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Märkte

Ölpreis steigt – ist das die Falle einer falschen Hoffnung?

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Beispielbild einer Pumpe für Öl

Gestern sagten wir, dass die Lage beim Ölpreis nun dramatisch werden könne. Denn die runde große Marke von 20 Dollar im WTI-Öl war das Tief vom 18. März, und ein Fall unter diese Marke könne zu einem weiteren dramatischen Abrutschen führen. Und dann fiel der Ölpreis gestern Abend auch bis auf einen Tiefstpunkt von 19,26 Dollar! Aber dann kam die unerwartete Wende. Bis heute ist der Markt gedreht auf aktuell 21,54 Dollar. Was ist da los?

Der Grund für den aktuellen Dreh im Ölpreis – eine Falle für die Bullen?

Bei solchen plötzlichen Anstiegen kann man immer an eine kurzzeitige technische Reaktion denken, wo in einem überverkauften Markt Gewinne mitgenommen werden. Rutscht der Ölpreis bald wieder in den Keller? Aktuell scheint es Hoffnung zu geben, die ausgestrahlt wird durch mögliche Gespräche zwischen den USA und Russland. Denn Moskau befindet sich derzeit im Öl-Krieg mit Saudi-Arabien. Die Saudis hatten am 9. März die Fluttore komplett geöffnet, und werden im April wohl 12,3 Millionen Barrels pro Tag fördern, wo die Fördermenge noch vor Kurzem unter 10 Millionen Barrels pro Tag lag. Diese Überflutung und gleichzeitig der Nachfrageschock dank des Coronavirus sind dieser Tage der doppelte Schock für den Ölpreis, der brutal gefallen ist!

Putin und Trump haben gestern telefoniert, und nun sollen auf Minister-Ebene weitere Gespräche folgen. Das Ziel ist klar. Donald Trump wollte zwar lange Zeit einen fallenden Ölpreis, damit seine Wähler an den Tankstellen Geld sparen können. Aber jetzt ist der Ölpreis so weit gecrasht, dass ein Großteil der Fracking-Industrie in den USA vor dem Kollaps steht. Die Förderkosten liegen deutlich höher als der aktuelle Erlös, also ist die Produktion defizitär! Hunderttausende Jobs sind in Gefahr, was die Coronakrise für die US-Volkswirtschaft dramatisch verschärft. Also werden die USA wohl versuchen auf Russland einzuwirken, damit Moskau sich wiederum mit den Saudis versöhnt? Ziel ist eine koordinierte Förderengenkürzung Russlands mit der OPEC. Aber genau das war ja das Problem, weshalb der Öl-Krieg ausgebrochen war. Es gab keine Einigung zwischen OPEC und Russland. Wird man sich dieses Mal einigen, weil Russland, Saudis, die anderen Golfstaaten, die US-Fracker… weil sie alle derzeit gigantische Summen verlieren, bei einem so derart niedrigen Ölpreis?

Eugen Weinberg von der Commerzbank ist laut aktuellen Berichten der Meinung , dass Brent-Öl schon bald wieder in Richtung 35 Dollar steigen könne (aktuell 23,31 Dollar), wenn die USA es schaffen sollten die Saudis von ihrem Preiskrieg abzubringen. Falls nicht, drohe der Brent-Ölpreis unter 20 Dollar zu fallen. Und das ist jetzt genau die Frage! Gelingt es den USA so viel Druck auf Russland auszuüben, dass Putin nachgibt, und mit der OPEC eine Vereinbarung für eine gemeinsame Fördermengenkürzung schließt? Daran sind Zweifel angebracht. Es kann funktionieren, aber dieser Hoffnung auf einen weiter steigenden Ölpreis kann sich für die Bullen als üble Falle entpuppen. Denn die Nachfrage nach Öl bricht derzeit extrem stark weg. Und zwar wohl so stark, dass eventuell selbst eine Einigung auf Fördermengenkürzung dem nur teilweise entgegenwirken kann – wenn sie denn überhaupt zustande kommt. Laut aktuellen Berichten hat Exxon zum Beispiel jetzt eine Raffinerie in Louisiana mit 500.000 Barrels pro Tag Kapazität geschlossen, wegen zu wenig Nachfrage bei den Konsumenten.

Analystenmeinungen

Hoffnungsfroh für eine mögliche Wende im Ölpreis ist heute Jasper Lawler von der London Capital Group. Der Ölpreis sei am Montag auf ein neues 18-Jahres-Tief gefallen. Die großen nationalen Ölproduzenten würden jede Aussicht auf eine Einigung herunterspielen, und das halte den Abwärtsdruck für den Ölpreis aufrecht. Letztendlich würden sie aber das tun, was in ihrem besten finanziellen Interesse liege. Und dies sei die Begrenzung der Produktion, um die Preise in die Höhe zu treiben. Man denke, dass entweder die Fracking-Unternehmen in den USA einer Drosselung der Produktion zustimmen werden, oder die USA die Sanktionen gegen Russland reduzieren, um sie an den Verhandlungstisch zu bringen. Beides würde seiner Meinung nach den gegenwärtigen Trend fallender Ölpreise beenden.

Ipek Ozkardeskaya von Swissquote meint aktuell, dass der Markt (trotz der ganz aktuellen kleinen Erholung im Ölpreis) mit Öl überschwemmt werde. Und zwar mit Öl, das derzeit niemand benötige. Eine gemeinsame Aktion der Öl-Förderländer zur Senkung der Produktion könne eine gewisse Erholung der Ölpreise bringen. Aber jede angebotsseitige Intervention müsse so groß sein, dass sie dem historischen Nachfragerückgang entspreche, wobei der tägliche Bedarf nach Öl allein durch die weltweit nicht fliegenden Flugzeuge um schätzungsweise 5 Millionen Barrel zurückgegangen sei.

By the way, so möchten wir noch erwähnen… in Kanada ist die Lage noch viel dramatischer als bei den großen Terminkontrakten Brent und WTI. Der dortige Ölpreis ist weit tiefer gefallen als Brent oder WTI (hier mehr Infos). Und hier noch einige sehr interessante Aussagen der Expertin Amena Bakr über die aktuelle Gemengelage:

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WTI Ölpreis im Kursverlauf seit Mitte Februar+
Im Chart sehen wir den WTI-Ölpreis seit Mitte Februar.

5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    Zimmermann

    31. März 2020 15:50 at 15:50

    Nicht nur, dass die Ölnachfrage fehlt, sondern es gibt da noch das Nordstream Thema. Solange hier der größte US-Präsident für ever nicht einlenkt, kann er von einer Einigung von Russland und den Saudis nur träumen.

  2. Avatar

    Segler

    31. März 2020 16:41 at 16:41

    Hallo Herr Kummerfeld,
    Der Ausdruck „Falle“ trifft im Moment auf beide Handelsseiten zu :-)
    Am gestrigen Tag traf es die Shorties, die man peu à peu wie an der Schnur gezogen in Richtung 20 hat laufen lassen. Das ist übrigens das faszinierende am Ölhandel:
    Trends kann man wunderbar nach Charttechnik handeln.
    (Dies nur mal als Tipp, falls jemanden die ‚Zickerei‘ im fdax zu nervenaufreibend ist)
    Aber eben nur bis an bestimmte Marken.
    Ausbruchstrader, die ein vermeintliches Momentum nutzen möchten, werden gnadenlos rasiert.
    Zurück zum gestrigen Beispiel:
    Im vorbörslichen US-Handel haben einige immer wieder versucht, den Durchbruch unter die 20 zu testen. Vermutlich haben Algorithmen sie immer wieder schnell zurückgeholt.
    Dann die Mittagspause.
    Unsere Erfahrung:
    Die Big Boys treffen sich zu Mittag, die „Azubis“ haben den Auftrag, den Preis währenddessen in engem Kanal zu halten und ja nichts anbrennen zu lassen !
    Oftmals heisst nach dem Essen die Parole: „So – den Shorties machen wir mal ordentlich Feuer unterm A…“
    Man hat sie ihre Einstiege triggern lassen, den Preis immer knapp unter der 20 gehalten, immer mehr Händler stiegen short ein.
    Im Volumenprofil erkennt man es, wwenn der Preis immer knapp ausserhalb der Volume Area tickert.
    Tipp: An solchen Stellen und bei solchem Verhalten NIEMALS einen Trade beginnen !
    Der Jubel der Shorties nach dem vermeintlichem Durchbruch war nur von kurzer Dauer.
    Innerhalb von ca 20 Minuten ginge stakkatoartig fast sechzigtausend Futures im Kauf über den Tisch.
    Offensichtlich wollten starke Kräfte eben nicht nur die 20-er Marke „verteidigen“, sondern auch ein klares Signal geben, wo der Hammer hängt.
    Und wer es wagt, es nicht ernst zu nehmen, der bekommt ihn auf den Kopf !
    Ein ähnliches Spiel findet auf der Oberseite statt, jedoch nicht nicht so krass.
    Herr Kummerfeld, vergessen Sie nicht, dass die WTI Futures sich in extremem Contango befinden – heisst: die Preise der nächsten Monate sind aussergewöhnlich viel höher als der aktuelle Frontmonat (Mai).
    Es spiegelt das gewaltige Missverhältnis wider von Angebotsüberhang und Nachfrageschwäche.
    Der Juni future ist unglaubliche vier Dollar höher und der Dezember-Kontrakt sogar über 13 Dollar als der jetzige Mai.
    Langfristige Händler müssen beim Rollen somit einen heftigen Aufpreis bezahlen.
    Noch steht das Rollen nicht akut an, aber bald wird es den Mai Future nochmals unter Druck bringen.
    Ein extremes Contago löst sich oftmals nicht durch eine Abflachung der Kurve auf, sondern mit dem Kippen in eine Backwardation und umgekehrt.
    Beispiele für ein Wechsel zwischen Backwardation und Contango mit anschliessendem Trendwechsel im Preis:
    Anfang Februar 2020
    Anfang Oktober 2018
    Ende Dezember 2018

    Sollte das passieren, dann kann es im jetzigen Fall mit dem Ölpreis stark nach oben gehen.
    Das Szenario in der Realwirtschaft sähe etwa so aus:
    – Die Kanadier fahren notgedrungen die Produktion drastisch herunter, da keine Nachfrage, Transportkosten zu hoch, Lager bereits voll und mit begnnendem Frühjahr kaum noch Bedarf an Heizöl.
    – Die US Fracker fallen liquiditätsmässig um wie Dominosteine, fahren ebenfalls
    ihre Produktion herunter
    – Die Saudis geben eine drastische Produktionskürzung bekannt
    – Die Russen signalisieren „Gesprächsbereitschaft“
    – Politisch einigen sich die USA, Russland und Saudi Arabien
    – Post-Corona ein enormer Nachholbedarf in der Mobilität.
    – Wiederanstieg des Welthandels, Schiffahrt, Flugtransporte, etc.

    Ich sehe in den genannten Faktoren eine hochexplosive Mischung.

    Auf Sicht von mehren Monaten erwarte ich den Ölpreis mindestens bei 35 Dollar (Herbst)
    Zum Frühjahr 2021 erwarte ich mindestens 45 Dollar.
    Tradingtechnische Umsetzung bitte nicht mit Long Calls umsetzen. Optionen sind bei der aktuell extremen Vola völlig überteuert. Der Verlust des inneren Wertes einer solchen Option radiert den Kursgewinn zu einem grossen Teil wieder aus, selbst wenn der Preis in die genannten Region läuft.
    Ich selbst setze es direktional zum Teil mit futures um – weiss aber um die Rollverluste und das Stopp-Risiko.
    Der Weg der grössten Gewinnwahrscheinlichkeit ist der VERKAUF von Puts an der zweiten Standardabweichung (also igendwo beim strikepreis von 12, und sie mit eine KAUF eines noch tieferen Strikes abzusichern (Bull Put Spread).
    Mit dieser Art profitiert man von einem Rückgang der Volatilität.

    • Avatar

      sabine

      31. März 2020 17:37 at 17:37

      Und dann wäre da noch die Riesengeldmenge, die ins System gekippt wird. Diesesmal relativ direkt in den Verbrauchermarkt, somit also Verbraucherpreise-Inflation, wenn nicht Hyperinflation. Auch das wird den Ölpreis anheizen.
      Wenn VW wie geplant Ende April (oder früher) wieder hochfährt, dann ist das gar nicht mehr so lang.

  3. Avatar

    frank

    31. März 2020 17:42 at 17:42

    Genau deshalb wird der Ölpreis auch bald wieder steigen. Öl ist für mich derzeit ein fast sicheres Investment, ob direkt oder in Öl-Aktien. Niemand der Player hat ein Interesse an einem dauerhaft niedrigem Preis. Kurz- und mittelfristig sehr wohl. Russland leidet unter US-Sanktionen, vor allem an der Blockade gegen Nordstream. Solange die USA hier nicht nachgeben, wird Russland den Ölpreis niedrig halten. Die USA könnten nur auf Saudiarbien Druck ausüben, immerhin ihr wichtigster Verbündeter. Oder sind die USA schon so schwach? Andererseits ist ein niedrigerer Ölpreis für die US-Ökonomie sehr gut, abgesehen von der Ölbranche.

  4. Avatar

    Putin- Vetsteher

    31. März 2020 19:27 at 19:27

    Da können Alle schwafeln u.theoretisieren wie sie wollen, klar wird der Ölpreis wider steigen, aber erst wenn der Langfristdenker Putin es will. Zuerst wird er seine Gegenspieler noch ein wenig ausquetschen, vor allem diejenige die ihn mit Boikott verärgert haben.Alle Russland -Basher staunen wie Russland das wirtschaftlich aushält.Russland u.China sind leidensfähig u.lässt die REICHEN LÄNDER schmoren.

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Dax: Jahresausblick – Anleger sehen mehr Gefahren als Chancen

Stephan Heibel

Veröffentlicht

am

Der Dax ist 2021 bereits angesprungen, der Bitcoin hatte die 40.000 USD geknackt und Tesla konnte in den ersten Tagen des neuen Jahres bereits um 30% zulegen!

Der Quadratmeter Bauland wird in meiner Nachbarschaft auf 2.200 Euro taxiert, ich war bis vor kurzem von 800-1.000 Euro ausgegangen. Ja, liebe Notenbanken, von Inflation keine Spur, oder? Ich habe gelesen, dass die EZB im Rahmen ihrer strategischen Neuausrichtung nach Möglichkeiten sucht, den Zins für langfristig laufende Anleihen zu beeinflussen, ohne über den Geldmarkt gehen zu müssen. Abenteuerlich.

Für uns Anleger sind das goldene Zeiten, wobei der Gradmesser der Inflation, das Gold, tatsächlich nicht anschlägt. Die Feinunze Gold verlor diese Woche 1,4%. Ich denke, die überschüssige Liquidität der Anleger wandert derzeit eher in den Bitcoin als ins Gold. Den Bitcoin können Sie problemlos über Landesgrenzen mitnehmen, beim Gold ist das nicht so einfach.

Durch Disruption zum Milliardär

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Mahatma Gandhi

1990-2000:

Es ist nicht leicht, Milliardär zu werden: Bill Gates lief sich in der Industrie die Hacken wund, niemand wollte Computer für den Privatanwender bauen. Das solle man den Profis überlassen, war die Antwort und IBM hatte eine ganze IT-Industrie erschaffen, die von den Personal Computern nichts wissen wollte. Der IBM Mainframe fristet heute ein Nischendasein, Bill Gates wurde mit seinem Betriebssystem für Personal Computer, dem Windows, zum reichsten Mann der Welt.

2000-2010:

Man muss in Büchern herumblättern, wenn man sich eine Kaufentscheidung bilden möchte, so das Dogma des Buchhandels vor 20 Jahren. Jeff Bezos bot die Bücher im Online-Versand an und hatte nicht nur alle Buchhändler der Welt, sondern später auch alle Einzelhändler der Welt gegen sich. Eine kleine Nische, die kaum Potential habe, urteilten viele damals. Amazon liefert heute so ziemlich alles, was das Herz an materiellen Wünschen hat. Jeff Bezos löste Bill Gates als reichsten Mann der Welt ab.

2010-2020:

Wenn Sie sich einmal die Ölindustrie und deren weltweite Logistiknetze anschauen, dann können Sie sich vorstellen, dass nicht nur die Autoindustrie gegen die Ablösung der Verbrennermotoren war: Als wichtiger Abnehmer der Ölindustrie liefen also gleich mehrere Branchen weltweit Sturm gegen das Elektroauto. Elon Musk peitschte sein Projekt durch, baute weltweit mangels Kooperationswillen in der Ölindustrie (denen gehören die meisten Tankstellen) ein eigenes Netz an Ladesäulen auf, die weltweit größten Batteriefabriken (Giga-Factories). Durch den Kurssprung in den Tesla-Aktien löste Elon Musk gestern Jeff Bezos als reichten Mann der Welt ab.

2020-2030:

Vielleicht steht der nächste Milliardär ja schon in den Startlöchern. Der Erfinder des Bitcoin ist nicht bekannt. Die mRNA-Technologie wird von mehreren Unternehmen genutzt, aber Moderna und BionTech scheinen die Nase vorn zu haben. Beyond Meat krumpelt die Nahrungsmittelindustrie um. Und Zoom Video und Twilio verändern die Art und Weise, in der wir untereinander kommunizieren. Spannend! Und es lohnt sich, am Ball zu bleiben.

Ich habe den Eindruck, dass die Coronakrise in einigen Bereichen Entwicklungen der kommenden Jahre vorweg genommen hat. So konnten die Aktien von BionTech, Zoom Video usw. im vergangenen Jahr exorbitant anspringen. Im Jahr 2021 wird sich zeigen, welche Entwicklungen tatsächlich beschleunigt wurden, und welche lediglich eine Sonderkonjunktur erfuhren.

Dax: Jahresausblick 2021

Bereits seit sechs Jahren führe ich die Jahresumfrage unter Lesern des Handelsblatts durch. Im Sinne der Sentiment-Theorie interpretiere ich die Mehrheitsmeinung dahingehend, dass es unwahrscheinlich ist, dass genau diese Erwartung eintritt. Vielmehr haben Untersuchungen gezeigt, dass an den Finanzmärkten in der Regel das Unerwartete passiert.

Das Ergebnis meiner Analyse der Jahresumfrage vor einem Jahr war die Erwartung, dass der DAX frühzeitig im Jahr 2020 ausverkauft würde, um dann bis in den November hinein stark anzusteigen. Den Jahresschlusskurs hatte ich sodann auf knapp unter das Jahreshoch taxiert. Optisch betrachtet habe ich damit ziemlich gut gelegen.

Wenn wir jedoch die Beschriftung der X-Achse zufügen, könnte ich nicht schlechter gelegen haben: Das Tief hatte ich auf über 12.000 festgelegt und als Jahreshoch hielt ich die 15.000 Punkte für möglich.

Nun könnte man sagen, die Corona-Pandemie hat ohnehin alles auf den Kopf gestellt. Doch gerade solche unvorhersehbaren Ereignisse sollen ja mit Hilfe technischer Instrumente, wie beispielsweise dieser Jahresumfrage, berücksichtigt werden. Dennoch würde ich sagen, dass wir den Verlauf recht gut prognostiziert haben, wenngleich die Intensität durch Corona nach unten verstärkt wurde. Heute werden wir untersuchen, ob der Lauf in Richtung 15.000 nur um ein Jahr verschoben wurde, oder ob sich nach Corona eine vollständig neue Situation ergibt.

Bei unserer Jahresumfrage vor einem Jahr wurde die Anlage in Immobilien als beste Investmentchance bezeichnet, gefolgt von Aktien und Edelmetallen. Industriemetalle (bspw. Kupfer) und Nahrungsmittel (bspw. Getreide) wurden als mäßig attraktiv betrachtet.

Tatsächlich haben gerade Industriemetalle (+26%) und Nahrungsmittel (+16%) im abgelaufenen Jahr eine gute Performance gezeigt. Der DAX konnte sich auf Jahressicht knapp ins Plus retten (+3,5%).

Immobilien muss man für das Jahr 2020 detailliert betrachten: Bauland zeigt mit +13% den stärksten Wertzuwachs, gefolgt von Wohnimmobilien mit +8%. Gewerbeimmobilien litten stark unter der Corona-Pandemie, wobei Büroimmobilien Einbußen erlitten, während Flächen für logistische Nutzung gefragt waren.

Wenngleich der Wertzuwachs bei Wohnimmobilien nicht mit Industriemetallen und Nahrungsmitteln mithalten konnte, so ändert sich das Bild wenn wir berücksichtigen, dass Immobilien in der Regel zu einem großen Teil finanziert werden. Die Wertentwicklung des Eigenkapitals ist, auch nach Abzug der derzeit niedrigen Zinsen, deutlich höher anzusetzen.

Hier die Jahresperformance:

· Kupfer +26%

· Getreide +16%

· Gold +12%

· Immobilien 8%

· DAX +3,5%

· Anleihen +0,5%

· Öl -25%

· Dow Jones +6%

· Nikkei +16%

· Shanghai A-Aktien +12%

In einem Punkt haben die Umfrageteilnehmer vor einem Jahr gut gelegen: Der Median der Umfrageerwartung von vor einem Jahr erwartete einen DAX-Jahresschluss 2020 bei 13.750 Punkten, was einem Plus von 3,8% entsprochen hätte. Mit dem tatsächlichen Jahresschlusskurs von 13.719 (+3,5%) wurde dieser Median ziemlich gut getroffen.

In den vergangenen 50 Jahren hat der DAX nur fünfmal mit einem so kleinen Plus (kleiner 5%) geschlossen.

Nun hat die Corona-Pandemie zu einem durchweg überraschenden und untypischen Börsenjahr geführt, sowohl im Ergebnis als auch im Verlauf. Ich wäre daher vorsichtig, unseren Umfrageteilnehmern vorschnell eine hohe Trefferquote zuzusprechen: Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.

Gedämpfte Erwartungen für Aktien im Jahr 2021

Für das Jahr 2021 erwarten Anleger nicht viel vom Aktienmarkt: zum Jahresende dürfte sich der DAX in etwa erneut auf dem aktuellen Kursniveau bewegen, wenn unsere Umfrageteilnehmer Recht haben.

Wo steht der Dax Ende 2021?
Abbildung 1: Jahresumfrage Handelsblatt: Jahresschlusskurs DAX

Die meisten gehen von einem Jahresschlusskurs im Bereich von 13.600 bis 13.900 aus, was im Mittel einem Jahresplus von mageren 0,2% entspräche. Wenn wir die durchschnittliche Erwartung unter Einbeziehung aller Antworten errechnen, ergibt sich sogar nur ein Wert von 13.726 Punkten, also +0,1%.

Interessant dabei ist, dass die Streuung der Erwartungen sehr gering ist: 60% aller Teilnehmer erwarten einen Jahresschlusskurs zwischen 13.500 und 14.400 Punkten. Werte außerhalb dieses Bereiches wurden nur vereinzelt ausgewählt. Einen Schlusskurs unter 13.000 befürchtet fast keiner mehr. Nach oben gibt es vereinzelte Stimmen, die sogar einen DAX bis 16.000 Punkte erwarten.

Wo wird der Höchststand beim Dax 2021 sein?
Abbildung 2: Jahresumfrage Handelsblatt: Jahreshoch im DAX

Das Jahreshoch wird gemäß der Erwartung unserer Umfrageteilnehmer mindestens über 13.950 Punkten liegen, im Mittel wird ein Jahreshoch bei 14.250 (+3,9%) Punkten erwartet. Berechnen wir den Durchschnitt aller Erwartungen, so erhalten wir einen Wert von 14.385 Punkten (+4,9%). Ein Jahreshoch über 14.850 Punkte (+8,2%) hält kaum jemand für möglich.

Wo wird das Tief beim Dax sein?
Abbildung 3: Jahresumfrage Handelsblatt: Jahrestief im DAX

Auch beim Jahrestief sind die Erwartungen etwas pessimistischer: Unter 12.750 Punkte (-7,1%) sollte der DAX nach der Erwartung unserer Umfrageteilnehmer mindestens nochmals rutschen. Im Mittel wird sogar ein zwischenzeitliches Abrutschen bis auf 12.150 Punkte (-11,4%) befürchtet. Das durchschnittlich erwartete Tief im Jahr 2021 liegt bei 11.910 Punkten (-13,2%). Immerhin fürchtet kaum jemand ein erneutes Abrutschen unter 11.250 Punkte (-18%).

Ich finde dieses Ergebnis merkwürdig: Im Jahr 2019 sprang der DAX um 25% an. Im Corona-Jahr 2020 betrug die Schwankungsbreite im DAX über 60%! Für das Jahr 2021 gehen Anleger jedoch nur von einer maximalen Schwankungsbreite von 24% aus, die meisten erwarten eine Schwankungsbreite von nur 17%. Es wäre schön, wenn’s so kommt.

Für den DAX erwarten die meisten Anleger das Jahreshoch im Mai. „Sell in May and go away…” heißt eine Börsenweisheit, die sich offensichtlich in den Köpfen der Anleger festgesetzt hat. Doch in den vergangenen Jahren galt diese Regel kaum.

Das Jahrestief wird im August erwartet, ebenfalls entsprechend der obigen Börsenregel: „… and always remember to come back in September”.

Bis zum Jahresschluss würde der DAX dann wieder in Richtung seiner Höchststände marschieren, wenn wir der Erwartung unserer Umfrageteilnehmer glauben. Soweit wird hier eine durchaus typische Jahresentwicklung erwartet.

Untypisch ist jedoch die Befürchtung eines unmittelbar anstehenden Ausverkaufs zum Jahresbeginn: Verhältnismäßig viele Anleger befürchten, dass wir bereits im Februar das Jahrestief sehen können. Daraus können wir zwei Schlussfolgerungen ziehen:

Zum einen wird der Markt aktuell als überhitzt wahrgenommen, so dass kurzfristig keine weiteren Kurssteigerungen erwartet werden. Nach dem Jahresschlussspurt wird nun eine Konsolidierung bis hin zu einer Korrektur erwartet.

Zum anderen spiegelt die Erwartung der Kurstiefs bereits so früh im Jahr die optimistische Erwartung der Anleger wider, dass die Kurse im Jahr 2021 überwiegend steigen werden.

Diese Erwartung widerspricht offensichtlich der weiter oben formulierten Erwartung der geringen Sprunghöhe im DAX: Wenn der DAX schon in den kommenden Wochen sein Tief sieht und dann für den Rest des Jahres steigt, dann erscheint das Kursziel bis zum Jahresende bei durchschnittlich 13.726 Punkten (+0,1%) sehr konservativ. Einzige Erklärungsmöglichkeit wäre ein heftiger Ausverkauf in den kommenden Wochen, so dass der DAX von tiefem Niveau aus dann das ganze Jahr steigen kann, ohne über die 14.000 Punkte zu springen.

Das wäre eine Entwicklung, die der DAX-Entwicklung aus dem Pandemie-Jahr 2020 entspräche. Ich halte das für sehr unwahrscheinlich.

Umfragen zum Dax im Jahr 2021

 

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Finanznews

Aktienmärkte: Warum fallen sie denn? Marktgeflüster (Video)

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Ja warum fallen sie denn, die Aktienmärkte? Dass die so verwöhnte Wall Street (und auch der Dax) heute unter Druck kommt, hat mehrere Gründe: erstens Zweifel, ob Biden wirklich sein Stimulus-Programm verwirklichen kann. Dann, zweitens, wieder schwache US-Einzelhandelsumsätze – und schließlich die Nachricht, dass Pfizer deutlich weniger Impfstoff in den nächsten Wochen für die EU liefern wird. Im Grunde sind angesichts der absehbaren Verschärfungen der Lockdowns in Europa die Prognosen für ein starkes wirtschaftliches Jahr 2021 schon jetzt obsolet. Aber ein Rücksetzer der Aktienmärkte war ohnehin überfällig, zuletzt fehlte es deutlich an Dynamik auf der Oberseite. Vielleicht spielt auch die Unruhe vor der Amtsübernahme von Biden schon eine Rolle, man fürchtet erneute Ausschreitungen..

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Aktien

Aktien: Die Rally und die Cocktail-Theorie von Peter Lynch

Ibrahim Sonay

Veröffentlicht

am

Klar, Corona ist das Gesprächsthema Nummer-Eins, doch dicht auf den Fersen folgt derzeit schon das Thema Aktien!

Aktien: Woher stammt die Cocktail-Theorie?

Der berühmte Magellan-Fonds Manager Peter Lynch, ein Maestro der Investment-Welt aus den 80er-Jahren, stellte damals die Interessante Cocktail-Theorie auf, um die unterschiedlichen Marktprognosen darzulegen, die er über Jahre entwickelt hatte, während er auf Partys herumstand.

Phase Eins

Gar nicht über Aktien sprechen die Leute in der ersten Phase, eines leichten Marktanstiegs, nachdem sie längere Zeit am Boden lagen, ohne Bewegung und Beachtung. Fragte man Lynch auf der Party, was er denn so beruflich treibe, antwortete er, dass er einen Aktienfonds manage. Daraufhin nickten die Leute freundlich und gingen weiter, um sich mit dem Nächsten auf der Party über Belangloses zu unterhalten. War dies der Fall, so wusste Lynch, dass der Markt vor einer Erholung stand.

Phase Zwei

Nachdem Lynch seinen Beruf nannte, blieben die Partygäste meist etwas länger – aber auch nur so lange, um ihn klar zu machen, wie gefährlich doch Aktien seien. Danach sprachen die Partygäste wieder übere andere Themen. Auch dies beobachtete er und stellte somit fest, dass die Börse in der zweiten Phase steckt, denn die Aktien stiegen bereits, doch es interessierte (noch) niemanden.

Phase Drei

Der Markt war bereits um 30 % gestiegen und Lynch wusste, dass ihn auf der Party eine neugierige Schar von Menschen umringen würde. Viele euphorische Zeitgenossen nahmen ihn beiseite, um herauszufinden, in was sie denn nun investieren sollten und fast jeder sprach von Aktien. Damit war klar, Phase Drei ist erreicht.

Phase Vier

In der vierten Phase umzingelten ihn die Leute erneut, aber diesmal nicht um zu erfragen, worin sie investieren sollten, sondern um ihn Tipps und Ratschläge zu geben, welche Aktien er kaufen solle. Erfuhr er Tage später, dass die Empfehlungen der Partygäste aufgingen, so erkannte Lynch, dass der Markt in Phase Vier steckt: Das Hoch war erreicht – ein Rückschlag der Märkte stand kurz bevor.

Das aktive Zuhören kann sehr wertvoll sein. Halten Sie also ihre Augen und Ohren auf. Auf lange Sicht sollte jeder für sich selber entscheiden, worin er sein Geld investieren möchte – ob er dabei Prinzipien, Ethik oder Trends berücksichtigt. Eines zeigt uns die Vergangenheit der Aktienmärkte jedoch: wenn man Aktien von Qualitäts-Unternehmen findet und das zu einem guten Preis, erzielt man über Jahre Rendite.

Aktien und die Cocktail-Theorie

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