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Robinhood und Neobroker: Wie ist die Lage in Deutschland?

Gespannt blickt man auf die Börsenentwicklung in den USA, auf Spekulationsexzesse mit wertfreien Aktien, auf eine neue Kultur von Aktienanlegern durch Neobroker wie Robinhood, auf die Schattenwelt der Hedgefonds. Und auf die Maßnahmen der Neobroker, um Unheil von sich oder anderen abzuwehren – wie zuletzt bei Robinhood, die sich über drei Milliarden Dollar besorgen mußten. Kann sich so etwas eigentlich in der Börsenlandschaft Deutschlands wiederholen?

Die Aktienlandschaft in Deutschland

Deutschland ist nach wie vor kein Aktienland. Der Wert aller deutschen Dividendentitel beläuft sich auf etwa 2 Billionen Euro, im Vergleich dazu die USA mit über 33 Billionen Euro (40 Billionen Dollar), bei einer etwa vier Mal so großen Bevölkerung. Die Zahl der Aktionäre, inklusive Fonds hat 2020 wieder die 10 Millionen-Marke überschritten. Die Masse der Aktien liegt in den Händen der Ü40, der Anteil der 14 bis 39-Jährigen betrug vor einem Jahr gerade mal ein Zehntel. Hat daran die stürmische Entwicklung der Neobroker aus den USA, allen voran Robinhood, etwas geändert?

Sicherlich, aber angesichts der Struktur des deutschen Aktienmarktes kann von den neuen Anlegern noch keine große Wirkung ausgehen. Während bei der Jahrtausendwende nur etwa 36 Prozent ausländisches Kapital im Markt investiert war, hat dieses bereits die 50 Prozent-Marke überschritten. Bei vier Dax-Werten sind es sogar über 70 Prozent. Die großen Anteile von 60 Prozent verteilen sich auf Pensions- und Investmentfonds, Versicherungen und Banken (60 Prozent). Man denke nur an BlackRock (10 Prozent) oder den norwegischen Staatsfonds (4 Prozent). Dazu kommen noch Stiftungen, Investorenfamilien und der Bund. Bleiben noch 14 Prozent für Privatanleger.

RobinHood: Die Welle ist nach Deutschland geschwappt

Der Name des Neobrokers ist in der Finanzberichterstattung wieder einmal in aller Munde: Robinhood, ein ehemaliges Start-up aus Kalifornien, mit bereits über 13 Millionen Kunden, von denen die Hälfte Aktienneulinge sind. Star der Szene ist David Portnoy, Inhaber des Sport-Blogs Barstool Sports, der mit seinen superoptimistischen Börsen-Tweets eine ganze Community antreibt. Zuletzt mit fatalen Folgen, wie es derzeit nach dem Hype um GameStop aussieht. Der Broker Robinhood brauchte sehr viel frisches Geld, da er in dem Hype um 13 zumeist kleine Nebenwerte an die Grenzen seiner Belastbarkeit, beziehungsweise darüber hinaus, gebracht wurde.

In Deutschland ist der Markt noch überschaubar, Marktführer im Wertpapiergeschäft mit Kunden, sind Comdirect, Consorsbank, ING und Flatex. Ehemalige Discountbroker, die den Banken und Sparkassen die Kunden abwarben. Aber im Gefolge der US-Entwicklung drängten neue Billiganbieter in den Markt, mit noch niedrigeren Gebühren oder fast schon provisionsfrei – unter Einsatz des Universalprodukts der Gegenwart, dem Smartphone.

Der bekannteste Name ist der Neobroker Trade Republic, der bereits seit 2019 den Markt aufmischen möchte, mit Transaktionskosten von einem Euro pro Trade, mit Tausenden Aktien im Angebot, aber auch ETFs und kostenlosen Sparplänen.

Neu seit 2020: Scalable Capital mit eigenem Neobroker und der Besonderheit einer Trading-Flatrate für 2,99 Euro im Monat, damit können Anleger unbegrenzt Aktien und ETFs handeln. Aber es geht auch schon komplett provisions- oder gebührenfrei wie bei Justtrade oder bei Gratisbroker.

Wo ist der Haken?

Befürchtungen, dass die Billigbroker ihre Gebühren über möglicherweise schlechtere Börsenkurse außerhalb der Xetra-Handelszeiten hereinholen könnten, hat ein monatelanger Test des Verbrauchermagazins Finanztest entkräftet. Woran verdienen die Neobroker dann?

Es sind wie in den USA Rückvergütungen, die man von den Handelspartnern für die Weiterleitung der Kundenaufträge erhält, der angelsächsische Ausdruck lautet: „Payment for Orderflow“. Diese Zuwendungen sind der Finanzaufsicht Bafin bekannt, rechtlich ist es nicht verboten. Die Preisschraube konnte natürlich deshalb so abgesenkt werden, weil die Broker auf Filialen und Personal verzichten können.

Die Kritik an Robinhood

Dies ist aber gerade der Vorwurf an den US-Broker Robinhood, der die Daten über die Aufträge seiner Kunden an große Finanzunternehmen weiterleitet, bevor sie ausgeführt werden. Ein großer Vorteil in Zeiten des Hochgeschwindigkeitshandels: zu sehen, was die Kleinen beabsichtigen, um entsprechend zu handeln.

Das ist derzeit der Streitpunkt schlechthin: ist es ok, wenn Robinhood die Daten der Nutzer an Hedgefonds wie Citadel weiterleitet, der für bis zu 40 Prozent der Umsätze von Robinhood verantwortlich sein soll?

Wer sind die Regulatoren für die Neobroker hierzulande?

Natürlich ist für die Kontrolle der Neobroker die Finanzaufsicht BaFin verantwortlich und auch die Bundesbank. Denn hinter einem Broker steht auch noch ein Institut mit Vollbanklizenz.

Allerdings hat sich das Problem wie bei Robinhood auch schon nach Deutschland ausgeweitet, denn die zeitweise Einstellung des Handels mit den berüchtigten US-Aktien durch Trade Republic hat schon zu den ersten Beschwerden bei der BaFin geführt.

Fazit

So schön die Entwicklung fallender Gebühren für die Geldanlage ist, so gefährlich kann sich so etwas gestalten, wenn ähnliche Konditionen für Neulinge geboten werden, wie in den USA – ohne Risikoeinstufung und gleich mit Beleihungsmöglichkeit. Was waren das noch für Zeiten in den 1990-ern, als Kreditinstitute ein Prozent der Handelssumme an Gebühren verlangten und zwar jeweils für An- und Verkauf? Da hatte sich ein Zocken schon von dieser Seite her kaum gelohnt. Allerdings kam dann die Stunde mit Zigtausenden von Optionsscheinen, um den Spieltrieb der Spekulanten zu befriedigen.

„Hin und her macht Taschen leer“, lautet einer dieser ungeliebten Börsensprüche. Vor allem bei Brokern und Finanzinstituten. Wenn man sich aber die vielen Auswertungen von Depots und das über viele Jahre betrachtet, so wird ganz leicht erkennbar, dass diese Redewendung die am meisten Zutreffende im Börsengeschäft ist. Desto mehr Trades, desto schlechter die Performance. Natürlich nicht bei allen, aber bei einem überwiegenden Prozentsatz der Spekulanten. Wenn dann noch Hebel und Kredit dazukommt? Leverage kills!

Insofern gibt es für die an sich sehr begrüßenswerte Gebührensenkung (gerade bei langjährigen Sparplänen) auch einen Nebeneffekt. Viele Kunden von Robinhood haben ihr Börsengeschäft in einer ungewöhnlichen Börsenhausse begonnen. Wer schon länger an der Börse ist, weiß, dass es für die Masse der jungen Spekulanten nichts Schlechteres gibt, als eine lange Glückssträhne zu Beginn der Karriere. Die Folge ist Selbstüberschätzung (meine Fähigkeit), die Summen werden erhöht, der Hebel, der Kredit – und dann kommt das Unerwartete. Ich bin gespannt auf das Finale der jetzigen Phase: 40 Millionen Calls, speziell von vielen Kleinanlegern, ein Rekord, der graphisch und historisch schon bedrohlich anmutet.

Neobroker wie Robinhood werden für die Märkte immer wichtiger



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