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Öl-Futures abgekoppelt vom realen Markt – wie in einer Märchenwelt

Von Claudio Kummerfeld

Die Saudis produzieren auf Rekordniveau und betonen immer wieder aufs Neue, auch weiterhin auf Rekordniveau fördern zu wollen. Trotzdem steigt der Ölpreis seit Wochen. Öl-Futures abgekoppelt vom realen Markt – wie in einer Märchenwelt! Eine Spurensuche.

Öl-Produktion in Texas
Ölpumpe in Texas. Foto: Flcelloguy / Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

Die Öl-Prophezeiung

Unsere Kontakte bei alten Hasen im Terminhandel in Chicago und New York sprechen von einer regelrechten aktiven „self-fulfilling prophecy“, also der selbsterfüllenden Prophezeiung“. Man will, man glaubt, man braucht unbedingt höhere Ölpreise, weil man z.B. als Hedgefondsmanager voll auf „Long“ gesetzt hat. Oder man ist Ölproduzent, Ölausrüster und braucht höhere Ölpreise zum Überleben. Oder man ist Pensionsfonds, Bank, Versicherung und hat große Summen in Öl-Fonds und Öl-ETFs investiert. Nun tun alle ihr bestes dazu, dass die Prophezeiung auch eintritt, dass endlich die Ölpreise steigen. Dies tun sie alle, in dem sie die Öl-Futures über erhöhte Kaufvolumina wochenlang hochpeitschen. Der Umfang der rein spekulativen Future-Kontrakte allein im Brent-Kontrakt (Nordsee-Öl) soll sich seit Jahresanfang fast verdoppelt haben.

Auch viele Marktteilnehmer, die in den letzten Monaten bei stetig fallenden Ölpreisen dachten „jetzt bei 70, jetzt bei 60, jetzt bei 50 Dollar gehe ich long und bin dann auf einem extrem niedrigen Einstiegsniveau dabei“, werden ihre Margin Calls nicht ewig ignorieren können. Höhere Ölpreise müssen also her. Dass der reale Ölmarkt mit Angebot überschwemmt wird? Dass die Öl-Lagerbestände in den USA immer noch auf Rekordhoch sind? Egal, alles egal. Viele kleine finanzschwache Frackingunternehmen in den USA, die sich zu horrenden Zinssätzen über „Junkbonds“ verschuldet haben, hoffen und beten derzeit, dass der Ölpreis schnell weiter steigt Richtung 70, 80 Dollar, damit sie wieder in die Gewinnzone kommen. Geschieht dies nicht schnell und vor allem nicht nachhaltig, geht ihnen die Puste aus und die Käufer der Junkbonds gucken dann genau so in die Röhre. Es hängt also eine ganze Kette von Hoffenden und Betenden am steigenden Ölpreis.

Öl
Natürlich hat der zuletzt gestiegene Ölpreis auch etwas mit der jüngsten Dollar-Abwertung zu tun. Aber dennoch versuchen die Zocker mit Brachialgewalt den Preis dahin zu drücken, wo sie ihn brauchen. Auch charttechnisch steht der Höhenflug auf wackligen Beinen.

Die OPEC-Schwemme

Die OPEC-Mitglieder, allen voran die Saudis, haben in den letzten Wochen mehrfach betont, dass sie jeden „bedienen“, der gerne saudisches Öl haben möchte – bedeutet im Klartext: sie fluten den Markt mit Öl, das sie konkurrenzlos günstig produzieren können. Ziel: den Preis unten halten und alle Konkurrenten in ihre Schranken weisen; erst recht diejenigen, die als letzte dazu gekommen sind und den Saudis ihre Marktanteile streitig machen wollen (Frackingindustrie).

Die saudische Ölproduktion ist derzeit auf dem höchsten Niveau seit 30 Jahren (!).
Die OPEC selbst hat im April 30,8 Millionen barrels pro Tag produziert. Sie geht aber laut aktueller Schätzung davon aus, dass in 2015 die weltweite Nachfrage nach OPEC-Öl bei nur 29,3 Millionen barrels liegen wird. Das heißt die OPEC schmeißt wissentlich mehr Öl auf den Markt, als von Käuferseite nachgefragt wird. Die Produktion in den USA zeigt zwar erste reale Anzeichen für einen Rückgang der Fördermenge, aber nach wie vor verharren die Öl-Lagerbestände in den USA auf Rekordhoch.

Jedes Märchen geht mal zu Ende

Wir können uns auch völlig irren – aber meistens endet ein Märchen irgendwann. Eine Spekulationsblase, eine Spekulationswelle kann sich nicht ewig gegen die Realwirtschaft stemmen. Dieser Versuch ist bisher noch immer gescheitert und endete in einer Katastrophe.




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1 Kommentar

  1. Der Ölpreis sieht zur Zeit keiner Spekulationsblase ähnlich. Nebenbei wäre niemand darüber böse, wenn der Raubbau beim Öl etwas gebremst würde. Es gäbe bei Wechselkursen, Edelmetallen, Aktien und Anleihen wesentlich prädestiniertere Anwärter zu schlachten. Wer short – Öl spielt wird vermutlich auf der falschen Seite stehen. Ich bin nicht im Öl aktiv, vertrete keine Interessen.

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