Die US-Notenbank hat am Mittwoch wie erwartet die Zinsen unverändert gelassen. Fed-Chef Jerome Powell sieht zwar eine zunehmende Unsicherheit in der US-Wirtschaft, spielt die wachsenden Risiken aber herunter und hält die Auswirkungen der Zölle auf die Inflation für vorübergehend („transitory“). Ähnlich klang es vor rund drei Jahren, als Powell die Inflation ebenfalls als „vorübergehend“ bezeichnete. In der Folge stieg die Inflation auf über 9 Prozent und liegt auch heute noch deutlich über dem Zielwert der Notenbank von 2 Prozent. Damals lag er falsch, diesmal auch?
Fed-Chef spielt Risiken herunter
Seit Wochen trübt sich das Bild der US-Wirtschaft ein, die Konjunkturdaten der letzten Wochen signalisieren eine deutliche Abkühlung. Fed-Chef Jerome Powell hatte am Mittwoch die Chance, die Alarmglocken zu läuten, verpasste sie aber, wie Bloomberg berichtet.
Im Gespräch mit Reportern nach einer zweitägigen Sitzung der Notenbanker spielte Powell die wachsenden Sorgen über das Wachstum und den anhaltenden Preisdruck herunter, die von Präsident Donald Trumps aggressivem Handelskrieg ausgehen könnten. Er belebte sogar eine einst aufgegebene Idee wieder, indem er sagte, dass die inflationären Auswirkungen von Zöllen wahrscheinlich nur „vorübergehend“ sein würden.
„Wie ich bereits erwähnt habe, kann es manchmal angebracht sein, Inflation zu ignorieren, wenn sie schnell wieder verschwindet, ohne dass wir etwas tun müssen, wenn sie also nur vorübergehend ist“, sagte Powell.
Er bezeichnete dieses Szenario als „Basisszenario“, fügte aber hinzu, dass die Verantwortlichen „wirklich nicht wissen können“, ob die Auswirkungen nur vorübergehend sein werden.
Zwei weitere Zinssenkungen
Diese Äußerungen sowie der Medianwert der Zinserwartungen, der – wenn auch nur knapp – zwei weitere Zinssenkungen in diesem Jahr andeutet, dürften dazu beitragen, die wachsende Besorgnis zu zerstreuen, dass der von den Zöllen ausgehende Inflationsdruck die Fed daran hindern könnte, die Zinsen zu senken, wenn sich die Konjunktur deutlich abschwächt. Die Marktteilnehmer rechnen ebenfalls mit zwei Zinsschritten in der zweiten Hälfte des Jahres.
Sie folgten der Entscheidung des Offenmarktausschusses die Zinsen zum zweiten Mal in Folge stabil bei einem Zielband von 4,25 % bis 4,5 % zu halten.
Das sagt Bloomberg Economics:
„Der Offenmarktausschuss hat auf seiner Sitzung am 18. und 19. März die Zinsen stabil gehalten und das Tempo des Bilanzabbaus verlangsamt – aber die aktualisierten Prognosen und das Dot-Plot zeigen wenig Besorgnis über die Wachstumsängste, die die Märkte erfasst haben. – Anna Wong, Stuart Paul, Eliza Winger und Chris Collins
Powell: US-Wirtschaft ist solide
Auf die Frage nach der sich verschlechternden Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern antwortete Powell, die „harten Daten“ zeigten, dass die Wirtschaft nach wie vor solide sei. Der Fed-Vorsitzende zeigte sich auch zuversichtlich, dass die langfristigen Inflationserwartungen weiterhin fest verankert seien, obwohl eine Reihe von Umfrageergebnissen der Universität Michigan dies in Frage stellen. Demnach erwarten die Verbraucher in den nächsten fünf bis zehn Jahren einen jährlichen Preisanstieg von 3,9 Prozent – der höchste Wert seit mehr als drei Jahrzehnten.
Powell wies die schwachen Daten jedoch größtenteils zurück und bezeichnete sie mehr als einmal als „Ausreißer“.
„Es ist etwas, das ziemlich ins Auge sticht“, sagte Aditya Bhave, Ökonomin bei der Bank of America, zu den Umfrageergebnissen. “Ich war überrascht, wie sehr sie das heruntergespielt haben.“
Inflation nur „transitory“
Die Äußerungen Powells haben die Finanzmärkte beruhigt. Für die Aktienmärkte war es wie ein kleiner „Fed-Put“. Der S&P 500 stieg, während Powell sprach, und die Renditen der Staatsanleihen sanken. Am Ende des Tages stand ein Plus von 1 Prozent für den US-Leitindex zu Buche. Aber es gibt nach wie vor Risiken.
Powells Verwendung des Wortes „transitory“ überraschte viele, gerade weil die Fed dasselbe Wort benutzte, als die Inflation nach dem Ausbruch der Covid-Pandemie explodierte. Er – und viele andere – lagen damals falsch, und es könnte der Glaubwürdigkeit der Fed schaden, wenn sie mit dem gleichen Wort wieder falsch läge.
„Die Frage ist, inwieweit Zölle den breiteren Inflationsprozess beeinflussen“, sagt Ellen Meade, Wirtschaftsprofessorin an der Duke University und ehemalige Sonderberaterin des Fed-Vorstands. “Powell schien sich auf die anfängliche Verschiebung des Preisniveaus zu konzentrieren – ein einmaliger Anstieg aufgrund von Zöllen – aber nicht auf die Möglichkeit, dass Zölle zu einer dauerhaft höheren Inflation führen könnten.“
Wenn ein Fehler mit einem Verlust der Kontrolle über die Inflationserwartungen einhergeht, könnten die Folgen für die Amerikaner besonders schmerzhaft sein. Ökonomen halten stabile Inflationserwartungen im Allgemeinen für eine entscheidende Voraussetzung, um die Preissteigerung unter Kontrolle zu halten. Wenn die Erwartungen aus dem Ruder laufen, wird es umso schwieriger, die Inflation zu senken, was zu weiteren Schäden am Arbeitsmarkt führt.
Kritik kam auch vom ehemaligen Präsidenten der New York Fed, Bill Dudley. Er sagte in einem Bloomberg-Interview, die Fed befinde sich in einem „Blindflug“, weil sie nicht wisse, wie sich das Wirtschaftswachstum entwickeln werde.
Powell – auf dünnem Eis unterwegs
Der ehemalige Fed-Vorsitzende Paul Volcker stürzte die USA Anfang der 1980er Jahre in eine Rezession, um die Inflationserwartungen zu dämpfen.
Ein Kommentator wies auf den politischen Kontext hin, in dem die Äußerungen Powells fielen: Die Trump-Administration versuche, die Bundesbehörden zu kontrollieren und greife diejenigen an, die sich widersetzen.
„Er bewegt sich auf dünnem Eis“, sagte Derek Tang, Ökonom bei LH Meyer/Monetary Policy Analytics in Washington. “Er will nicht, dass die Fed ins Fadenkreuz des Weißen Hauses gerät. Das ist ein heikler Moment. Im Moment hat sich der Offenmarktausschuss mit den ersten 100 Basispunkten etwas Zeit gekauft, und Powell hat gesagt, dass die Fed keine Eile hat die Zinsen zu senken“.
FMW/Bloomberg
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