Folgen Sie uns

Hintergrund

„Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand“

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Das Buch von Harald Welzer mit dem Titel „Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ halten wir für eines der wichtigsten Werke der letzten Jahre. Welzer zeigt darin, dass unser Glaube an ewiges Wachstum vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen nicht funktioniert und funktionieren kann. Wir verkonsumieren bereits im Hier und Jetzt unsere Zukunft:

„Die Kultur des ALLES IMMMER verbraucht die Zukunft derjenigen, die das Pech hatten, später geboren zu sein als Sie“.

Und weiter: Im Konsumismus „werden Arme auch nicht als Feinde betrachtet, sondern als Konsumenten in spe. Der Konsumismus kennt keine Feinde, weil sein Erfolg davon abhängt, dass alle mitmachen. Er ist unpolitisch und bietet daher auch kein identifizierbares Ziel. (..) Der universale Konsumismus ist dagegen wertneutral, objektiv, robust. Ihn anzugreifen kommt einem Angriff auf uns selbst gleich. Daher werden die letzten weißen Flecken auf der Weltkarte des totalitären Konsumismus bald verschwinden“.

In diesem Buch geht es darum, unseren Tunnelblick zu thera-
pieren. Sein Titel »Selbst denken« ist natürlich ein Verweis auf
das kantische Programm des »Ausgangs des Menschen aus sei-
ner selbstverschuldeten Unmündigkeit«; dafür muss er denken,
der Mensch, selbst denken. In einer Zeit, in der die gesellschaft-
liche Entwicklungsrichtung dem zuwiderläuft, was zukunfts-
fähig wäre, reicht Denken allein aber nicht aus: Es muss auch
etwas getan werden, um die Richtung zu ändern. Nach mehr als
zwei Jahrhunderten Aufklärung, Emanzipation und Freiheit
steht Selbstaufklärung heute unter anderen Voraussetzungen
als bei Kant: Sie muss sich gegen materielle, institutionelle und mentale Infrastrukturen behaupten,
die sich der Erfolgsgeschichte einer Kultur verdanken, die jetzt in eine gefährliche Geschichte des Scheiterns umzuschlagen droht, weil dem System die Voraussetzungen abhandenkommen, auf die es gebaut ist.
Und die Selbstaufklärung muss sich gegen eine mediale Be-
nutzeroberfläche durchsetzen, die so dicht gewoben ist wie nie
zuvor – was bedeutet, dass es noch nie so leicht war, sich mit
Wissen zu versorgen wie heute, und noch nie so schwer, sich
in der scheinbaren Unterschiedslosigkeit unendlich verfügbarer
Informationen zurechtzufinden. Aufklärung bedeutet heute:
Gewinnung von Unterscheidungsvermögen. Und vor allem:
Selbstaufklärung muss sich gegen die allgegenwärtigen konsu-
mistischen Verführungen durchsetzen, indem sie darauf be-
harrt, dass es nicht schon automatisch Sinn macht, alles haben
zu wollen, nur weil man alles haben kann.

Konsumismus ist heute totalitär geworden und treibt die Selbstentmündigung
dadurch voran, dass er die Verbraucher, also Sie, zu ihren eigent-
lichen Produkten macht, indem er Sie mit immer neuen Wün-
schen ausstattet, Wünsche, von denen Sie vor kurzem nicht einmal ahnten, dass Sie sie jemals hegen würden.

Das Buch erzählt, wie man Exits aus dem Tunnel finden
kann, Notausgänge, aber eben auch schmale Ritzen, Löcher und
Durchblicke, die sich zu Ausgängen erweitern und ausbauen
lassen: vom Suchen also nach den Stellen, an denen man die
feste Wirklichkeit perforieren kann, die uns in der vermeint-
lichen Massivität ihres So-Seins im Griff zu haben scheint. Wo-
bei das nicht richtig formuliert ist: Die Signatur unserer Ge-
genwart ist vielmehr, dass wir uns freiwillig in den Griff dieses
hochmodernen Gehäuses der Hörigkeit begeben – niemand
zwingt einen dazu, obwohl alles danach aussieht, als ob jede
Menge Zwänge am Werk sind: der Wettbewerb, der Zeitdruck,
der Markt, das Wachstum und noch ziemlich viel mehr.

Aber es herrscht kein Krieg in Deutschland, keine Gewalt-
herrschaft. Es gibt kein Erdbeben, keine Überschwemmung.
Kein Hurrikan bedroht unsere Existenz, und trotzdem behaup-
ten die meisten Leute, sie hätten keine Wahl. Das ist eine ziemlich arrogante Mitteilung,
wenn man das Privileg hat, in einer freien und reichen Gesellschaft zu leben, aber das fällt nicht
weiter auf, wenn alle so etwas sagen. Es ist übrigens auch eine
arrogante Behauptung gegen sich selbst: Man erklärt sich selbst
für so doof und inkompetent, dass man trotz einer guten Aus-
bildung, eines im Weltmaßstab exorbitanten Einkommens und
Lebensstandards, trotz jeder Menge Freizeit, Mobilität und Wahl
zu allem und jedem, »nichts machen« kann gegen die weitere
Zerstörung der Welt. Und man weist empört jede Aufforderung
zurück, man solle doch Verantwortung übernehmen dafür, dass
die Welt besser und nicht permanent schlechter wird.
Augenblick: Denken Sie nach, was Sie gedacht haben, wenn
Sie jetzt gerade »Gutmensch« gedacht haben. Sie haben es schon
für eine Zumutung gehalten, dass jemand ernsthaft davon aus-
geht, dass es Möglichkeiten und Verpflichtungen geben könnte,
in seinem eigenen Einfluss- und Verantwortungsbereich dafür
zu sorgen, dass die Zukunft nicht schlechter wird als die Gegen-
wart. Das dumpfe Einverstandensein mit aller Verschlechterung
der Zukunftsaussichten zeigt sich vor allem darin, dass wir
widerspruchslos in einer Kultur leben, in der »Gutmensch« ge-
nauso als Beleidigung gilt wie »Wutbürger«. Dabei sind das
doch nur die Invektiven der mit allem Einverstandenen gegen
die, die ihnen am eigenen Beispiel demonstrieren, dass es kei-
nen, aber auch nicht den geringsten Grund gibt, stolz noch auf
die eigene soziale Impotenz zu sein. Schließlich sind die so Apo-
strophierten ja Menschen, die für etwas eintreten, und dagegen
kann man ja nur sein, weil das die eigene Lethargie in Frage
stellt. Anders gefragt: Sind »Schlechtmenschen« das Rollenmo-
dell, das Sie favorisieren? Wollen Sie selber einer sein?

Hier klicken und kommentieren

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

finanztreff

Beste aller Welten eingepreist! Videoausblick

Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten – kein Risiko, nirgends..

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten: die Fed werde ihnen nicht mehr weh tun, es werde einen tragfähigen Deal zwischen den USA und China geben, dazu auch eine Lösung im US-Budgetstreit (heute muß sich Trump entscheiden, ob er den Kompromißvorschlag annimmt oder nicht). Gleichzeitig sind die US-Indizes so überkauft wie seit Ende 2016 nicht mehr (als damals nach einem ersten Schock über die Wahl Trumps eine massive Rally eingesetzt hatte). All das kann noch extremer werden – aber die Vergangenheit lehrt: lange geht so eine Vertrauensseligkeit nicht gut. Der Dax hinkt den US-Märkten weiter hinterher..

Werbung: Gratis in Aktien und ETFs investieren. Null-Provision, Null-Aufwand! Erhalten Sie eine Gratisaktie im Wert von bis zu 100€

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

weiterlesen

Hintergrund

Dax: Bullenpower sieht anders aus..

Über das radikale Auseinanderdriften der globalen Aktienmärkte..

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Der Dax kann seine Erholung fortsetzen – aber es fehlt dieser Erholung schlicht an Dynamik! Die Anstiege verlaufen langsam, die Abverkäufe dagegen mit hoher Dynamik, sodass der Index – auf die letzten Handelswochen gesehen – ein Schritt nach vorne macht, um dann zwei Schritte wieder zurück zu machen. Von Entwarnung kann daher noch überhaupt keine Rede sein!

Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

weiterlesen

Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage