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Russland: Wie geht es dem Land ökonomisch?

FMW-Redaktion

Man hört in diesen Tagen viel über Putin und die russische Außenpolitik – aber so gut wie nichts darüber, wie derzeit die Lage der russischen Wirtschaft ist. Heute sind zwei Konjunkturdaten veröffentlicht worden, die ein Schlaglicht werfen auf den ökonomischen Zustand des Landes. So ist die Inflation von 15,7% auf nun 15,6% gefallen – aber liegt damit immer noch deutlich über dem Zielwert dr russischen Notenbank.

Und dann der von der Firma Markit ermittelte Einkaufsmanagerindex Dienstleistung. Im Vormonat September war der Index mit 51,3 überraschenderweise nach langer Schwäche wieder über die 50er-Marke gestiegen, die die Grenze zwischen Wachstum und Kontraktion markiert. Doch dieses kurze Aufblühen ist nun offenkundig wieder vorbei: der Index fiel im Oktober auf 47,8 – also Schrumpfung. Alle Unterkategorien sind dabei sehr schwach, vor allem die Kategorie Beschäftigung, die nun schon den 20.Monat in Folge rückläufig ist. Im Oktober war der Abbau von Jobs so hoch wie seit dem Februar diesen Jahres nicht mehr, eine Trendwende ist derzeit nicht absehbar.

Das Problem der gesamten russischen Wirtschaft liegt darin, dass russische Firmen sich nicht mehr im Ausland refinanzieren können, seit die Sanktionen des Westens in Kraft sind. Im Inland aber sind Kredite, wenn sie denn überhaupt vergeben werden, immens teuer. Ausschlaggebend dafür ist neben dem zweistelligen Leitzins (11%) vor allem die Inflation, die derzeit bei 15,6% liegt. Im Vorjahr hatte die Inflation noch bei knapp über der Hälfte gelegen – also ein drastischer Anstieg in vergleichsweise kurzer Zeit. Da kreditgebende Banken die Inflation einberechnen müssen und auch das Ausfallrisiko eines Kredites bepreisen, sind Kredite in Russland nicht unter einem Zinssatz von 20% zu haben. Und das können sich die meisten Firmen in Russland schlicht nicht leisten. Genau das reflektiert auch die Einschätzung des Markit-Ökonomen Paul Smith:

„The environment is clearly challenging for service providers at the moment, especially given panel members‘ quoted issues of difficult access to capital and credit lines. This is impacting confidence and investment, as highlighted by a drop in expectations to an eight-month low in October.“

Das bedeutet: die Erwartung an die Zukunft ist so gering wie seit acht Monaten nicht mehr, die Stimmung ist pessimistisch. Noch zu Wochenbeginn hatte der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitdende Gewerbe überraschenderweise über die 50er-Marke zugelegt, auch die Verbaucherstimmung war noch im Vormonat besser. Aber das scheint ein kurzes Aufblühen gewesen zu sein – vielleicht auch bedingt durch die Zufriedenheit der Russen über Putin und seine Politik in Syrien, die das Land wieder zu einem bedeutenden Player in der Nahost-Politik gemacht hat. Aber das Eingreifen Russlands in Syrien könnte ein kostspieliges Abenteuer werden – vermutlich ist der (wahrscheinliche) Anschlag auf das russische Verkehrsflugzeug und dessen Absturz im Sinai der erste Kollateralschaden, der Russland immer tiefer in diesen Konflikt ziehen wird.

Der einzige Wirtschaftsbereich, der derzeit einigermaßen gut dasteht ist die Öl- und Gasindustrie des Landes. Zwar leidet die Branche unter dem Fall der Öl- und Gaspreise, aber die Steuerlast ist für die betroffenen Firmen gesunken, weil ihre Steuerbelastung vom Preis des verkauften Öls abhängt. Da der Rubel stark abgwertet hat, verdienen die Firmen dann beim Export ihrer Produkte ins Ausland faktisch mehr Rubel – daher überlegt Russlands Regierung nun, für die Branche die Steuern zu erhöhen. Und die Regierung wiederum ist selbst abhängig von den Einnahmen aus Öl und Gas – sie machen knapp die Hälfte der Gesamteinnahmen des Staates aus.



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