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Profit und Ethik an der Börse

Hannes Zipfel

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Im Zuge der Aufarbeitung der großen Finanzkrise wurden Handlungsweisen von Bankern und Spekulanten offenbart, die in der breiten Öffentlichkeit Wut und Kopfschütteln auslösten. Die Erfolgsaussichten als Hedgefondsmanager Profit zu erwirtschaften sollen laut einer Studie aus dem Jahr 2013 gar von moralisch zweifelhaften Charaktereigenschaften abhängen. Die Bereitschaft zu Betrug und Schwindel scheint in dieser Branche ähnlich stark ausgeprägt wie in kriminellen Organisationen.

Profit und Ethik in der Praxis

Vorweg der Hinweis, dass der Autor dieses Artikels nicht die Ambition hat, gesellschaftliche Visionen zu entwickeln. Es handelt sich lediglich um eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Berufsstand. Dass dies nottut, zeigt der stark gewachsene Einfluss spekulativen Handels an den Finanzmärkten auf die Realwirtschaft und die Gesellschaft im Allgemeinen: Ein Jahr vor dem Ausbruch der Finanzkrise, also im Jahr 2007, erreichte das Volumen finanzieller Vermögenswerten (Financial Assets) inklusive Finanzderivate das 14-fache des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (GDP).

Wie hoch diese Summe vor dem Ausbruch der nächsten Krise ansteigen wird, bleibt abzuwarten. Schon jetzt ist das Volumen an Derivaten auf den Büchern einer einzigen bekannten deutschen Großbank höher als das gesamte BIP der Eurozone. Die Verantwortung der Finanzmarktakteure ist gewaltig – ihr Verhalten wird dem nicht immer gerecht, wie die Liste der Skandale, Verfehlungen, Verurteilungen und Strafzahlungen allein dieser einen deutschen Bank zeigt.

Die in der Einleitung bereits erwähnte Studie der Wall-Street-Kanzlei Labaton Sucharow bezieht sich auf Händler, Banker, Broker, Analysten und Hedgefondsmanager. Besonders Letztere kommen in ihrer charakterlichen Darstellung sehr schlecht weg. Die Studie spricht von einem „erbärmlichen Niedergang“ der „individuellen Integrität, Führungskraft und Konzernkultur“ in der gesamten US-Finanzbranche. Der Initiator der Studie Jordan Thomas sagt: „Viele in der Finanzindustrie scheinen ihren moralischen Kompass verloren zu haben“.

Auch Jahre nach der Finanzkrise wird an der Wall Street „Fehlverhalten als notwendiges Übel“ akzeptiert und das sei seiner Meinung nach eine „ökonomische Zeitbombe“.

Lediglich ein Drittel der in der Studie befragten Finanzmarktakteure glaubt, dass sich in der Branche durch die Krise etwas geändert habe, im Gegenteil steigt die Toleranz gegenüber unethischem Verhalten sogar wieder an. Über die Hälfte der im Rahmen dieser Studie Befragten ist davon überzeugt, dass die „Wettbewerber“ in „illegale oder unethische“ Handlungen involviert seien. 25 Prozent haben diesbezüglich Erfahrungen „aus erster Hand“ gemacht.

Das eigentlich Bedenkliche ist aber, dass trotz der Schäden und des Leids, das die Krise damals verursachte, fast 30 Prozent der Branchenvertreter unethisches Verhalten für absolut notwendig erachten, „um erfolgreich zu sein“, also Profit zu erwirtschaften.

Das spezifische Problem der Spekulanten

Streben nach Profit und Reichtum sind natürlicher Bestandteil des Wertekanons in der kapitalistischen Gesellschaft. Dort, wo erwerbswirtschaftliches Handeln jedoch auf distanzierte Art und Weise, also als reines Spekulationsgeschäft anonym via Börsenterminal erfolgt, gibt es die Tendenz, soziale Werte durch die starke Selbstfokussierung (Ich gegen den Rest der Welt) zu vernachlässigen und die Verantwortung des eigenen Handels dem finanziellen Erfolg komplett unterzuordnen.

Der zunehmende Einsatz automatisierter Handelssysteme bringt neue Herausforderung in Sachen Ethik und Finanzmarktstabilität mit sich. Die Maschinen-Händler folgen gänzlich der kalten Logik der Profitmaximierung, ohne jegliches Vorhandensein eines moralischen Bewusstseins. Dabei sind diese Maschinen weder gut noch böse, sie wurden lediglich von Programmieren mit dem Knowhow von Spekulanten gefüttert. Aber auch Computern kann man moralische Regeln wie Nachhaltigkeit beim Investieren oder Sicherheitsregeln zur Vermeidung der gefährlichen Flash-Crashs beibringen und so ihre ethischen Defizite beseitigen.

Klar ist aber auch, dass mit erfolgreichem Wirtschaften im Allgemeinen auch die Möglichkeit technischen und sozialen Fortschritts einhergeht. Noch gibt es keine empirischen Belege für eine bessere gesellschaftliche Organisation anstelle unserer, zumindest zum Teil demokratisch und marktwirtschaftlichen. Die überdimensionale Dominanz des Finanzsektors mit all seinen ethischen Defiziten ist aber gesamtgesellschaftlich untragbar geworden.

Die soziale Spaltung

Problematisch ist ferner, dass gemessen an der Gesamtbevölkerung der Anteil gesellschaftlicher Gruppen, die direkt oder indirekt am wirtschaftlichen Erfolg einer Person, eines Unternehmens oder eines Staates partizipieren, von Zyklus zu Zyklus abnimmt. Der jüngste Aufschwung in Deutschland, immerhin einer der längsten der bundesdeutschen Geschichte, kam nicht allen Bürgern und Berufsgruppen zu Gute. Allen voran die Eigentümer von Finanz- und Produktivkapital (z. B. Aktien und Immobilien) waren die Gewinner. Die Reallöhne entwickelten sich in Deutschland gegenüber dem Einkommen aus Vermögenswerten stark unterdurchschnittlich:

Profit und Ethik - Löhne und Verbraucherpreise

Die Entwicklung der Vermögenspreise:

Profit - Vermögenspreise

Fazit

Die Frage, ob Streben nach Profit und Ethik vereinbar sind, ist im Kapitalismus grundsätzlich mit Ja zu beantworten. Gleichheit und Gerechtigkeit sind dabei nicht die Leitmotive individuellen Handelns. Als Kind des Sozialismus weiß ich gleichwohl, wie schnell sich moralische Werte mit der Gesellschaftsform auch wieder ändern können. In Anlehnung an den kategorischen Imperativ von Kant sei daher allen Egomanen, speziell in der Finanzbranche, in Bezug auf ihre Handlungsweisen empfohlen: Zieht die Möglichkeit in Betracht, dass unser überhebeltes und extrem fragiles Finanzsystem noch zu unseren Lebzeiten endgültig enden könnte und sich die Vertreter unserer Zunft vor der breiten Masse für ihr ungezügeltes Streben nach Profit werden verantworten müssen – ungleich schonungsloser als zu Zeiten der letzten Finanzkrise. Mehr soziales Engagement, Steuerehrlichkeit und Mäzenatentum wären doch ein guter Anfang.

6 Kommentare

6 Comments

  1. Avatar

    rote_pille

    7. September 2019 13:43 at 13:43

    Das Problem mit dem unethishen Verhalten der Angestellten im Finanzsektor dürfte sich selbst (auf)lösen, weil die diejenigen, die diese Ethik vorgeben, in der Hierarchie weiter oben stehen.

  2. Avatar

    Claudia

    7. September 2019 14:01 at 14:01

    @Hannes Zipfel, Ihre Beiträge sind für mich immer wieder ein extra Highlight unter den ohnehin schon sehr zahlreichen guten Artikeln auf der FMW. Danke dafür!

  3. Avatar

    Forexmonky

    8. September 2019 09:49 at 09:49

    „Der Fisch stinkt vom Kopf“ oder so in etwa. Die Frage ist wer ist der Kopf in der Finanzwelt, der Bankier oder der Investor/Klient?

    Ich persönlich glaube, dass der Kapitalismus in Reinform ohne unmoralische Gier und mit der Sozialwissenschaftlicher Mitverantwortung – der anderer Teil der Verantwortung liegt bei der Regierung, ist das beste System. Ein wahrer Kapitalist sieht alles als Vermögenswert an die er pflegen muss. Nicht nur seine Produktionsstätten mit Grund und Anlagen, sondern auch seine Arbeitnehmer und deren Familien die eine „unendliche“ Quelle an neuen Arbeitnehmern mit Ideen und Möglichkeiten darstellen. In der Geschichte hatten wir einige aber zu wenige dieser Kapitalisten deren Namen bis heute in der Öffentlichkeit bekannt sind.

    • Avatar

      leftutti

      8. September 2019 11:25 at 11:25

      @Forexmonky, damit haben Sie sicherlich recht, solange der Kapitalist echtes, greifbares und sichtbares Kapital wie Produktionsstätten oder Arbeitnehmer vor sich sieht. Aber wenn es sich beim Objekt der Begierde um künstliches, nicht vorhandenes Buchgeld in fast schon lächerlichen Dimensionen handelt, um Börsenwerte und Marktkapitalisierung statt Firmenbilanzen, Realwirtschaft und BIP, wird es abstrakt und verliert jede Beziehung zur realen kapitalistischen Welt.

      Wenn die Richtung der Ausschläge von Charts auf Computermonitoren und die Anzahl der Ziffern vor dem Dollarzeichen der einzige moralische Kompass sind, die dem Wall-Street-Wolf verbleiben, wird es leicht, jede soziale Mitverantwortung abzulegen. Die Finanzindustrie kennt kein Humankapital, sie hat sich in den Dimensionen auch längst von realem Kapital verabschiedet und handelt Fantasiewerte. Ich spekuliere, also bin ich (wer).

    • Avatar

      Jan

      8. September 2019 11:35 at 11:35

      Da der Investor/Klient seit jeher der Arsch ist, dürfte sich die Frage nach dem Kopf von alleine beantworten.

  4. Avatar

    sabine

    8. September 2019 17:30 at 17:30

    a) „Die Verantwortung der Finanzmarktakteure ist gewaltig – ihr Verhalten wird dem nicht immer gerecht, wie die Liste der Skandale, Verfehlungen, Verurteilungen und Strafzahlungen allein dieser einen deutschen Bank zeigt.“
    b) Rockefeller sah das 1991 grundsätzlich eindeutig positiv:
    „Die supranationale Souveränität einer intellektuellen Elite und der Bankiers der Welt ist der in den vergangenen Jahrhunderten praktizierten nationalen Selbstbestimmung sicherlich vorzuziehen.“ http://www.flegel-g.de/NWO-01.html
    c) Dagegen sind gerade die Notenbanker die, die die Blasen aufblasen statt zu dämpfen. Und genau das Platzen der Blasen vernichtet soviel Wirtschaftsleistung. Projekte werden mittendrin beendet (Kosten im Sand), gut funktionierende Produktionsstätten wegen Verzockung unterbrochen und aufgelöst, Ausbildungen abgebrochen…
    https://www.wiwo.de/politik/konjunktur/geldpolitik-die-zentralbanken-sorgen-fuer-neue-blasen/5143252.html

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Aktien: Die Rally und die Cocktail-Theorie von Peter Lynch

Ibrahim Sonay

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Klar, Corona ist das Gesprächsthema Nummer-Eins, doch dicht auf den Fersen folgt derzeit schon das Thema Aktien!

Aktien: Woher stammt die Cocktail-Theorie?

Der berühmte Magellan-Fonds Manager Peter Lynch, ein Maestro der Investment-Welt aus den 80er-Jahren, stellte damals die Interessante Cocktail-Theorie auf, um die unterschiedlichen Marktprognosen darzulegen, die er über Jahre entwickelt hatte, während er auf Partys herumstand.

Phase Eins

Gar nicht über Aktien sprechen die Leute in der ersten Phase, eines leichten Marktanstiegs, nachdem sie längere Zeit am Boden lagen, ohne Bewegung und Beachtung. Fragte man Lynch auf der Party, was er denn so beruflich treibe, antwortete er, dass er einen Aktienfonds manage. Daraufhin nickten die Leute freundlich und gingen weiter, um sich mit dem Nächsten auf der Party über Belangloses zu unterhalten. War dies der Fall, so wusste Lynch, dass der Markt vor einer Erholung stand.

Phase Zwei

Nachdem Lynch seinen Beruf nannte, blieben die Partygäste meist etwas länger – aber auch nur so lange, um ihn klar zu machen, wie gefährlich doch Aktien seien. Danach sprachen die Partygäste wieder übere andere Themen. Auch dies beobachtete er und stellte somit fest, dass die Börse in der zweiten Phase steckt, denn die Aktien stiegen bereits, doch es interessierte (noch) niemanden.

Phase Drei

Der Markt war bereits um 30 % gestiegen und Lynch wusste, dass ihn auf der Party eine neugierige Schar von Menschen umringen würde. Viele euphorische Zeitgenossen nahmen ihn beiseite, um herauszufinden, in was sie denn nun investieren sollten und fast jeder sprach von Aktien. Damit war klar, Phase Drei ist erreicht.

Phase Vier

In der vierten Phase umzingelten ihn die Leute erneut, aber diesmal nicht um zu erfragen, worin sie investieren sollten, sondern um ihn Tipps und Ratschläge zu geben, welche Aktien er kaufen solle. Erfuhr er Tage später, dass die Empfehlungen der Partygäste aufgingen, so erkannte Lynch, dass der Markt in Phase Vier steckt: Das Hoch war erreicht – ein Rückschlag der Märkte stand kurz bevor.

Das aktive Zuhören kann sehr wertvoll sein. Halten Sie also ihre Augen und Ohren auf. Auf lange Sicht sollte jeder für sich selber entscheiden, worin er sein Geld investieren möchte – ob er dabei Prinzipien, Ethik oder Trends berücksichtigt. Eines zeigt uns die Vergangenheit der Aktienmärkte jedoch: wenn man Aktien von Qualitäts-Unternehmen findet und das zu einem guten Preis, erzielt man über Jahre Rendite.

Aktien und die Cocktail-Theorie

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Aktien: Die 2020-er, wieder das Jahrzehnt der Aktie?

Die Jahre 2010 bis 2020 war ein Jahrzehnt für die Aktien – den Notenbanken sei Dank! Aber wie sieht es für die 2020er-Jahre aus?

Wolfgang Müller

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Die Jahre 2010 bis 2020 war ein Jahrzehnt für die Aktien – den Notenbanken sei Dank! Aber wie sieht es für die 2020er-Jahre aus?

Derzeit wird viel spekuliert über die Zukunft nach Corona. Ein Jahrzehnt hat begonnen, in dem die Schulden weltweit auf noch nie gesehene Höhen gestiegen sind. Für einen Dollar Wachstum mussten in den USA bisher bereits sieben Dollar neue Schulden aufgenommen werden, um dieses zu generieren – die Demographiefalle schlägt in vielen Industriestaaten unbarmherzig zu. Deshalb sollte es schwierig werden, das Potenzialwachstum der letzten Jahrzehnte überhaupt zu halten. Man kann sich vieles vorstellen und darüber diskutieren, es gibt aber ein paar fundamentale Gesetzmäßigkeiten in neuzeitlichen Gesellschaften. Auch wenn das durch Geldhäuser ausgerufene Jahrzehnt der Aktien recht interpretationsbedürftig ist.

Aktien: Die Wirtschaft ist der Ast, auf dem wir alle sitzen

Bei allen Dikussionen über das FIAT-Geld, über Schulden und einem Auseinanderdriften der Gesellschaften in der Einkommensverteilung, darf man eines nicht übersehen: Ohne eine funktionierende Wirtschaft, ohne Steuereinnahmen funktioniert kein Gemeinwesen. Die Aufwendungen für einen Staat mit seiner Regierung, seiner Verwaltung, seiner Justiz, seiner Polizei, seinem Militär, seinem Gesundheits- und Bildungssystem, können nicht durch die Druckerpresse der Notenbanken produziert werden, zumindest nicht für lange. Die Kosten müssen durch Steuereinnahmen der Unternehmen und bei den Bürgern erwirtschaftet werden.

Was passiert denn in einem Staat, in dem durch Krieg oder Aufstände Polizei und Militär ausgeschaltet werden? Eine erste Reaktion in einem solchen Land (beispielsweise nach den Umstürzen im Irak oder Lybien) sind stets sofort Plünderungen, aber auch Vergewaltigungen und andere Abscheulichkeiten.

Anleihen können auf null gesetzt und entwertet werden, Schulden durch Währungsreformen vernichtet, aber ein Teil der Wirtschaft bleibt immer erhalten und damit auch der Aktienmarkt und die Aktien.

Denn was stellt der Aktienmarkt dar? Die Beteiligung an Unternehmen, an der Volkswirtschaft, bei allen stets immer wieder zu korrigierenden Entgleisungen. Damit wird auch im Jahrzehnt nach Corona höchstwahrscheinlich der Spruch von Warren Buffett, aus den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts weiter gelten:

“Langfristig werden die Aktienmärkte für gute Nachrichten sorgen. Im 20. Jahrhundert durchlebten die USA zwei Weltkriege und weitere traumatische und teure militärische Konflikte. Eine Depression, mehrere Rezessionen, Börsenpaniken, Ölschocks, Virenpandemie und den Rücktritt eines Präsidenten. Dennoch stieg der Dow Jones von 66 auf 11.497.”

Sondersituation Deutschland

Deutschland wird im Anleihebereich als ein sicherer Hafen angesehen – mit fatalen Folgen für Sparer und Vorsorgesysteme. Denn wie sollen selbst bei leicht steigenden Zinsen Vorsorgeleistungen, Versicherungs- und Pensionsleistungen erwirtschaftet werden? Deutschland sitzt inmitten von Ländern, die sich keine höheren Zinsen leisten können. Der Zinseszinseffekt schafft erst ab einem Zinssatz von drei Prozent in überschau- und erlebbaren Zeiträumen einen Vermögensaufbaueffekt. Aber wie würden die Belastungen für die Staatshaushalte ausfallen, wenn die Renditen für Staatsanleihen in diese Regionen zurückkehren sollten. Die europäische Staatengemeinschaft mit ihrer Zentralbank wird also versuchen über die Zeit aus diesem Dilemma herauszukommen. Die Anleihelaufzeiten auf 30/50 Jahre plus verlängern, wie in Griechenland im Ansatz geschehen.

Die erzielbaren Renditen reichen nicht für das bisherige Vorsorgesystem. Wird man etwa den norwegischen Weg gehen und die Quote an Aktien erhöhen? Das Börsen-Urgestein Gottfried Heller (Partner von André Kostolany) hat auf einem Börsentag schon vor zwei Jahren die Prognose gewagt, dass Versicherer ihre Statuten ändern werden (müssen), um eine auskömmliche Rendite zu erwirtschaften und ihren ständigen Auszahlungsverpflichtungen nachzukommen. Die langlaufenden Anleihen im Bereich von 10 Jahren und mit ertragreichen Kupons, sind am Auslaufen. Allzu viele 30-jährige hat man sicher nicht in den Portfolios. Also wohin mit den Kundengeldern in Zukunft? In grüne Projekte, Private Equity u.ä.?

Was macht eine Allianz, eine der großen Dividendenzahler (4,8 Prozent aktuell), wenn es nicht einmal mehr am (nicht nutzbaren) Markt für Junk Bonds solche Renditen gibt? Der Zyklus der sinkenden Zinsen seit dem Jahr 1980 ist mit den großen Zinsschritten in den USA im März am Ende angelangt. Bis zuletzt konnte man wegen der Durationseffekte stets Gewinne mit den Anleihen erwirtschaften, so auch noch einmal im Jahr 2020. Aber wenn die Zinsen nicht unter null fallen, gibt es künftig kaum noch etwas – keine Kupons und keine Kursgewinne bei fallenden Zinsen.

Was machen Großfirmen mit ihren Betriebsrenten, Stiftungen mit ihren Anlagegeldern in den nächsten Jahren? Es spricht sehr viel für die Dividendentitel in diesem Jahrzehnt. Mit all ihren Schwankungen und vermutlich sind die jahrelangen Renditen von acht Prozent plus per annum auch bei Weitem nicht mehr realistisch. Aber wo sind die Alternativen?

Fazit

Obwohl ich absolut nichts davon halte, größere Zukunftsprognosen zu stellen – daran verbrennen sich schon ständig ganze Organisationen und Thinktanks die Finger, mit einer Heerschar von Professoren – so bin ich schon davon überzeugt, dass das jetzige Jahrzehnt wieder das Jahrzehnt der Aktien sein wird. Mit großen Schwankungen, Crashs, die Exzesse bereinigen werden, aber auch begründet in der Tatsache, dass man zwar Geldsysteme verändern und vernichten kann, aber nicht die Produktionsanlagen oder die Betriebe in einer Volkswirtschaft, ohne die es kein Überleben gibt, apokalyptische Szenarien einmal ausgenommen.

Es ist aber auch wahrscheinlich, dass es ein wesentlich langsameres Wachstum an den Börsen geben wird, nach Preisexzessen und deren Bereinigung, wie man es in Japan seit 31 Jahren nun schon beobachten kann. Aber selbst wenn Euro oder Kryptowährungen scheitern, wofür hat man nach 250 Staatsbankrotten seit 1800 (sowie 68 internen Pleiten) noch keinen Ersatz gefunden? Für Aktien..

Werden die 2020er-Jahre ein Jahrzehnt für Aktien?

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JP Morgan-Quartalszahlen: Deutlich besser als erwartet – Milliarden-Rücklagen für faule Kredite aufgelöst

Claudio Kummerfeld

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Soeben wurden JP Morgan-Quartalszahlen veröffentlicht. Hier die wichtigsten Kennzahlen. Der Umsatz liegt bei 30,16 Milliarden Dollar (Vorjahresquartal 29,2/Erwartungen 28,7). Der Gewinn liegt bei 3,79 Dollar pro Aktie (Vorjahresquartal 2,57/Erwartungen 2,62).

In der Grafik unten sieht man es in der dritten Spalte. JP Morgan hat im letzten Quartal die Risikofürsorge für faule Kredite um 1,9 Milliarden Dollar reduziert, wodurch natürlich der Gewinn erhöht wird. JPM ist der Meinung, dass sich das wirtschaftliche Umfeld (im Sinne der Zahlungsmoral der Kunden) bessert, und vor allem dass Firmenkunden nach wie vor frisches Geld am Kapitalmarkt aufnehmen können. Insgesamt spricht die Bank davon, dass sogar 2,9 Milliarden Dollar an Kreditreserven umgewandelt und in den Gewinn von 12,1 Milliarden Dollar verschoben wurden. Ohne diese Buchung wären es nicht 3,79, sondern nur 3,09 Dollar Gewinn pro Aktie, so die Headline-Aussage der Bank.

Zitat aus dem aktuellen Bericht von JPM:

The provision for credit losses was a net benefit of $1.9 billion, compared to an expense of $1.4 billion in the prior year driven by reserve releases in the current quarter. The Wholesale reserve release was $2.0 billion, reflecting an improvement in the macro-economic scenarios and the continued ability of clients to access liquidity and capital markets. The Consumer reserve release was $0.9 billion, in Home Lending, primarily due to improvements in HPI expectations and portfolio run-off. The prior year included a net reserve release in the Consumer portfolio and a net reserve build in the Wholesale portfolio. Net charge-offs of $1.1 billion were down $444 million from the prior year, driven by Card.

Die Aktie notiert vorbörslich mit +0,7 Prozent.

Hier das Headline-Statement von JPM-CEO Jamie Dimon:

Jamie Dimon, Chairman and CEO, commented on the financial results: “JPMorgan Chase reported strong results in the fourth quarter of 2020, concluding a challenging year where we generated record revenue, benefiting from our diversified business model and dedicated employees. While we reported record profits of $12.1 billion, we do not consider the reserve takedown of $2.9 billion to represent core or recurring profits – essentially reserve calculations, while done extremely diligently and carefully, now involve multiple, multi-year hypothetical probability-adjusted scenarios, which may or may not occur and which can be expected to introduce quarterly volatility in our reserves. While positive vaccine and stimulus developments contributed to these reserve releases this quarter, our credit reserves of over $30 billion continue to reflect significant near-term economic uncertainty and will allow us to withstand an economic environment far worse than the current base forecasts by most economists.”

Dimon added: “In Consumer & Community Banking, deposits grew 30% or over $200 billion driven primarily by growth in the Federal Reserve’s balance sheet and the continuation of modest market share gains. Within our consumer lending franchise, auto and retail mortgage originations were both up more than 20%. Consumer spending continued to recover, as reflected in combined debit and credit card spend being up for the full quarter. The Corporate & Investment Bank delivered another impressive quarter with growth in Global Investment Banking fees of 34% and Markets revenue of 20%. With a record quarter, Commercial Banking earned $3.3 billion of investment banking revenue in 2020, surpassing its previous $3 billion long-term target. In Asset & Wealth Management, AUM grew 17% due to higher asset values and net inflows of over $190 billion into long-term and liquidity products over the last twelve months.”

Dimon concluded: “We ended the year with a CET1 ratio of 13.1% (vs. 12.4% at the beginning of the year) and capital above $200 billion, providing us with meaningful capacity to further invest in our business and communities, while returning capital to
our shareholders. This increase in capital was after raising over $2 trillion of credit and capital for our consumer and institutional clients around the world, which includes nonprofits and U.S. government entities, including states, municipalities, hospitals and universities and adding net $12 billion to credit reserves. We also hold $1.4 trillion of cash and marketable securities, which is currently over $450 billion in excess of what is required. We opened branches in new markets, improved our digital capabilities, and made acquisitions that will enhance our product offerings and deepen our engagement with our customers. We also continued to invest in our communities – for example, through our initial commitments to support those most impacted by the pandemic and our longer-term commitment to advance racial equality and promote economic growth. Our earnings power and healthy capital position also provide us the flexibility to pay dividends and return excess capital to shareholders through share repurchases. I want to end by thanking our frontline colleagues and those working from home who quickly adapted to the pandemic and safely helped our clients, customers, communities and governments.”

Grafik zeigt aktuelle JP Morgan-Quartalszahlen

JP Morgan-Quartalszahlen - Jamie Dimon
Jamie Dimon. Foto: Steve Jurvetson Creative Commons Attribution 2.0

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