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Ölpreis: Wird die US-Fracking-Industrie gerettet oder zombifiziert?

Hannes Zipfel

Veröffentlicht

am

Wie in den USA ist auch die Ölsandproduktion in Kanada sehr teuer und unter 60 US-Dollar pro Barrel dauerhaft nicht wirtschaftlich durchführbar. Die gesamten Produktionsrückgänge außerhalb der OPEC könnten im vierten Quartal zusätzlich 5,2 Millionen Barrel pro Tag erreichen. Zumindest ist mit der jüngsten OPEC+ Einigung der doppelte Angebots- und Nachfrageschock abgemildert. Aber nach wie vor wird allein durch die Einschränkungen des Flugverkehrs deutlich mehr Öl produziert als verbraucht. Da die Lagerkapazitäten bereits weit ausgeschöpft sind, kann nur eine rasche Wiederbelebung der Nachfrage die US-Fracking-Industrie retten – oder eine Verstaatlichung.

Washington bangt um eine ganze Industrie – Trump um seine Wiederwahl

Zufall oder nicht: In den Bundesstaaten, in denen das Öl-Fracking beheimatet ist, wurde 2016 mehrheitlich Trump gewählt. Dies mag auch mit seiner Pro-Fracking-Politik und dem Lieblingsslogan seines Direktors des Nationalen Wirtschaftsrates, Larry Kudlow, „Drill, drill, drill“ zusammenhängen. Würde die Ölindustrie durch die Coronakrise nachhaltig Schaden nehmen, würden hoch bezahlte Jobs von Trump-Wählern dauerhaft verloren gehen und gleichzeitig ein wichtiger Wachstumstreiber für die gesamte US-Wirtschaft. Daher befindet sich die US-Administration nun im Fracking-Rettungsmodus. Der Präsident persönlich bot an, die strategischen Ölreserven der USA massiv aufzustocken. Das Energieministerium entwickelt sogar einen Plan, um die Produzenten dafür zu bezahlen, dass sie das Rohöl im Boden belassen, vergleichbar einer Prämie für Brachland im Ackerbau.

Natürlich gibt es aus Sicht der US-Administration legitime wirtschaftliche Argumente für eine staatliche Rettungsaktion, bis hin zur Beteiligung am Eigenkapital (Verstaatlichung bzw. Teilverstaatlichung). Energie ist ein wichtiger Investitionstreiber und eine autarke Versorgung ist für jedes Land ein strategischer Vorteil. Das Beispiel aus den Jahren 2015/16 zeigt zudem, wie ein signifikant rückläufiger Ölpreis in eine Rezession der Industrie münden kann. Die Beschäftigung im Öl- und Gassektor ging damals um rund ein Drittel zurück. Es gibt sogar amerikanische Wahlstudien, die belegen, dass genau diese Krise im Ölsektor 2016 Donald Trump, einen der größten Befürworter der heimischen Energieproduktion, halfen, zum Präsidenten gewählt zu werden.

Außerdem ist der Sektor für die Wall Street von großer Bedeutung: Um bohren und investieren zu können, nahmen die Fracker billige Kredite auf, was dazu führte, dass sich der US-Markt für Energieanleihen in den letzten zehn Jahren verdreifachte. Der Schwerpunkt lag auf der Produktionsausweitung, um Marktanteile zu gewinnen. Genau diese Entwicklung ist nach Meinung vieler Energieexperten Mitauslöser für den Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Nicht-OPEC-Staaten, wie den USA. Russland ist dabei in Anbetracht seiner geringen Staatsverschuldung und Produktionskosten von knapp unter 30 US-Dollar pro Barrel der lachende Dritte.

Dabei handelt es sich bereits um den Ölkrieg Nummer zwei, der die US-Fracker seit Jahren unter Druck setzt und seit 2015 bei den größten 29 Produzenten zu permanenten negativen Cashflows und zu steigendem Fremdkapitalbedarf in der Branche führte. Der US-amerikanische Fracking-Pionier Chesapeake Energy beispielsweise hat in den letzten zehn Jahren in keinem einzigen Jahr einen positiven Cashflow generiert. Dadurch, dass die Schulden nun zusammen mit den Öllagerbeständen explodieren, ist eine Bereinigung im Fracking-Sektor unvermeidlich.

Fazit

Eine staatliche Rettungsaktion der US-Fracking-Industrie wäre nichts anderes als eine Wahlkampagne Donald Trumps und würde einer Branche gutes Geld Schlechtem hinterherwerfen, die sich eigentlich gesundschrumpfen müsste. Hochpreisige oder hoch verschuldete Kleinproduzenten sollten von größeren, solventen Unternehmen übernommen werden. Dies würde zwar zu Insolvenzen und Abschreibungen führen, aber die Finanzierungskosten für die verbleibenden Marktteilnehmer würden anschließend sinken. Die Branche würde dadurch perspektivisch stärker und profitabler werden.

Ein Argument der Branche für ein Rettungspaket ist, dass Insolvenzen Investoren und Banken in bedrohliche Schieflagen bringen könnten. Das ist aber die Natur des Kapitalismus. Anleger gehen Risiken ein und werden dafür mit entsprechenden Risikoprämien belohnt (Renditen). Manchmal gehen Investitionen schief und führen zu Verlusten. Ein systemisches Risiko geht zumindest isoliert betrachtet von den Frackern nicht aus: Die größten US-Gläubiger der Energiebranche, wie die Citigroup, die Bank of America, Wells Fargo und JPMorgan haben nur ca. 1 bis 3 Prozent Forderungen gegenüber Frackern in ihren Kreditportfolios. Ein Bankenkollaps wäre durch einen Bereinigungsprozess also nicht zu erwarten, zumal die US-Notenbank Fed am Sekundärmarkt für Anleihen der Fracker als Käufer bereitsteht, sogar für Junk-Bonds.

Natürlich sollte die Regierung Energiearbeitern, die ihren hoch bezahlten Job verlieren, Unterstützung anbieten, so wie aktuell allen anderen US-Amerikanern, die in der Krise ihren Arbeitsplatz verlieren. Während viele von Coronavirus geschlossene Unternehmen zuvor gesunde Unternehmen waren, befand sich die Mehrheit der Fracker bereits vor der Seuche auf dem Weg in die Überschuldung. Eine Verstaatlichung der Fracking-Industrie würde vielleicht Trump bei der Wiederwahl helfen, aber gleichzeitig eine Spezies wachsen lassen, die ohnehin schon zu zahlreich ist: Zombies. Und vielleicht steigen der Ölpreis im Zuge der Geldschwemme der Notenbanken schneller wieder an, als es heute vorstellbar ist.

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5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    thinkSelf

    21. April 2020 09:38 at 09:38

    „Das ist aber die Natur des Kapitalismus.“
    Das Blöde ist nur, dass der Kapitalismus seit 30 Jahren tot ist. Hat nur keiner gemerkt.

    Aber zurück zur Ölindustrie. Die Lösung kann auch ganz anders aussehen. Die Ölunternehmen stellen sich alle unter Chapter 11. Damit existieren die Unternehmen weiter, aber sind ihre Schulden los. Danach müssen sie nur noch die Grenzkosten erwirtschaften und kommen auch mit sehr niedrigeren Preisen aus.

    Dann sind zwar die Bankkredite weg. Macht aber auch nix. Die werden von der FED ausgebailt. Dazu werden die „kaputten“ Schulden einfach auf Titel mit 0% Verzinsung und 500 Jahre Laufzeit „umgeschuldet“ und der Finanzmarkt mit der entsprechenden Liquidität geflutet.
    Als Inhaber der Leitwährung kann man dadurch die Schulden im Endeffekt sogar in die Restwelt verschieben.

    Es hat schon enorme Vorteile wenn man über die Leitwährung verfügt. Man muss das nur richtig spielen.

    Anmerkung: In allen Diskussionen um Märkte und Finanzen herrscht seit der Finanzkrise immer noch die völlig irrige Annahme vor, das Schulden irgendwann zurückgezahlt werden müssen.
    Das Kernergebnis der Finanzkrise 2007/2008 war aber, das diese Annahme gestrichen ist. Schulden werden nicht zurückgezahlt und die Schuldner haben auch gar nicht vor selbiges zu tun. Es ist damit sozusagen der Zustand der „Überschuldung“ verschwunden. Wer keine Zinsen mehr bezahlt hat eine Schuldentragfähigkeit von undendlich. OK, das gilt natürlich nicht für jeden auf diesem Planeten, sondern nur für eine sehr kleine Gruppe. Aber die ist entscheidend.

  2. Avatar

    Scheer

    21. April 2020 09:47 at 09:47

    Es wird immer erwähnt wie schlimm der Ölpreisverfall für die amerikanische Wirtschaft sei und wieviel Millionen Abrbeiter davon betroffen sind. Ich stelle immer wieder fest wie der Fokus auf Amerika gerichtet ist und wie unselbstständig unsere Wirtschaft und Politikerkaste sind.
    Was ist denn mit den Millionen Arbeitern der Autoindustrie in Europa und Deutschland?
    Welche Nachhaltigkeit im Joberhalt kann unsere Politikerkaste aufweisen?
    Abwrackprämie für neue Fahrzeuge? – Fahrzeuge die möglicherweise in 2-5 Jahren neu ersetzt werden müssen weil neue Gesetze beschlossen werden?
    Null Weitsicht und kein transparentes Konzept mit dem man als Unternehmer planen kann.

  3. Avatar

    Realist_

    21. April 2020 10:40 at 10:40

    Natürlich zombifieziert. Alles andere wäre ja Marktwirtschaftlich und und zudem noch eine 180 Grad Wende…

  4. Avatar

    LEO

    21. April 2020 10:43 at 10:43

    Der Artikel ist gut gemeint, aber Sie vernachlässigen hier, dass das, was Sie in der Öl-Industrie sehen, auf die gesamte Wirtschaft zutrifft. Unternehmen mit einem nicht mehr funktionierendem Geschäftsmodell müssen das GESCHÄFTSMODELL ändern, nicht Kostenstrukturen verschlanken und staatlich gefördert werden. Es ist egal, wo auf dem sinkenden Kahn man steht: am Ende geht man unter, wenn man das Schiff nicht verlässt.

    „zumal die US-Notenbank Fed am Sekundärmarkt für Anleihen der Fracker als Käufer bereitsteht, sogar für Junk-Bonds.“
    Was genau soll das denn bringen?
    Ja, es wird einen Käufer geben für Schrottanleihen. Dieser kauft aber zum NAV ein (, den er zugegebenermaßen durch Aktivitäten am primary market selbst beeinflussen kann), Prämien werden da nicht gezahlt. Wenn der Junk defaulted, ist er nichts mehr wert. Und dann zahlt auch die FED (nach aktuellem Stand, man weiß ja nicht, was noch kommt) nichts mehr dafür.

    Es ging hier nur darum, den Markt kurzfristig zu beruhigen. Dieser wurde sofort euphorisch und stieg, die Fed ist ja da. Aber fundamentale Effekte hat die Intervention am Sekundärmarkt nicht, das Risiko bleibt genau gleich.

  5. Avatar

    Michael

    21. April 2020 11:54 at 11:54

    „Energieautark“?!? Die USA produziert ca 12.5 Mio Barrel Öl/Tag bbpd (blue barril per day), aber verbraucht(e)n ca 20 Mio Barrel Öl/Tag. Im Jahr 2018 waren es 20.5 bbpd, gemäss statistischem Amt.

    https://www.eia.gov/energyexplained/oil-and-petroleum-products/use-of-oil.php

    Importier(t)en ca 8 Mio bbpd, wie es mit der Coronakrise ändert, kann ich noch nicht beurteilen.

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