Die Aktienmärkte erleben einen markanten Stimmungsumschwung: Während einst OpenAI als unangefochtener Star der KI-Revolution galt, rückt nun Alphabet mit wachsender Macht ins Zentrum der Anlegerfantasien. Der bisherige Höhenflug vieler KI-Titel bekommt Risse – und genau zwischen diesen beiden Tech-Giganten entscheidet sich, wohin die nächste Welle des Marktmomentums rollt.
Stimmungsumschwung an den Aktienmärkten
An den Aktienmärkten zeigt sich ein deutlicher Stimmungswechsel gegenüber Unternehmen aus dem Umfeld der künstlichen Intelligenz. Im Mittelpunkt stehen vor allem zwei Akteure: Während OpenAI an Strahlkraft verliert, wird Alphabet immer stärker als Gewinner der neuen Marktphase wahrgenommen. Der Entwickler von ChatGPT gilt nicht länger als technologischer Taktgeber, sondern steht zunehmend wegen mangelnder Profitabilität und hoher Finanzierungslasten im Zentrum kritischer Fragen. Gleichzeitig etabliert sich Googles Mutterkonzern Alphabet als finanzstarker Wettbewerber mit breiter operativer Aufstellung im gesamten KI-Ökosystem.
Wie Brett Ewing, Chief Market Strategist bei First Franklin Financial Services, erklärt: „OpenAI war das Goldkind zu Beginn dieses Jahres, und Alphabet wurde in einem ganz anderen Licht gesehen. Jetzt ist die Stimmung gegenüber OpenAI deutlich gedämpfter.“
Diese veränderte Marktmeinung zeigt sich unter anderem in massiven Kursverlusten bei Unternehmen im Umfeld von OpenAI – etwa Oracle, CoreWeave, AMD, aber auch Microsoft, Nvidia und SoftBank, das rund 11 Prozent an OpenAI hält. Im Gegensatz dazu profitieren Partnerunternehmen von Alphabet, darunter Broadcom, Lumentum, Celestica und TTM Technologies, signifikant vom neuen Momentum des Konzerns.
Alphabet gewinnt an Schlagkraft
Innerhalb weniger Wochen hat sich der Ton an den Aktienmärkten drastisch verändert. Unternehmen mit Bezug zu OpenAI erzielten zwar seit Jahresbeginn ein Plus von 74 Prozent, doch Firmen im Alphabet-Umfeld verzeichneten beeindruckende 146 Prozent. Der Nasdaq 100 schaffte im Vergleich dazu lediglich 22 Prozent. Auslöser dieser Divergenz ist ein wachsender Zweifel an der technologischen Führung von OpenAI.

Der Skeptizismus nahm im August zu, als OpenAI sein Modell GPT-5 präsentierte – und die Reaktionen überraschend verhalten ausfielen. Die Dynamik verstärkte sich im vergangenen Monat, als Alphabet mit einer neuen Version seines Gemini-Modells aufwartete, das in Fachkreisen breite Anerkennung fand. In Reaktion darauf ordnete OpenAI-CEO Sam Altman einen „Code Red“ an, um die Qualität von ChatGPT priorisiert zu verbessern und andere Projekte zurückzustellen.
Doch die Stärke von Alphabet reicht weit über Gemini hinaus. Der Konzern verfügt über die drittgrößte Marktkapitalisierung im S&P 500, eine enorme Liquiditätsbasis und zahlreiche angrenzende Geschäftsbereiche – darunter Google Cloud sowie eine zunehmend relevante Halbleiterfertigung. Hinzu kommt ein gewaltiger Pool aus Daten, Talenten und Distribution über Plattformen wie YouTube oder Waymo.
Brian Colello, Senior Strategist bei Morningstar, formuliert es so: „Es entsteht zunehmend das Gefühl, dass Alphabet alle Bausteine besitzt, um als dominanter Entwickler von KI-Modellen hervorzugehen. Noch vor wenigen Monaten hätten Anleger diesen Titel OpenAI zugesprochen. Jetzt herrscht mehr Unsicherheit, mehr Wettbewerb und mehr Risiko, dass OpenAI nicht der klare Sieger ist.“
Finanzielle Risiken im OpenAI-Ökosystem
Die Frage, wer technologisch vorn liegt, hat klare finanzielle Konsequenzen. Sollte Gemini Nutzer von ChatGPT abziehen, erschwert das die Finanzierung der immensen Cloud- und Chip-Kapazitäten, die OpenAI unter anderem bei Oracle und AMD einkauft. Davon profitieren wiederum die Partner von Alphabet: Lumentum hat seinen Kurs mehr als verdreifacht, Celestica legte 252 Prozent zu, Broadcom stieg seit Jahresbeginn um 68 Prozent.
Gleichzeitig hat OpenAI in den vergangenen Monaten eine Vielzahl ambitionierter Großprojekte angekündigt. Dies führte jedoch zu wachsender Skepsis, ob das Unternehmen diese Vorhaben finanzieren kann. Colello betont: „Die jüngsten Deals haben berechtigterweise Fragen aufgeworfen: Kann OpenAI all das finanzieren oder übernimmt es sich?“
Anleger begrüßten viele dieser Ankündigungen anfangs euphorisch, doch die Stimmung kippte, als Zweifel an der Wirtschaftlichkeit lauter wurden und die Sorgen über eine KI-Investitionensblase zunahmen. Brian Kersmanc von GQG Partners bringt die Entwicklung auf den Punkt: „Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem die Menschen aufgehört haben zu glauben und angefangen haben zu hinterfragen.“
Er vergleicht die aktuelle KI-Euphorie mit der Dot-Com-Blase – „auf Steroiden“ – und warnt vor einem schmerzhaften Rückbau überbewerteter Positionen an den Aktienmärkten.
Kommunikationsfehler und Milliardenlücke
Zur Unsicherheit tragen auch kommunikative Fehltritte von OpenAI bei. So sorgte eine Aussage von CFO Sarah Friar, wonach die US-Regierung die Finanzierung „abzusichern“ habe, für Irritationen. Zwar korrigierte sie die Aussage später, doch der Schaden war bereits entstanden. Zudem wirkte Altman in einem Podcast-Interview gereizt, als er mit der Frage konfrontiert wurde, wie das Unternehmen Verpflichtungen eingehen könne, die seine Einnahmen weit übersteigen. Seine Antwort: „Wenn Sie Ihre Aktien verkaufen wollen, finde ich Ihnen einen Käufer – genug.“
Laut HSBC beträgt die Lücke zwischen den geplanten Ausgaben von OpenAI und den erwarteten Einnahmen bis 2033 rund 207 Milliarden US-Dollar. Analyst Nicolas Cote-Colisson betont, dass diese Differenz nur durch höhere Umsätze, bessere Kostenkontrolle, zusätzliche Investitionen oder neue Schulden geschlossen werden könne. Bei erwarteten Einnahmen von 12 Milliarden Dollar im Jahr 2025 verstärkt die enorme Rechenkapazität, die OpenAI benötigt, die Sorgen vieler Investoren – auch für Partner entlang der KI-Wertschöpfungskette.
Dennoch bleibt Hoffnung: Oracle, AMD und andere Anbieter sind nicht ausschließlich von OpenAI abhängig, und laut einer Analyse von Wells Fargo könnten die fallenden Bewertungen im OpenAI-Ökosystem auch eine Kaufchance darstellen – erstmals seit 2016 liegen GPT-bezogene Werte unter jenen im Bereich Gemini.
Kieran Osborne von Mission Wealth zeigt sich optimistisch: „Ich sehe viel ungenutzte Nachfrage und Durchdringungspotenzial über verschiedene Branchen hinweg. Solange die Unternehmen auf Monetarisierung hinarbeiten, bleibt das Investment-Case intakt.“
FMW/Bloomberg
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