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Schweizer Franken erlebt Fluchthafen-Ansturm – trotz Interventionsrisiko

Der Schweizer Franken wertet massiv auf gegenüber Euro und Dollar. Die Zentralbank könne intervenieren. Aber das ist keinesfalls sicher.

Schweizer Franken
Foto: Johan111-Freepik.com

Der Schweizer Franken erlebt schon seit Jahren mächtig Auftrieb. In diesem bis ins Jahr 2016 zurückreichenden Chart sehen wir in blau Franken gegen US-Dollar, und in rot Franken gegen den Euro. Ab 2022 und vor allem ab Frühjahr 2025 gab es nochmal kräftige Anstiege der Schweizer Währung. Und auch in den letzten Tagen verstärkt sich die Aufwertung.

Euro gegen Schweizer Franken (aktuell 0,9132) hat in den letzten vier Wochen nochmal 2,09 % eingebüßt. Der US-Dollar (aktuell 0,7674) verlor gegen die Schweizer Währung sogar 4,31 % – und das wie gesagt binnen vier Wochen! Man darf annehmen: Der Debasement Trade, bei dem Anleger seit Wochen aus US-Anlagen „flüchten“ und in andere Währungen oder Assets wechseln, hatte nicht nur Gold und Silber angetrieben, sondern auch den Schweizer Franken! Donald Trumps großes Chaos an vielen Fronten (Fed-Attacken, Grönland, Iran, Venezuela uvm) sägt an der Verlässlichkeit des US-Kapitalmarkts in den Augen vieler Anleger.

Langfristiger Anstieg des Schweizer Franken gegen Euro und US-Dollar

Schweizer Franken verzeichnet „außergewöhnliche“ Nachfrage

Auch das Risiko, dass die Schweizerische Nationalbank der massiven Aufwertung des Schweizer Franken durch Interventionen ein Ende bereitet, hält den Ansturm auf den „Sicheren Fluchthafen“ aktuell noch nicht auf. Bloomberg News berichtet aktuell über die Rolle der Schweizer Währung als bevorzugter Zufluchtsort für Investoren, die von der geringen Verschuldung, der stabilen Wirtschaft und der berechenbaren Politik des Landes angezogen werden.

Die Nachfrage nach dem Schweizer Franken gegenüber dem Euro hat laut den Strategen Chris Turner und Francesco Pesole von der ING Bank NV ein „außergewöhnliches” Niveau erreicht, da globale Investoren weiterhin defensive Positionen aufbauen und sich gegen die Schwäche des Dollar absichern. Die US-Währung hat seit Anfang 2025, als Präsident Donald Trump ins Weiße Haus zurückkehrte und regelmäßig politische Schocks auslöste, darunter einen Handelskrieg und den Vorstoß zur Übernahme Grönlands, rund 10 % an Wert verloren.

SNB könnte intervenieren

Ein Risiko für Investoren besteht darin, dass die Schweizerische Nationalbank, die seit langem in die Devisenmärkte eingreift, Maßnahmen ergreift, um den Schweizer Franken zu schwächen und den Deflationsdruck einzudämmen. Bislang scheinen die Anleger nicht übermäßig besorgt zu sein, da die Optionsmärkte zeigen, dass die Händler mit einer weiteren Stärkung rechnen. Stimmungsindikatoren wie die Volatilitätsskew zeigen, dass die bullische Positionierung des Frankens gegenüber dem Euro und dem Dollar seit April am oberen Ende ihrer Spanne liegt, was ein Zeichen dafür ist, dass die Händler weiterhin für Schutz vor weiteren Gewinnen der Schweizer Währung bezahlen.

Eine weitere Option für die Zentralbank wäre, die derzeit bei null liegenden Zinsen in den negativen Bereich zu senken. Allein die Aussicht auf Zinsen unter null kann die Erwartungen für die nahe Zukunft schnell neu bewerten, auch wenn sie nie eintreten sollten. Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Martin Schlegel, sagte Anfang dieses Monats, dass die Einführung negativer Zinsen mit ernsthaften Hürden verbunden sei, die Zentralbank jedoch bereit sei, dies bei Bedarf zu tun.

Die am Freitag erwarteten Inflationsdaten könnten den Appetit der Händler dämpfen. Ökonomen gehen davon aus, dass die Verbraucherpreise in der Schweiz im Januar gegenüber dem Vorjahr nur um 0,1 % gestiegen sind, was darauf hindeutet, dass ein Wert von null oder sogar unter null nicht mehr weit entfernt sein könnte. Das könnte die Diskussionen über die Notwendigkeit von Negativzinsen wieder anfachen.

Dennoch sagen Banken, die für weitere Frankengewinne plädieren, dass der Markt die Bereitschaft der Zentralbank, den Anstieg auf dem aktuellen Niveau zu bekämpfen, möglicherweise überschätzt. Die Schweiz hatte zwischen 2015 und 2022 Negativzinsen, und diese Politik war bei Sparern und Kreditgebern unbeliebt.

Analystenaussagen

Die ING sagte, der Handlungsspielraum der Zentralbank scheine begrenzt zu sein, da die „Möglichkeiten, die Zinsen in den negativen Bereich zu senken oder zu intervenieren und Devisen zu kaufen” als begrenzt angesehen werden. Die Strategen von Morgan Stanley unter der Leitung von Andrew Watrous empfehlen den Verkauf des Euro gegenüber dem Schweizer Franken, da die Anleger die Wahrscheinlichkeit einer Intervention auf dem aktuellen Niveau „überschätzen”.

Die Schweiz steht seit Juni letzten Jahres auf einer US-Beobachtungsliste für potenzielle Währungsmanipulationen, und eine Intervention würde das Risiko einer Rüge aus Washington mit sich bringen. Im September gaben die beiden Länder eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie sich verpflichteten, keine Währungsmanipulationen vorzunehmen, wobei die Schweizer Zentralbank versprach, ihre Geldpolitik weiterhin auf Preisstabilität auszurichten.

Was Bloomberg-Strategen sagen: „Die SNB ist nicht bereit, die Zinsen ohne triftigen Grund in den negativen Bereich zu senken, und ein starker Franken hat tendenziell eine straffende Wirkung und dämpft die Inflation in der Binnenwirtschaft. Wenn Zinssenkungen nicht in Frage kommen, hat die SNB möglicherweise keine andere Wahl, als zu intervenieren.”
— Ven Ram, Makrostratege.

Mit Blick auf die Zukunft könnte der Schweizer Franken vor weiteren großen Bewegungen stehen. Fluss- und Optionsdaten deuten darauf hin, dass Händler sich auf 0,9150 im Euro-Schweizer-Franken positioniert hatten, ein Niveau, das bereits erreicht wurde. Wenn diese Linie nachgibt, könnte dies den Weg für weitere Maßnahmen ebnen. Sogenannte Butterflies, die die Nachfrage nach Optionen mit breiteren Auszahlungsbereichen darstellen, werden auf dem höchsten Stand seit Juni gehandelt.

FMW/Bloomberg



Claudio Kummerfeld
Über den RedakteurClaudio Kummerfeld
Claudio Kummerfeld verfügt über langjährige Kapitalmarkterfahrung. Er berichtet als Finanzjournalist über aktuelle Marktereignisse. Dazu kommentiert er politische und wirtschaftliche Themen.
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2 Kommentare

  1. nicht der Franken ist stark sondern Dollar und Euro sind schwach. Kaufkraft, Schweiz 0 h 0.-1% Inflation. Euro Raum und Dollar massiv höher.

  2. Ein sehr interessanter Artikel, der die aktuelle Franken-Stärke präzise einordnet. Wer über die Interventionsrisiken hinaus einen Blick auf die strukturellen Hintergründe der SNB-Bilanz und die spezifische Rolle des Goldes werfen möchte, findet in diesem Artikel eine hilfreiche Ergänzung zur systemischen Situation der Schweiz.

    https://finanzmarktwelt.de/gold-alle-notenbanken-kaufen-ausser-die-schweizer-snb-warum-377612/

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