Märkte

Ölpreise brechen um 30 % ein: Warum Experten skeptisch bleiben

Grafik: ChatGPT

Die Ölpreise sind seit Anfang Mai um mehr als 30 Prozent eingebrochen, da die Märkte auf eine baldige Normalisierung der Lage rund um die Straße von Hormus setzen. Doch während Anleger angesichts der für Freitag erwarteten Vereinbarung zwischen den USA und dem Iran bereits den Best Case handeln, sehen viele Branchenexperten die Situation deutlich skeptischer. Hat der Ölmarkt die Risiken rund um die wichtigste Ölroute der Welt zu früh abgeschrieben?


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Der Markt handelt den Best Case

Auslöser für den jüngsten Einbruch der Ölpreise ist die Aussicht auf die für Freitag erwartete Vereinbarung zwischen den USA und dem Iran. Anleger setzen zunehmend auf eine Wiederöffnung der Straße von Hormus und die Rückkehr zusätzlicher Ölmengen auf den Weltmarkt. Als sich zu Wochenbeginn die Hinweise auf eine bevorstehende Unterzeichnung verdichteten, beschleunigte sich der Abverkauf deutlich. Der Brent-Ölpreis rutschte daraufhin bis Mittwoch auf ein Tief von 77,60 US-Dollar ab.

Mit dem inzwischen veröffentlichten 14-Punkte-Entwurf wurden viele dieser Erwartungen bestätigt. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Dynamik nach der Veröffentlichung spürbar nachgelassen hat. Während die Aussicht auf ein bevorstehendes Abkommen noch kräftige Verkäufe auslöste, sorgte die Veröffentlichung des konkreten Entwurfs nur noch für vergleichsweise begrenzte Anschlussverluste.

Zwischen Hoffnung und Realität


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Der Markt setzt derzeit vor allem auf eine Wiederöffnung der Straße von Hormus und die Rückkehr iranischer Ölexporte. Doch selbst der vorliegende Entwurf zeichnet ein deutlich weniger optimistisches Bild als viele Marktteilnehmer.

So soll der Schiffsverkehr nicht sofort, sondern innerhalb von 30 Tagen wieder auf das Vorkriegsniveau zurückgeführt werden. Gleichzeitig beginnt nach der Unterzeichnung zunächst eine 60-tägige Verhandlungsphase, in der die Details eines endgültigen Abkommens ausgearbeitet werden sollen.

Auch Branchenexperten erwarten keinen schnellen Übergang zum Normalbetrieb. Jeff Currie, Executive Co-Chairman von Abaxx Markets, betonte zuletzt, dass die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus weiterhin hoch bleibe. Die eigentliche Herausforderung sei nicht das Erreichen einer Vereinbarung, sondern deren dauerhafte Umsetzung.

Während Anleger bereits auf eine rasche Normalisierung setzen, rechnet Currie mit einem deutlich längeren Prozess. Die Wiederherstellung normaler Ölströme durch die Straße von Hormus dürfte seiner Einschätzung nach noch Monate dauern. Von einer Rückkehr zum Normalbetrieb könne man frühestens gegen Ende des Jahres sprechen. Currie widerspricht damit indirekt der aktuellen Marktlogik, die bereits eine schnelle Wiederaufnahme des Schiffs- und Ölverkehrs einzupreisen scheint.

Hinzu kommt, dass laut Berichten aus dem Iran auch nach Ablauf dieser Frist über mögliche Kontrollmechanismen und Gebührenmodelle für die Nutzung der Straße von Hormus diskutiert werden soll. Von einer vollständig geklärten Situation kann daher bislang keine Rede sein.

Die unterschätzten Risiken

Besonders auffällig ist die Diskrepanz zwischen der Stimmung an den Finanzmärkten und der Einschätzung vieler Akteure aus der physischen Ölindustrie.

Mehrere Marktbeobachter weisen darauf hin, dass große Reedereien, Öltransporteure und andere wichtige Marktteilnehmer bislang kaum Anzeichen zeigen, ihre Planungen grundlegend anzupassen. Die Kernaussage vieler Branchenexperten lautet daher: „Niemand verändert sein Verhalten.“ Während die Märkte auf eine schnelle Normalisierung setzen und die Ölpreise kräftig nach unten gedrückt haben, agieren die Unternehmen entlang der Lieferkette weiterhin vorsichtig.

Tatsächlich bleiben zahlreiche praktische Probleme bestehen. Wie schnell können mögliche Minen vollständig geräumt werden? Wie stark wurden Infrastruktur und Logistikketten beschädigt? Welche Versicherungsprämien werden künftig verlangt? Und wie viele Reedereien sind überhaupt bereit, kurzfristig wieder Schiffe in die Region zu entsenden? All diese offenen Fragen zeigen, dass zwischen einer politischen Vereinbarung und einer tatsächlichen Normalisierung des Ölhandels noch ein erheblicher Unterschied besteht.

Ölpreise brechen ein: Iran-Abkommen

60 Millionen Barrel als Strohfeuer?

Ein weiterer Aspekt wird derzeit häufig übersehen. Schätzungen zufolge befinden sich aktuell rund 60 Millionen Barrel Öl im Golfraum, die aufgrund der Einschränkungen nicht regulär exportiert werden konnten.

Sollte die Straße von Hormus wieder geöffnet werden, könnte ein Teil dieser Mengen kurzfristig auf den Markt gelangen. Allerdings relativieren Branchenexperten die Bedeutung dieser zusätzlichen Mengen. Nach ihrer Einschätzung würden die rund 60 Millionen Barrel lediglich etwa sechs bis zehn Tage des aktuellen globalen Lagerabbaus ausgleichen.

Danach stellt sich erneut die entscheidende Frage, wie schnell Schiffe, Versicherer und Produzenten tatsächlich in den Normalbetrieb zurückkehren. Der kurzfristige Angebotsimpuls könnte daher deutlich geringer ausfallen als derzeit von vielen Investoren erwartet.

Brent vor wichtiger Chartmarke

Auch aus charttechnischer Sicht wird die Lage zunehmend interessant. Der Brent-Ölpreis näherte sich zuletzt der viel beachteten 200-Tage-Linie bei rund 77 US-Dollar und markierte am Mittwoch zwischenzeitlich ein Tief bei 77,60 Dollar. Gleichzeitig trifft diese Zone auf eine wichtige horizontale Unterstützung.

Nach dem Kursrückgang von mehr als 30 Prozent befindet sich der Ölpreis zudem in einem kurzfristig deutlich überverkauften Bereich. Sollte sich herausstellen, dass die zahlreichen Risiken rund um die Straße von Hormus schwerer wiegen als aktuell angenommen, könnte die aktuelle Unterstützungszone zu einer wichtigen Basis für eine technische Gegenbewegung werden.

Ob sich die Erwartungen einer schnellen Normalisierung erfüllen, dürfte sich erst in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Bis dahin bleibt offen, ob der Ölmarkt die Risiken rund um die Straße von Hormus tatsächlich unterschätzt – oder ob die aktuelle Erholungserwartung am Ende zu optimistisch war.



Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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2 Kommentare

  1. Was, wenn der Markt gar nicht die schnelle Öffnung der Straße von Hormus einpreist, sondern einen Nachfrageeinbruch?
    Autoverkäufe in China -16% yoy, FAI -4,1% yoy, TSF über 6 Monate -623 Mrd RMB vs +572 Mrd RMB Anfang 2025 und z.B. + 2.300 Mrd RMB Anfang 2023 US Konjunktur stark von KI Boom getragen, ansonsten eher schwach. Verkaufsanteil der Elektroautos ist durch die Krise gestiegen. Und vielleicht hat es dem ein oder anderen den Kick gegeben, seine Ölheizung gegen eine andere Art Wärmeerzeugung auszutauschen. Was also, wenn die Krise der Trigger für einen größeren globalen Abschwung war, der dann selbst nach Ende der Krise seinen Lauf nimmt? Keiner möchte das Risiko eingehen, dann bei einem Spotpreis von 40 USD auf Kontrakten zu 80 USD zu sitzen.

  2. Mögliche diverse Aktivitäten des Mossad in der Islamische Republik Iran bleiben abzuwarten.

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