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Rohstoffe: Russisches Öl, Sanktionen und die „Verschwiegenen“ – Neste im Fokus

Rohstoffe sind im Vergleich zum Vorjahr so stark gestiegen wie noch nie (selbst stärker als in den 1970er-Jahren) – aber welche Aktien sind dennoch weiter interessant im Bereich der Rohstoffe? Hier ein Beispiel – die Aktie von Neste.

Russisches Öl und die verschwiegenen Giganten der Rohstoffe

Heutzutage wird nahezu alles verfolgt oder „getrackt“: sei es der Browserverlauf, die Suchanfragen bei Google, die Handydaten und natürlich auch die Schiffsdaten. Jedes Schiff sendet per Funk ein AIS Signal (Automatic Identification System) zur Positionsbestimmung. Das ist ein verbindlicher Standard der Internationalen Schifffahrts-Organisation (IMO). Die Website Marine Traffic stellt in Echtzeit solche Daten zur Verfügung. Und es gibt eine ganze Menge Analysten, Rohstoff-Händler und Trader, die diese Daten auswerten.

Während in der Tagespresse von Öl-Embargo und Gas-Boykott zu lesen ist, verladen eher unbekannte Firmen aus der idyllischen Schweiz Tanker voller Urals-Öl und verschiffen sie von Novorossiysk über das Schwarze Meer oder über die baltischen Exporthäfen. Die Raffinerien dieser Welt benötigen Nachschub. Dabei fallen immer wieder die Namen Trafigura, Vitol, Glencore und Neste. Vitol und Trafigura sind in der Schweiz ansässig und gehören zu den größten Erdölhändlern dieser Welt. Sie gehören aber auch zu den größten nicht börsennotierten Unternehmen und sind wahre Giganten der Rohstoffe.

Zusammen haben beide Unternehmen im März bereits rekordverdächtige 22 Tanker Urals Crude verladen, das entspricht 2,32 Millionen Tonnen Öl oder 16,7 Millionen Barrels. Im Vergleich zu 1,84 Millionen Tonnen im Februar und 1,8 Millionen Tonnen im Januar. Das Öl stammt einerseits von Rosneft – Trafigura und Vital sind noch an gültige Vereinbarungen mit dem russischen Ölkonzern gebunden, schließen aktuell aber keine neuen Verträge mehr ab. Andererseits wird Öl aus Kasachstan über die russischen Häfen im Baltikum verschifft.

Die Rohstoffbranche ist sehr verschwiegen, beide Unternehmen äußern sich nicht öffentlich, wie lange die Verträge mit Rosneft noch laufen. Rosneft ist seit dem 15. März ein von der EU sanktioniertes Unternehmen. Brüssel gewährt allerdings eine zweimonatige Übergangszeit und schließt Verträge aus, die vor dem 26. Februar geschlossen wurden.

Alle großen Erdölfirmen, seien es Total Energie, Shell oder Exxon Mobil, haben im März Tanker mit russischem Crude verschifft, kaufen laut eigenen Angaben aber am Spotmarkt kein neues russisches Öl hinzu. Die russischen Ölexporte verlaufen, im Großen und Ganzen, wie vor der Invasion geplant, ab. Zwei Drittel der Exporte gehen nach Europa, ein Drittel nach Asien und China. Einige Tanker werden wahrscheinlich nur den Storage Hub in Antwerpen anlaufen, denn die europäischen Kunden sind sehr zögerlich und zurückhaltend. Die Crude-Ladung kann dort auf größere Tanker umgepumpt werden, bevor die Reise dann nach Asien weiter geht.

Finnland Hauptaktionär von Neste Oyi – ein kaum bekannter Gigant der Rohstoffe

Eine wenig bekannter Gigant der Rohstoffe ist Neste Oyj (früher Neste Oil Oyj) – ein börsennotierter finnischer Konzern mit Hauptsitz in Espo, eine Stadt westlich von Helsinki. Hauptaktionär von Neste ist mit 36 Prozent der finnische Staat. Der Umsatz 2021 lag bei 15,14 Milliarden Euro, die Umsatzrendite bei 11,70 Prozent. Das Unternehmen besitzt rund 1.000 Tankstellen in Finnland und in den baltischen Staaten.

Die herkömmliche Raffinerie befindet sich in Porvoo, Finnland. Zudem – und das macht dieses Unternehmen interessant – betreibt es Raffinerien auf der eigens entwickelten NEXTBL-Technology (Next Generation Biomass-to-liquid). Diese Technik ermöglicht die Verarbeitung einer Vielzahl von Ölen und Fetten zu Produkten wie erneuerbarem Diesel und Flugzeugtreibstoff (SAF – Sustainable Aviation Fuel) oder erneuerbaren Rohstoffen für die Kunststoffherstellung. Der Begriff „erneuerbar“ ist hier irreführend und bezieht sich nur auf das Recycling von alten Speiseölen, tierischen Fetten, Reststoffen aus der Pflanzenölproduktion oder Pflanzenöle wie Palmöl oder Rapsöl zu Diesel oder Kerosin.

Joint Venture zwischen Neste und Marathon Petroleum

Mit seinen Kapazitäten ist Neste der weltweit größte Hersteller von erneuerbarem Diesel und Flugzeugtreibstoff. Am 2. März gab das Unternehmen ein Joint Venture mit der amerikanischen Ölgesellschaft Marathon Petroleum Corp (MPC) bekannt. Bei dieser Milliarden-Investition wird eine von Marathons Raffinerien in Martinez (Kalifornien) in eine Raffinerie für erneuerbaren Diesel umgerüstet. In Singapur steht ein ähnliches, 1,5 Milliarden schweres Investitionsprojekt kurz vor Vollendung, geplant ist der Betrieb der Anlage für das erste Quartal 2023.

Damit wird Neste zum ersten Anbieter für erneuerbare Treibstoffe mit Niederlassungen in Europa, Asien und Amerika. Die gesamte Produktionskapazität soll bis Ende 2023 auf 5,5 Millionen Tonnen steigen. In Rotterdam plant man ein ähnliches Projekt, eine Entscheidung soll demnächst fallen.

In 2021 hat Neste seinen Rohölbedarf zu 77 Prozent mit russischem Öl gedeckt, die aktuellen Verträge laufen dieses Jahr noch aus und sollen nicht verlängert werden. Als Ersatz kauft Neste norwegisches Medium Crude – das Ölfeld liegt ca. 140 Kilometer vor Stavanger und heißt Johan Sverdrup Oil Field – und Nordsee Crude.

Die guten Geschäftsbeziehungen zur amerikanischen Ölfirma sind hier ebenfalls von Vorteil, Marathon Petroleum gehört zu einer der sieben Gesellschaften, die am 2. März den Zuschlag für den Erwerb von 30 Millionen Barrel SPR Crude Oil aus der strategischen Reserve der USA erhalten haben. Mit 16,06 Millionen Barrel wurde Marathon der größten Einzelzuschlag zugewiesen.

Am Freitag wurden zudem Optionen auf die Neste Aktie über die EUREX gehandelt. Die Aktie steht im Fokus der Anleger.
Neste Oyj – aktueller Kurs 37,35 € Börse Helsinki
Marktkapitalisierung: 27,8 Milliarden Euro
Dividendenrendite: 2,27%
KGV: 15,69

Rohstoffe Neste
Von J-P Kärnä, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4348440



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