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Fangseil Hormus Ära des leicht zugänglichen Öls in Russland vorbei

Der Zugang zu leicht förderbarem Öl neigt sich für Russland bald dem Ende zu. Damit wird es zunehmend brenzliger für die Staatsfinanzen.

Russland-Fahne
Grafik: muravev - Freepik.com

Dass die Parade in Moskau am 9. Mai zum Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus in abgespeckter Form stattfand, findet ihr Pedant in der Feststellung eines russischen Experten, dass die Zeit des leicht zugänglichen Öls vorbei sei. Der Rohstoff-Supermacht wird nach Ansicht eines US-amerikanischen Experten dadurch nicht das Öl ausgehen. Doch die Uhr tickt, weil billig förderbares Öl als finanzielle Grundlage für militärische Abenteuer fehlt.

Russland vor finanziellen Beschränkungen

Für Russland neigt sich die Ära des leicht zugänglichen Öls aus Westsibirien dem Ende zu, machte Gabriel Collins vom Zentrum für Energiestudien am Baker Institut der Rice Universität in einem Fachbeitrag im April deutlich. Dies führe zu einer finanziellen Beschränkung, die Moskau weder durch Bombenangriffe noch durch Propaganda beseitigen könne. Langfristig werde dies Russlands Fähigkeit zur Machtprojektion schwächen.

In den nächsten fünf Jahren könnte jedoch der gegenteilige Effekt eintreten und das Risiko einer Aggression steigen, da der Kreml handelt, bevor seine Vorteile weiter schwinden. Der schwierige und kostspielige Kampf gegen den geologischen Niedergang erhalte hier nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie der Krieg in der Ukraine.

Operationen in den sibirischen, Wolga-, Kaspischen und Arktis-Ölfeldern erreichten nicht die virale Wirkung wie Videos von Kampfhandlungen. „Doch die Barrel dieser Felder oder deren Fehlen wird Russlands strategische Entscheidungen, seine militärischen Kapazitäten und seinen globalen Einfluss maßgeblich beeinflussen“, stellte Collins fest.

Neue Technologien und Personalmangel

In einem Interview mit Ria Novosti hatte Alexander Djakonow, Rektor der Staatlichen Technologischen Universität Almetyevsk Hochschule für Öl im März 2025 bestätigt: „Ja, die Ära des leicht verfügbaren Öls endete… Es wird keine Ölsprudel mehr geben.“ Darin sieht Collins für Russland ein Problem, weil die in- und ausländischen Finanzierungsbemühungen des Kremls auch für den Krieg auf den Verkauf von Öl oder dessen indirekte Monetarisierung durch Geschäfte Kredite gegen Öl hinauslaufen.

Der Rektor unterstrich dagegen: „Wir sehen unseren Wettbewerbsvorteil jedoch darin, dass wir proaktiv arbeiten. Wir entwickeln bereits heute solche Technologien für unsere eigenen Lagerstätten, die andere Länder in 10 bis 20 Jahren unausbleiblich benötigen werden. Und dann werden wir diese Technologien in Zukunft genau an diese Länder verkaufen können. Diese Situation macht uns auf globaler Ebene konkurrenzfähig.“

In Zusammenarbeit mit der Ölgesellschaft Tatneft werde das Profil des idealen Absolventen der Zukunft erarbeitet. Allerdings „herrscht ein Mangel an Personal, das in der Lage ist, diese neuen Technologien zu entwickeln.“ Diese Einschätzung würde jede Führungskraft von Ölunternehmen sofort bestätigen. „Wir bewähren uns beim aktuellen Tagesgeschäft, benötigen aber Mega-Aufgaben und Megateams, die fähig sind, diese Aufgaben zu formulieren und zu lösen“, brachte es Djakonow auf den Punkt.

Hormus keine Bremse für Budgetdefizit

Derweil zeigen die jüngsten Budgetzahlen vom Finanzministerium, dass sich der Rückgang der Einnahmen von Januar bis April abgeschwächt hat, da der Einbruch der Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor infolge des Irankrieges und der Blockade von Hormus aufgrund hoher Ölpreise abnahm und außerdem erhöhte Mehrwertsteuern positiv zu Buche schlugen.

Zugleich liegt der Rückgang der Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor mit -38,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weiter im tiefroten Bereich. Auch das Budgetdefizit erhöhte sich im Jahresverlauf von zuletzt -1,9 Prozent auf jetzt -2,5 Prozent. Dazu haben die Staatsausgaben die Marke von 40-Prozent überschritten. Folglich konnten die hohen Ölpreise den Staatshaushalt nicht sanieren. Die Blockade von Hormus bildet allenfalls ein Fangseil, um nicht noch mehr abzustürzen.

Erfüllung des Bundeshaushalts Januar bis April 2026 (vorläufige Daten) in Milliarden Rubel

Einnahmen aus Öl und Gas in Russland
**vorläufige Schätzung
Quelle: Russisches Finanzministerium am 8.Mai 2026

Die Auswirkungen steigender Exportpreise auf den russischen Haushalt würden teilweise durch den Wechselkurs kompensiert, da ein positiver Handelsbilanzüberschuss den Rubel stärke, erklärte Vizepremier Alexander Nowak am 12. Mai in einem Interview mit der Zeitung Wedomosti. Auch wenn die Krise im Nahen Osten Voraussetzungen für höhere Öl- und Gasexporterlöse schaffe, sei es wichtig, weiterhin eine pragmatische und konservative Politik zu verfolgen, da dieser Effekt nicht von Dauer sei. Ebenso verwies Nowak auf den Arbeitskräftemangel und sagte: „Wir brauchen eine aktive Verlagerung von Arbeitskräften in Bereiche, die mehr zum BIP beitragen.“

Tickende Zeitbombe

Daraus ergibt sich die Frage, wie lange das Fangseil Hormus den Absturz verhindern kann. Geht es nach Collins, ist die geologische Erschöpfung in den russischen Ölfeldern eine tickende Zeitbombe. „Ölproduzenten bohren derzeit so intensiv wie seit Ende der 1980er-Jahre nicht mehr. Zudem ist der Anteil horizontaler Bohrungen, mit denen sich über ein einziges Bohrloch mehr ölhaltige Gesteinsschichten erschließen lassen, von etwa 15 Prozent im Jahr 2011 auf rund 70 Prozent heute gestiegen.“ Trotzdem sinke die Ölproduktion.

„Russland wandelt sich von einer Rohstoff-Supermacht zu einem Verwalter der Rohstofferschöpfung“, schlussfolgerte Collins. Im russischen Ölzentrum Chanty-Mansisk in Westsibirien, das etwa 40 Prozent der russischen Ölproduktion ausmacht, ist die Produktion seit 2009 stetig zurückgegangen. Allein von 2019 bis 2024 sank die Produktion in Chanty-Mansisk um mehr als 13 Prozent, während sie im übrigen Russland um 4 Prozent zurückging.

Russische Unternehmen konnten zwar in Ostsibirien und im Kaspischen Meer Explorationserfolge verzeichnen. Diese reichten jedoch nicht aus, um die rückläufigen Ölfelder in Westsibirien auszugleichen. Das hat Folgen für Russland selbst, aber auch im weltweiten Maßstab. Immerhin förderte Russland täglich rund 10 Millionen Barrel Öl, was 2024 einem Anteil von 11 Prozent am weltweiten Angebot entspricht.

Russland vor Errosion seines finanziellen Fundaments zur Macht

Kurzfristig rechnet Collins damit, dass der finanzielle Druck Russland gefährlicher macht, da sich das Zeitfenster verengt, in dem das Land seinen Rohstoffreichtum noch am einfachsten in militärische Macht umwandeln kann. Auf lange Sicht werde sich diese Einschränkung schmerzhaft bemerkbar machen.

Das leicht zugängliche Öl geht rasch zur Neige. Die verbleibenden Barrel sind schwieriger und teurer zu fördern. Und mit ihnen wird auch das finanzielle Fundament der russischen Macht erodieren. „Russland wird das Öl nicht gänzlich ausgehen. Doch es wird ihm an jenem billigen Öl mangeln, das in den vergangenen 18 Jahren die Grundlage für seine militärischen Abenteuer bildete“, so Collins.



Josephine Bollinger-Kanne
Über den RedakteurJosephine Bollinger-Kanne
Dr. Josephine Bollinger-Kanne ist Expertin für Energiewirtschaft, Energiepolitik und internationale Wirtschaftsbeziehungen. Sie ist als freie Journalistin tätig.
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1 Kommentar

  1. Öl fördern wird sicherlich teurer werden. Facking- Öl ist das beste Beispiel dafür.
    Auch in der Tiefsee und in der Arktis nach Öl bohren und Ölsande verwenden ist „teuer“.
    Und das nicht nur in Russland.
    Aber- Russland ist groß. Ein Verkehrsflugzeug benötigt zum überfliegen etwa 9 Stunden.
    Die Chinesen werden den Russen sicherlich behilflich sein, alle Rohstoffe insgesamt in Russland auszubeuten.
    Man schätzt „den Schatz“ an Rohstoffen auf 75 bis 100 Billionen Dollar.
    Die Europäer wollen ja nichts mehr aus Russland.

    Viele Grüße aus Andalusien
    Helmut

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