Nvidia war über Jahre das Gesicht des KI-Rally. Kaum eine Aktie profitierte so stark vom Boom der künstlichen Intelligenz. Umso überraschender ist die aktuelle Entwicklung: Obwohl Nvidia den Markt für KI-Chips weiterhin dominiert und Analysten ihre Gewinnprognosen zuletzt sogar angehoben haben, wird die Aktie inzwischen so günstig bewertet wie vor dem Beginn des KI-Booms. Warum verliert ausgerechnet der größte KI-Gewinner der vergangenen Jahre an der Börse an Strahlkraft – und was verrät das über die nächste Phase der KI-Rally?
Nvidia so günstig wie vor dem KI-Boom
Die Zahlen wirken auf den ersten Blick widersprüchlich. Wie aus einem Bloomberg-Bericht hervorgeht, hat Nvidia seit dem Allzeithoch Mitte Mai rund eine Billion US-Dollar an Börsenwert eingebüßt. Gleichzeitig wird die Aktie nur noch mit dem 18-Fachen der erwarteten Gewinne der kommenden zwölf Monate bewertet. Damit ist Nvidia so günstig bewertet wie seit 2019 nicht mehr – also seit der Zeit vor dem Beginn des KI-Booms. Gleichzeitig ist die Aktie inzwischen sogar niedriger bewertet als der S&P 500 mit einem Forward-KGV von über 20 sowie der Nasdaq 100 mit knapp 23.
Dabei hat sich die operative Entwicklung keineswegs verschlechtert. Im Gegenteil: Analysten haben ihre Gewinnschätzungen für die kommenden Quartale zuletzt weiter angehoben. Bloomberg zufolge rechnen sie für das bis Ende Januar 2027 laufende Geschäftsjahr mit einem Umsatz von rund 393 Milliarden US-Dollar und einem Gewinn von 228 Milliarden US-Dollar. Allein in den vergangenen drei Monaten stiegen die Gewinnschätzungen nochmals um rund 13 %.

KI-Rally wird selektiver
Warum also fällt die Bewertung? Die Antwort liegt weniger bei Nvidia selbst als vielmehr im gesamten KI-Sektor. Nach der ersten Euphoriephase, in der nahezu jede Aktie mit Bezug zur künstlichen Intelligenz kräftig zulegen konnte, beginnt nun die zweite Phase der KI-Rally. Investoren unterscheiden zunehmend zwischen Unternehmen, die dauerhaft vom KI-Boom profitieren, und solchen, bei denen die Erwartungen bereits vollständig eingepreist sind.
Kapital floss zuletzt verstärkt in andere Bereiche der KI-Wertschöpfungskette – vor allem in Speicherchip-Hersteller wie Micron, Sandisk, SK Hynix oder Samsung, die vom Boom bei High-Bandwidth-Memory (HBM) profitieren. Allerdings zeigen inzwischen auch viele dieser Aktien erste Ermüdungserscheinungen. Nach Kursanstiegen von teilweise mehreren Hundert Prozent seit Jahresbeginn nehmen Anleger zunehmend Gewinne mit.
Der gesamte KI-Sektor wird inzwischen deutlich selektiver bewertet. Die Phase, in der nahezu jede KI-Aktie automatisch stieg, scheint vorbei. Stattdessen rücken Geschäftsmodelle, Margen und die tatsächliche Position innerhalb der KI-Infrastruktur stärker in den Mittelpunkt.
Michael Bailey, Research-Direktor bei Fulton Breakefield Broenniman, bringt diese Entwicklung auf den Punkt: Die Aufmerksamkeit der Anleger habe sich zuletzt auf Unternehmen verlagert, bei denen die Erwartungen bislang deutlich niedriger gewesen seien – etwa im Speicherchip-Segment.
Marktführer bleibt unter Druck
Trotz der schwächeren Kursentwicklung bleibt Nvidia operativ der klare Marktführer. Das Unternehmen dominierte Ende 2025 rund 97 % des Marktes für Server-GPUs – sogar etwas mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig rechnen die meisten Analysten weiterhin mit einem dynamischen Gewinnwachstum. Von den 82 von Bloomberg erfassten Analysten empfehlen lediglich vier, die Aktie nicht zu kaufen. Das durchschnittliche Kursziel liegt mehr als 50 % über dem aktuellen Kurs.
Auch Eric Clark, Chief Investment Officer von Accuvest Global Advisors, sieht den Kursrückgang vor allem als Folge der Kapitalrotation. Nvidia sei über lange Zeit einer der am stärksten überlaufenen Trades am Aktienmarkt gewesen. Viele Investoren hätten deshalb Gewinne realisiert, um Kapital in andere KI-Gewinner umzuschichten.

Mehr Normalisierung als Krise
Der Kursrückgang bei Nvidia bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass der KI-Boom an Dynamik verliert. Vielmehr normalisiert sich die Bewertung eines Unternehmens, das zuvor über Jahre mit einem hohen Bewertungsaufschlag gehandelt wurde. Gleichzeitig wird die KI-Rally anspruchsvoller: Anleger investieren nicht mehr wahllos in jedes Unternehmen mit KI-Bezug, sondern prüfen deutlich genauer, wer langfristig zu den Gewinnern der nächsten Ausbaustufe der künstlichen Intelligenz gehören dürfte.
Gerade darin könnte die eigentliche Botschaft der aktuellen Entwicklung liegen: Nicht der KI-Boom endet – sondern die Phase, in der steigende Bewertungen nahezu selbstverständlich waren. Künftig dürften vor allem diejenigen Unternehmen überzeugen, die ihre hohe Bewertung dauerhaft mit steigenden Gewinnen rechtfertigen können.
FMW/Bloomberg
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