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Robinhood: Chef erklärt das Problem und appelliert für entscheidende Änderung

Privatanleger im Onlinetrading

Bevor wir zu Robinhood kommen, erst nochmal eine kurze Erläuterung. Heutzutage kauft und verkauft der ungeduldige Trader im Minutentakt hin und her. Schnell rein, schnell raus, egal ob bei Forex, CFDs, Optionsscheinen, Aktien. Alles läuft voll elektronisch und in Echtzeit. Die meisten Anleger denken offenbar, dass bei Kassa-Geschäften (zum Beispiel beim Aktienhandel) anders als bei Termingeschäften Handel und Bezahlung sofort erfolgen. Denn rein optisch wirkt es ja auch so. Dabei gibt es für Kassa-Geschäfte die sogenannte Wertstellung, in Englisch das Settlement. Hier die offizielle Erklärung der Frankfurter Börse:

Wertstellung eines Geschäfts: Als Valuta wird das Verrechnungsdatum der Wertpapiere nach Geschäftsabschluss an der Börse oder der Zeitpunkt der Gutschrift bzw. Belastung auf dem Bankkonto durch die Bank (per Valuta) bezeichnet. Bei einer Wertstellung innerhalb von zwei bis drei Geschäftstagen handelt es sich um ein Kassageschäft, ansonsten liegt ein Termingeschäft vor.

In den USA galt jahrzehntelang bei Aktien, dass das eigentliche Geschäft, also die Bezahlung der Aktien durch das Guthaben auf dem Kundenkonto, erst drei Tage nach dem Trade erfolgte. Inzwischen sind es nur noch zwei Tage Settlement bei US-Aktien. Und nun zu Robinhood. Es ging ja nun schon tagelang durch alle Medien, und auch wir bei FMW haben es einige Male besprochen. Broker wie Robinhood mussten letzte Woche Neukäufe für Aktien wie Gamestop ganz aussetzen und danach noch tagelang stark einschränken. Anleger waren sauer, wütend, entsetzt – viele vermuten eine Verschwörung, Einflussnahme der Hedgefonds im Hintergrund usw.

Vielleicht fand der Chef von Robinhood in den letzten Tagen nicht die richtigen Worte, um die Lage richtig zu erklären. Aktuell hat er einen Blog-Beitrag verfasst, der das Problem auf den Punkt bringt. Es geht um das Settlement von zwei Tagen. Die Aktie wird erst nach zwei Tagen bezahlt, obwohl das Geschäft bereits abgeschlossen ist. Hierfür muss der Clearing-Broker vom Endkundenbroker (in dem Fall Robinhood) eine Sicherheitsleistung verlangen, die umso höher ausfällt, desto mehr Aktivität in einzelnen Aktie vorhanden ist.

Robinhood-Chef Vlad Tenev sagt dazu, dass man letzte Woche gesehen habe, welche Auswirkungen die zweitägige Abwicklungsfrist für den Handel auf die Anleger und letztlich auf das gesamte amerikanische Finanzsystem habe. Die Anforderungen an die Einlagen der Clearinghäuser seien über Nacht in die Höhe geschnellt. Die Menschen seien nicht in der Lage gewesen, einige der Wertpapiere zu kaufen, die sie wollten. Die Anleger seien verärgert und besorgt gewesen – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt des antiquierten Abwicklungsprozesses, so seine Worte.

Die bestehende Zwei-Tages-Frist für die Abwicklung von Trades setze Investoren und die Industrie unnötigen Risiken aus – diese Vorgehensweise sei laut Vlad Tenev reif für eine Änderung. Jeden Tag müssten Clearing-Broker wie Robinhood die von den Clearing-Häusern auferlegten Einzahlungsanforderungen erfüllen, um die Kundengeschäfte zwischen dem Handelsdatum und dem Datum, an dem die Geschäfte abgerechnet werden, zu unterstützen. Die Anforderungen an die Hinterlegung von Geldern bei den Clearingstellen sollten das Risiko mindern, aber die wilde Marktaktivität der letzten Woche habe gezeigt, dass diese Anforderungen, gepaart mit einem unnötig langen Abrechnungszyklus, unbeabsichtigte Folgen haben können, die neue Risiken mit sich bringen.

Es gebe laut Vlad Tenev keinen Grund, warum das größte Finanzsystem, das die Welt je gesehen hat, seine Geschäfte nicht in Echtzeit abwickeln könne. Dies würde das Risiko, das eine solche Abwicklung mit sich bringt, erheblich mindern. Es sei nun vier Jahre her, dass die Wertpapierindustrie von einer dreitägigen auf eine zweitägige Abwicklungszeit (Settlement) umgestellt habe. Die Securities and Exchange Commission und die Depository Trust & Clearing Corporation sowie andere Interessengruppen hätten die Vorteile eines noch kürzeren Zeitrahmens erkannt. In der Zwischenzeit seien Millionen von neuen Anlegern zum ersten Mal in den Markt eingetreten, da die Technologie die Welt verändere.

Es sei laut Vlad Tenev an der Zeit, dass das Finanzsystem aufhole. Die letzten paar Wochen seien außergewöhnlich gewesen. Man habe gesehen, wie sich eine soziale Bewegung mit der Technologie und den Finanzmärkten überschneidet, und wie Kleinanleger die Führung übernehmen. Als Branchenführer müsse Robinhood laut Vlad Tenev diesem Moment mit einer Vision für die Zukunft und einem Fokus auf die Menschen, denen man diene, begegnen. Die Branche, der US-Kongress, die Aufsichtsbehörden und andere Stakeholder müssten nun zusammenkommen, um das intellektuelles Kapital und die technischen Ressourcen einzusetzen, um zur Echtzeitabwicklung von US-Aktien überzugehen. Robinhood sei bestrebt, diese kritische Anstrengung im Namen aller Investoren voranzutreiben. Technologie sei die Antwort, nicht das oft zitierte Hindernis. Er glaube, dass es wichtig ist, dass alle relevanten Stakeholder in naher Zukunft zusammenkommen, um die Dringlichkeit und Notwendigkeit dieses Themas zu diskutieren. Man solle gemeinsam den Weg zur Echtzeitabrechnung beschreiten.

FMW-Kommentar dazu: Es ist schon erstaunlich, was man dieser Tage auch von namhaften Tradern in den USA hört. Es geht sogar bis zu Rufen nach Gefängnis für den Robinhood-Chef. Und natürlich darf die Verschwörungstheorie nicht fehlen, dass hinter den Handelsunterbrechungen die bösen Hedgefonds standen, die interveniert haben sollen. Vorwerfen kann man Robinhood wohl eine schlechte Kommunikation, wenn man (wie üblich) reflexartig sagt, dass es um den Schutz der Kunden gehe. Man hätte gleich von Anfang an sagen können, dass die Clearer mehr Kapitalhinterlegung fordern, und dass man den Handel solange einschränken muss, bis man das frische Kapital aufgetrieben hat. Aber in diesem Fall konnte die Wut der Anleger tagelang in den Foren aufgebauscht werden.



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1 Kommentar

  1. Pingback: Aktuelle Meldungen vom 4. Februar 2021 | das-bewegt-die-welt.de

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