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Rosaroter Arbeitsmarkt – ist das schon der große Demografie-Schock?

Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt heute rosarote Zahlen für den Monat Mai. Betrachten wir mal diverse Kennzahlen. Ist das die Folge des Demografiewandels?

Bundesagentur für Arbeit

Sehen Sie es auch? Egal wo man hinschaut, die Gastronomie und viele andere Dienstleistungsbetriebe suchen händeringend nach Mitarbeitern. Industriebetriebe suchen oft sogar für viele Bereiche auch Ungelernte, die dann schnellstmöglich intern geschult werden – Hauptsache man bekommt überhaupt noch Bewerbungen. Da schlägt der Demografiewandel wohl mit voller Wucht zu? Immer mehr Menschen gehen in Rente, und aufgrund der immer geburtenschwächeren Jahrgänge rücken immer weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt nach.

Demografiewandel macht Arbeitsmarkt immun gegen Krisen?

Coronakrise, Ukraine-Krieg, Inflation. Fast schon egal was, dem Arbeitsmarkt kann kaum noch etwas anhaben, weil das Defizit an neu in den Arbeitsmarkt kommenden Arbeitskräften immer größer wird, und die Nachfrager (Arbeitgeber) inzwischen für jeden Bewerber froh sind? Die heute veröffentlichten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für den Monat Mai zeigen einen rosaroten Arbeitsmarkt in Deutschland. Schauen wir uns ein paar Zahlen an.

Die offizielle Arbeitslosenquote ist im Mai im Jahresvergleich von 5,9 Prozent auf 4,9 Prozent gesunken. 427.543 Arbeitslose gibt es jetzt weniger als im Vorjahr mit aktuell 2,259 Millionen arbeitslos gemeldeten Personen. Auch im Monatsvergleich ist es ein weiterer Rückgang von 50.000 Arbeitslosen. Die Unterbeschäftigung (die tatsächliche Gesamtzahl aller Arbeitslosen) sinkt im Jahresvergleich von 7,4 auf 6,5 Prozent.

Viele gute Kennzahlen

Auch andere Kennzahlen am deutschen Arbeitsmarkt beeindrucken. Die Anzahl der Erwerbstätigen lag im April bei 45,38 Millionen Menschen – im Vergleich mit dem Vorjahr erhöhte sie sich um 771.000 oder 1,7 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Selbständigen um 32.000 oder 0,8 Prozent auf 3,92 Millionen gesunken, nach -70.000 oder -1,8 Prozent im vierten Quartal 2021. Die sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung in Deutschland lag im März um 359.000 oder 1,5 Prozent und die sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäftigung um 340.000 oder 3,5 Prozent über dem Vorjahreswert. Man sieht also: Viele Menschen sind – womöglich aus einer gescheiterten Selbständigkeit wegen der Coronakrise – in gesicherte Festanstellungen gewechselt. Im Mai lag der Bestand an gemeldeten offenen Arbeitsstellen bei 865.000. Das waren 211.000 oder 32 Prozent mehr offene Stellen als vor einem Jahr. Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist also sehr groß.

Nur 3,0 Prozent Arbeitslose nach ILO

Geht man nach der Berechnungsmethode der der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), dann liegt die Arbeitslosigkeit in Deutschland nicht bei 4,9 Prozent, sondern nur noch bei 3,2 Prozent (1,39 Millionen Menschen). Grund für diese sehr niedrige Zahl ist die völlig unterschiedliche Berechnungsmethode. Denn nach ILO werden Arbeitslose für die Statistik nicht mehr als arbeitslos gezählt, wenn sie in den letzten vier Wochen nicht aktiv nach einer Tätigkeit gesucht haben. So kann man aus offiziellen 4,9 Prozent nur noch 3,2 Prozent machen. Aber so oder so – das Niveau der Arbeitslosigkeit sinkt weiter ab.

Weniger Kurzarbeiter

Auch beim Thema Kurzarbeit sieht es gut aus. Nach vorläufigen hochgerechneten Daten der Bundesagentur für Arbeit wurde im Mai für 553.000 Arbeitnehmer konjunkturelles Kurzarbeitergeld gezahlt, nach 775.000 im Februar und 821.000 im Januar. Im März 2021 hatte es noch 2.818.000
konjunkturelle Kurzarbeiter gegeben.

Frage

Kann eine womöglich anstehende Rezession –  zum Beispiel bei Gas-Lieferstopps durch Russland – dem deutschen Arbeitsmarkt etwas anheben? Könnten umfangreiche Entlassungen in der Industrie den Arbeitsmarkt in die Krise stürzen? Wahrscheinlich würde der Staat ähnlich wie bei Corona das Instrument der Kurzarbeit so massiv ausbauen, dass die Betriebe ihre Arbeitnehmer weiter im Betrieb halten können, und die Zahl der Arbeitslosen bleibt gering? Das ist ein mögliches Szenario – schließlich konnte man über diesen Weg auch während der schlimmsten Corona-Zeit eine Massenarbeitslosigkeit verhindern. Aber abgesehen von so einem spezifischen Szenario – der massiv wirkende Demografiewandel könnte den Arbeitsmarkt immer resistenter gegen Krisen machen, weil vielen Nachfragern (die Arbeitgeber mit offenen Stellen) immer weniger Anbieter (neu in den Arbeitsmarkt kommende Arbeitskräfte) gegenüber stehen.



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2 Kommentare

  1. Moin, moin,

    es stellt sich doch in der BRD die Frage wieso jemand arbeiten sollte. Vielleicht kann hier jemand einmal einen Vorteil von Arbeit erklären. Finanziell macht es zumindest keinen Sinn, sein Leben in der aktuellen BRD mit Arbeit zu verbringen.

    Lieber steht man gegen 10 Uhr am Morgen auf, macht 2 Stunden Frühstück, schlendert ein bisschen durch die Stadt oder geht an den Strand. Am Nachmittag noch etwas abchillen mit einer Kanne Bier und dann den Tag bis zum Morgen um ca. 2 Uhr ausklingen zu lassen. Was will der BRD Bürger mehr? Sicher keine Arbeit.

  2. Das Thema Domographiewandel wird m.E. falsch beleuchtet. Zwar gehen in den nächsten 10 Jahren viele Babyboomer in Rente, die heutigen Kitas und Grundschulen platzen allerding aus allen Nähten, so daß bei gleichbleibender Wirtschaftkraft nur eine kurze Periode an Fachkräftemangel herrschen wird (die die Unternehmen allerdings irgendwie überbrücken müßen, ohne dicht zu machen).

    Und ob in 20 Jahren bei zunehmender Automatisierung, klimawandelbedingter Produktionsreduzierung und einer erstarkendem asiatischen Industrie überhaupt noch genug qualitativ hochwertige Arbeitsplätze für alle Einwohner bei uns zur Verfügung stehen, steht noch in den Sternen. Dann müßten nämlich außer Rentner und Pensionären noch eine Armada (meist zugewanderter) Arbeitslosen finanziert werden. Eine Perspektive, die unseren Sozialstaat überfordern dürfte und ein riesiges Potential sozialen Sprengstoffes in sich birgt…

    Auch ist die Frage, ob die zukünftige Generationen Leistungsbereit sind, oder sich mit einfachen Dienstleistungsjobs ohne Bildungsnotwendigkeit über Wasser halten, oder ob die sozialen Brennpunkte explodieren, wie in Frankreich, London oder Schweden…

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