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Russland im Oktober: Wirtschaft im Frostmodus

In Russland geht es mit der Wirtschaft bergab. Der Ukraine-Krieg und die Folgen wirken sich zunehmend negativ aus. Eine Analyse.

Russland-Fahne
Grafik: MrDm-Freepik.com

Die Wirtschaft friert ein. Produktion stockt, Energie fehlt und Unternehmen kürzen Arbeit und Löhne. Der Oktober bringt Stillstand, Unsicherheit und den Beginn eines langen wirtschaftlichen Winters. Der Winter naht in Russland. Die Temperaturen fallen. Das Wetter trübt sich wie die Stimmung in der Wirtschaft. Der erste Frost kündigt den nahen Winter an, einen Winter, der kalt wird. Kalt nicht nur in den Straßen, sondern in den Herzen und in den Fabrikhallen. Russland geht der Treibstoff aus, nicht nur der, der Motoren und Generatoren antreibt, nicht nur der, der Häuser wärmt. Es fehlt der Treibstoff der Wirtschaft. Der Frost kriecht in die Bilanzen, in die Löhne, in die Köpfe. Schon jetzt setzt die Wirtschaft Tausende frei. Frei von Arbeit. Frei von Einkommen. Frei von Hoffnung.

Russland: Stillstand im Wirtschaftskreislauf

Im Oktober zeigt sich die russische Wirtschaft erstarrt wie das Land selbst. Eine Kälte der Zahlen hat sie erfasst, die Kälte eines Systems, das sich erschöpft hat. Der Krieg in der Ukraine wirft lange Schatten über Fabriken und Finanzzentren. Die Sanktionen nagen an den Rändern des Wohlstands, die Energiepreise fallen, und die alten Strukturen in Russland tragen nicht mehr. Es ist eine Stagnation, die nicht innehält, sondern langsam erstarrt.

Grafik zeigt Wirtschaftswachstum in Russland

Die aktuellsten Zahlen zum Wirtschaftswachstum zeigen Stillstand, angesichts des fast zweijährigen Abwärtstrends fast wie eine Atempause. Die Wirtschaft wuchs im August, wie auch schon im Juli, nominell um 0,4 Prozent. Da gleichzeitig die Inflation weiter zurückging und bei 8,1 Prozent lag, stieg das reale Wachstum leicht auf -7,7 Prozent. Im September verlangsamte sich die Inflation um weitere 0,1 Prozent.

Grafik zeigt Entwicklung der Inflation in Russland

Schwarzes Gold verliert Glanz

Das eigentliche Problem liegt im schwarzen Gold, das Russland am Leben hält. Russland nähert sich dem Status Venezuelas, ein Land reich an Ölvorkommen, aber unfähig, sie zu fördern und zu verarbeiten. Ukrainische Drohnenangriffe haben seit Jahresbeginn 16 bis 22 von insgesamt 38 großen Raffinerien getroffen. Das führte zu einem Ausfall von 13 bis 17 Prozent der gesamten Verarbeitungskapazität und drückte die Produktion von Benzin und Diesel um rund 10 bis 11 Prozent, während Reparaturen und Reserven den Schaden abmildern, aber regionale Engpässe und Exportbeschränkungen bis in den Herbst des nächsten Jahres verlängern.

Die Folgen trafen zu einem kritischen Zeitpunkt, als Sommer- auf Winterbenzin und -diesel umgestellt wurde. Die Versorgung stockte, die Preise stiegen drastisch. Russland musste im September nun etwa 600.000 Barrel Benzin, Diesel und Kerosin aus Belarus kaufen. Die Schäden an den Raffinerien hinterlassen deutliche Spuren in den Ölexporten. Nach Berechnungen des Centre for Research on Energy and Clean Air fielen die Einnahmen aus fossilen Brennstoffen im September um 4 Prozent auf 546,6 Millionen Euro pro Tag.

Öl-Reserven

Damit lösten sich die Einnahmen erstmals seit Monaten von der Entwicklung des Ölpreises, der im gleichen Zeitraum um etwa 2 Prozent günstiger wurde. Die Entkoppelung verstärkt sich durch die Entscheidung der OPEC+, die Produktion um 4 Prozent auszuweiten. Besonders stark sanken die Einnahmen aus Ölprodukten um 13 Prozent.

Der Rückgang verschärfte sich durch fallende Importe Chinas, dem größten Käufer russischer Energieträger. Im August erreichte das Rohölvolumen ein Sieben-Monats-Tief, Der Rückgang verschärfte sich durch fallende Importe Chinas, dem größten Käufer von Energie aus Russland. Im August erreichte das importierte Rohölvolumen ein Sieben-Monats-Tief, und fiel im September um weitere 0,36 Prozent. Insgesamt nahmen die Importe an russischen Kohlenwasserstoffen um weitere 0,77 Prozent bezogen auf den Wert ab.

Grafik zeigt Entwicklung der chinesischen Käufe von Öl aus Russland

Die jüngsten Zahlen des Finanzministeriums zeigen, dass die Einnahmen aus Öl und Gas im Haushalt weiter schrumpfen Von Januar bis September sanken sie um fast 21 Prozent auf 41,5 Milliarden Euro. Im Vorjahr lagen sie bei 52,5 Milliarden Euro. Der National Wealth Fund, der Defizite abfedert, schmilzt langsam. Seine liquiden Reserven reichen nur noch 12 bis 18 Monate, bevor der Kreml eingreifen muss.

Krise in Russland frisst sich durch alle Branchen

Die Krise breitet sich auf immer mehr Branchen aus. Die Einkaufsmanagerindizes für Industrie und Dienstleistungen fielen im September im vierten beziehungsweise dritten Monat in Folge und beschleunigten ihren Abwärtstrend. Der Manufacturing PMI für Russland sank auf 48,2 Punkte von 48,7. Neuaufträge, Produktion und Exporte sanken deutlich. Die Beschäftigung schrumpfte erstmals seit drei Monaten. Lieferzeiten verlängerten sich, die Kosten stiegen stark. Der Services PMI fiel auf 47,0 Punkte von 50,0. Das war das schnellste Tempo der Kontraktion seit Dezember 2022. Kunden blieben fern, Neuaufträge brachen ein, Inputpreise stiegen. Jobwachstum dämpfte die Folgen etwas. Der Composite PMI bei 46,6 Punkten zeigt die breite Nachfrageschwäche und den Kostendruck.

Besonders betroffen ist die Stahlindustrie, in der schwersten Krise seit dem Ende der Sowjetunion. Severstal, NLMK und Mechel melden massive Verluste, Mechel allein 445 Millionen Euro im ersten Halbjahr. Die Probleme ergeben sich aus dem Kollaps der russischen Automobilindustrie, die einen Absatzrückgang von 25 Prozent in diesem Jahr erlebt. Avtovaz, Kamaz und Gaz stellten auf Vier-Tage-Wochen um. Die Immobilienbranche in Russland stagniert, Neubauprojekte werden verschoben. Das russische Militär kauft nur 1 Million Tonnen Stahl pro Jahr, während die Nummer zwei der Produzenten 13 Millionen Tonnen liefert, eine verschwindend geringe Menge. Schulden werden mit Krediten finanziert, die wegen der hohen Zinsen Investitionen in die Zukunft verhindern. Billige Importe aus China verstärken die Krise. Diese stiegen in den ersten fünf Monaten um 16 Prozent nach 13 Prozent im Vorjahr. Die Regierung setzt ein Insolvenzmoratorium ein, um Zusammenbrüche zu vermeiden.

China hat zudem die Lieferung hochpräziser Maschinen eingeschränkt, was die Produktion von Raketen, Motoren und Präzisionswaffen bremst. Die Exporte fielen allein im August um 16,4 Prozent.

Unternehmen kürzen Arbeitszeit

Der Niedergang zeigt sich deutlich in der Beschäftigung. Immer mehr Unternehmen führen zunächst Vier-Tage-Wochen ein, um Entlassungen zu vermeiden. VSMPO-Avisma plant ab Dezember Teile der Belegschaft auf diese Arbeitszeitverkürzung umzustellen, ebenso der größte Zementproduzent Cemros. Selbst die russische Eisenbahn, Rückgrat der Versorgung und des Transports der Bevölkerung, verlangt unbezahlte Urlaubstage und zunächst Vier-Tage-Modelle für Büropersonal. Industrial Metallurgical setzt im Maschinenbau auf verkürzte Arbeitswochen.

In vielen Bereichen reichen verkürzte Wochen nicht aus, und Arbeitskräfte müssen tatsächlich freigesetzt werden. Die offiziell niedrige Arbeitslosenquote von 2,1 Prozent liegt in Wahrheit deutlich höher und wird in den kommenden Monaten weiter steigen.

Front frisst die Zukunft

Ohne den Krieg wäre der wirtschaftliche Niedergang möglicherweise weniger stark ausgefallen, auch wenn einer der Gründe für die Invasion in Putins Politik liegt, die nicht zu Erholung, sondern zu Abkühlung führte. Der Krieg verschlingt auch Arbeitskräfte. Interne Dokumente berichten von fast 282.000 verlorenen Soldaten in diesem Jahr, darunter 86.744 getötete, 158.529 verwundete und 33.966 vermisste. Laut Institute for the Study of War rekrutiert Russland 31.000 neue Soldaten pro Monat, verliert aber 35.000. Ukrainische Verluste liegen zwischen 100.000 und 150.000 Mann.

Ein Gesetz, das die Aktivierung von bis zu 2 Millionen aktiven Reservisten erlaubt, wirkt vor diesem Hintergrund so, als solle er gleichzeitig Verluste im Feldzug begrenzen und die Arbeitslosenzahlen stabil halten.

Wirtschaft bleibt gefangen im Winter

Die Aussichten für die nächsten Monate verspricht keine Erholung. Im Gegenteil. Russische Unternehmen nehmen traditionell zum Jahresende Wertberichtigungen vor und damit sind negative Meldungen vorprogrammiert. Niedrigere Rohstoffpreise treffen Öl-, Gas- und Kohleindustrie. Geringe Bautätigkeit belastet Immobilien- und Stahlbranche. Ein schwacher Ausblick drückt die Automobilindustrie. Staatliche Kürzungen bei Investitionen in die zivile Luftfahrt führen auch dort zu Abschreibungen.

Der Winter naht, und der Frühling wird Strom und Bäche nicht befreien. Der alte Winter zieht sich nicht zurück, sondern bleibt. Putin zeigt Entschlossenheit, seinen Krieg fortzuführen, egal wie hoch der Preis an Menschenleben in den zerstörten Städten ist. Und so hält der Winter Russland fest – im Eis aus Krieg, Stillstand und Angst.



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8 Kommentare

  1. Den Artikel da oben wird @Helmut, der Realitätsverweigerer, aber überhaupt nicht gerne lesen. Mal sehen mit welchem Gelaber er die Sache versucht wieder schönzureden.

  2. robert h. schwachkopf

    seit jahrzehnten hören wir nun diese schwadroniererei vom bankrott, ende, pleite, rückständigkeit und untergang china’s und russland’s.
    seit jahren warte ich morgens darauf, dass etwas davon in der zeitung steht. wann ist es nun endlich soweit?
    stattdessen strecken uns diese einfältigen und unfähigen idioten mit ihren seltenen erden, chips, lieferketten und feldspaten den gehörnten in der dualität mit dem finger der mitte (schönes wortspiel, nicht?) entgegen.
    andere, wie krall, friedrich, etc. belabern das hiesige ende auch schon seit jahren
    und das scheint immer schneller real zu werden.

    1. @Schwachkopf
      Schön, dass du deinen Namen wieder alle Ehre machst. Wo steht irgendwas in dem Artikel vom „Ende“, „Untergang“, „Pleite“? Nirgends. Da stehen sauber aufgeführt die Wirtschaftszahlen drinne. Mehr nicht. Oder passe es dir einfach nicht in dein Weltbild, dass die Sanktionen doch wirken?

      1. robert h. schwachkopf

        @pleitier
        gratulation, du hast es haarscharf erkannt, die sanktionen wirken.
        punktgenau, möchte ich noch ergänzen

  3. Ein bitterböser Artikel, der zu viel Unruhe und Empörung bei den blauen Schlümpfen und Putinverstehern im Forum führen dürfte.

    „Schon jetzt setzt die Wirtschaft Tausende frei. Frei von Arbeit. Frei von Einkommen. Frei von Hoffnung.“
    Warum das denn?
    Ganz im Südwesten, nahe am Schwarzen Meer, in den wiedergewonnenen Landen des Russischen Großreichs soll es eine schier unendliche Anzahl an gut bezahlten Jobs geben.
    Auch wenn es sich dabei leider meist um Kurzarbeit und befristete Arbeitsverhältnisse handelt 😩🤕💀

    Ein reales BIP von -7,7 % kann gar nicht sein. Russlandkenner und ökonomische Schwergewichte aus aller Welt belegen uns seit vielen Monaten (leider beleglos) ein 15mal größeres Wirtschaftswachstum als in Deutschland.
    Wurde hierbei vielleicht das negative Vorzeichen übersehen? 😂

    Dass der sog. „Wohlstandsfonds“ schmilzt wie Schnee in der Frühlingssonne, könnte vielleicht daran liegen, dass er für Kriege, Völkermord und Deportation von Kindern geplündert wird, statt damit Wohlstand zu finanzieren 😪

  4. Wichtig ist, daß das OPEC+-Mitgliedsland Russische Föderation weiterhin eine Rohstoffmacht bleibt, auch im Zusammenhang mit der OPEC+-Öl-Allianz mit dem Königreich Saudi-Arabien. Außenminister Sergej Lawrow und Außenminister Marco Rubio bereiten zur Zeit einen möglichen Gipfel zwischen Staatspräsident Dr. Wladimir Putin und dem 47. US-Präsidenten Donald John Trump in Sachen Russland-Ukraine-Konflikt vor. Auf daß sich auf diesem auf Zugeständnisse für Russland in Sachen Region Donezk, sowie auf Abstriche für Russland in Sachen Cherson und Saporoschje verständigt wird. Desweiteren müssen die ukrainischen Angriffe auf die russische Ölindustrie beendet werden. Zudem bedarf es wieder eines Zusammenspiels zwischen Rosneft und ExxonMobil.

    1. Nun sanktioniert der 47. US-Präsident Donald John Trump Rosneft und beabsichtigt gleichzeitig sich mit Staatspräsident Dr. Wladimir Putin in Sachen Russland-Ukraine-Konflikt treffen zu wollen. In diesem Zusammenhang hofft Präsident Trump, daß die genannten Sanktionen Staatspräsident Dr. Putin in Sachen Russland-Ukraine-Konflikt zum Einlenken bewegen. Warum sollte Wladimir Putin darauf eingehen wollen? Konstruktiv/zielführend wäre es hierbei, wenn sich Sir Donald zunächst mit Putin trifft, und je nach Resultate des Treffens Sanktionen erwägt.

  5. Heute erklärte der frostige Zwergen-Ork Wladimir russischen Nachrichtenagenturen gegenüber äußerst warmherzig:
    „Dialog ist stets besser als Konfrontation, Streit und erst recht besser als Krieg.“

    Diese maximale Heuchelei bedarf keiner weiteren Worte, während russische Bomben tagtäglich auf die ukrainische Zivilbevölkerung prasseln und Klein-Wladi im Eigendialog nach wie vor kein Jota von seinen imperialistischen Maximalforderungen abgewichen ist.

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