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Risiken wegzaubern wie vor der Finanzkrise in den USA: Die EZB präsentiert das Zauberkonstrukt „SBBS“ – verbriefte Gemeinschaftsanleihen

Der Horror bekommt einen neuen Namen. In den USA nannte man verbriefte Kreditpakete bis zur Finanzkrise gerne Asset Backed Securities (ABS) oder "Collaterized Debt Obligations" (CDO). Es gab auch noch andere Abkürzungen, aber das Prinzip war...

FMW-Redaktion

Der Horror bekommt einen neuen Namen. In den USA nannte man verbriefte Kreditpakete bis zur Finanzkrise gerne Asset Backed Securities (ABS) oder „Collaterized Debt Obligations“ (CDO). Es gab auch noch andere Abkürzungen, aber das Prinzip war immer das selbe. Ein einzelner Immobilienkredit eines Schuldners ist total kaputt, weil der Schuldner die Rate kaum noch zahlen kann, und das Haus als Sicherheit im Preis gerade drastisch sinkt. Wer würde der Bank so eine Forderung schon abkaufen?

Also packte man einfach tausende oder zehntausende Kredite zusammen, und schnürte daraus Pakete von hunderten Millionen Dollars. Man gab ihnen schöne Namen, und verkaufte sie oft an ausländische Investoren wie zum Beispiel deutsche Landesbanken. Versehen wurden die Pakete noch mit TOP-Ratings der ach so noblen Ratingagenturen, wodurch alles total hochwertig und nachgeprüft aussah. Dass beispielsweise 5.000 einzelne Schrottkredite in einem großen Gesamtpaket genau so Schrott sind wie ein einzelner Schrottkredit, wollte niemand sehen.

Die EZB will die Grundidee kopieren

Man sah nur noch die großen Gesamtsummen, die optisch wunderbar aufbereitet waren. Das Ausfallrisiko hatte sich offenbar in Luft aufgelöst, obwohl es ja noch in voller Höhe vorhanden war. Nach dem selben Motto will die EZB offenbar bewerkstelligen, dass kaputte Mitgliedsstaaten der Eurozone auch zukünftig leicht an Geld kommen, und das zu erträglichen Zinssätzen. Warum aber gerade jetzt diese Bemühungen der EZB? Wer ein klein wenig verschwörungstheoretisch unterwegs ist, denkt im Voraus. Die Nullzinspolitik der EZB endet vielleicht in ein oder zwei Jahren.

Dann wird Geld für die Staaten wieder teurer, und die Anleihekäufe der EZB laufen dieses Jahr aller Voraussicht nach ebenfalls aus. Dann stehen finanziell wacklige „Patienten“ wie Italien und Griechenland ganz alleine da, und müssten mächtig um Investorengelder bangen im nächsten Konjunkturabschwung – und der wird ganz gewiss kommen! Also wäre es aus EZB-Sicht (oder aus Draghi-Sicht?) gut jetzt schon mal Vorsorge zu treffen, dass solche Staaten auch in Zukunft schön einfach und billig an frische Kredite kommen.

Welch ein Zufall, dass der Italiener Draghi nicht nur EZB-Chef ist, sondern in Personalunion auch Vorsitzender des „Europäischen Ausschusses für Systemrisiken“ (ESRB) ist, einem Überwachungsgremium, dass aus diversen EU-Instituionen besteht. Und gerade diess ESRB hat nun einen ellenlangen Vorschlag veröffentlicht, den man sich erstmal zu Gemüte führen muss…. puhhh, was für ein trockener Text dieser Vorschlag ist! Aber wir können hier auch die Kurzform präsentieren.

Es sollen keine Eurobonds werden

Es geht laut dem Miterfinder des Konstrukts Markus Brunnermeier nicht darum, dass Staaten ihre Haftungsrisiken teilen. Es würden keine Eurobonds geschaffen. Es gehe viel mehr darum das Angebot an sicheren Anlagemöglichkeiten zu erweitern. Ach so, jetzt verstehen wir das… die von den 19 Euro-Ländern ausgegebenen Staatsanleihen sollen in Pakete verbrieft werden, in sogenannte „Sovereign Bond-Backed Securities“ (SBBS). Juhuuuuuu, endlich ist ein neues Kürzel geboren.

Diese Staatsschulden werden dann in drei Anlageklassen unterteilt, und in drei SBBS-Pakete gebündet, die Anleger erwerben können. Bei den Paketen geht es anscheinend nach der Bonität der Schuldner. Somit können die Käufer dieser Pakete selbst entscheiden, welches Risiko sie auswählen wollen. Kauft man das Hochrisiko-Paket (beispielsweise mit griechischen und italienischen Schulden), wird man sicherlich die höchste Rendite erhalten. Kauft man das Paket, wo deutsche Schulden enthalten sind, hat man sicherlich die geringste Rendite, weil das Risiko für den Zahlungsausfall am Geringsten ist.

Das Risiko für den Anleger wäre also wie vor der Finanzkrise in den USA mit den Immobilienpaketen so gestaltet, dass der Anleger nur noch ein riesiges Kreditpaket sieht, das vielleicht den Namen „Eurozone SBBS Class 3 Bond“ hat (unsere Namenserfindung). Das klingt deutlich beruhigender und technischer, als würde man direkt griechische oder italienische Staatsanleihen kaufen. Es wäre aber inhaltlich genau das selbe. Es sieht auf den ersten Blick nur besser aus.

Ob so ein Konstrukt wie die SBBS möglich sind, wird sich wohl im Laufe des Jahres zeigen. Lassen sich Deutsche, Luxemburger und Co (die mit den besten Ratings) weich kochen? Denn mithaften für andere Staaten würde man laut den Initiatoren ja nicht. Nur würde man zu einer gewissen Verschleierung der Ausfallrisiken anderer Staaten beitragen.

Sichtweise deutscher Ökonomen

Das „Institut der deutschen Wirtschaft“ hat vor wenigen Minuten seine Meinung zu genau diesem Thema veröffentlicht. Hier im Wortlaut:

Eine der größten Schwachstellen der europäischen Währungsunion ist der Mangel an sicheren Wertpapieren. Dies löste in der letzten Staatsschuldenkrise eine Flucht in die Bundesanleihen aus, die von Investoren als sicherer Hafen angesehen werden. Durch den starken Kapitalabzug in den Krisenländern gerieten deren Banken jedoch unter massiven Druck. Mit den Sovereign Bond-Backed Securities (SBBS) sollen nun künstliche Anleihen mit drei Risikoklassen geschaffen werden: von ausfallsicher bis hoch-riskant. Die SBBS basieren auf Staatsanleihen der Euro-Mitgliedsländer – das heißt, eine Zweckgesellschaft kauft die Staatsanleihen auf und finanziert sie durch Ausgabe der SBBS. Im Falle des Zahlungsausfalls eines Landes werden zuerst die Käufer der ausfallsicheren Tranche bedient, während die Käufer der anderen beiden Tranchen die Verluste tragen.

Gerade die hochriskante Klasse der Junior-Bonds stellt ein Problem dar. Die Junior-Bonds sollen risikofreudige Investoren außerhalb des Bankensektors ansprechen, deren Schieflage im Fall einer Staatsschuldenkrise weniger bedrohlich wäre. Dabei wird allerdings übersehen, dass diese Investoren im Krisenfall ihre Anleihen abstoßen werden, so dass die Risikoprämien für Junior-Bonds in die Höhe schießen. Dadurch könnten auch die Banken, die die ausfallsichere Senior-Tranche halten, nervös werden und das Vertrauen in die Senior-Tranche verlieren. Das könnte das gesamte SBBS-Konzept gefährden: Denn wenn keine Junior-Bonds mehr am Primärmarkt gekauft werden, würde der gesamte Markt für Sovereign Bond-Backed Securities zusammenbrechen.

Da dieser Markt aber systemrelevant ist, müsste im Krisenfall wieder die EZB als Käufer letzter Instanz einspringen. Sie müsste die riskanten Junior-Bonds am Primärmarkt kaufen, um den reibungslosen Ablauf des SBBS-Marktes zu garantieren. Bei möglichen Verlusten käme es dann zur Vergemeinschaftung von Staatsschulden durch die Hintertür.


Mario Draghi Anfang Januar mit einer Abschiedsrede für die ausscheidende Fed-Chefin Janet Yellen. Foto: EZB



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4 Kommentare

  1. Ich habe nie verstanden, wie jemand zusammengepackte Hochrisikoprodukte auch noch kaufen kann. Wer griechische Staatsanleihen kauft, hat ja schon einen an der Waffel – aber wer sich dann die volle Dröhnung expotentierten Risikos mit den anderen Pleitekandidaten gibt, dem ist nicht mehr zu helfen.

    Aber der folgende Satz des IW sagt ja schon alles:
    „Die Junior-Bonds sollen risikofreudige Investoren außerhalb des Bankensektors ansprechen, deren Schieflage im Fall einer Staatsschuldenkrise weniger bedrohlich wäre.“ — AH, ALLES KLAR! Oma Waldtraut soll also das Geld unter ihrer Matratze doch bitte in sichere AAA+++ Junior Bonds investieren, und so mal ein kleines Opfer für ein besseres Europa bringen. Denn zum Glück ist Oma Waldtraut nicht systemrelevant.

  2. Wenn Mr. Copyshop die Hälfte seiner Bezüge in Form dieser Papiere bekommt und die andere Hälfte in die USA verkauft, bin ich einverstanden.

  3. Richtig und wenn Oma Waltraud dies nicht freiwillig macht könnte man ja noch eine europaweite Zwangszusatzrentenversicherung vorschreiben, welche dann natürlich nur in die so sicheren SBBS investieren darf.

  4. Soweit mir bekannt ist, dürfen lediglich Anleihen in der Höhe von den Zentralbanken aufgekauft werden, wie der eigene Anteil des entsprechenden Landes an der EZB ist. Das Dilema ist meines Erachtens nach, dass von Ländern wie Griechenland, Italien, Spanien, … wesentlich mehr Schuldpapiere aufgekauft werden müssten, damit deren Schuldzinsen nicht in die Höhe schnellen.
    So vermute ich, dass diese SBBS mit Staatsanleihen aus obig genannten Ländern bis zu dem Punkt gefüllt werden, wo gerade noch ein gutes Rating erzielt werden kann. Evtl. wird dann noch die Laufzeit der SBBS erhöht, damit Anleger den Ausfall von Schuldpapieren nicht registrieren bzw. dieser durch eine niedrige Verzinsung der guten Papiere wieder eingespielt wird.

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