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Ölpreis abgerutscht – was war passiert? Eugen Weinberg erklärt

Öl-Pumpe

Gestern Vormittag, als der WTI-Ölpreis noch über 76 Dollar notierte, sprach ich in meinem Bericht von einem Tanz auf dem Vulkan für Spekulanten, die auf einen steigenden Ölpreis hoffen. Und dann ab gestern Nachmittag rauschte der Markt stundenlang in den Keller, WTI-Öl fiel von über 76 Dollar auf knapp unter 73 Dollar. Bis jetzt kann sich der Ölpreis wieder leicht erholen auf 73,94 Dollar. Was war passiert?

Ölpreis rutscht ab

Man könnte auf den ersten Blick meinen, dass es gestern eine schnelle Abrutsch-Aktion am Gesamtmarkt war, die nicht auf die Kategorie Öl beschränkt war. Denn auch Gold und Aktienmärkte fielen. Aber bei genauem Hinsehen sieht man, dass der Ölpreis als erster Markt den Weg gen Süden einschlug. Gestern schrieb ich, dass die Long-Spekulanten ihr Glück kaum fassen könnten, dass die Ölproduktion der OPEC und ihrer Partner erst einmal nicht weiter anzusteigen scheint (OPEC+ konnte sich drei Tage lang auf nichts einigen). Auch wenn es die nächsten Tage oder Wochen nicht zu einer Einigung kommen sollte – man könne vermuten, dass Länder wie der Irak und einige andere auf eigene Faust mehr Öl fördern um ihre Kassen voll zu machen. Und dass es noch zu einer offiziellen Einigung für eine höhere Öl-Förderung ab August kommt, das sei doch stark anzunehmen. Also war der Optimismus am Markt nach dem Scheitern der OPEC-Gespräche verfrüht?

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Gut möglich ist es, dass ab gestern Mittag einige institutionelle Anleger auf hohen Preisniveaus anfingen ihre satten Gewinne einzustreichen. Manchmal passiert es dann eben, dass bei Verkäufen plötzlich weitere Anleger aufspringen und ebenfalls glattstellen. Schnell kann ein Schneeball daraus werden – und das auch noch im Juli, wo die Börsenumsätze eh dünner sind. So kann es schnell zu einem Abrutscher kommen. Hinzu kann kommen, dass einige Anleger in der Tat bemerkt haben könnten, dass eine Nicht-Einigung bei der OPEC nicht gut für einen steigenden Ölpreis ist, sondern auf Sicht von Wochen und Monaten eher ein großes Risiko darstellt. Planlos könnten die Öl-Förderländer am Golf ihre Fördermengen in Eigenregie ausweiten, und aus einer anstehenden Unterversorgung mit Öl eine Überversorgung machen.

Experte Eugen Weinberg erläutert

Der Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg hat vor wenigen Minuten seinen Kommentar dazu veröffentlicht. Die alte Börsenweisheit, dass der Markt immer recht hat, stimme nur bedingt. Am Ölmarkt habe die gute Stimmung und der Anstieg im Ölpreis auf ein 6 1/2-Jahreshoch bei WTI und auf ein 3-Jahreshoch bei Brent als Reaktion auf die Nicht-Einigung der OPEC+ nicht lange angehalten. Denn ein Scheitern des Produktionsabkommens sei für den Ölpreis nicht zwingend positiv. Nur eine Beibehaltung der Kürzungsvereinbarung der OPEC+, wonach die Ölproduktion nur noch im Juli erhöht und danach bis April 2022 stabil gehalten wird, würde für einen weiteren Ölpreisanstieg sprechen. Zwar habe Saudi-Arabien seine offiziellen Verkaufspreise für asiatische Abnehmer im August erhöht und damit seine Bereitschaft signalisiert, an dem Abkommen festzuhalten. Doch einige Länder der Allianz würden laut Eugen Weinberg ihre Produktion lieber so schnell wie möglich erhöhen, auch auf Kosten der anderen.

Und, was wird nun passieren? Im Augenblick wäre wohl selbst die Glaskugel ratlos. Wir erinnern uns an das Frühjahr 2020, wo fast parallel zum Ausbruch der Coronakrise Saudi-Arabien seine Fördermenge dramatisch erhöhte, um die anderen Länder aus der OPEC und drum herum (Russland etc) zu disziplinieren. Der Ölpreis crashte, und die Disziplin wurde wieder hergestellt. Nun ist die Lage zwar eine ganz andere, aber die Disziplinlosigkeit scheint wieder anzustehen, und diesmal nur wegen einer sturen Haltung der Vereinigten Arabischen Emirate. Es ist gut möglich, dass es die nächsten Tage oder Wochen doch noch zu einer Einigung für eine strukturierte Erhöhung der Fördermengen bis Jahresende gibt. Bis dahin ist es sehr unübersichtlich am Ölmarkt.

Chart zeigt Ölpreis-Kursverlauf der letzten zehn Tage
WTI-Ölpreis-Verlauf in den letzten zehn Tagen.



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