Die Eskalation im Nahen Osten treibt die Ölpreise nach oben: Nach Angriffen auf den Iran und massiven Störungen in der Straße von Hormus sprang der Brent-Preis zeitweise über 82 und WTI auf 74 US-Dollar je Barrel. Wall-Street-Analysten warnen vor anhaltender Volatilität, Versorgungsrisiken und einem möglichen Anstieg auf 100 Dollar oder mehr. Im Fokus stehen die globale Energieversorgung und geopolitische Risiken rund um einen der wichtigsten Öl-Engpässe der Welt.
Wall Street warnt vor Ölpreis-Rally
Laut einem Bloomberg-Bericht warnen Wall-Street-Analysten davor, dass die Ölpreise wegen Verzögerungen in der Straße von Hormus weiter steigen könnten.
Zum Wochenstart legte Brent-Rohöl zeitweise um bis zu 13 Prozent zu und überschritt die Marke von 82 US-Dollar je Barrel, während WTI um bis zu 11 % zulegte. Die Ölmärkte bereiten sich damit auf eine Phase erhöhter Unsicherheit und möglicher längerfristiger Störungen in der Straße von Hormus vor.
Der Tankerverkehr durch die Meerenge kam am Wochenende faktisch zum Erliegen, nachdem sich US-amerikanische und israelische Angriffe auf Iran zu einem regionalen Konflikt ausgeweitet hatten. Rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und LNG-Lieferungen passiert täglich die Straße von Hormus – ein zentraler Knotenpunkt für die globale Energieversorgung.
Iran erklärte zwar, die Wasserstraße bleibe offen, übernahm jedoch zugleich die Verantwortung für Angriffe auf drei Öltanker am Sonntag. Viele Reedereien stoppten daraufhin ihre Fahrten durch den Engpass, nachdem die USA eine maritime Warnzone ausgerufen hatten.
Zusätzlich verschärfte sich die Lage in Saudi-Arabien: Saudi Aramco setzte laut informierten Kreisen den Betrieb der Raffinerie Ras Tanura nach einem Drohnenangriff in der Region aus. Die am Persischen Golf gelegene Anlage kann täglich rund 550.000 Barrel Rohöl verarbeiten und zählt zu den größten des Landes. Parallel dazu schossen ICE-Gasoil-Futures zeitweise um bis zu 20 Prozent nach oben.
Einschätzung der Wall-Street-Analysten
Citigroup
Die Citigroup hob ihre kurzfristige Brent-Prognose um 15 US-Dollar auf 85 Dollar je Barrel an. Für die laufende Woche erwartet die Bank eine Handelsspanne zwischen 80 und 90 Dollar – getrieben von anhaltenden Risiken für Energieinfrastruktur und „gestörten“ Lieferströmen durch die Straße von Hormus.
In einem Analystenkommentar heißt es sinngemäß, das Basisszenario gehe entweder von einem Führungswechsel im Iran oder einer politischen Veränderung aus, die den Krieg innerhalb von ein bis zwei Wochen beenden könnte. Alternativ könnte sich die US-Regierung nach militärischen Rückschlägen für Irans Raketen- und Atomprogramm zur Deeskalation entschließen.
Sollte jedoch regionale Öl-Infrastruktur direkt getroffen werden, hält die Citigroup Preise von bis zu 120 Dollar je Barrel für möglich. Die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario beziffert die Bank auf 20 Prozent.
Rystad Energy
Rystad Energy sieht bei einer länger anhaltenden Blockade der Straße von Hormus – über mehrere Wochen oder gar Monate – durchaus ein realistisches Szenario für den Ölpreis von 100 Dollar je Barrel.
Zudem könnte die Wirkung der angekündigten OPEC+-Produktionsausweitungen begrenzt bleiben, da ein Großteil der zusätzlichen Fördermengen ebenfalls durch die Straße von Hormus transportiert werden müsste.
Goldman Sachs
Goldman Sachs beziffert die aktuelle geopolitische Risikoprämie im Ölpreis auf rund 18 Dollar je Barrel. Das entspreche in etwa dem Effekt eines sechswöchigen, vollständigen Stopps des Tankerverkehrs in der Straße von Hormus.
Diese Prämie impliziere, dass der Markt eine einjährige Angebotsstörung von rund 2,3 Millionen Barrel pro Tag einpreise. Besonders stark betroffen wären laut den Analysten auch Märkte für Gasoil, Kerosin und Naphtha. Im vergangenen Jahr liefen rund 9 Prozent der weltweiten Gasoil- und etwa 18 Prozent der globalen Kerosinlieferungen durch die Meerenge.
Historisch betrachtet seien Preisspitzen infolge geopolitischer Schocks oder temporärer Lieferausfälle jedoch häufig von kurzer Dauer, so Goldman Sachs weiter.
Wood Mackenzie
Wood Mackenzie geht davon aus, dass sich die Energieflüsse durch die Straße von Hormus frühestens nach einigen Wochen normalisieren könnten – vorausgesetzt, das iranische Regime kooperiert mit den USA.
Sollten die Tankertransporte nicht rasch wieder anlaufen, könnten die Ölpreise die Marke von 100 Dollar überschreiten. Selbst geplante OPEC+-Produktionssteigerungen würden dann ins Leere laufen, da zusätzliche Kapazitäten ohne offene Seewege nicht auf den Markt gelangen könnten.
JPMorgan
JPMorgan stuft die aktuellen Störungen als „weitgehend vorsorglich“ ein. Ausschlaggebend seien vor allem Warnungen von Versicherern gewesen, Policen zu kündigen oder Prämien deutlich anzuheben – weniger direkte Angriffe auf die Straße von Hormus selbst.
Die Risiken könnten jedoch steigen, falls die iranische Führung die Kontrolle über die Revolutionsgarden verlieren sollte. Unvorhersehbare Angriffe auf Energieanlagen in der Region wären dann wahrscheinlicher. Dauere der Konflikt länger als drei Wochen, könnten Produzenten im Golf-Kooperationsrat ihre Lagerkapazitäten ausschöpfen und gezwungen sein, die Förderung zu drosseln.
Morgan Stanley
Morgan Stanley erhöhte seine Ölpreisprognose für das zweite Quartal von 62,50 auf 80 Dollar je Barrel. Auch ohne unmittelbare Produktionsausfälle preise der Markt zunehmend das Risiko ein, dass Lieferungen aus dem Nahen Osten schwieriger verfügbar sein könnten.
Angesichts eines ohnehin angespannten Tankermarktes könnten selbst kleinere Störungen zu erheblichen Verzögerungen und faktischen Angebotsengpässen führen.
RBC Capital Markets
RBC hält einen Anstieg auf 100 Dollar je Barrel für möglich, falls es zu anhaltenden Navigationsstörungen oder gezielten Angriffen auf kritische Energieinfrastruktur kommt.
Zwar sei bislang keine Produktion ausgefallen und Iran habe die Straße von Hormus nicht offiziell geschlossen. Doch selektive Drohnen- und Raketenangriffe hätten das Risikoniveau bereits über das hinausgetrieben, was viele Reeder und Versicherer als akzeptabel einstufen.
Ziehe sich der Konflikt hin, könnten die Folgen rasch spürbar werden. Länder wie Irak müssten ihre Förderung drosseln, wenn täglich rund 3,5 Millionen Barrel südlicher Exporte nicht verschifft werden könnten. Auch OPEC-Produktionsausweitungen wären wirkungslos, solange die Seewege unsicher bleiben.
FGE NexantECA
Fereidun Fesharaki von FGE NexantECA hält eine dauerhaft durchgesetzte Blockade der Straße von Hormus durch Iran für wenig wahrscheinlich. Dem Land fehle die militärische Stärke, um eine solche Maßnahme langfristig aufrechtzuerhalten.
Er geht davon aus, dass der Konflikt innerhalb von vier Wochen gelöst wird. Die jüngste Rally des Ölpreises könnte damit bereits ihren Höhepunkt erreicht haben.
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken















Die Lufthansa könnte nunmehr mit einer einjährigen Angebotsstörung in Sachen Kerosin konfrontiert werden, so die Investmentbanking-Analysten von Goldman Sachs. In diesem Zusammenhang rechne ich auch nicht damit, daß Bundeskanzler Friedrich Merz die Luftverkehrssteuer, wie im Koalitionsausschuss am 13.11.25 vereinbart, zum 01.06.26 senken wird, um bestehende Wettbewerbsverzerrungen am Luftverkehrsstandort Deutschland zu reduzieren.