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Analyse eines Bloomberg-Experten Rheinmetall-Aktie unter Druck – Warum der Gegenwind zunimmt

Rheinmetall-Aktie unter Druck – Warum der Gegenwind zunimmt
Lynx KF41 Skyranger 35 von Rheinmetall auf der Messe Defence and Security Equipment International (DSEI). Foto: Jos Sarmento Matos

Die Aktie von Rheinmetall erlebt seit Monaten enorme Aufmerksamkeit – nicht nur wegen der rasant gestiegenen Kurse, sondern auch aufgrund der Frage, wie nachhaltig dieser Gewinnboom wirklich ist. Während Deutschland seine Verteidigungsstrategie neu ausrichtet und Milliarden in die Aufrüstung steckt, wächst die Sorge, dass Rheinmetall in Zukunft möglicherweise weniger profitiert als bisher angenommen. Zwischen geopolitischen Entwicklungen, politischem Druck und einem sich schnell wandelnden Rüstungsmarkt steht die Rheinmetall-Aktie an einem entscheidenden Punkt.

Rheinmetall-Aktie: Friedenshoffnung und Kursdruck

Die Aktien von Rheinmetall standen zuletzt unter Druck — wegen der offenbar gestiegenen Chancen auf Frieden in der Ukraine.

Unabhängig davon, wie wahrscheinlich es ist, dass Wolodymyr Selenskyj die maximalistischen Forderungen von Wladimir Putin akzeptiert, besteht für den Düsseldorfer Waffenhersteller ein größeres Risiko für seinen Gewinn als ein Abkommen, das den dringenden Wiederaufrüstungsbedarf Europas verringert. Für ein Unternehmen, das fast ausschließlich staatliche Kunden beliefert, könnten die derzeitigen Rahmenbedingungen laut des Bloomberg-Analysten Chris Bryant zu Gewinnsteigerungen führen, die auf Dauer kaum haltbar sind. Genau das birgt die Gefahr, politische Gegenreaktionen oder verstärkten Wettbewerb auszulösen – Entwicklungen, die Rheinmetalls beeindruckende Margen spürbar schmälern könnten.

Zusammen mit dem Ziel, den Umsatz bis 2030 auf rund 50 Milliarden Euro zu verfünffachen, hat Vorstandschef Armin Papperger Investoren zugesichert, dass die operative Gewinnmarge in diesem Zeitraum auf über 20% steigen soll. Ohne die bald abzustoßenden zivilen Aktivitäten erzielt Rheinmetall im Rüstungsgeschäft bereits heute eine operative Umsatzrendite von etwa 18% bis 19%.

Dass ein Waffenhersteller von einer Aufrüstung profitiert — ähnlich wie Pharmaunternehmen in der Pandemie —, ist wenig überraschend. Doch die erwartete Profitabilität von Rheinmetall hebt den Konzern deutlich von anderen westlichen Rüstungsriesen ab, wie die nachfolgende Grafik zeigt.

Rheinmetall erzielt deutlich höhere Margen dank Investitionen in Deutschland

Warum hohe Margen Fragen aufwerfen

Rüstungsunternehmen verkaufen den Großteil ihrer Produkte an Regierungen, die meist wenig Interesse daran haben, Aktionäre auf Kosten der Steuerzahler großzügig zu bedienen. Rheinmetalls hohe Gewinnmargen — vor allem im Munitionsgeschäft — sind kein Geheimnis und könnten mittelfristig stärker hinterfragt werden.

“Nachhaltig Margen von über 20% zu erzielen, könnte wirklich schwierig werden”, schrieben Sash Tusa und Nick Cunningham, Analysten bei Agency Partners, kürzlich an Kunden. “Am Ende setzen sich Wettbewerb und Steuern durch.” Adrien Rabier von Bernstein Research weist darauf hin, dass die Verteidigungsindustrie eine “akzeptable Schwelle” für Gewinne beobachte.

Derzeit dürfte dies jedoch kein akutes Problem darstellen. Rheinmetalls Hauptkunde Deutschland ist entschlossen, Europas größte konventionelle Armee aufzubauen, und wird selbst im Falle eines Friedens in der Ukraine kaum vom Kurs abrücken. Die Schuldenbremse wurde gelockert, um eine ausreichende Finanzierung sicherzustellen. Vorrang hat, die ausgedünnte Bundeswehr so schnell wie möglich wieder auszurüsten — nicht, über Margen zu verhandeln.

Rheinmetall hat sich durch Übernahmen und Investitionen so positioniert, dass es die Ausrüstung liefern kann, die die Nato benötigt — und das verdient eine Belohnung. Zwischen 2011 und 2020, als Deutschland zögerte, viel für Verteidigung auszugeben, lag die operative Marge des Unternehmens laut Bloomberg-Daten im Durchschnitt bei etwa 5%.

Rheinmetall-Aktie korrigiert - Ist der Kursanstieg am Ende?

Vertikale Integration als Gewinnmotor

In einem Bloomberg-Interview im September wischte Papperger die Gefahr von Übergewinnsteuern beiseite und erklärte, Margen von 20% seien “absolut” erreichbar. Finanzvorstand Klaus Neumann versicherte den Investoren, das Unternehmen biete “gutes Preis-Leistungs-Verhältnis”.

Beschaffungsbehörden “stützen ihre Entscheidungen im Allgemeinen in erster Linie auf den Preis und die Lieferfähigkeit eines Anbieters, nicht auf möglichen Margen”, sagte ein Rheinmetall-Sprecher. Demnach lägen die Preise für Großkalibermunition rund 20% unter denen der Konkurrenz.

Wie bereits erwähnt, stammen Rheinmetalls üppige Munitionsgewinne aus Skaleneffekten, operativer Hebelwirkung und vertikaler Integration. Das Unternehmen produziert komplette Munition einschließlich Hülse, Zünder, Sprengstofffüllung und Treibladung — dadurch vereinnahmt es Gewinnanteile, die sonst auf mehrere Produzenten verteilt wären. Je mehr produziert wird, desto besser werden die Fixkosten gedeckt und desto höher fällt der Ertrag aus. Rheinmetall kann Preise verlangen, die weniger integrierte oder kleinere Wettbewerber kaum erreichen können.

Das Unternehmen erwartet, dass diese günstige Situation anhält, und rechnet damit, dass die Munitions- und Waffensparten bis 2030 eine Marge von nahezu 30% erreichen. Auch für andere Bereiche sind die Erwartungen optimistisch, wie die folgende Folie des Unternehmens zeigt.

Wachstumsschub und neue Märkte – aber auch neue Risiken

Der stattliche Gewinn von Rheinmetall untermauert eine Marktkapitalisierung von 68 Milliarden Euro, aber ist das nachhaltig? Konkurrenten wie BAE Systems bauen ihre eigenen Munitionsproduktion aus. Wenn sich Angebot und Nachfrage immer mehr ausgleichen, könnte der deutsche Hersteller unter zunehmenden Druck geraten, seine Preise zu senken. Und wenn er bis 2030 tatsächlich wie erhofft einen operativen Gewinn von 10 Milliarden Euro pro Jahr erzielt, könnten die Steuerzahler aufbegehren.

Die Produkte des Unternehmens kamen bisher vor allem im Landbereich zum Einsatz — nun nutzt es den Cashflow zur Diversifikation, etwa durch den jüngsten Kauf der Bremer Naval Vessels Lürssen. Im maritimen Bereich will Rheinmetall den Trick der vertikalen Integration wiederholen — also Schiffe, Raketen und Gefechtsführungssysteme aus einer Hand verkaufen. Ob in diesem traditionell margenschwachen Sektor tatsächlich 15% Rendite erreichbar sind, bleibt abzuwarten.

Überdies investiert das Unternehmen in neue Fabriken: Mehr als 8 Milliarden Euro an Kapitalausgaben sind in den kommenden fünf Jahren geplant. Neben neuen Munitions- und Pulverfabriken in Bulgarien und Rumänien automatisiert Rheinmetall seine Werke, um vormals eher handwerkliche Produktionslinien für Militärfahrzeuge auf höhere Stückzahlen auszurichten. Ein kürzlich errichtetes Werk in Niedersachsen benötigt nur 120 Mitarbeiter (beziehungsweise 40 pro Schicht), um jährlich 350.000 Artilleriegranaten im Wert von etwa 1,5 Milliarden Euro Umsatz zu produzieren.

Automatisierung, Arbeitsplätze und politische Fallstricke

Dies dürfte die Gewinnmargen stützen, die durch die höheren Arbeitskosten in Deutschland möglicherweise geschmälert worden wären. Politisch gesehen sind Roboter jedoch ein zweischneidiges Schwert: Während die Regierungen schneller an die benötigten Waffen kommen, könnte Europas Verteidigungsausgabenboom möglicherweise nicht den erhofften Wirtschafts- und Beschäftigungsaufschwung auslösen. Rheinmetall strebt an, etwa ein Viertel der Rüstungsausgaben der europäischen Nato-Staaten abzuschöpfen, geht jedoch davon aus, dass es bis 2030 dafür nur 70.000 Mitarbeiter benötigen wird.

Das ist zwar doppelt so viel wie im vergangenen Jahr, aber deutlich weniger als die 110.000 Beschäftigten von BAE Systems heute – und nur ein Bruchteil der mehr als 630.000 Mitarbeiter von Volkswagen, von denen etwa 45% in Deutschland arbeiten. Laut Rheinmetall könnte die heimische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in den kommenden Jahren dennoch bis zu 600.000 Arbeitsplätze schaffen.

Rheinmetall wird in den kommenden Jahren zudem erhebliche Steuern zahlen. Im Gegensatz zu einigen europäischen Rüstungskonkurrenten, die teilweise in Staatsbesitz sind, befinden sich die Aktien des Unternehmens jedoch vollständig in privater Hand – eine verpasste Chance für Deutschland, das sich allerdings eine Sperrminorität am Rüstungselektronik-Unternehmen Hensoldt gesichert hat. Da die meisten Deutschen keine Aktien besitzen, haben sie an Rheinmetalls 1.400%-Kursrally seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine nicht teilgenommen. Zuletzt geriet die Rheinmetall-Aktie jedoch spürbar unter Druck und verlor rund 25 Prozent gegenüber ihrem Allzeithoch. Sollte der Konzern seine Übergewinne weiter ausbauen, dürfte der politische Druck steigen, Preise zu senken oder zusätzliche Steuern zu zahlen.

FMW/Bloomberg



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4 Kommentare

  1. China will grundsätzlich keine seltenen Erden an Rüstungsunternehmen und deren Lieferanten liefern.
    Ohne diese kann man beispielsweise keine modernen Radaranlagen bauen.

  2. Mal sehen, wie groß am Ende des Geldes die Armee werden wird.
    Das die Millionen „Fachkräfte“ aus fernen Ländern nicht die Rentenkasse entlasten, ist ja bekannt.
    Ob die “ Facharbeiter“ mit deutschem Pass dann ihr Land verteidigen wollen/werden, wird sich zeigen.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  3. der für mich nicht kommunizierte, aber wahtscheinlichste grund ist, dass china nicht nur den usa, sondern auch europa versucht die seltenen erden für rüstungsunternehmen vor zu enthalten – was im geopolitischen kontext nur sinn machen würde. man wird sehen wie effektiv diese kontrollmechanismen vor umgehungsgeschäften sein werden.

    ohne rohstoffe keine produktion und keine gewinne….

  4. Dem Frieden in der Ukraine wird eine neue europäische Sicherheitsarchitektur folgen. Ob dann noch Deutschland eine Armee, wie derzeit geplant, haben wird steht in den Sternen.
    Die europäischen Rüstungsunternehmen rechnen mit der Wiederaufrüstung der Ukraine. Das Umsatzpotential wird vom zu verhandelnden Friedensvertrag abhängen.
    Die Finanzplanung der Regierung kann man nicht ernst nehmen.
    Ich halte keine Rüstungsaktien im Depot.

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