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Viel Glanz, aber auch Probleme Saudi-Arabien mit glänzender Konjunktur – Blick auf Ideen und Ziele

Saudi-Arabien glänzt mit einer guten Konjunktur, dank Öl. Blicken wir auf Ideen und Ziele des Kronprinzen, und auch auf Schwierigkeiten, zum Beispiel im Vergleich zu Dubai.

In Saudi-Arabien läuft alles bestens, die Aussichten für die Zukunft sind glänzend, und gewisse Probleme werden ignoriert. Kann man es so verkürzt und vereinfacht ausdrücken? Die Khashoggi-Affäre scheint komplett vergessen? Der Krieg im Jemen? In Zeiten von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine kann es sich der Westen jetzt offensichtlich nicht leisten auch noch auf andere negative Aspekte zu blicken. Deswegen ist Kronprinz Mohammed Bin Salman wieder „Best Friend“? Russland ist der Feind, und von dort will man keine Brennstoffe oder andere wichtige Rohstoffe kaufen. Da müssen jetzt alle anderen Probleme ignoriert werden, und Saudi-Arabien ist plötzlich wieder der gute verlässliche Freund? So sieht es offenbar aus.

Russlands Krieg gegen die Ukraine – Saudi-Arabien essenziell wichtiger Rohstoff-Lieferant

Die Welt giert nach Kohle, Gas und Öl. Und da ist der de facto-Anführer der OPEC Saudi-Arabien der Ansprechpartner Nummer 1. Die OPEC+ beschloss gerade erst am 5. Oktober, dass man die Öl-Fördermenge im November um 2,0 Millionen Barrels absenken will. Damit drückt man den Ölpreis tendenziell nach oben, und im Weißen Haus haben sich die Golfstaaten damit keine neuen Freunde gemacht. Die Verstimmung in den USA ist groß. Das ändert aber nichts daran, dass Saudi-Arabien und alle anderen Rohstofflieferanten außerhalb Russlands für Europa und die USA deutlich wichtiger sind als noch zum Jahresanfang! Man brauch jetzt jeden Lieferanten den man nur kriegen kann, um von Russland loszukommen.

Schauen wir auf den folgenden Chart. Man sieht seit 2017 den Brent-Ölpreis als blaue Linie. Vorher auf Niveaus um 70 Dollar, stürzte der Ölpreis wegen der eingebrochenen Öl-Nachfrage in der Coronakrise ins Bodenlose, sogar ins Minus! Das war eine Katastrophe für Länder wie Saudi-Arabien, die vom Verkauf von Öl leben. Aber man sieht: Inzwischen sind die Preise wieder gestiegen, und notieren auf höheren Niveaus als vor der Coronakrise – und man verdient wieder prächtig. Als orange Linie im Chart kann man sehen, wie der saudische Öl-Export mit dem Ölpreis wieder angestiegen ist.

Verlauf im Brent-Ölpreis seit 2017 im Vergleich zu den saudischen Ölexporten

Treffen in Riad

Der Pessimismus über den Zustand der Welt stand im Vordergrund, als sich die führenden Vertreter der globalen Finanzwelt diese Woche in Saudi-Arabien trafen, wobei das Gastgeberland eine auffällige Ausnahme von der allgemeinen Tristesse bildete. Bloomberg berichtet über dieses Treffen ausführlich. Das Königreich genießt die Gunst der Stunde. Ölgelder sprudeln und sorgen für die schnellste Wachstumsrate in der Gruppe der 20 größten Volkswirtschaften, und in den Fluren des Ritz-Carlton Hotels in der saudischen Hauptstadt Riad, wo die Future Investment Initiative heute zu Ende geht, ist das Gefühl zu spüren, dass Saudi-Arabien im Aufwind ist.

Die dreitägige Veranstaltung soll den wirtschaftlichen Wandel in Saudi-Arabien verdeutlichen, und Kronprinz Mohammed Bin Salman verfügt nun über mehr Geld als je zuvor, um dies zu ermöglichen. Für den 37-jährigen Thronfolger, der nach der Ermordung des saudischen Kritikers und Kolumnisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018 aus der relativen Isolation herausgetreten ist, ist dies eine deutliche Kehrtwende. Der Prinz hat seine Macht stetig gefestigt und dabei die saudische Gesellschaft zerrüttet, indem er die einst mächtige Religionspolizei entmachtete und 2017 eine Säuberung und Massenverhaftungen einiger der mächtigsten Personen des Landes anordnete.

Jetzt sitzt Prinz Mohammed auf seinem ersten Haushaltsüberschuss, der es ihm ermöglicht, inländische Megaprojekte zu finanzieren, den 620 Milliarden Dollar schweren öffentlichen Investitionsfonds in Vermögenswerte auf der ganzen Welt zu investieren und politischen Einfluss in der Region und darüber hinaus auszuüben. Anfang dieses Jahres hat er den Titel des Premierministers von seinem Vater, dem König, übernommen und ist damit offiziell zum Regierungschef geworden.

Wir sind angekommen

Hinter dem neuen saudischen Selbstbewusstsein verbirgt sich ein großer Haken. Saudi-Arabien hat zwar von den hohen Rohölpreisen profitiert, muss die Welt aber immer noch davon überzeugen, dass es eine Wirtschaft jenseits des Öls hat, in die es sich zu investieren lohnt. Die meisten derjenigen, die zur Konferenz nach Riad gekommen sind, wollen Kontakte knüpfen und Geld aus Saudi-Arabien herausholen, nicht hineinpumpen. Aber für den Moment, da die Diskussionsteilnehmer der Veranstaltung – darunter einige der Top-Banker der Wall Street – ein düsteres Bild der globalen Aussichten zeichnen, scheint Saudi-Arabien ein Lichtblick zu sein.

Ökonomische Daten für Saudi-Arabien

Ein Großteil der Gespräche drehte sich darum, wie Russlands Einmarsch in der Ukraine die Energiepreise in die Höhe schießen ließ und die grüne Wende zum Scheitern brachte. Chinas Wirtschaft verlangsamt sich, seine Märkte haben abverkauft, und die Zentralbanken treiben die Welt in Richtung Rezession, um eine Inflationskrise abzuwehren.

„Wenn Sie den perfekten Sturm definieren wollen“, sagte John Studzinski, stellvertretender Vorsitzender des kalifornischen Pensionsgiganten Pimco, „dann sind wir jetzt da“.

Unterdessen wuchs die Wirtschaftsleistung in Saudi-Arabien im zweiten Quartal um 12,2 %, und damit so schnell wie seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr. Die Wirtschaft außerhalb des Ölsektors – der Motor für die Schaffung von Arbeitsplätzen – wuchs um 8,2 %. Und die Arbeitslosigkeit ging in diesem Zeitraum auf 9,7 % zurück, während sie bei den saudischen Frauen auf 19,3 % sank. Diese Zahlen mögen im internationalen Vergleich hoch erscheinen, aber für das Königreich sind sie die niedrigsten in der Geschichte, wobei die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen eine Säule des wirtschaftlichen Transformationsprogramms ist.

Sie sind unten, wir sind oben

„Viele Märkte auf der Welt sind heute im Minus. In Saudi-Arabien geht es aufwärts“, sagte Finanzminister Mohammed al-Jadaan. „Wir planen seit Jahren ein wirklich dynamisches Programm, und wir sehen die Ergebnisse“. Die guten Zeiten beruhen immer noch auf den Öleinnahmen, die das Königreich benötigt, um seinen Übergang zu einer völlig anderen Art von Wirtschaft zu finanzieren.

Saudi-Arabien hätte sich zurücklehnen und den Sprung im Lebensstandard genießen können, den hohe Rohölpreise mit sich bringen, „aber stattdessen haben sie sich entschieden, eine dringende wirtschaftliche Reformagenda umzusetzen“, so Zainab Kufaishi, Leiterin des Bereichs Naher Osten und Afrika bei Invesco Asset Management in Dubai.

Diese Argumentation erklärt, warum Saudi-Arabien beschlossen hat, den Zorn der Amerikaner zu riskieren – und eine Beziehung, die seit dem Mord an Khashoggi, dessen Anordnung Prinz Mohammed bestritten hat, unter Druck steht, weiter zu belasten -, indem es den Ölpreis auf einem historisch teuren Niveau um 90 Dollar pro Barrel hält. Die Regierung Biden war wütend, dass dies zu einer Zeit geschah, in der hohe US-Benzinpreise eine politische Belastung darstellen.

Prinz Abdulaziz bin Salman, der saudische Ölminister, wirkte verärgert, als er die Reaktion der USA und ihr Unvermögen, zu akzeptieren, dass das Königreich seine eigenen Interessen vertritt, erörterte. Er verwies auf frühere Fälle, in denen Saudi-Arabien seine überschüssigen Ölproduktionskapazitäten im Interesse anderer einsetzte, wies aber darauf hin, dass sich die Zeiten geändert hätten. „Wir haben uns selbst versprochen, uns auf unsere Zukunft zu konzentrieren“, sagte er.

Saudi-Arabien mit Vision 2030

Diese Zukunft ist in der „Vision 2030“ skizziert, dem Plan von Prinz Mohammed Bin Salman, die Abhängigkeit Saudi-Arabiens vom Öl durch Diversifizierung und Öffnung der Wirtschaft zu verringern. Die ausländischen Direktinvestitionen haben seit der Ankündigung des Plans stetig zugenommen. Sie fließen nach wie vor überwiegend in fossile Brennstoffe. Im vergangenen Jahr beliefen sich die ausländischen Direktinvestitionen auf 19,3 Milliarden US-Dollar, so viel wie seit 2010 nicht mehr – der Großteil davon stammte jedoch von der staatlichen Ölgesellschaft Saudi Aramco, die einen Teil ihrer Pipeline-Einheit verkaufte.

Das bedeutet, dass die ehrgeizigsten Träume des Kronprinzen – auf die er die Zukunft des Landes setzt – wahrscheinlich durch Ölgelder selbst finanziert werden müssen. Für Neom, die futuristische Stadt, die er für schätzungsweise eine halbe Billion Dollar in der Wüste errichten will, hat der Staat bereits große Aufträge vergeben, aber nur wenig internationales Geld zur Verfügung gestellt, um sie zu verwirklichen.

Das größte Geschäft auf der diesjährigen Konferenz war ein Beispiel für abfließende saudische Großzügigkeit, nicht für eingehende Mittel. Die Regierung kündigte an, sie werde Unternehmen gründen, die 24 Milliarden Dollar in Bahrain, Oman, Jordanien, Irak und Sudan investieren. Prinz Mohammed bin Salman, der am Mittwoch noch nicht persönlich an der Konferenz teilgenommen hatte, kündigte den Plan in einem eleganten Video an. „Ich glaube, dass der Nahe Osten das neue Europa ist“, sagte er. Es war nicht klar, was er damit meinte.

Lösungen für alles?

Abgesehen von den palastartigen internationalen Hotels und einer Handvoll protziger Restaurants, die in Villen oder im Freien in Einkaufszentren versteckt sind, werden Besucher in Riad wenig sehen, was sie an Europa erinnert. Zwar ist das Königreich unter Prinz Mohammed kulturell viel offener und weniger geschlechtergetrennt geworden, doch sind Alkohol und Homosexualität in Saudi-Arabien nach wie vor verboten, die Unterhaltungsindustrie steckt in den Kinderschuhen, und ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens findet nach wie vor im privaten Rahmen statt, innerhalb der ummauerten Anlagen.

Das mag ein Grund dafür sein, dass Riad sich schwer tut ausländische Talente anzuziehen und neue Industrien aufzubauen, wie sein regionaler Rivale Dubai, wo fast 90 % der Bevölkerung Ausländer sind und einen weitgehend westlichen Lebensstil pflegen. Damit befindet sich Saudi-Arabien in einem Wettlauf mit der Zeit – und mit seinen eigenen Grenzen – um die hochgesteckten Ziele der Zukunftsinvestitionsinitiative zu verwirklichen.

Karen Young, eine leitende Wissenschaftlerin am Center on Global Energy Policy der Columbia University, ist der Ansicht, dass sich die Investitionsmöglichkeiten in den verschiedensten saudischen Branchen verbessern. Sie nennt Beispiele aus der verarbeitenden Industrie, der Pharmaindustrie, dem Gastgewerbe und der Unterhaltungsbranche. Dennoch, so Young, „besteht ein Missverhältnis zwischen den wirtschaftlichen Argumenten für ausländische Direktinvestitionen in Saudi-Arabien und den Bemühungen, die Megaprojekte als Lösungen für alle Probleme darzustellen“.

FMW/Bloomberg/Erster Chart von TradingView

Mohammed Bin Salman Kronprinz Mohammad Bin Salman. Foto: Kremlin.ru CC BY 4.0



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1 Kommentar

  1. Das Königreich Saudi-Arabien und die Volksrepublik China vereinbarten aktuell eine verstärkte Zusammenarbeit im Energiebereich, um die Stabilität der Ölmärkte aufrechtzuerhalten. Und das ist auch gut so.

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