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Diesmal echte Eskalation im Nahen Osten? Ölpreis steigt ruckartig um 12 % – Israel-Angriff gegen Iran

Der Ölpreis ist heute früh um 12 % gestiegen. Israel hat einen Großangriff auf den Iran gestartet. Hier dazu zahlreich Analystenstimmen.

Ölfässer
Grafik: subsri13-Freepik.com

Der Ölpreis steigt seit heute früh um 2 Uhr massiv an. WTI-Öl springt hoch von 68,76 Dollar bis in der Spitze auf 77,39 Dollar. Ein Anstieg in kürzester Zeit um 8,63 Dollar oder 12,55 %! Der Chart zeigt die Bewegung im Ölpreis seit gestern Abend. Bis jetzt kommt der Ölpreis zwar zurück auf 74,37 Dollar, dennoch bleibt der Anstieg massiv! Dies liegt am Großangriff auf den Iran durch Israel heute früh. Und dieses Mal ist es wirklich ein Großangriff! Unzählige hochrangige Funktionäre und Atomanlagen wurden getroffen. Der Iran meldete um 5:55 Uhr (Tickermeldung), dass keine Ölanlagen getroffen wurden. Aber das kann die aktuelle Alarmstimmung am Terminmarkt nur teilweise entschärfen.

Chart zeigt seit gestern Abend den Verlauf im Ölpreis

Ölpreis steigt kräftig – Iran-Angriff auf Israel

Man kann sich kaum vorstellen, dass der Iran dieses Mal nicht umfassend gegen Israel zurückschlagen wird. So eine Eskalation bedeutet: Der Ölmarkt vermutet eine drohende Einschränkung von Öl-Lieferungen aus dem Nahen Osten für den Weltmarkt, also springt der Ölpreis hoch. Denn käme es tatsächlich zu einer Verknappung des Angebots, müssten sich Ölkäufer andernorts auf dem Weltmarkt nach Ersatz-Bezugsquellen umsehen. Und genau dieser Mechanismus treibt Preise nach oben, war vorab sofort eingepreist wird am Terminmarkt.

Zahlreiche hochrangige Funktionäre im Iran wurden getötet und Atomanlagen wurden getroffen. Der Iran wird gegen Israel zurückschlagen müssen, um sein Gesicht zu wahren. Vor 30 Minuten lief über den Ticker die Meldung: Israel vermeldete, dass aus dem Iran in den letzten Stunden über 100 Drohnen gestartet wurden. Der Konflikt kann also weiter eskalieren, und der Ölpreis kann durchaus weiter ansteigen. Werden beispielsweise die Houthis verschärft Handelsrouten blockieren, oder der Iran blockiert den Zugang zum Golf?

Öl-Reserven in anderen Ländern könnten helfen?

Bloomberg berichtet aktuell: Diese Woche warnte JPMorgan, dass der Ölpreis im schlimmsten Fall im Nahen Osten auf 130 Dollar pro Barrel steigen könnte. Das iranische Fernsehen berichtete, dass in der Nähe der Raffinerie in Tabriz Rauch zu sehen war, obwohl die staatliche iranische Ölraffinerie- und Vertriebsgesellschaft laut der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA erklärte, dass die Angriffe keine Schäden an den Ölraffinerieanlagen und Lagertanks des Landes verursacht hätten.

Ein anhaltender Anstieg der Energiekosten könnte die globale Inflation anheizen und die Aufgaben der Zentralbanken, darunter auch der US-Notenbank, erschweren, die sich mit den Folgen des von den USA angezettelten Handelskriegs auseinandersetzen müssen. Während die Märkte vor allem befürchten, dass die Lieferungen aufgrund der eskalierenden Feindseligkeiten unterbrochen werden könnten, verfügen die OPEC+-Mitglieder, darunter auch der de facto-Gruppenführer Saudi-Arabien, nach wie vor über reichlich Reservekapazitäten, die aktiviert werden könnten. Darüber hinaus könnte die Internationale Energieagentur beschließen, die Freigabe von Notvorräten zu koordinieren, um den Ölpreis zu beruhigen.

Straße von Hormus

„Die Reservekapazitäten der OPEC+ könnten die Produktionsausfälle im Iran auffangen“, sagte Mukesh Sahdev, Leiter des Bereichs Rohstoffmärkte – Öl bei Rystad Energy A/S. Allerdings könnten mögliche Vergeltungsmaßnahmen Teherans, darunter eine Blockade der Straße von Hormus, die Nutzung der Reservekapazitäten erschweren, fügte er hinzu. Die Hormuz-Straße ist eine schmale Wasserstraße an der Mündung des Persischen Golfs, über die etwa ein Viertel des weltweiten Ölhandels abgewickelt wird. Im Laufe der Jahre hat der Iran wiederholt Handelsschiffe angegriffen, die diese Engstelle passierten, und in der Vergangenheit sogar mit einer Blockade der Meerenge gedroht.

Expertenaussagen

Zahlreiche Analysten haben inzwischen auf den israelischen Angriff gegen den Iran reagiert mit folgenden Aussagen:

ING

Sollten die Midstream- und Upstream-Anlagen des Iran ins Visier genommen werden, könnten bis zu 1,7 Millionen Barrel Öl pro Tag an Exportlieferungen gefährdet sein, „was ausreichen würde, um den Ölmarkt von einem Überschuss in der zweiten Jahreshälfte in ein Defizit zu treiben“, so Warren Patterson, Leiter der Rohstoffstrategie bei ING Groep NV, in einer Mitteilung. „In diesem Szenario könnte der Brent-Ölpreis auf 80 US-Dollar pro Barrel steigen, obwohl wir davon ausgehen, dass sich die Preise wahrscheinlich bei etwa 75 US-Dollar einpendeln werden.“ Sollte die Eskalation weiter anhalten und zu Unterbrechungen der Schifffahrt in der Straße von Hormus führen, könnten täglich rund 14 Millionen Barrel Öl geliefert werden, was laut Patterson zu erheblichen Störungen führen würde, „die ausreichen würden, um die Preise auf 120 Dollar pro Barrel zu treiben“. „Sollten die Störungen bis zum Jahresende anhalten, könnte Brent neue Rekordhöhen erreichen und den Rekordwert von fast 150 Dollar aus dem Jahr 2008 übertreffen.“

Saxo Markets

„Der Ölpreis könnte auf 80 Dollar steigen, wenn die Spannungen im Nahen Osten eskalieren und Versorgungsrisiken eintreten, aber die steigende Produktion der OPEC+ könnte die Gewinne begrenzen und die Überangebotsängste bis zum Herbst wieder aufflammen lassen“, sagte Charu Chanana, Chief Investment Strategist bei Saxo Markets Ltd. in Singapur. „Ein Worst-Case-Szenario – wie eine Sperrung der Straße von Hormus oder eine Unterbrechung der iranischen Exporte von 2,1 Millionen Barrel pro Tag – könnte schwerwiegende Folgen für die weltweite Ölversorgung und die Inflationserwartungen haben“, sagte sie.

Rystad Energy

Die Ölproduktion des Iran hat sich seit 2019 aufgrund höherer chinesischer Käufe erholt und lag zuletzt bei bis zu 4 Millionen Barrel pro Tag, sagte Mukesh Sahdev, Leiter des Bereichs Rohstoffmärkte – Öl bei Rystad Energy A/S. „Die möglichen Vergeltungsmaßnahmen des Iran und die Blockade der Straße von Hormus können“ ein Risiko für die Rohölversorgung darstellen, sagte er. Dennoch sei es „angesichts des erklärten Verhandlungsziels der USA unwahrscheinlich, dass der Konflikt zu einem umfassenden Krieg eskaliert“.

Westpac Banking

„Angesichts der Tatsache, dass die Angriffe offenbar eher gegen den iranischen Generalstab, darunter den Chef der IRGC und hochrangige Atomwissenschaftler, gerichtet waren und dass die USA nicht beteiligt waren, deutet dies darauf hin, dass es sich bei den heutigen Ereignissen eher um einen Präventivschlag als um einen anhaltenden militärischen Konflikt handelte“, sagte Robert Rennie, Leiter der Rohstoff- und Kohlenstoffforschung bei Westpac Banking Corp.

„Die Händler werden jedoch sehr genau darauf achten, wie der Iran reagiert und wie gezielt diese Reaktion auf Israel ausgerichtet ist, im Gegensatz zu Angriffen über Stellvertreter. Die Risiken für das Wochenende sind sehr hoch, und ein Anstieg des Rohölpreises über die Höchststände vom Januar ist sehr gut möglich.“ „Insgesamt bleiben wir jedoch bei unserer Einschätzung, dass der Ölpreis zu Beginn des dritten Quartals die Untergrenze der Spanne von 60 bis 65 US-Dollar testen wird, mit dem Risiko, dass die Preise zu Beginn des vierten Quartals unter 60 US-Dollar fallen könnten.“

Phillip Nova

„Aufgrund der sich verschlechternden Lage scheinen Ölinvestoren vor dem Wochenende ihre Vorräte aufzustocken“, sagte Priyanka Sachdeva, Senior Market Analyst bei der Brokerfirma Phillip Nova Pte in Singapur. „Nach einem deutlichen Anstieg im Ölpreis um 15 % im Juni, der zu einem Aufwärtstrend beigetragen hat, könnte es zu einigen technischen Short-Covering-Aktivitäten kommen.“

MST Marquee

„Das Ausmaß dieses Angriffs liegt am oberen Ende der Skala, die für einen Angriff erwartet wurde“, sagte Saul Kavonic, Energieanalyst bei MST Marquee. Eine Vergeltungsmaßnahme des Iran „könnte die USA und andere Parteien in der Region mit hineinziehen“, sagte er. „Der Konflikt müsste eskalieren, bis der Iran Vergeltungsmaßnahmen gegen die Ölinfrastruktur in der Region ergreift, bevor die Ölversorgung tatsächlich wesentlich beeinträchtigt würde. Im Extremfall könnte der Iran durch Angriffe auf die Infrastruktur oder die Einschränkung der Durchfahrt durch die Straße von Hormus bis zu 20 Millionen Barrel Öl pro Tag liefern. Bislang gibt es jedoch keine Anzeichen dafür.“

Oil Brokerage

„Eine Kriegsgefahr im Nahen Osten hat erhebliche Auswirkungen auf die Frachtraten“, sagte Anoop Singh, Global Head of Shipping Research bei Oil Brokerage Ltd. „Es gibt keinen deterministischen Weg zu diesem sich anbahnenden Konflikt, jedoch ist ein kurzfristiger Anstieg der Frachtraten wahrscheinlich.“ Mindestens 15 % der weltweiten Flotte sehr großer Rohöltanker befinden sich zu jedem Zeitpunkt im Persischen Golf, wobei täglich etwa 20 davon die Straße von Hormus passieren.

Qisheng Futures

„Aufgrund der Marktreaktionen nach den beiden früheren Konfliktrunden zwischen dem Iran und Israel im Jahr 2024 wird für den Rohölmarkt ein kurzfristiges Aufwärtspotenzial von etwa 3 bis 5 US-Dollar prognostiziert“, sagte Gao Jian, Analyst bei Qisheng Futures Co. mit Sitz in Shandong. Bereits vor dem Angriff hatte der Ölpreis die Erwartungen einer Eskalation teilweise eingepreist.

SDIC Essence Futures

Während makroökonomische Faktoren und die Angebots- und Nachfragesituation keinen weiteren Preisanstieg begünstigen, „könnten Anleger den Kauf kostengünstiger Call-Optionen in Betracht ziehen, um sich gegen extreme geopolitische Risiken abzusichern“, so Gao Mingyu, Chef-Energieanalyst bei SDIC Essence Futures Co. „Sobald sich die geopolitische Lage klärt, können sie sich dann für Leerverkäufe auf einem höheren Niveau positionieren.“

FMW/Bloomberg



Claudio Kummerfeld
Über den RedakteurClaudio Kummerfeld
Claudio Kummerfeld verfügt über langjährige Kapitalmarkterfahrung. Er berichtet als Finanzjournalist über aktuelle Marktereignisse. Dazu kommentiert er politische und wirtschaftliche Themen.
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7 Kommentare

  1. Der einzige mir bekannte Politiker in meinem Land Bundesrepublik Deutschland, der sich aktuell zur Entwicklung des Ölpreises äußert, ist MdA Jörg Stroedter./Quelle: Plenarprotokoll Abgeordnetenhaus von Berlin.

    1. Hiermit bitte ich Ministerpräsident Alexander Schweitzer und sein Team in der Staatskanzlei Mainz, unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Rundfunkkommission der Länder nicht alles kann, die aktuelle Berichterstattung im deutschen Fernsehen in Sachen Naher und Mittlerer Osten im Zusammenhang mit den journalistischen Leitplanken des Medienstaatsvertrags bestmöglich in den Blick zu nehmen. Zitat Premierminister Benjamin Netanyahu: Eine beispiellose Medienpropaganda.

      1. Ein interessantes Statement kam einmal vom Phoenix-TV-Journalisten Thomas Bade: Wenn Politik übermäßig feststellt, es ist kompliziert, kommt den Medien eine entsprechende Rolle zu.

    2. In Phoenix-TV wird aktuell behauptet, der Iran sei vom Zeitpunkt des aktuellen israelischen Angriffs überrascht. Tatsache ist jedoch, daß vor einigen Stunden nicht ausgeschlossen wurde, daß Israel den Iran in der hiesigen aktuellen Woche angreift.

      1. Aktuell ein ard-Brennpunkt und ein ZDF Spezial zum Thema. Zitat Künstler Alfred Biolek: Das Fernsehen ist schlecht.

  2. Nein, Israel hat keinen Großangriff gestartet, man hat mit Drohnen und Raketen, die im jordanischen Liftraum abgefeuert wurden, 2-3 Ziele getroffen. Keine 100 Ziele, keine 200 Kampfjets. Sonst würde im Iran nichts mehr stehen, und man hätte nicht zum Gegenangriff mit Drohnen ausholen können. Zudem wäre wohl mindestens 1/3 der Jets von der iranischen Luftabwehr vom Himmel geholt worden. Also nein, Israel hat mal wieder gezielt mit ferngesteuerten Langstreckenwaffen, wenige Ziele im Iran angegriffen.

    1. @Simon, Medien leben von den Elefanten, die sie aus Mücken gemacht haben.

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