Anleihen

Warum Russland womöglich vor einer Staatspleite steht, die gar keine ist

Russland steht womöglich kurz vor einer "Staatspleite". Aber nicht, weil das Land nicht zahlen kann, sondern weil es daran gehindert wird.

Moskau City als Symbol für das moderne Russland

„Russland steht nun vor einem historischen Zahlungsausfall“, so titelt aktuell der amerikanische Wirtschaftssender CNBC. Die „technische Staatspleite“ Russlands steht womöglich kurz bevor. Wenn ein Land seine Schulden oder die Zinsen für die Schulden nicht fristgerecht bezahlen kann, dann sehen dies die Anleihemärkte als Staatspleite an. Aber trifft dieser Fall auch wirklich auf Russland zu?

Russland steht womöglich kurz vor einer Staatspleite, die aber gar keine ist

Was aber, wenn ein Land wie Russland – wo man nun wirklich jede Menge Geldreserven hat – seine Schulden bezahlen will, aber es nicht kann, weil dem Land die Möglichkeit der Überweisung an die Gläubiger verweigert wird? So etwas dann als Staatspleite einzuordnen, wäre wirklich albern. Aber es ist nun mal, wie es ist? US-Gläubiger dürfen wohl ab dem heutigen Mittwoch keine Zahlungen mehr von der russischen Zentralbank annehmen. Bis jetzt funktionierte dies noch dank einer Ausnahmegenehmigung des US-Finanzministeriums – die läuft aber genau heute aus, und wird nicht verlängert.

Man darf wohl davon ausgehen, dass Russland wie in den letzten Wochen auch seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen will. Aber wenn das US-Finanzministerium zumindest den Geldfluss zu den Gläubigern in den USA blockiert – würden dann zum Beispiel die US-Ratingagenturen dies wirklich als Staatspleite einstufen? Das ist durchaus möglich. Es ist kein Geld geflossen, der Schuldner hat nicht bezahlt – technische Staatspleite. Dass man dem Schuldner die Überweisung schlicht nicht erlaubt hat, spielt dann keine Rolle?

Dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ein Verbrechen schlimmster Sorte ist, darüber braucht man sich nicht zu streiten. Auch dass Russland sanktioniert wird mit möglichst zahlreichen Maßnahmen, ist eine richtige Entscheidung. Aber falls man in Kürze von einer „technischen Staatspleite“ Russlands lesen sollte, wäre dies aufgrund der Umstände nicht korrekt. Denn so eine Einstufung ist nunmal für Schuldner gedacht, die nicht zahlen können. Würden zum Beispiel Ratingagenturen den technischen Zahlungsausfall – also eine Staatspleite – für Russland erklären, dann würde Moskau wohl zurecht protestieren, mit dem Hinweis, dass man zahlen wollte, aber daran gehindert wurde. Im Falle eines Zahlungsausfalls hätte Russland noch eine 30-tägige Nachfrist, bevor das Land wahrscheinlich für zahlungsunfähig erklärt wird.

Rendite für russische Anleihen zeigt keine Angst

Dass der Anleihemarkt offenbar derzeit keine Angst vor einer wirklichen Staatspleite hat, erkennt man an den Anleiherenditen für Russland. Blicken wir hier im TradingView Chart auf die Rendite für die zehnjährige Laufzeit. Im Chart sieht man den Renditeverlauf seit dem 10. Februar. Kurz nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs stieg die Rendite zügig von 10,8 Prozent auf 19,8 Prozent – eben weil zu dem Zeitpunkt kurzzeitig Befürchtungen über Zahlungsprobleme aufkamen. Aber seitdem is die Rendite immer weiter gesunken. Mit aktuell 9,68 Prozent ist die Rendite – also auch die Risikoprämie – für russische Staatsanleihen niedriger als kurz vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Von Angst ist aktuell nichts zu sehen.

Verlauf der Rendite für Russland-Anleihen zeigt keine Angst vor einer Staatspleite



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