Japan zog Lehren aus dem Konflikt um Seltene Erden, während USA und Europa ihre Abhängigkeit von China bis heute kaum verringert haben.
Seltene Erden: Wie Japan die Abhängigkeit von China bricht
Japans Weg aus der Abhängigkeit von China bei Seltenen Erden begann vor mehr als einem Jahrzehnt nach einem Schock-Moment. China verfügt über mehr als siebzig Prozent der weltweiten Förderung und rund neunzig Prozent der Verarbeitung. Ohne diese Metalle entstehen weder Elektromotoren noch Windturbinen oder Rechenzentren. Besonders deutlich wird die Abhängigkeit bei modernen Waffensystemen, die ohne Seltene Erden nicht gebaut werden. Als US-Präsident Donald Trump reziproke Zölle ankündigte, reagierte Peking mit einem de-facto Export-Stopp und machte die Verletzlichkeit des Westens unübersehbar. Nun steht Japan als Blaupause, wie die Abhängigkeit beendet werden kann.
Der Senkaku-Zwischenfall: Ein Konflikt macht Abhängigkeiten sichtbar
Die unbewohnten Senkaku-Inseln, wie sie in Japan heißen, oder Diaoyu-Inseln, wie sie auf dem chinesischen Festland genannt werden, liegen nordöstlich von Taiwan. Zwischen Japan, China und Taiwan sind sie seit Jahrzehnten ein Streitpunkt, obwohl sie seit 1972 wieder zu Japan gehören. Ihre Bedeutung ist sowohl strategisch als auch wirtschaftlich groß. Strategisch gehören sie zur sogenannten First Island Chain, die wie ein Riegel vor der chinesischen Küste liegt und direkt zwischen Taiwan und Japan verläuft. Wirtschaftlich locken reiche Fischgründe und nachgewiesene Ölvorkommen. Während Japan und Taiwan ihre Differenzen in dieser Frage vergleichsweise ruhig austragen, tritt China zunehmend offensiv auf und beansprucht die Inselgruppe immer deutlicher für sich.
Dieser Streit eskalierte im Herbst 2010. Ein chinesischer Trawler ignorierte wiederholte Aufforderungen der japanischen Küstenwache, die Hoheitsgewässer um die Senkaku-Inseln zu verlassen. Stattdessen rammte er zwei Patrouillenboote. Nach einer 40-minütigen Verfolgung gelang es der Küstenwache, das Schiff zu entern und die 15-köpfige Besatzung samt Kapitän festzunehmen.
China reagierte mit einer Reihe von Druckmitteln. Unter anderem verhängte Peking ein inoffizielles Exportverbot für seltene Erden, das Japan empfindlich traf. Über 90 Prozent der japanischen Importe dieser Mineralien kamen aus dem Land der Mitte. Damit zielte Peking kurzfristig auf die Freilassung des Kapitäns und demonstrierte zugleich, wie verletzlich Japan durch seine Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen war.
Die Lage beruhigte sich bald wieder. Doch während Japan Konsequenzen aus dieser Lektion zog, wurden in anderen Teilen der Welt zwar Strategiepapiere geschrieben, wie z.B. von der NATO, die aber in den Schubladen der Politik verstaubten.
Japans Vier-Säulen-Plan: Neue Lieferanten, Recycling und Ersatzstoffe, Exploration
Tokio reagierte auf den Schock über das chinesische Exportverbot mit einem Plan, der auf vier Säulen beruhte: neue Lieferanten, Recycling, sparsamerer Einsatz der Metalle und die Suche nach Ersatzstoffen. Dieser Plan prägte die Politik bis heute.
Die Japan Organization for Metals and Energy Security investierte in Minen im Ausland. Mit Hilfe japanischer Kredite baute das australische Unternehmen Lynas seine Förderung und Verarbeitung in Malaysia aus. So deckt Japan inzwischen etwa 40 Prozent seiner Einfuhren und etwa 50 Prozent seines Bedarfs aus Quellen außerhalb von China. Allerdings hat diese Rechnung einen Schönheitsfehler: Manche Länder, die Japan mit Seltenen Erden versorgt, importieren diese selber aus China und reichen sie nach Japan weiter.
Ein wesentlicher Teil der japanischen Strategie besteht daher darin, seinen Bedarf aus Recycling zu gewinnen. Unternehmen wie Hitachi gewinnen Neodym und Dysprosium aus alten Elektromotoren zurück. Zudem sucht Japan nach Alternativen für diese Mineralien. Toyota entwickelt Motoren, die weniger oder keine seltenen Erden benötigen, etwa Ferrit-basierte magnetfreie Elektromotoren, die den Neodym-Bedarf senken. Dysprosium bleibt jedoch kritisch, da es fast ausschließlich aus China kommt. So konnte das Land der aufgehenden Sonne mittlerweile seinen Gesamtbedarf senken.
Ebenso wurde die die Suche nach neuen Vorkommen intensiviert. Vor der abgelegenen Insel Minamitorishima fanden Geologen ein Vorkommen von etwa 16 Millionen Tonnen seltener Erden. darunter besonders viel Dysprosium. Allerdings liegen die Lagerstätten liegen in einer Tiefe von mehr als 5.500 Metern. Ein Abbau unter diesen Bedingungen würde zwei- bis fünfmal so viel kosten wie der Betrieb einer klassischen Mine an Land. Dennoch wird nächstes Jahr mit einem Probeabbau von 35 Tonnen beginnen.
Japan reagiert, USA und EU bezahlen den Preis der Untätigkeit
Japan zog aus dem Konflikt mit China im Jahr 2010 handfeste Konsequenzen, während in Europa und den USA Berichte verfasst und von Experten Warnungen ausgesprochen wurden, die ohne Wirkung blieben. Die Abhängigkeit in sensiblen Bereichen wie Medikamente, medizinische Geräte oder Vorprodukte für Halbleiter wurde zwar beschrieben, doch kaum reduziert. Die Corona-Krise führte diese Verwundbarkeit drastisch vor Augen, ohne dass daraus ein Umdenken folgte. Im Gegenteil, der Zollstreit zwischen den USA und China lassen die Einfuhren nach Europa noch steigen, während in den Vereinigten Staaten fehlende Lieferungen die Wirtschaft und vor allem die Rüstungsindustrie belasten.
Japan nutzte die Auseinandersetzung dagegen, um eigene Reserven aufzubauen und neue Technologien voranzutreiben. In Verhandlungen mit der Trump-Administration bot Tokio an, die USA mit Seltenen Erden und mit Verfahren zur Rückgewinnung aus Recycling zu versorgen. Deutlich weiter ist die Zusammenarbeit mit Europa, wo auf dem EU-Japan Gipfel im Juli Vereinbarungen über privatwirtschaftliche Partnerschaften und regulatorische Erleichterungen getroffen wurden.
Erforderlich wären weltweit massive Investitionen in die Erkundung und Erschließung neuer Lagerstätten. Und insbesondere der Diversifikation, wie Japan vorgemacht hat. Eine Abhängigkeit von einem Land durch die Abhängigkeit von einem anderen zu ersetzen, ändert nichts. Es bleibt Abhängigkeit – nur mit neuem Etikett. Der einzige Ausweg ist, eigene Handlungsfreiheit aufzubauen. In Europa leisten lediglich Schweden und Finnland nennenswerte Beiträge bei der Suche nach neuen Fundstellen, während die USA bei den globalen Ausgaben immerhin auf einem der vorderen Plätze liegen. Japan bleibt damit die Blaupause. Das Land zeigt, dass sich Abhängigkeiten von China abbauen lassen. In den USA und Europa fehlte dagegen der Wille, rechtzeitig zu handeln. Heute zahlen beide Regionen den Preis, ohne dass sich in der Politik erkennbar etwas ändert.
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