod“, du Genie! Wenn schon sinnlose Kommentare, dann wenigstens nicht auch noch auf Legastheniker-Niveau 😖

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage